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Matto Barfuss »Auf der Suche nach dem Paradies«

SPECIAL zu Matto Barfuss »Auf der Suche nach dem Paradies«

Wie Matto Barfuss seinen Kindheitstraum verwirklichte

Liebe Leserinnen und Leser,

wer von uns hatte nicht seinen Kindheitstraum: Was wir einmal werden möchten, wie unser Leben aussehen soll, was uns wirklich wichtig ist, und was wahres Glück für uns bedeutet. Aber die meisten von uns geben diese Träume auf, wenn sie »erwachsen« werden, denn die Realität und ihre »Sachzwänge« scheinen nicht für Kinderträume gemacht, und irgendwann haben wir vergessen, was uns einst so wichtig war.

Matto Barfuss wollte früh schon Künstler werden, und mit der Beharrlichkeit des Kindes setzte er durch, dass er sich im Keller seines Elternhauses ein »Atelier« einrichten konnte. Sein liebstes Motiv waren Tiere, und so war er mit zehn, elf Jahren Dauergast im Zoo, wo er sich vor den Gehegen niederließ und Tiere, vor allem aber ihre Bewegungen auf seinem Block festzuhalten versuchte. Aber irgendwann begriff er, dass der Zoo für die Tiere Gefangenschaft bedeutete und dass er sie nicht hier, hinter Gittern, sondern in ihrer natürlichen Lebensumwelt beobachten musste. Und als sein Kunstlehrer, nach Betrachtung seiner Zeichnungen und Gemälde, zu ihm sagte: »Du solltest nach Afrika. Das muss man alles in natura erleben«, hatte er mit einem Schlag seine Bestimmung oder soll man sagen: hatte diese ihn gefunden. Afrika wurde sein Sehnsuchtskontinent, sein Kindheitstraum, und es sollte ihn von da an nicht mehr loslassen.

Es dauerte bis Mitte der neunziger Jahre, bis Matto Barfuss sich diesen Traum verwirklichen und er zum ersten Mal nach Kenia reisen konnte. Es war eine Pauschalreise, und es kostete Matto Barfuss und seine Frau Monika unendliche Mühen, bis sie sich gegen tausend Widerstände aus der abgeschotteten Hotelanlage, in der sie alle untergebracht waren, aufmachen konnten, um das wahre Afrika und, vor allem, die Wildnis der Nationalparks zu entdecken. Dem sind weitere Reisen gefolgt, und auf einer dieser Reisen, 1996, begegnete er erstmals einer »Mdoamdoa Wajini - der schwarz gefleckten Katze, die auf dem Boden lebt«, wie sie sein schwarzer Führer vom Stamme der Masai nannte: einem Gepardenweibchen mit seinen fünf Jungen. Es war ein langer Weg vom heimischen Zoo über die erste Pauschaltouristenreise nach Kenia bis zu diesem Zusammentreffen in der Serengeti, aber Matto Barfuss wusste in diesem Augenblick sofort: Er war endlich an sein Ziel gekommen, und zugleich an den Anfang eines unvergleichlichen Abenteuers. Siebzehn Wochen verbrachte er auf dieser Reise mit Diana, dem Gepardenweibchen, und ihren fünf Babys, denen er, auf allen Vieren kriechend und wie Geparden schnaubend, schnurrend und fauchend, überall hin durch ihr Revier folgte. Er wurde Teil ihrer Familie, und das veränderte sein Leben für immer. »Die siebzehn Wochen«, schreibt er in seinem Buch, »die ich den Geparden auf allen Vieren folgte und an ihrem Leben als ›Gepard‹ teilhaben durfte, haben eine Flut von tiefgreifenden Erlebnissen zur Folge gehabt. Die Tiere haben alles, aber auch alles in meinem Leben durcheinandergebracht. Ich bereue es nicht.«

Davon berichtet Matto Barfuss in seinem Buch und auch davon, wie er später durch einen zutiefst unwahrscheinlichen, glücklichen Zufall noch einmal Dione, einem von Dianas damaligen Gepardenbabys, begegnet ist und wie sie ihn sofort wieder erkannte und akzeptierte. Er berichtet von seiner Begegnung mit der Kultur der Masai, von der Gründung seines Vereins zum Schutz der Geparden (»Leben für Geparden e.V.«) und von seinem Kampf dafür, gefangene Geparden wieder auszuwildern und eine neue Heimat für sie zu finden.

Matto Barfuss, der »Gepardenmann«, hat sich seinen Kindheitstraum verwirklicht. In seinem Buch nimmt er uns mit auf die Reise seines Lebens, von den ersten Keimen seiner Afrikasehnsucht bis hin zu ihrer Erfüllung, und er erzählt, wie diese sein Leben veränderte. Er lässt uns die faszinierende Welt der Nationalparks und seiner Tiere hautnah miterleben, »wo sich hinter jedem Busch ein Traum verbirgt und um jeden Hügel ein Geheimnis weht«. Und er gibt uns ein Gefühl für die Besonderheit und Einzigartigkeit, die unvergleichliche Lebensenergie und Bewegtheit der afrikanischen Natur und Kultur. Er zeigt uns, wie falsch es ist, mit Nationalparks die Natur und die Tiere wie in Ghettos einzusperren und auszugrenzen, und wie wichtig es wäre, die strikte Trennung des Raums für die Tiere und des Besiedlungsraums der Ureinwohner wie der Masai zu überwinden. Denn der Mensch ist ein Teil des Ökosystems, und dieses gilt es als Ganzes wiederherzustellen. »Auf der Suche nach dem Paradies« lehrt uns vor allem aber auch, dass Träumer keine realitätsfremden Phantasten sind, sondern manchmal einfach Menschen, die sich nicht abbringen lassen von der großen Vision ihres Lebens. Und dass die Erfüllung eines Traumes allemal ein Risiko wert ist und wie erfüllend es sein kann, zum »Traumfänger« zu werden, zu einem Wesen, das sich zielbewusst und unbeirrbar daran macht, das zu verwirklichen, was anfangs oft nur eine scheinbar unerfüllbare Sehnsucht ist. Der Leser begreift von den ersten Seiten an, dass das alles andere als »Aussteigertum« ist, sondern vielmehr auf einer großen Ehrfurcht und einem tiefen Engagement für den schwarzen Kontinent beruht.

Matto Barfuss kämpft für eine Welt, in der Natur und Tierwelt nicht länger nur Objekte menschlicher Bedürfnisse sind. Und für eine Welt, in der nicht Wohlstand und Geld, sondern Glück der wahre Maßstab für Reichtum ist. Sein Beispiel zeigt, wie viel man als auch scheinbar ohnmächtiger und unbedeutender Einzelner in Wahrheit bewegen, bewirken und verändern kann - für sich selbst und für die Welt. Und das ist für mich die vielleicht wichtigste Botschaft dieses außergewöhnlichen Buches.

Georg Reuchlein