Leserstimmen zu
Memory Wall

Anthony Doerr

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Ich bin bezogen auf Preise, Awards und Auszeichnungen oft ein wenig dégoutant, seit Edward St. Aubyns „Der beste Roman des Jahres“ hat sich das noch deutlich verstärkt. Ein Pulitzerpreisträger ist nicht unbedingt ein Garant für Hochklassiges. Diese Novelle von Pulitzerpreisträger Anthony Doerr hingegen hat mich, in all ihrer schlichten Poesie und Komplexität umgehauen. Sie ist so rund, spannend, berührend und packend, dass man sie quasi inhaliert. Bereits der Titel lässt zwei unterschiedliche, beides zutreffende Bedeutungen zu. Memory Wall ist einerseits die Zettelwand die sich Alma errichtete um sich dort und in der Realität zurechtzufinden. Memory Wall kann aber auch als Wand, die sich allmählich immer schneller selbst errichtet zwischen den Erinnerungen und dem Geist der demenzkranken Alma, einer kinderlosen, reichen vierundsiebzigjährigen Witwe aus Kapstadt deren Gehirn meist nicht mehr funktioniert und die sich dubiosen Behandlungsmethoden unterzieht um den Verfall ein wenig abzumildern. „Ohne diese Behandlungen neigt das Gedächtnis dazu sehr schnell zu verfallen“, sagte er. „Mit jedem Tag wird es schwerer für sie in dieser Welt zu leben.“ So betrachtet thematisiert die Wand ihren sich abzeichnenden kompletten Gedächtnisverlust. Alter, Tod, Abschiede und Neuanfänge. Erinnerungen aus der Retorte zum schnellen Konsum und Relikte aus der Frühzeit des Lebens auf der Erde, all das verwebt Anthony Doerr zu einer sachten ergreifenden Geschichte aus Kapstadts verschiedenen Schichten. Arme Schwarze, wohlhabende Weiße, Verantwortung, ein Hauch mysteriöse Erfindung zur Erinnerungsaufbewahrung, Loyalität, Freundlichkeit und Menschlichkeit, Liebe und diese wunderbare Welt auf der wir leben dürfen. Einen mysteriösen futuristisch anmutenden Erzählstrang mit einem Hauch Verschwörungstheorie. Dabei ist diese Erzählung keinesfalls überfrachtet, sie liest sich wie von selbst, ist dabei so kunstvoll gewoben und geschrieben, dass man die Kunstfertigkeit eher spürt als merkt und entfaltet so ihren ganz eigenen charmanten Reiz. Abgesehen von der Schachnovelle, die mich faszinierte und fesselte, und etlichen SciFi Shortstories habe ich diese Literaturgattung, aufgrund ihrer Kürze, meist gemieden. Doerrs wunderbare Erzählung die auf wenigen Seiten ein ganzes, langes Leben, und etliche weiter beschreibt hat mich für Novellen wieder begeistern können. „Wasserreste in der Vase, die an den Stängeln der Rose saugen. Rost, der die Stifte eines Schlosses erobert. Zucker, der das Zahnbein zerfrisst, ein Fluss, der seine Ufer auswäscht. Alma fielen tausend Metaphern ein, und alle trafen es nicht.“ Das ist so unaufdringlich poetisch, so voller Charme und Wehmütigkeit und Lebenslust erzählt, dass es mich hingerissen zurückließ. Chapeau!

