Leserstimmen zu
Der Verräter

Paul Beatty

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Ein kühnes Gedankenexperiment, das sich der Autor und ehemalige Poetryslammer Paul Beatty in seinem 2016 mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Roman „Der Verräter“ (The Sellout, 2015) erlaubt. Es ist eine, im besten Sinne, respektlose Abrechnung mit der amerikanischen Gesellschaft, die sich auf Rassismus und Diskriminierung gründet und dies auch während der achtjährigen Amtszeit Obamas nicht überwunden hat. Im Gegenteil, dessen Nachfolger ist redlich bemüht, zugeschüttete Gräben wieder aufzureißen bzw. neue auszuheben und die gesellschaftliche Spaltung weiter voranzutreiben. Beatty nutzt das literarische Mittel der Satire. Inhaltlich unterfüttert er diese mit zahlreichen Rassismen, nicht nur aus Alltag sondern auch aus Wissenschaft, Film und Literatur. Das beginnt schon bei dem Namen des fiktiven Handlungsorts: Dickens (!), ein heruntergekommener Vorort von Los Angeles. Den Stadtvätern ein Dorn im Auge, für die Immobilienhaie nach entsprechenden Investitionen ein äußerst lohnendes Objekt. Aber auch Heimat für die dort seit Generationen lebenden Afroamerikaner, die stolz auf ihr Viertel sind. So auch der Ich-Erzähler, dessen Vater (Sozialwissenschaftler) sein Leben lang die Bürgerrechte hochgehalten und besänftigend auf seinen Sohn und die zornigen jungen Männer eingeredet hat. Immer hoffend, mit gefälligem Verhalten die Akzeptanz der (weißen) Öffentlichkeit zu erlangen. Doch dann wird er erschossen, und der Sohn verliert nicht nur den Vater sondern auch seinen moralischen Kompass. Anpassung ist das Wort der Stunde für ihn, und so kommt er zu dem irrigen Schluss, dass nur Segregation Erfolg garantiert und der Schlüssel zur Lösung aller Probleme ist. Sein Konzept zur Rassentrennung kommt an, bei Schwarz und Weiß. Endlich weiß jeder wieder, wo sein Platz ist. Und so mutiert der Ich-Erzähler zum Sklavenhalter. Einen willigen Gefolgsmann findet er auch. Ein alter Schauspieler, einst zum Cast der „Kleinen Strolche“ gehöhrend, lässt sich bereitwillig von ihm zum Sklaven machen. Und schon bald übernehmen auch öffentliche Institutionen in Dickens dieses „Erfolgsmodell“… Sprachlich auf höchstem Niveau (dem Übersetzer Henning Ahrens sei Dank), bitterböse und entlarvend, jenseits aller „political correctness“. Ein Roman, der mit Vorurteilen spielt, sie auf Gag-Niveau bringt, das aber so raffiniert bewerkstelligt, dass einem das Lachen schon im Ansatz im Halse steckenbleibt. Eine Fiktion, die den Vereinigten Staaten unter Trump den Spiegel vorhält. Hoffnungslos überzeichnet – oder etwa doch nicht?

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Der Supreme Court der Vereinigten Staaten in Washington hat einen schwierigen Fall zu verhandeln: Mr Heros, Melonenlandwirt aus Kalifornien, soll massiv gegen die Zusatzartikel 13 und 14 der Verfassung verstoßen haben, die die Sklavenhaltung und die Rassentrennung verbieten – und das als Schwarzer! Aufgewachsen ist Heros – der Ich-Erzähler von dem wir nie den Vornamen erfahren – in Dickens, einem Vorort von Los Angeles, in dem Bandenkriminalität, Rassismus und Polizeigewalt so hoch sind, dass sich das zuständige County irgendwann dazu entschlossen hat, die Straßenschilder abzumontieren und die Kleinstadt sich selbst zu überlassen. Bei seinem Vater, Hobbypsychologe und Black-Power-Veteran, ist Heros durch eine harte Lehre gegangen, geprägt von jahrelangen, schmerzhaften Konditionierungen auf jede Ungerechtigkeit, die den Schwarzen in Amerika je widerfahren ist. Als sein Vater bei einer simplen Straßenkontrolle erschossen wird, übernimmt Heros dessen Debattierklub, zieht eine leuchtend weiße Grenze um Dickens und erklärt es quasi zur Sonderzone. Zusammen mit seinem (freiwilligen) Sklaven Hominy – dem letzten noch lebenden Die kleinen Strolche-Komparsen – führt er in Dickens die Rassentrennung wieder ein, zunächst im Linienbus, später dann auch in der örtlichen Schule. Und das mit Erfolg: Die Schüler werden immer besser und Sklave Hominy ist der glücklichste Einwohner der Stadt. Doch dem eigenwilligen Utopia ist keine lange Lebensspanne vergönnt, der Staat greift ein und Heros muss sich in Washington verantworten. Was Paul Beatty (*1962) hier in seinem aktuellen Roman auf die Seiten hämmert, ist beißende Gesellschaftssatire par excellence. Der Text quillt permanent über vor lauter entlarvender Sozialkritik, und selbst wenn man die grandiosen Kniffe mit der Sklavenhaltung und der Rassentrennung außen vor lässt, bleibt immer noch genug Zündstoff übrig, um jedem Alltagsrassisten in Amerika den Spiegel vors Gesicht zu halten. Beattys oft recht ausschweifende Sätze sind hierfür eine schier unerschöpfliche Fundgrube an kleinen Anekdoten und Querverweisen zu afroamerikanischer Geschichte und Popkultur. Manche Szenen sind dabei so witzig und gleichzeitig so böse, dass man sich beim Lachen schon für das Lachen schämt. Sehr gelungen ist auch das Personal. Neben Heros selbst, ist die schillernste Figur natürlich Hominy, der sich bei seinem Massa regelmäßig Erniedrigungen jeder Art abholt. Aber auch die zweite Reihe kann sich sehen: Marpessa, Busfahrerin und Heros‘ Ex-Geliebte, die in ihrer Linie 125 ein kleines Extra-Soziotop durch die Stadt kutschiert; oder Charisma, die völlig überforderte Schulleiterin, die zunächst skeptisch auf die Rassentrennung blickt, dann aber mehr und mehr von ihr überzeugt ist. Beatty haucht jeder Figur eine magische Eigenständigkeit ein, wie man sie selten zu lesen bekommt, und die ich so eigentlich nur von Thomas Pynchon und Donald Antrim kenne. Und wo wir gerade bei großen Namen sind: Dieses Buch hat definitiv das Potential, sich dauerhaft in der Reihe der wichtigen Satiren der Literaturgeschichte zu behaupten. Viele Punkte sprechen dafür: Der Schreibstil ist gehoben aber lesbar, es werden eine Menge dringender Probleme angesprochen, und das Hauptthema ist – auch wenn dieser Umstand traurig macht und viele es nicht wahrhaben wollen – zeitlos. Anders ist es bei Romanen wie CATCH-22 oder CLOCKWORK ORANGE auch nicht, und die werden heute noch gelesen.

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