Leserstimmen zu
Für immer die Alpen

Benjamin Quaderer

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Klare Empfehlung

Von: Bücherwurm

01.11.2020

Der Roman "Für immer die Alpen" ist keine leichte Lektüre. Sowohl der Schreibstil, der Aufbau und die Geschichte um die Figur "Johann Kaiser" sind ungewöhnlich und erfordern vom Leser sehr viel Aufmerksamkeit. Das Buch beginnt und endet in der Gegenwart und ist in der Ich-Form geschrieben. Die Romanfigur wendet sich direkt an den Leser mit den Worten: "Denn diese Geschichte, meine Geschichte, ist alles, was mir geblieben ist, um mich gegen diejenigen zu verteidigen, die mich tot sehen wollen." Er befindet sich unter neuem Namen in einem Zeugenschutzprogramm an einem unbekannten Ort. Dann beginnt die "Biografie des Johann Kaiser", in Liechtenstein geboren, durchlebt er eine traurige Kindheit und wird im Laufe seines Lebens zu einem Aussenseiter und Hochstapler und später zu einem Datendieb, der Liechtenstein in die grösste Steueraffäre in der Geschichte des kleinen und trotzdem so reichen Landes stürzt. Das macht ihn zum grössten Verräter im Rechtsempfinden der liechtensteiner Bürger aus allen Gesellschaftsschichten bis hin zum Fürsten. Ein Roman voller Details, mal ausgedacht vom Autor, dann wieder historisch belegt mit vielen Fakten und Zitaten aus Büchern, die es wirklich gibt oder auch nur in der Fantasie des Autors. Der Leser nimmt es entweder so hin und bildet sich sein eigenes Urteil oder recherchiert selbst. Das Lesevergnügen wird umso mehr gesteigert, indem man sich abwechselnd in einem Sachbuch, Tagebuch, Tatsachenbericht oder doch in einem fiktiven Roman wähnt. Teilweise liest man nur die rechten Seiten und hat die Darstellung einer Person. Danach liest man nur die linken Seiten und hat eine andere Sichtweise. Dann kämpft man sich seitenlang durch teilweise geschwärzte Seiten und hat das Gefühl ein reales Protokoll vor sich zu haben. Der Autor, Benjamin Quaderer, überrascht im Laufe seines Romans immer wieder mit solchen Besonderheiten. Am Ende der 585 Seiten bleibe ich als Leser nachdenklich zurück über Sinn und Unsinn von Steuerhinterziehung, juristischer Gerechtigkeit, Zeugenschutzprogrammen und Heimatliebe. Ein wirklich sehr lesenswerter Roman aus dem jeder etwas anderes mitnehmen kann, genauso sollte gute Literatur sein.

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Das Liechtensteiner Waisenkind Johann wird bereits in frühen Jahren von allen Vertrauenspersonen entweder mißhandelt oder verlassen. Die Eltern verschwinden, die Schwestern wollen ihn bereits als Baby ersticken, die Lehrerin quält ihn. Einzig die Liechtensteiner Fürstin Gloria ist eine Konstante des Vertrauens und der Freundschaft in seinem Leben. Später hintergeht er dieses Fürstenhaus, indem er geheime Daten der Liechtensteiner Bank an den Bundesnachrichtendienst verkauft. ⠀ ⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀ ⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀ ⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀ Eine fiktive Geschichte über einen realen Datendieb, irgendwo zwischen Thomas Glavinic und einer Spiegel TV-Reportage. ⠀ ⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀ ⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀ ⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀ Unterhaltsam, informativ und absolut empfehlenswert. ⠀ ⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀