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Nicht vergessen, sich selbst nicht vergessen, sich selbst nicht verlieren. Eine Novelle die sich futuristisch mit dem Versuch beschäftigt, demenzielles Vergessen aufzuhalten. Doerr konfrontiert den Leser mit Überbleibseln der Apartheid, mit Vorurteilen die er durch eine der Protagonisten ausdrücken lässt. Und entkräftet diese , widerlegt den rassistischen Gedanken durch verschiedene starke Figuren ohne es direkt zu thematisieren oder direkt Stellung zu beziehen. Die Thematik ist eingebettet in die Geschichte um Alma, die mittels einer Apparatur ihre Erinnerungen aus ihrem Gedächtnis auf Film-Bänder kopiert, da sie an einer Demenz-Erkrankung leidet. Mit den Bändern versucht sie, die Erinnerungen an ihren bereits verstorbenen Mann und ihre gemeinsamen Erlebnisse zu bewahren. Und es gibt auch eine Erinnerung, die mehr als nur emotionales Gewicht hat. Diese Erinnerung suchen auch zwei weitere Figuren der Erzählung. Einer von ihnen ist Luvo und seine Persönlichkeit und Geschichte sind von einer ganz eigenständigen Tragik. Eine besonders tiefgreifende Figur ist auch Pheko, der Hausdiener Almas, der für eine Frau arbeitet, die voller Vorurteile und Abschätzigkeiten gegenüber People of Color war und sie auch während ihres demenziellen Verfalls pflegt, motiviert durch väterliche Verantwortung. Seine innerlichen Konflikte hat Doerr sehr gut herausgearbeitet. Doerr fragt den Leser was der Mensch ohne seine Erinnerungen wäre und beantwortete die Frage auf mittels der zwei Charaktere Alma und Luvo, die beide ohne eigene Erinnerungen sind und doch beide an völlig verschiedenen Punkten stehen. Die Sprache ist sehr ergreifend, wirkt authentisch und nahe. Die Sätze wirken keinesfalls konstruiert, was sie aber zweifelsohne sind, da sich keine Dopplungen von Wortkombinationen oder Redewendungen finden. Fazit: Eine wirklich sehr schöne Novelle, die in ihrer Kürze eine Tiefe erreicht, die ich als herausragend beschreiben möchte. Das Thema ist sehr interessant gewählt und durch den utopischen Rahmen erübrigen sich umnotwendige Erklärungen und Beschreibungen. Klare Leseempfehlung!

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Von der geheimnisvollen Schönheit der Fossilien, Wolken, Blätter- von dem atemberaubenden Glück, in diesem Universum zu leben. Diese Aussage zum Roman Memory Wall von Anthony Doerr auf der Buchrückseite hat mich fasziniert. Die Geschichte von Alma und Pheko die sich in einer Einrichtung für Demente kennenlernen in der Ihnen geholfen wird gegen das Vergessen zu kämpfen, entwickelt sich ein Zusammenhalt zwischen den beiden. Aus den Erinnerungen die Sie erneut erleben durch die Hilfe künstlicher Inteligenz wird eine Geschichte über den Alltag in der Gegenwart erzählt, als auch eine Geschichte aus den wiedererweckten Erinnerung Almas die von einem spektakulären Fossilienfund ihres Mannes der in ihrem früheren Leben als Muschelsucher in den Meeren der Welt u unterwegs war erzählt. Eine faszinierende Novelle die man immer wieder lesen kann.

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Erstaunlich wie diese Novelle von Doerr während des Lesens immer besser wird! Beeindruckende Charaktere sowie die Kunst, Bewußtseinszustände genau zu beschreiben, sodass der Leser sich in die Köpfe hineinprojeziert fühlt, das ist ganz großes Kino! Eine Geschichte über Licht und Schatten, über Suchen und Finden, über Freude und Schmerz. Dies ist gebündelt zu einem großen Stück Erzählkunst. Unsere Erinnerungen sind wertvoll. Das stellt sich im Laufe der Geschichte heraus. Der voranschreitende Gedächtnisverlust von Alma, der älteren Dame, steht im Mittelpunkt der Novelle. Ihr steter Zerfall wird durch die Zielstrebigkeit eines Kindes schließlich wieder aufgefangen, wodurch wieder Hoffnung entsteht. Auch wenn es zunächst scheint, dass es keine Hoffnung gibt, sie schimmert stetig durch, bis sie sich zum Ausklang dieser schillernden Novelle zu einem Höhepunkt entlädt, die den Sinn des Lebens klarstellt. Doerr schreibt mit humaner einfühlsamer Brillianz!

