Leserstimmen zu
Flâneuse

Lauren Elkin

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„Der Flaneur ist ein Mensch, der im Spazierengehen schaut, genießt und planlos umherschweift – er flaniert“. Und was macht die Flâneuse? Lauren Elkin erzählt. Welches Bild ensteht vor deinem inneren Auge, wenn du das Wort „Flaneur“ hörst? Siehst du einen antiquiert wirkenden Herren mit Gehstock und Zylinder, der durch die Straßen einer von Altbauten geprägten Stadt promeniert und sich durch den Tag treiben lässt? Oder, etwas moderner, ein Ehepaar beim sonntäglichen Schaufensterbummel durch die ausgestorbene Einkaufsstraße einer Kleinstadt? Fest steht: In unserem kulturellen Sprachgebrauch ist die aus dem Französischen stammende Bezeichnung fast immer männlich konnotiert. „Die großen urbanen Schriftsteller, die großen Psychogeografen, von denen man am Wochenende im Observer liest: Sie alle sind Männer, und sie schreiben stets über die Arbeiten anderer Männer und schaffen so einen reifizierten Kanon schreibender, spazierengehender Männer. Als wäre der Penis eine Art Wanderstab, ein notwendiges Anhängsel, das man zum Gehen braucht.“ Weibliche Flâneure – gibt es die überhaupt? Ja, ist Lauren Elkin überzeugt, und nennt sie Flâneuse. Das ist nicht ihre Erfindung, der Begriff wird schon lange genutzt, gab es doch bereits im 19. Jahrhundert Frauen, die sich den gesellschaftlichen Zwängen weitestgehend entzogen beziehungsweise darauf pfiffen, was man von ihnen erwartete. In ihrem Buch Flâneuse. Frauen erobern die Stadt – in Paris, New York, Tokio, Venedig und London porträtiert sie einige dieser Mutigen, darunter George Sand, Virgina Woolf, Jeanne Rhys und Martha Gellhorn und verwebt sie mit ihren eigenen Erfahrungen. Wie erobert man sich als Frau eine Stadt, wie wird man „weiblicher Flâneur“, zu dessen Kern-Eigenschaft das unbehelligt, ja ungesehen sein gehört? Kann man als (junge) Frau überhaupt unbeobachtet durch die Straßen gehen? Wem gehört die Stadt? Die Geschichte des Flâneurs und der Flâneuse kann man nicht aufschreiben, ohne die Geschichte der Städte aufzuschreiben, die alle ein paar Gemeinsamkeiten haben und doch unterschiedlich funktionieren: Während man auf den Spuren Virginia Woolfs noch heute sehr gut durch London spazieren oder die Wege von George Sand und Jeanne Rhys durch Paris nachvollziehen kann, sind Städte wie Tokio Fußgängerfeindlich. Elkin, die eine Zeit lang mit ihrem damaligen Ehemann in Japan lebte, verzweifelte fast an der Großstadt, die von glatten Hochhausfassaden, Über- und Unterführungen gezeichnet ist, aber wenig Möglichkeiten zum Flanieren lässt. Auch der bevorzugte Wohnsitz der Autorin in Paris bekommt eine Menge Aufmerskamkeit in ihrem Buch, das letztendlich fast schon hektisch durch die Zeiten und Orte springt, Vergangenheit mit Gegenwart nebeneinander stellt, literarische Figuren mit echten Menschen verknüpft. Und immer finden persönliche Erfahrungen Elkins Einzug in das Buch, was es zu einer untrennbaren Mischung aus wissenschaftlicher Abhandlung und eigenen Erlebnissen macht. Dadurch wird nicht immer deutlich, was Elkin mit Flâneuse eigentlich bezweckt, ob es als eine Art persönlicher Nabelschau oder als fundierte Recherche zu einem Jahrhunderte übergreifenden Feminismusthema durchgeht. Ganze Passagen hätten, dieser Eindruck entsteht ab einem gewissen Punkt, durchaus aufgrund von Irrelevanz für das übergreifende Thema gestrichen werden können. Außerdem kommt die Frage auf, warum neben London, New York, Paris, Tokio und Venedig ausgerechnet Berlin fehlt – wo doch hier, gerade um die Jahrhundertwende, das Flanieren zum Lebensgefühl der Boheme gehörte. Nichtsdestotrotz schafft es Elkin, die Geschichte der Flâneuse umfassend darzustellen und dabei große Lust auf eigene „Flâneuserien“ zu wecken – also hopp hopp, Mütze auf, Mantel an, Notizbuch eingesteckt und los geht’s!

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Flanieren und Schreiben gehen Hand in Hand. Das zeigt erneut ein aktuelles Buch aus der Feder von Lauren Elkin. Jedes Kapitel ist einer Stadt gewidmet, durch die die Autorin entweder selbst spaziert oder in der sie sich auf die Spuren von berühmten Schriftstellerinnen, Romanfiguren oder historischen Ereignissen begibt. Für Virginia Woolf zum Beispiel waren die Straßen von London und die Gespräche von Passanten eine wahre Fundgrube für Geschichten. Nicht nur sie selbst, auch ihre Protagonistinnen lieben es, durch die Stadt zu schlendern, auch wenn dies damals gesellschaftlich verpönt war. George Sand stellte es ganz clever an: Sie schlüpfte einfach in Männerkleidung, um ungehindert Paris erkunden zu können. Flanieren ist in ihrer Autobiografie ein konstantes Thema. So lesen sich viele Kapitel wie literarische Abhandlungen. Persönlicher wird Lauren Elkin, als sie von ihrem einmonatigen Aufenthalt in Venedig erzählt und eine Kunsthistorikerin als Romanfigur ins Leben ruft. Dass Flanieren nicht nur Freude bereitet, erlebt sie in Tokio, wo sie gezwungenermaßen ihrem Freund folgt. Die Großstadt ist so zerklüftet, dass sie sich nur schwer zu Fuß erkunden lässt. Lauren Elkin schweift in ihrem Buch sehr weit aus, mäandert durch literarische, historische und politische Themen und beschreibt Schauplätze von Rebellionen und Demonstrationen. Mit Flanieren hat das für mich wenig zu tun. Ist man bereit, auch mal vom Weg abzukommen und sich in unbekannte Seitenstraßen treiben zu lassen, wird man bei der Lektüre auf manch interessante Entdeckungen stoßen.

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