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Heimo Schwilk: Martin Luther. Der Zorn Gottes. Blessing Verlag

Heimo Schwilk: »Luther. Der Zorn Gottes« - Nachwort des Autors

Die intensive Beschäftigung mit Martin Luther hinterlässt Spuren. Ein so ungeheuer dichtes, vorwärtsstürmendes Leben, das sich durch keinen Widerstand beirren lässt, wirft die Frage auf: Wäre diese Unbeugsamkeit auch heute noch möglich? Wie groß war der Konformitätsdruck damals, und wie stark ist er heute? Das Aufbegehren eines einzelnen Mannes gegen fast jede Autorität, gegen die Familie, die Schule, die Universität, die Theologie und Kirche seiner Zeit, gegen Kaiser und Reich hat etwas Singuläres. Der Vergleich mit der Gegenwart ernüchtert, denn das, was Luther zu dieser Größe befähigte, der unbändige Widerspruchsgeist, hat heute so hohe Konjunktur, dass er zur herrschenden Doktrin geworden ist. Je mehr man dagegen ist, umso stärker gehört man dazu. Der Zeitgeist korrumpiert auf eine so subtile Weise, dass jeder echte Widerstand ins Leere läuft und verpufft. Keine These könnte so abseitig sein, dass sie sich nicht sofort vermarkten ließe oder zu Ehren der Podien erhoben würde.

Was heißt das für den Luther-Biografen? Er befasst sich eigentlich mit einer ausgestorbenen Spezies. Auf der freien Wildbahn wird man ihr nicht mehr begegnen. Der Mann aus Wittenberg hat etwas Paläontologisches, aber dafür umso Faszinierenderes. Je mehr man sich mit der Ausnahmegestalt Martin Luthers beschäftigt, umso mehr wünscht man sich, dass die Mauern, gegen die er als junger Mönch anrennen musste, vor den heutigen Jungen nicht wie Gummiwände zurückweichen. „Erst an den Widerständen rankt sich das Leben empor“ schrieb Ernst Jünger in den turbulenten Zwanzigerjahren. Ich gestehe, dass ich mit der Verlebendigung dieser eigentlich ganz und gar toten Figur ein Exempel statuieren möchte. Es geht mir um die Heimholung einer großartigen, zugleich aber auch unheimlichen Persönlichkeit. Was Luther antrieb, war der Furor des Gottsuchers. Es ging von Anfang an nur um sein Seelenheil. Keine Wellness der Seele, sondern Rettung vor der ewigen Verdammnis!

Diese mittelalterliche Obsession, die den modernen Leser fasziniert, aber auch befremdet, reißt einen Abgrund auf, den eine vergegenwärtigende Lebensbeschreibung überbrücken muss, um das eigentliche Anliegen Martin Luthers, die Hoffnung auf einen gnädigen, liebenden Gott, lebendig werden zu lassen. Luther gehörte seinem Wesen nach dem Mittelalter an, in seinem persönlichen Gottesbild, seinem unbedingten Reformismus aber zur Neuzeit. Er wirkte in dem Bewusstsein, in der letzten Epoche der Heilsgeschichte zu leben, in der sich der Mensch entscheiden muss zwischen dem Guten, dem rechten Glauben, und dem Bösen, dem Antichristen in Rom. Vom existentiellen Ernst dieses Ringens weiß der moderne Christ wenig oder nichts, denn Gott wird heute nicht als fordernde, sondern als gewährende Instanz erlebt, mit der sich die Rechtfertigung gleichsam verkehrt hat: vom erlösungsbedürftigen Geschöpf zum Rechenschaft schuldigen Schöpfer.

Luther war kein Rebell. Er taugt nicht als Vorbild für Greenpeace oder die Occupy-Bewegung. Er verabscheute den Aufruhr. Bei aller religiösen Leidenschaft war er stets loyal gegenüber der staatlichen Obrigkeit. Er war kein Umstürzler wie Savonarola oder Thomas Müntzer, kein Revolutionär, obwohl er durchaus revolutionär gewirkt hat. Gottesbindung und Obrigkeitstreue waren die Säulen, auf dem sein Lebenswerk ruhte. Luther führte einen konsequent geistigen Kampf. Nur das Wort, nicht die Gewalt ändert die Welt, war sein Credo.
Insofern ist der Reformator Martin Luther kein Wegbereiter der Moderne, kein Anwalt der Autonomie des Einzelnen. Im Streit mit dem Humanisten Erasmus von Rotterdam hat Luther sogar bestritten, dass es einen freien Willen gibt: Alles was der Mensch tue, sei von einem allmächtigen Gott vorherbestimmt. Für Luther war der „Zorn Gottes“ über den sündhaften, von ihm abgefallenen Menschen eine unumstößliche Realität. Gott erlöst nicht nur, er verdammt auch! Die Vorstellung eines zürnenden Gottes war ihm mindestens so selbstverständlich wie das Liebes- und Erlösungsangebot Christi.