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An seinem Erstlingswerk Für immer die Alpen hat der Nendler (LIE) Autor Benjamin Quaderers fünf Jahre gearbeitet. Darin hat er mit viel Liebe zum Detail und tiefgreifenden Recherchen das Gefühlsleben wie auch die Lebensumstände des Datendiebs Johann Kaiser – angelehnt an die Geschichte Heinrich Kiebers - aufgearbeitet. Für immer die Alpen ist ein mehrdimensional, über weite Teile des 585-seitigen Romans Johann Kaiser als Ich-Erzähler, fasziniert Quaderer mit der Darlegung des Mikrokosmos des kleinen Liechtenstein: Vom Fürstenhaus über die Sportvereine bis hin zu den Stammtischen der Beizen im Land - jede und jeder scheint eine Geschichte mit ihm (Kieber) zu haben. Es sind diese Sätze Quaderers, die die literarische Qualität belegen: „Ein Satz je schöner, desto mehr Wahrheit er enthält.“ „Es war eine Spezialform des Magnetismus, die ihre Beziehung bestimmte.“ „…im Angesicht einer Zeichnung, die eine Dose zeigte, fand ich (Johann) zu mir selbst.“ Johann, der Sancho Panza des Liechtenstein. Bei dem Großen, dem Dicken und dem Dünnen, Männer der Finanzelite Liechtensteins, kommen mir „The Good, the Bad and the Ugly” Sergio Leone, 1966) in den Sinn. In diesem Moment wurde eine epochale überwältigende Idee geboren. Selbst die Fußnoten haben es in sich und sind lesenswert: „Der Zwergenstaat (LIE) am Rande der Alpen, umringt von der Schweiz und Österreich, ist das verschwiegenste Steuerparadies in Europa. Das kleine Land ist eine Festung, ein Hochsicherheitstrakt für die vom Fiskus verfolgten, die ehrbaren und die anderen. Kein anderer Staat in Europa hat so viele Briefkästen-Adressen, die nicht erkennen lassen, wer in Wahrheit die Post abholt.“ (Die Stifter im Dunklen aus DER SPIEGEL v. 15.12.1997, Bölke/Scheiber). Quaderer beschreibt die Digitalisierung der Stiftungsdokumente mit chirurgischer Präzision, bezeichnen sich doch die Mitarbeiter als Mediziner und ihre Kunden als Patienten. Der (ein) Kriminalpsychologe attestiert den brillant formulierten Passagen (Johanns Brief an Fürst Hans-Adam II.) soviel Tragik wie Komik. Der Briefschreiber sein ein außergewöhnlicher Mensch. Sympathie oder Ablehnung des Helden von B. Quaderer? Fürstliche Entlohnung vom BND für die Übergabe der deutschen Kundenmandate, „fürstlich“ - welch Ironie. Quaderers Für immer die Alpen erfordert eine ambitionierte und aufgeschlossene Leserschaft, die sich gern auf Neues einlässt, was Stil und Format betrifft. Ein Stück deutsche Zeitgeschichte, literarisch brillant umgesetzt. Ein epochaler Finanzskandal, die einen werden sich daran erinnern, die anderen werden erst überrascht, dann fasziniert sein. Cover Erstellt nach einer Illustration von Ruth Botzenhardt, die stilisiert das Schloss Liechtenstein in Vaduz darstellt, in dem Fürst Hans-Adam II. residiert. Literaturtipps Der Fürst. Der Dieb. Die Daten Tatsachenbericht von Heinrich Klieber, 2009, pdf-Edition. Der Datendieb - Wie Heinrich Kieber den größten Steuerskandal aller Zeiten auslöste Autor: Sigvard Wohlwend ISBN: 978-3867891455 Herausgeber: Rotbuch Verlag; 1. Auflage (12. Oktober 2011)