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Was bleibt von uns ohne die Erinnerungen?

Von: Sigismund von Dobschütz / Buchbesprechung aus Bad Kissingen

08.04.2018

Ungewöhnlich wie ein Puzzle ist die Novelle „Memory Wall“ des amerikanischen Schriftstellers Anthony Doerr (44), die 2016 erstmals auf Deutsch, jetzt im Februar als btb-Taschenbuch erschien. In den USA kennt man sie schon seit 2010, doch erst Doerrs u.a. mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneter Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“ (2014) machte diesen hervorragenden Autor in Deutschland bekannt, so dass seitdem auch frühere seiner Werke übersetzt wurden. Die „Memory Wall“ ist eine Wand in dem hoch über Kapstadt gelegenen Haus der 74-jährigen Alma Konachek, an der die stark an Demenz Leidende ihre verlorenen Erinnerungen in Fotos, Notizzetteln und einer Vielzahl von Kassetten festhält. Was wäre der Mensch ohne seine Erinnerungen, fragt uns der Autor und gibt mit seiner Protagonistin die Antwort: Ein hilfloses Wesen, das sich ziellos durchs Leben bewegt, rund um die Uhr von der Fürsorge ihres schwarzen Pflegers Pheko abhängig. Nur die Erinnerungen an Vergangenes wie an ihren verstorbenen Ehemann Harold geben Almas Leben noch Sinn und Struktur. Denn zum Glück ist es – zumindest in Doerrs Novelle - Kapstädter Ärzten gelungen, verlorene Erinnerungen mittels eines futuristischen Gehirnstimulators in den verborgenen Ecken des menschlichen Gehirns abzurufen und auf Kassetten abzuspeichern, so dass Demenzkranke wie Alma diese Erinnerungen an die Jugend, an gemeinsam verlebte Ehejahre, an wichtige Momente des Lebens zuhause jederzeit nach Belieben „wie eine Droge“ konsumieren können. Doch wie oft bei Entdeckungen wird auch diese vom Autor erdachte Technik missbraucht: Ehemann Harold hatte vor Jahren außerhalb Kapstadts ein sensationelles Fossil entdeckt, versteinerte Erinnerung an urzeitliches Leben. Durch Harolds plötzlichen Tod blieb der Fundort aber unentdeckt. Nur Alma könnte ihn kennen, kann sich aber nicht mehr daran erinnern. Deshalb ist Schwarzmarkthändler Roger Tchoni auf der Suche nach dieser einen Kassette, auf Almas Erinnerung gespeichert sein könnte und bedient sich dazu des 15-jährigen Waisenjungen Luvo, der – ohne eigene Erinnerung aufgewachsen und von den Medizinern als Versuchsobjekt missbraucht – durch seine Kopfimplantate fähig ist, Almas Erinnerungsbibliothek – ein Menschenleben in Kassetten – bei nächtlichen Einbrüchen in ihr Haus zu sichten. Wie Alma sich selbst im Laufe dieser kurzen, nur 144-seitigen Novelle ihre auf Kassetten gespeicherten Erinnerungen völlig unsortiert in loser Folge abruft, so erfahren auch wir Leser die Handlung nur bruchstückweise und müssen uns die 40 kurzen Kapitel, in denen Zeit, Orte und Personen ständig wechseln, selbst zu einer chronologischen Lebensgeschichte Almas wie ein Puzzle zusammensetzen, also uns im Fortgang der Lektüre an Gelesenes wieder erinnern. Wir sind also mehr gefordert, als nur eine Handlung zu lesen. Die unsortierte, lockere Folge kurzer Szenen und meist ebenso kurzer Sätze regt den Leser zu Phantasie, zum Mitdenken und Nachdenken an. Vielleicht regt sie und sogar an, die eigenen Erinnerungen für unsere Kinder und Enkel in Fotoalben sicher abzuspeichern. Denn was bleibt sonst von uns ohne die Erinnerungen?

