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Mark Pätzold »Weggetreten. Ein Bericht aus dem Innersten der Bundeswehr«

Ein Soldat – ein Buch

Mark Pätzold im Interview

„So ist das mit der ganzen Bundeswehr. Erst wenn man bis über beide Ohren dringesteckt hat, weiß man, dass es dort wenig zu lernen gibt – außer der Tatsache, dass es Menschen nicht gut bekommt, sie zu eng zusammen hinter einen Zaun zu sperren und allen die gleichen Anziehsachen zu geben.“

Sie sind einst, im Alter von 20 Jahren, mit glühender Begeisterung Soldat geworden, sagen Sie. Was hatten Sie sich von Ihrer Grundausbildung erwartet?
Mark Pätzold: Diese Frage lässt sich am besten mit den Worten eines anderen beantworten – ich zitiere sinngemäß Steve McQueen aus Die glorreichen Sieben: „Ich kannte mal einen, der zog sich splitternackt aus und sprang in einen Kaktus. Na, ich habe ihn natürlich gefragt, warum er das gemacht hat. Da sagt er zu mir: Vorher erschien es mir als die beste Idee der Welt.“ Klar soweit?

Und wie war dann die Realität? Haben Sie Ihre Zeit beim Bund als schrittweise Desillusionierung empfunden – oder gab es ein, zwei einschneidende Erlebnisse, die Ihnen gezeigt haben, dass Sie doch nicht in einem coolen Abenteuercamp mit anderen netten Jungs gelandet sind?
Mark Pätzold: Die Desillusionierung fand innerhalb von drei Minuten statt, und dieses Niveau an „Aufklärungsarbeit“ hielt sich erfolgreich bis zum Ende meiner Dienstzeit. Aber die „anderen Jungs“ waren wirklich nett. Wenn man zusammen in der Scheiße steckt, bewirft man sich schließlich nicht noch gegenseitig damit. Doch diese vielbeschworene „Kameradschaft“ ist natürlich aus der Not geboren; sich gegen den Unsinn und den Druck zu wehren, schweißt zusammen – diese Abwehrmaßnahme als Tugend zu verkaufen, nun, da sind wir wieder bei der Scheiße.

Sie beschreiben den Alltagswahnsinn mit beißendem Spott, so dass man sich – bei der Lektüre bequem auf dem Sofa liegend – auch über die im Dreck kriechenden, frierenden und übermüdeten Gestalten schlapp lacht. Aber wie lustig ist der Alltag denn, wenn man selbst drinsteckt und mit seiner Kondition kämpft, dem harschen Umgangston und den demütigenden Strafen?
Mark Pätzold: Guter, treffender Humor bedingt immer eine große Portion Leid. Bei Laurel und Hardy lachte man auch über den, der die Torte abbekam oder in die Grube fiel. Um die tägliche Behandlung als Soldat in der Ausbildung auszuhalten, hilft natürlich eine Portion bitterer Humor, diese Erfahrung macht man als Rekrut recht schnell. Was ich an dieser Stelle auf jeden Fall noch klarstellen möchte ist, dass ich mich im Buch nicht über den Soldaten im Dreck und seinen harten Alltag lustig mache, sondern über die Gründe, aus denen er dort liegt – und über die „Argumente“, die ihn dorthin gebracht haben. Glauben Sie mir, ich bin der erste, der zugibt, darauf hereingefallen zu sein, nach dem Motto „Ich war und jung und ich brauchte eine Ideologie.“

Von allen von Ihnen geschilderten unsinnigen oder unpraktischen Ausrüstungsgegenständen ist uns die Brotaufstrichdose richtig ans Herz gewachsen. Gibt es sie immer noch? Kann man sie irgendwo kaufen? Bei Manufactum...?
Mark Pätzold: Natürlich gibt es sie noch. Mein Buch ist schließlich auf dem Stand der Zeit. Und man kann sie auch kaufen. Aber glauben Sie mir, wenn Sie die Dose dann hätten, wüssten Sie gar nichts damit anzufangen. So ist das mit fast allem bei der Bundeswehr, inklusive den Gründen, loszuziehen und in irgendeiner Wüste auf jemanden loszuballern.