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Endlich: Ein grosser Roman aus dem kleinen Fürstentum Liechtenstein. Ein wirklich dicker Wälzer ist es geworden, das Erstlingswerk des jungen liechtensteinischen Autors Benjamin Quaderer, in dem er vieles abhandelt, was die jüngere Geschichte des sechstkleinsten Staates der Erde zu bieten hat. Dieses Debüt ist grossenteils sehr amüsant und locker flockig zu lesen… Vor allem auf den ersten 150 Seiten hat die Geschichte eine Leichtigkeit und herrlichen Humor, dass man das Buch gar nicht mehr beiseite legen möchte. Vor allem die jugendlichen Abenteuer als Aussteiger, der Roadtrip nach Barcelona inklusive Aufenthalt im Kloster, aber auch die erste Zeit nach der Rückkehr und die pubertären Beschreibungen der ersten grossen Liebe samt sexueller Erfahrungen mit Elisa aus Zürich sind einfach wunderbar und witzig. Danach jedoch beginnt es stellenweise sehr zu harzen. Denn der unbedingte Wille originell zu sein, geht dem Leser ziemlich schnell auf die Nerven. Vor allem von den ewigen Fussnoten hat man schnell die Nase voll, auch die späteren Schwärzungen zeugen davon, wie sehr sich der Autor um Originalität bemüht. Insgesamt jedoch ein origineller Plot über die Macht des Geldes und die Wichtigkeit von Sein und Schein – davon zeugt die grosse Lüge des Protagonisten, bereits in jungen Jahren vorzugeben, Sohn der Hilti-Bohrmaschinen-Dynastie zu sein. Johann Kaiser ist ein Hochstapler, ob selbstgewollt oder von der Gesellschaft dazu gemacht. Das ist interessant und trotz der vielen schelmenromanhaften Übertreibungen ein Spiegel unserer Zeit. Quaderer nimmt den Fall Heinrich Kieber als Basis, ein Liechtensteiner Bankangestellter, der vor gut 10 Jahren einen Skandal auslöste, in dem er Daten an den BND weiterleitete und damit Steuerhinterziehung in grossem Umfang im kleinen Fürstentum aufdeckte. Viele Figuren von Quaderer sind fiktional, viele der Realität entliehen, dies macht den Roman aber so sympathisch, etwa in den ersten Kapiteln die einzigen Freunde Johanns – Landesfürstin Gina und ein bekannter Bergsteiger (Heinrich Harrer). Der Autor hat viele tolle Ideen, häufig etwas zu viel davon – aber das ist Geschmacksache – und wenn der Ich-Erzähler auf Seite 585 dann endlich schreibt: „Mein Name ist Johann Kaiser. Ich klappe den Laptop jetzt zu“, dann ist man fast ein wenig erleichtert und froh, dass es nun vorbei ist.

