Leserstimmen zu
Maryam A.: Mein Leben im Kalifat

Christoph Reuter

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Paperback
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Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Es sind die Gründe, die Maryam A. schildert, die sie ihrer Meinung nach den Weg zum "Islamischen Staat" beschreiten ließen. Um das Fazit vorwegzunehmen: Sie haben alle etwas gemeinsam. Man kann sie nicht nachvollziehen. Schon klar, das die Trennung der Eltern irgendwie Spuren hinterlässt. Wohnungssuche und Probleme mit Partnern sind auch nicht gerade selten. Dazu noch eine gewisse Orientierungslosigkeit und schon landet man in der einen oder anderen Sackgasse. Letztlich sind diese oder ähnliche Lebenskrisen aber kein Grund oder gar eine Rechtfertigung, in einem "Kalifat" zu landen. Nahezu unglaublich ist ihr im Nachhinein geäußerter Wunsch, jemand hätte sie damals mit erhobenem Zeigefinger von ihrem Vorhaben abbringen können: "Hör mal, das, was du tust oder tun willst, ist falsch!" Auch sich zu widersprechen scheut sie nicht. Sie befindet sich in einer "ganz persönlichen Hölle der Schuld", denn ohne sie wäre ihr Mann niemals beim IS gelandet. Gleich im nächsten Satz schreibt sie das Gegenteil, denn er wäre auch allein gegangen. Eigentlich war er gar nicht ihr Mann, denn sie hatten nur "diskret islamisch geheiratet". Verheiratet ist sie eigentlich mit einem Mann aus Afghanistan. Ein Bekannter, den sie in ihrer "Kifferzeit" kennenlernte, bat sie darum, seinen Cousin zu heiraten. Er war "echt süß", jedenfalls auf den ersten Blick. "Also habe ich den geheiratet." Allein jene Zeilen verführten den Rezensenten fast dazu, die Lektüre abzubrechen, aber eine derartige Lebensgeschichte, wenn sie denn stimmt, bekommt man nicht alle Tage zu lesen. Nach der Konvertierung zum Islam und Kontaktaufnahme zur Salafistenszene ging dann die Reise 2014 nach Syrien. Dank gründlicher Vorbereitung in Deutschland wurde man sofort aufgenommen, jedoch nicht unter den in Deutschland versprochenen materiellen Annehmlichkeiten. Der erste Einblick hinter die Kulissen gestaltet sich eher ernüchternd. Die Kämpfe sind mehr oder weniger weit entfernt, die Frauen bleiben unter sich und verbringen den Tag mit den ihnen zugeordneten Tätigkeiten im Haushalt und beschäftigen sich mit sinnlosen Chats im Internet. Zudem befinden sie sich in permanentem Alarmzustand, allzeit bereit, wegen den ständig wechselnden Kriegsschauplätzen schnell die Habseligkeiten zu packen, um wieder einmal umzuziehen. Das ist langweilig wie deprimierend zugleich und spätestens wenn die Männer von ihrem nicht näher beschriebenen, und den Frauen auch gar nicht bekannten, Tagwerk heimkommen und sich lautstark und handgreiflich um ihre Frauen zanken, merkt Maryam A., dass sie wohl irgendwie zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Christoph Reuter hat mit "Mein Leben im Kalifat" eine erschütternde Innenansicht einer Frau geschrieben, die einen hohen Preis für ihre Orientierungslosigkeit bezahlt hat und immer noch bezahlt. Denn nach ihrer Flucht (2016) aus den vom IS kontrollierten Gebieten sitzt sie offenbar immer noch im Norden Syriens fest, um den Weg über die Türkei zurück nach Deutschland zu organisieren. Der Journalist und Autor beschreibt die schon fast selbstverständlich wirkende Naivität einer jungen Frau, welche die Grenzen zur Gleichgültigkeit und Dummheit gleich mehrfach überschritten hat. Und aufrichtig wie sie ist, sieht sie es sogar ein. Deshalb möchte sie auch nichts beschönigen, oder entschuldigen, sondern lediglich "erklären". Auch in der sicheren Gewissheit, dass dieses Buch mehr Fragen als Antworten liefern kann.

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