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Rezension INHALT/KLAPPENTEXT: Unser Leben, unsere Welt werden durch unsere Erinnerungen zusammengehalten. Was geschieht mit uns, wenn wir sie verlieren, und welche Möglichkeiten tun sich auf, wenn andere unsere Erinnerungen wiederbeleben können? Der 74-jährigen Alma Konachek, die in einem Vorort von Kapstadt lebt, widerfährt genau dies. Sie verliert ihr Gedächtnis ... Wie alle Werke Doerrs zeugt auch dieses von der Größe des Lebens – von der geheimnisvollen Schönheit der Fossilien, Wolken, Blätter – von dem atemberaubenden Glück, in diesem Universum zu leben. Die Vorstellungskraft und Sprachmacht, das Einfühlungsvermögen und die Erzählkunst Anthony Doerrs sind unvergleichlich. MEINE MEINUNG: Zitat Seite 93: " Was vor vier Jahren geschehen ist, hat er vor zwanzig Minuten erlebt. Das Leben einer alten Frau wird zum Leben eines jungen Mannes. Der Erinnerungsbeobachter wird zum Erinnerungsbewahrer." Dieser Satz ist bezeichnend für diesen Roman, der so ganz anders ist. Der Autor führt den Leser mit einem sehr sensiblen Einfühlungsvermögen in die Welt des Vergessens, der Erinnerungen, der eine Altersdemenz zugrunde liegt. Ich hatte beim Beginn des Lesen nicht mit einem so unheimlich spannend geschriebenen Buch gerechnet. *Novelle* steht harmlos und klein auf dem Cover. In meinen Augen ist dieser Roman ein echter Spannungs-Thriller und eine Dystopie, die uns das Fürchten lehren kann vor einer Wissenschaft, der wir vielleicht sogar bald in unserer Zukunft begegnen könnten. Der Schreibstil des Autors liest sich absolut flüssig, leicht und beschwingt, vermittelt sofort Atmosphäre und wirkt sehr authentisch mit seinen Protagonisten. Auf einhundertvierundvierzig Seiten bin ich atemlos an der Seite von Alma, Pheko und Luvo nach Kapstadt, auf den Tafelberg und zu seinen alten, kurz unter der Erdoberfläche liegenden Fossilien geflogen. Die Atmosphäre und die Armut der Menschen in den Township werden ebenso bewegend und bunt geschildert wie das Leben der reichen *weissen* Bevölkerung in ihren abgeschotteten Stadtteilen. In einer Gedächtnisklinik setzen Wissenschaftler mit Gumminoppen verschlossene Ports (Eingänge) in die Schädel wohlhabender , alter Menschen und durch sogenannte Stimulatoren werden gespeicherte Erinnerungen abgesaugt , den Alten wie ein Film wieder und wieder vorgespielt und auf Kassetten konserviert. Menschliches Suchtverhalten nach dem Leben der Vergangenheit ist vorprogrammiert . Das klingt für mich sehr gruselig oder seid ihr da anderer Meinung? Wenn Wissenschaftler etwas Neues erfinden oder ausprobieren , sind Missbrauch und/oder Kriminalität nicht weit entfernt. Und doch gewinnen das Leben, das Gute, der Zufall in dieser Geschichte. Sie ist spannend , fordernd, provozierend - gleichzeitig auch von der Weisheit des Alters und einem gelebten Leben geprägt. Alma's Lebenserinnerungen, gestohlen und verkauft! Oder bieten sich durch experimentelle Forschungen die einmalige Chance menschliche , ganz persönliche Erinnerungen für die Nachwelt zu konservieren und durch diese Erkentnisse Altersdemenz zu heilen? Diese Frage beschäftigt mich - was wird möglich sein in naher Zukunft? Ein echtes Überraschungsbuch, welches mir einen unglaublich spannenden Lesetag geschenkt hat. Vielen Dank an den Autor und den btb Verlag für dieses aufregende Rezensionsexemplar! Meine Bewertung: FÜNF ***** grossartige Sterne!

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