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Mit „Für immer die Alpen“ hat Benjamin Quaderer einen temporeichen Schelmenroman vorgelegt, der nicht nur einmal um die ganze Welt, sondern auch hinter die Kulissen des Liechtensteiner Bankenwesens führt. Überaus unterhaltsam und mit viel Spaß am Formexperiment lässt Quaderer hier einen wortgewandten Kleinbetrüger davon erzählen, wie er zum international gesuchten Datendieb wurde – und damit einen der wohl größten Steuerskandale der europäischen Geschichte aufdeckte. Als Johann Kaiser im Frühjahr 1965 im Fürstentum Liechtenstein das Licht der Welt erblickt, zeigt sich diese dem Neugeborenen nicht gerade von ihrer besten Seite. Das Verhältnis zum Vater ist vom ersten Tag an gestört, die beiden älteren Schwestern heißen das neue Familienmitglied willkommen, indem sie es heimlich mit einem Kissen zu ersticken versuchen. Auch die Ehe der Eltern steht von Beginn an auf wackligen Füßen und als die Mutter nach einem Streit mit dem Vater spurlos verschwindet, landet der siebenjährige Johann kurzerhand im Waisenhaus. Was wie der Anfang vom Ende klingt, ist jedoch nur der Auftakt zu einer Biografie voller abenteuerlicher Wendungen. Schon früh reiht sich so im Leben des Johann Kaiser eine unerhörte Begebenheit an die nächste – sei es durch folgenschwere Zufallsbegegnungen oder weil Johann selbst dem Schicksal mit eigenem Erfindungsreichtum etwas auf die Sprünge hilft. Auf der Suche nach seiner verschollenen Mutter findet sich der mittellose Teenager so plötzlich in einem spanischen Eliteinternat wieder, wo er – unter falschem Namen – erstmals Kontakte in die Welt des Wohlstands knüpft. Wie sich zu einem späteren Zeitpunkt zeigt, wird dieses Spiel mit den Identitäten für den erwachsenen Johann noch fatale Folgen haben. Zunächst jedoch scheint das Leben ihn für seinen missglückten Start entlohnen zu wollen: Mehr als einmal gelingt es Johann, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und so das Beste aus den Möglichkeiten heraus zu holen, die sich ihm bieten. Fast beiläufig wird Johanns Weg dabei immer wieder von Persönlichkeiten gekreuzt, die innerhalb des Romans zwar namenlos bleiben, aber dennoch unschwer realen historischen Persönlichkeiten zuzuordnen sind: Kurze Gastauftritte haben im Roman so etwa Bergsteigerlegende Heinrich Harrer oder aber auch Schriftsteller Roberto Bolaño. Mehr als eine Nebenrolle übernimmt wiederum Liechtensteins Fürstin Gina, die seit seinen Tagen im Waisenhaus für Johann die Funktion einer Art Ersatzmutter übernimmt. Umso tragischer, dass es ausgerechnet Ginas Sohn Hans Adam ist, der den Protagonisten Jahre später offiziell zum Staatsfeind Nr. 1 ernennen wird. Wie aber konnte es dazu kommen? Genau dies sucht der Roman Schritt für Schritt zu rekonstruieren. Kaiser selbst tritt dabei als Icherzähler auf, der sich nach eigenem Bekunden einzig der Wahrheit und nichts als der Wahrheit verpflichtet sieht. So detailgetreu und aufrichtig wie möglich sucht er in seinem Bericht die einschneidenden Stationen seines ungewöhnlichen Lebens zu rekapitulieren, das ihn hin und her geworfen hat „wie eine Kugel in einem Flipperautomaten“. Da ist von illegalen Immobiliengeschäften die Rede, von Gefangenschaft und Folter in Argentinien, von einem internationalen Haftbefehl und schließlich vom Diebstahl geheimer Bankdaten – der ein monatelanges Katz-und-Maus-Spiel mit der Liechtensteiner Regierung in Gang setzt, das für Kaiser schließlich im Zeugenschutzprogramm des BKA endet. Je stärker er jedoch die Authentizität des Geschilderten zu betonen sucht, desto fragwürdiger erscheint, wie genau er es wirklich mit seiner vorgeblichen Faktentreue nimmt. Das Fantastischste an Quaderers Roman ist dabei wohl allerdings, dass es sich bei der hier erzählten Geschichte keineswegs um ein reines literarisches Fantasieprodukt handelt. Im Gegenteil besitzt die Figur des Datendiebs Johann Kaiser ein sehr reales Vorbild: So sorgte der Liechtensteiner Bankmitarbeiter Heinrich Kieber im Jahr 2008 für internationales Aufsehen, als dieser geheime Bankdaten vermeintlicher Steuerhinterzieher an den Bundesnachrichtendienst verkaufte und dafür knapp 5 Millionen Euro erhielt. Auch wenn das Thema Steuerhinterziehung auf den ersten Blick keine besonders amüsante Lektüre verspricht: Quaderer legt mit seinem Debüt einen ebenso temporeichen wie leichtfüßigen Roman vor, der in jeder Hinsicht großen Spaß macht. Das ist nicht zuletzt auch seinem spielerischen Umgang mit der Form zu verdanken. Egal ob großzügig angesetzte Schwärzungen im Text, wortwörtliche Parallelerzählungen oder geradezu absurd lange Fußnoten: Langweilig wird es in „Für immer die Alpen“ nie. Und ob es sich bei seinem Protagonisten am Ende nun eher um einen naiv-versponnenen Antihelden mit einem dehnbaren Verständnis von Wahrheit handelt oder eben doch um einen gewieften Hochstapler mit erheblicher krimineller Energie – dies zu bewerten überlasst Quaderer ganz seinen Lesern.