Gibt es in Ihrem Leben heute noch Relikte aus der Bundeswehrzeit? Falten Sie beispielsweise Ihre Hemden exakt auf Kante und richten sie nach dem Schrankboden aus?
Mark Pätzold: Schlimmer. Ich bin die Armee nie richtig los geworden. Im Kopf. Nach all diesen Jahren entdecke ich immer noch eine düstere Art Sentimentalität das Thema Kameradschaft in der Armee betreffend. Ebenso verfolgt mich ein übermäßiges Interesse für Waffen, das mir gewissermaßen unheimlich ist. Mir geht nicht unbedingt das Herz auf, mich so infiltriert vom militärischen Geist zu sehen. Ich denke, vielen geht es ähnlich. Ich habe die Hintertür entdeckt, meine Gedanken und Erinnerungen in meinen Büchern zu verarbeiten. Wissen Sie, man lernt eine Menge darüber, wie Menschen „funktionieren“, wenn man ihr Wertesystem von einem Tag auf den anderen komplett austauscht. Es bringt die Dämonen in uns hervor. Aber auch Dämonen tun ab und an etwas Gutes und Schönes, und das ist doch wirklich erstaunlich.

Gibt es etwas, was Ihnen positiv in Erinnerung geblieben ist aus der Zeit? Haben Sie etwas für sich und Ihr Leben gelernt? Konnten Sie beispielsweise der körperlichen Abhärtung etwas abgewinnen?
Mark Pätzold: Ich war vor der Bundeswehrzeit sportlicher als nach der Ausbildung. Vor lauter Langeweile und Depressionen fing ich dort an zu rauchen und zu trinken. Ich habe nirgendwo sonst so viele kettenrauchende Alkoholiker getroffen wie bei der Bundeswehr, nicht einmal unter meinen heutigen Schriftstellerkollegen! Und meine Freude daran, zu zelten oder mit einem schweren Rucksack zu wandern, musste ich nach der Armeezeit erst wieder ganz neu entwickeln. Richtig schießen gelernt habe ich auch erst Jahre nach meinem Dienst. Aber ich trage immer noch sehr gerne die olivgrünen T-Shirts. Die sind nämlich nicht kaputtzukriegen, die halten einfach ewig. Im Gegensatz zum Soldaten.

Wie sinnvoll ist denn die Ausbildung beim Bund – gemessen an ihrem Ziel, kampftaugliche Krieger für den Verteidigungsfall hervorzubringen? Ist die Wehrpflicht noch zeitgemäß?
Mark Pätzold: Welcher Verteidigungsfall soll das denn noch sein – der Angriff der Schweiz auf die EU ? Ich glaube, den würde die Bundeswehr gerade noch abwehren können. Bei der Ausbildung der Masse der Soldaten versagt die Bundeswehr – bis auf einen kleinen Trupp Soldaten, wie zum Beispiel die KSK , einige Fernspäher, Fallschirmjäger. Gut ausgebildete Soldaten bei der Bundeswehr entstehen fast immer durch deren Eigeninitiative; das sind wenige Berufssoldaten, die schon von vornherein die körperlichen Voraussetzungen und den eisernen Willen haben, gute Soldaten zu werden.
Und die Wehrpflicht? Ohne Gerechtigkeit bei der Auswahl, verfassungswidrig. Verschwendung von Energie, Zeit und Steuergeldern. Wenn schon eine Armee, dann eine kleine Schutztruppe, professionell ausgerüstet und ausgebildet. Aber dann haben Sie natürlich einen Haufen irrer Überzeugungstäter. Und das möchte ich mir gar nicht erst vorstellen. Da lasse ich mich lieber nach dem Schweizer Angriff von einem Exil-Bundestag aus Liechtenstein regieren.

Was würden Sie jungen Männern von heute raten, bei denen die Musterung ansteht? Mitmachen? Kneifen? Zivildienst leisten?
Mark Pätzold: Ich habe nur einen Rat für jeden Menschen in jeder beliebigen Entscheidungssituation: Lassen Sie sich keinen Mist erzählen! Denken Sie selbst, urteilen Sie besonnen und vor allem: Folgen Sie nicht Parolen und Versprechen, die ihre Hoffnungen ausnutzen. Stellen Sie sich, so oft es geht, die Frage: Ist dies wirklich das Beste, was ich aus meinem Leben als Mensch machen kann?!

Und womit können Sie denjenigen, die sich – mit Ihrem Handbuch bestens vorbereitet und gerüstet – für den Wehrdienst entscheiden, Mut machen?
Mark Pätzold: Dass man aus jeder Situation, in die man gerät – vor allem eine, für die man sich selbst bewusst entscheidet – etwas lernen kann. Nur lernt man eben fast überall im Leben mehr, als ausgerechnet bei der Bundeswehr.

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