Damals wie heute befindet sich die Welt in einer Phase des Umbruchs. Die Zeitgenossen Luthers waren mit dem Aufkommen des Buchdrucks und der Wiederbelebung des antiken Geistes durch Humanismus und Renaissance konfrontiert, die mit einem neuen Menschenbild auch eine fortschrittlichere Gesellschaft in Aussicht stellte. Heute sind es Globalisierung und digitale Revolution, die unser Selbstverständnis, die ökonomischen und technischen Realitäten radikal verändern. Wir haben uns daran gewöhnt, die permanenten Kompromisse, die uns eine hochkomplexe Gesellschaft abverlangt, hinzunehmen, und viele fühlen sich den aktuellen Krisenentwicklungen hilflos ausgeliefert. Das mögen die Zeitgenossen Luthers ähnlich empfunden haben. Als „Modernisierungsverlierer“ des Frühkapitalismus hatten sie hinzunehmen, was mit ihnen geschah. Nur Martin Luther hat eine Formel gefunden, der den Glauben korrumpierenden Bußwirtschaft des Papstes etwas Eigenes entgegenzusetzen: „conscientia“. Sein Gewissen war die dem normierenden Zugriff der Kirche entzogene Instanz, der Ort, wo die „Gnade“ wirkt und den Menschen zum Glauben befreit. Diese „Freiheit des Christenmenschen“ könnte auch heute der Gegenentwurf sein zur libertären Freiheit, die sich im Wortsinn alles herausnimmt, was sie kriegen kann. Dafür kann man Luther nicht in Haftung nehmen. Seine Freiheit steht für etwas.

Als Martin Luther am 17. April 1521 auf dem Reichstag in Worms vor Kaiser Karl V. und den versammelten Reichsständen mit dem legendären Satz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen“ das eigene Gewissen als letzte Instanz der Wahrheitsfindung postulierte, markierte er eine Epochenschwelle zwischen dem ausgehenden Mittelalter und der beginnenden Neuzeit. Die kirchengeschichtliche Schlüsselszene stellt einen der Höhepunkte der Weltgeschichte dar, mit der das Individuum endgültig zum Subjekt der Geschichte wurde. Doch zog Luther mit seinem unerschrockenen Auftreten auch eine Grenze zum schrankenlosen Subjektivismus, denn das christliche Gewissen ist nach seinem Verständnis nur frei, weil es gebunden ist durch Gottes Wort. Diese Dialektik von Freiheit und Bindung hat nicht nur Luthers Selbstverständnis von Moralität geprägt, es hat auch die gesamte neuzeitliche Debatte um die Fundierung ethischer Maßstäbe mitbestimmt.

Diese Darstellung wird dem katholischen Leser nicht immer gefallen. Die Auseinandersetzung Martin Luthers mit der Papstkirche ist – vor allem in seinen spektakulären Höhepunkten wie den Auftritten in Augsburg, Leipzig und Worms – mit Leidenschaft und Empathie geschildert. Der kleine Mönch in seinem ungleichen Kampf gegen den römischen Goliath, immer den Scheiterhaufen vor Augen, ist der natürliche Held. Nur in dieser dramatischen Zuspitzung teilt sich dem Leser der tödliche Ernst mit, der beide Parteien damals befeuerte. Von abwägender Gelehrtenprosa kann eine solche Betroffenheit kaum ausgehen. Es gibt wissenschaftlich fundierte Darstellungen und Biografien, die ich dankbar für meine Arbeit genutzt habe, so die Biografien von Volker Leppin und Heinz Schilling, die Monografien von Thomas Kaufmann, Otto Hermann Pesch und Lucien Febvre. Als erzählender Biograph habe ich mich von dem großartigen, bis heute nicht erreichten Geschichtenbuch Richard Friedenthals, der Studie des schwedischen Psychoanalytikers Erik H. Erikson sowie Michael Meisners lebendiger Darstellung „Martin Luther. Heiliger oder Rebell“ inspirieren lassen.

Wer die Schriften und Briefe Martin Luthers liest, der spürt: Dieser Mann wollte kein Schisma. Er wollte als guter Katholik allein die Missstände in Rom anprangern. Durch das sehr unglückliche Krisenmanagement der Kurie – man versuchte ihn sozusagen im Vorbeigehen zu erledigen, um die Pfründe in Deutschland zu sichern – ist der Konflikt dann eskaliert. Luthers ungeheure Popularität aufgrund der medialen Unterstützung durch Flugschriften und Plakate machte ihn fast unangreifbar. In seinen späten Tiraden gegen die türkische Bedrohung vor allem aber gegen die Juden schlug er auch deswegen über die Stränge. Aber die furchterregenden Hassformeln gegen die Juden sind nicht antisemitisch, nicht rassistisch, sie sind, was keine Verharmlosung und keinen Freispruch darstellen soll, antijüdaisch, weil ausschließlich theologisch begründet.

Nichts, was Luther damals attackierte, den imperialen Anspruch der Kirche wie die Käuflichkeit der Bußsakramente, hat bis heute überlebt! Luther war, auch wenn seine Lehre am Ende zur Kirchenspaltung führte, ein entscheidender Katalysator der Selbstreformation der katholischen Kirche. Schon Papst Hadrian VI., der 1522 Papst wurde, als Luther bereits als Ketzer gebannt war, hat erste Reformen eingeleitet. In der Gegenreformation wurde das dann fortgeführt. Luthers Rechtfertigungs- und Gnadenlehre, die Papst Benedikt XVI. in ihrem theologischen Kern anerkannt hat, bleibt Luthers große theologische Leistung.


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