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Genervt abgebrochen und quer gelesen

Von: manu63

03.05.2020

Für immer die Alpen ist ein Roman des Autors Benjamin Quaderer, in dem er die Lebensgeschichte von Johann Kaiser erzählt. Dieser wurde zu Staatsfeind Nr. 1 nachdem er gestohlene Kundendaten einer großen Bank verkauft hat. Er lebt im Zeugenschutzprogramm und hätte dank des Verkaufes der Daten ein gutes Auskommen, wenn ihn nicht die Verleumdungen aus seiner Heimat stören würden. Deshalb beschließt Kaiser seine Lebensgeschichte aus seiner Sicht nieder zu schreiben. Erwartet hatte ich ein interessantes Buch mit einer spannenden Geschichte, bekommen habe ich eine ineinandergeschachtelte langatmige Aufreihung des Lebens von Johann Kaiser in dem er mir mit jeder Seite unsympathischer wird. Als Charakter besteht sein Leben aus Trug, Diebstahl und Lügen. Er ist immer auf der Sinnsuche und dabei recht sprunghaft und reflektiert nicht das es an ihm liegt, das vieles nicht klappt was er sich vorstellt. Vielfach wird die Schuld bei anderen gesucht, nie bei sich selber. Aufgeteilt ist der Roman in vierzehn Bücher, einer Einleitung und einem Letzten Buch. Die Handlung reicht von 1962-2020 und sie wird aus der Sicht von Johann Kaiser in Ich-Form erzählt. Passagen die sich recht gut und flott lesen lassen wechseln sich ab mit ermüdenden Aufzählungen, geschwärzten protokollarischen Passagen und einer Vielzahl von Fußnoten zu realen und fiktiven Quellen. Insgesamt gibt es 222 Fußnoten die sich zum Teil über mehrere Seiten erstrecken. Wenn man den Roman als Print liest mag das ja noch angehen, aber als ebook mit Fußnoten am Ende des Buches würde das den Lesefluss sehr arg behindern. Durch den wechselhaften Schreibstil wurde mir das Lesen verleidet und da die Handlung an Spannung fehlen lässt, habe ich das Buch zur Hälfte Seite für Seite gelesen und danach nur noch quer gelesen. Das Letzte Buch am Schluss habe ich wieder ganz gelesen, fand den Schluss aber nicht sonderlich gut. Insgesamt ein Buch das mich enttäuscht hat und meine Erwartungen in keinster Weise erfüllt hat. Wer sich für das Buch interessiert sollte sich erst einmal, wenn möglich, mit einer Leseprobe an das Buch herantasten. Der Autor mag vielleicht versucht haben einen neuen Weg einzuschlagen, konnte mich dabei aber nicht mitnehmen.

