Martin Niemöller: Gedanken über den Weg der christlichen Kirche

Martin Niemöller: Gedanken über den Weg der christlichen Kirche

Martin Niemöller (1892-1984) war ein führendes Mitglied der Bekennenden Kirche und einer ihrer bekanntesten Vertreter. Im Herbst 1933 gehörte er zu den Mitbegründern des Pfarrernotbundes, der bald darauf rund ein Drittel aller protestantischen Pfarrer organisierte, und war bis 1945 dessen Vorsitzender. Mit seinen Predigten und offenen Abenden in seiner Gemeinde im Berliner Vorort Dahlem, in der er seit 1931 als Pfarrer amtierte, und mit Vorträgen in vielen Städten Deutschlands formulierte er seit 1934 im Sinne der Bekennenden Kirche die Autonomie der Kirche, deren Bindung an das Bekenntnis und die Abwehr staatlicher Eingriffe als Leitlinien kirchlichen Handelns. Niemöller war ein evangelischer Pfarrer und Kirchenführer, aber kein akademischer Theologe.

Er hatte das theologische Studium mit den beiden kirchlichen Examina beendet und trat auch im Kirchenkampf der Jahre seit 1934 nicht mit theologischen Publikationen hervor. Aber in der Einzelhaft im KZ Sachsenhausen verfasste er in wenigen Monaten, von Ende August bis Anfang November 1939, das hier erstmals edierte Manuskript mit theologischen und kirchenhistorischen Reflexionen.

Was bot den Anlass dazu? Welche Themen behandelte Niemöller in diesem Text? Wie sind seine »Gedanken über den Weg der christlichen Kirche« theologisch zu verorten? Was waren die Schreibumstände und der äußere Rahmen, in dem Niemöller diesen Text verfasste? Wie und in welcher Form entwickelte sich der Plan Niemöllers, zur katholischen Kirche zu konvertieren, der den Kontext für die Arbeit an diesem Manuskript bot?

Diesen Fragen gehen die beiden Herausgeber nach, um damit die Grundlage für ein angemessenes Verständnis von Niemöllers Text zu schaffen und zugleich seine Relevanz zu verdeutlichen.

Als profiliertes Mitglied der Bekennenden Kirche trifft Martin Niemöller die Verfolgung des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland. Innerhalb der Kirche ist er ebenso streitbar wie umstritten.

Niemöller leidet an der politischen Wirklichkeit und an der Weise, wie seine Kirche auf die Attacken der »Deutschen Christen« reagiert. Er überlegt, ob der Protestantismus in Deutschland überhaupt Kirche genannt werden kann, und zieht in Erwägung, zum Katholizismus zu konvertieren.

Der in diesem Buch erstmals edierte Text ist ein für die Rekonstruktion von Niemöllers Konversionsplänen unverzichtbares Schlüsseldokument. Darüber hinaus hat er Relevanz für die Geschichte der Bekennenden Kirche. Denn Niemöller behandelt die Grundfrage, die mit ihrem Auftreten für das protestantische Christentum in Deutschland aufbricht: Was ist die evangelische Kirche und wer ist Christ in der totalitären Wirklichkeit des Nationalsozialismus?

Niemöllers Begründungsmuster sind erstaunlich aktuell. Sie erinnern in ihrem Entscheidungspathos an den postmodernen Versuch, im eklektischen Zugriff auf Vergangenes – hier vor allem das Neue Testament – Perspektiven für das Heute zu schaffen.

Hier wird dieses Manuskript erstmals der Öffentlichkeit zugänglich. Niemöllers Überlegungen sind eine tiefgründige Analyse von Irrwegen und Defiziten der Reformation und zugleich ein zeithistorisches Dokument ersten Ranges.


Alf Christophersen
© Lydia Schubert, © privat
ALF CHRISTOPHERSEN
ist Professor für Systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Seine Forschungsschwerpunkte sind Ethik und Ästhetik, Theologiegeschichte, Editionsphilologie, Friedens- und Konfliktforschung, Religionstheologie sowie Politische Theologie und Ethik. 1998 wurde seine Arbeit Friedrich Lücke. Neutestamentliche Hermeneutik und Exegese im Zusammenhang mit seinem Leben und Werk mit dem »Hanns-Lilje-Preis« der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen ausgezeichnet. Für sein Buch Kairos. Protestantische Zeitdeutungskämpfe in der Weimarer Republik erhielt er 2008 den »Max Weber-Preis« der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.
Benjamin Ziemann
© Irina Heiß
BENJAMIN ZIEMANN
ist Professor für Neuere deutsche Geschichte an der University of Sheffield. Er hat zahlreiche Bücher zur deutschen und europäischen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert veröffentlicht. 2014 erschien Veteranen der Republik. Kriegserinnerung und demokratische Politik 1918-1933. 2013 veröffentlichte er Gewalt im Ersten Weltkrieg. Töten – Überleben – Verweigern, zuvor erschien 2009 Sozialgeschichte der Religion. Von der Reformation bis zur Gegenwart. Sein neuestes Werk ist die große Biographie Martin Niemöller. Ein Leben in Opposition.
Die Gerda Henkel Stiftung hat die Forschungen im Rahmen ihres Programms MAN4HUMAN großzügig gefördert und weitere Mittel zur Unterstützung der Editionsarbeit zur Verfügung gestellt. Dafür danken wir sehr.

Gedanken über den Weg der christlichen Kirche

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