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Der Begriff „Systemrelevanz“ wird gerade neu definiert. Nachdem der Kulturbetrieb darauf gedrängt hat, genauso wie Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und Arztpraxen zur Daseinsvorsorge zu gehören, sind auch die Buchhandlungen wieder offen. Das Buch ja, die Buchhandlung ja, die Literatur ohnehin – doch wie verhält es sich mit dem einzelnen Schriftsteller? Diese Frage stellte Benjamin Quaderer auf Twitter, indem er von seinen Followern wissen wollte, ob sie ihn für systemrelevant hielten. Immerhin 100 „gefällt mir“ meinende Herzen erhielt der Tweet bis heute. Wenn es nicht eine dreiste Anmaßung wäre, könnten wir nun sein Buch zur Hand nehmen und nach sorgfältiger Prüfung über die Systemrelevanz seines Autors entscheiden. „Too big to fail“ hieß es 2008, als die Banken gerettet wurden. Wenn es danach ginge, hätte Benjamin Quaderers gewichtiges Romandebüt „Für immer die Alpen“ mit beinahe 600 Seiten auch eine gute Chance, unter einen Rettungsschirm zu schlüpfen. Dergleichen hat dieses so gewagte wie vergnügliche Buch aber überhaupt nicht nötig. Die Faszination, die von seiner Hauptfigur ausgeht, und der nicht zu unterschätzende Mut, ein ganzes Leben – und ein wenig auch die ganze Welt – zu seinem Thema zu machen, heben den Roman aus der Masse der Neuerscheinungen heraus. Außerdem bietet es die hochwillkommene Möglichkeit, ein kleines L-förmiges, aus nur elf Dörfern bestehendes Land kennenzulernen: Das Fürstentum Liechtenstein. Die Plattform ‚Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein‘ bekennt freimütig: „Als einziger Liechtensteiner Schriftsteller im deutschen Sprachraum bekannt geworden ist Michael Donhauser (*1956), besonders als Lyriker.“ Die eigene Ignoranz als Hauptgrund mitbedenkend tritt man Donhauser wohl nicht zu nahe, wenn man feststellt, dass die ganz große Wirkung auch seines Schaffens bisher ausblieb. Quaderer, der sich in seinem Debüt eindringlich mit seiner offenbar ambivalenten Beziehung zu seiner Heimat auseinandergesetzt hat, kommt das Verdienst zu, die literarische Landkarte der deutschsprachigen Literatur um ein charaktervolles Fleckchen Erde erweitert zu haben. Die Bauweise von Quaderers Debüt ist anspruchs- und kunstvoll zugleich. Der Hochstapler Johann Kaiser versucht aus der Retrospektive sein Leben zu ordnen. Dazu stützt er sich auf eigene und fremde Aufzeichnungen, seine mitunter brüchigen Erinnerungen, Videoaufnahmen und – wie es sich für einen Hochstapler gehört – unter Vorspiegelung falscher Tatsache ergaunerter Zeugenaussagen. Form und Inhalt korrespondieren eng miteinander. Der exzentrische Charakter Johann Kaisers, den man aus psychologischer Sicht vermutlich irgendwo auf dem Autismus-Spektrum einordnen müsste, beansprucht im gesamten Roman sein Recht. Zu allem Überfluss scheint Kaiser auch noch literarische Ambitionen zu hegen. Dies beweist schon der Anfang des Romans, indem sich der Held u.a. über die Begleitumstände seiner eigenen Geburt vernehmen lässt. So kann er sich etwa noch gut an seine Reaktion erinnern, als er zum ersten Mal den Vater erblickte: „Vor lauter Entsetzen, dass ich mit diesem Menschen den Rest meines Lebens verbringen würde, stieß ich einen Schrei aus der die Scheiben in den Fensterrahmen zum Schwingen brachte.“ Johann Kaiser ist oft komisch, ohne komisch sein zu wollen. Dass man sich auch an dieser Stelle nicht sicher sein kann, ob der Hochstapler die Passage als eine der Vollständigkeit halber hinzuerfundene Anekdote oder doch als Tatsachenbericht verstanden wissen will, macht ein Gutteil der Faszination für die Figur aus. Am etwas überbordenden Einsatz von formalen und sprachlichen Kabinettstückchen, die eine solche Erzählerfigur notwendig mit sich bringt, könnte der weniger geneigte Leser Anstoß nehmen. Hat Quaderer diese vielleicht gar nicht nötig? Ein wenig fühlt man sich an Reich-Ranickis berühmte „Zigeunermusik-Kritik“ der Blechtrommel erinnert, in der Reich-Ranicki Grass vorwarf, „durch effektvolles Spiel das Publikum zu hypnotisieren.“ Die Grass-Verweise, auf die man in „Für immer die Alpen“ stößt, lassen ohnehin die Deutung zu, dass Quaderer durchaus einiges vom Blechtrommel-Grass gelernt hat. Reich-Ranicki sah sich schon bald genötigt, seinen Vorwurf zurückzunehmen. In David Hugendicks Kritik in der ZEIT kehrt er jetzt auf Quaderer bezogen zurück, wenn in seiner Kritik von „strapaziösen Metamätzchen“ die Rede ist. So weit wie Hugendick muss man nicht gehen. Sein Widerwille gegen Quaderers Ausschweifungen scheint vielmehr vom guten alten Klischee der Literaturseminarprosa herzukommen, das in seiner Kritik wieder einmal aufgewärmt wird. Es wird festgestellt, Quaderer „hat am Literaturinstitut in Hildesheim studiert, was man seinem Debüt in seinen stärksten ebenso wie in seinen schwächsten Passagen anmerkt“. Immerhin gilt Hugendick dieser Hinweis auf die „Herkunft“ des Autors auch zur Erklärung derjenigen Passagen, die er für gut gelungen hält. Dennoch ist ein solcher Zugriff ein bisschen billig. Man liest, ah, der Autor war in Leipzig oder Hildesheim, hm, er spielt ein wenig übermütig mit literarischen Formen, da haben wir also einen Literaturseminaristen vor uns, vulgo: einen künstlich gemachten, keinen authentischen, von der Not zum Schreiben gedrängten Schriftsteller. Dabei sind Quaderers Ausschweifungen mitunter wirklich hinreißend. Etwa, wenn er seinen Erzählfluss mitten im Bericht von Johann Kaisers Australien-Abenteuern durch die auf gut neun Seiten in einer Winzschrift-Fußnote ausgedehnte Geschichte von Thomas Cook unterbricht. Selten hat einem ein Roman derart das Nervenkostüm zerzaust. Noch nie hat solche Nerverei dabei so blendend unterhalten. Die Thomas-Cook-Episode ist nicht nur hervorragend erzählt, die Ausschweifung und das sich Verlieren im Detail bringt den Charakter Johann Kaisers perfekt auf den Punkt, indem sie ihn nicht erklärt (was vermutlich langweilig wäre), sondern mit einem literarischen Taschenspielertrick vorführt. Allerspätestens das berührende Ende beweist: Benjamin Quaderer ist es ernst mit der Literatur. Neben vielen anderen denkbaren Interpretationen ist der Hochstapler Johann Kaiser wohl auch ein Bild für den Schriftsteller als solchen. Indem er seine ganze Existenz auf das Schreiben begründet, fürchtet er sein Absinken in das Nichts in dem Moment, in dem er den Laptop zuklappt. Sein Schreiben ist die stets prekäre Selbstverteidigung und Selbsterhaltung eines Menschen, der nicht anders kann. An Johann Kaiser lässt sich studieren, was es in der Moderne, die Geniekult und übersteigerte Verehrung des Schriftstellers abgeschafft hat, bedeutet, ein ebensolcher zu sein. „Die liechtensteinische Literaturszene lebt am Anfang des 21. Jahrhunderts von der arrivierten Garde des 20. Jahrhunderts, der es noch nicht vergönnt ist, den Aufbruch und die Nachfolge einer jungen Schriftstellergeneration auszumachen.“ So bilanzierte das ‚Historische Lexikon des Fürstentums Liechtenstein‘ Ende 2011. Aber jetzt ist ja zum Glück Benjamin Quaderer da. Wichtig für Liechtenstein. Relevant für uns alle.

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Ein listiger Schelmenroman

Von: buchvernascher

24.04.2020

Ein Schelmenroman, der trotz aller Fiktivität einen äußerst realen Bezug hat. Die Verknüpfung der Politik mit den Banken und beider fragwürdiger Verhalten ist symptomatisch für die heutige Zeit. Es ist auch völlig egal, daß dieser Roman in Liechtenstein seinen Ursprung hat, die Handlung könnte überall stattfinden. Es ist ein Genuß das Buch zu lesen, zumal sein Schreibstil herausfordernd ist. Auch die vielen Quellenangaben sind eine Bereicherung, die man selten findet.

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