Michael Hübner »Stigma«

Michael Hübner und seine Thriller »Stigma« und »Sterbestunde«

Michael Hübner im Interview über sein Thrillerdebüt „Stigma“

geführt von Elke Kreil

Sie haben schon früh begonnen zu schreiben, doch Ihr Weg zum Autor ist kein geradliniger. Können Sie uns etwas mehr über Ihren beruflichen Werdegang erzählen?
Tatsächlich habe ich bereits als Kind den Drang verspürt, mir Geschichten auszudenken. Und natürlich wollte ich ein berühmter Schriftsteller werden - noch lieber übrigens als der obligatorische Rennfahrer. Allerdings hielt ich das damals für eine vorübergehende Phase kindlicher Schwärmerei und hätte mich nie getraut, diesen Berufswunsch öffentlich zu äußern. Erst später, als der Drang zum Schreiben anhielt, fing ich an, mich intensiver damit zu beschäftigen. Ich verfasste erste Kurzgeschichten und schickte sie an Zeitschriften. Doch obwohl mir immer wieder Talent bescheinigt wurde, erhielt ich nur Absagen. Das war natürlich entmutigend und ließ mich an meiner Berufung zweifeln. Also studierte ich zunächst Keramik-Technik, ging anschließend in den Verkauf und schlug mich eine Zeitlang als Webdesigner durch. Doch keine dieser Tätigkeiten begeisterte mich auf Dauer. Im Gegenteil, ich empfand sie zunehmend als Zeitverschwendung, da es mich immer wieder zum Schreiben hinzog. Allerdings stellte ich irgendwann fest, dass es eine gewisse Reife und Lebenserfahrung erfordert, gut und glaubwürdig schreiben zu können. Die hat man mit Mitte zwanzig üblicherweise noch nicht. Trotz aller Unzufriedenheit entschied ich mich daher, erst einmal so weiterzumachen. Schließlich gründete ich eine Familie und fand dort den nötigen Rückhalt. Ich lernte die Höhen und Tiefen des Lebens in Geschichten zu verarbeiten und setzte mich auf diese Weise mit meinen Gefühlen auseinander. Als sich dann nach einigen Jahren die richtige Idee zu einem Roman einstellte, da wusste ich, ich bin soweit.

Um als Autor neue Erkenntnisse zu gewinnen, hatten Sie auch an einem Kurs in kreativem Schreiben teilgenommen. Doch Sie wurden enttäuscht. Woran lag das, und wie haben Sie das Handwerkszeug des Schriftstellers gelernt?
Schulische Ausbildung hat mir nie wirklich etwas gegeben. Gerne würde ich behaupten, meine Deutschlehrer hätten in mir die Leidenschaft für Sprache geweckt. Dem ist aber absolut nicht so, denn der Unterricht beschränkte sich die meiste Zeit auf das Sezieren von Texten. Da ich jedoch Autor und kein Pathologe werden wollte, empfand ich das als trocken und langweilig. Für mich war Sprache schon immer ein Gefühl. Ich habe einen guten Text nie nach seinem Satzaufbau beurteilt, sondern danach, wie er klingt und was er in mir auslöst. Ich höre sozusagen Texte. Im Grunde ist das Schreiben für mich eine Art komponieren: Wenn Melodie, Rhythmus und Aussage stimmen, dann kann es ein Hit werden. Eine Erkenntnis, die mir bis heute kein Lehrer vermitteln konnte. Ich bin autodidaktisch veranlagt und habe mich auf Themen beschränkt, die mich wirklich interessieren, und von denen ich hoffte, sie würden mich weiterbringen. Ebenso verhielt es sich mit dem Schreiben. Das meiste, was ich darüber weiß, habe ich aus Büchern gelernt. Der Rest ist Intuition. Ich will nicht behaupten, dass Schreibkurse grundsätzlich schlecht sind. Sie können einem durchaus helfen, Talent zu erkennen und zu fördern. Dennoch sollte sich niemand mit der naiven Vorstellung dort anmelden, er wäre hinterher ein ausgebildeter Autor. Dazu benötigt es vor allem harte Arbeit, Ausdauer und den Willen, notfalls auch gegen Windmühlen anzukämpfen. Mich inspiriert nichts mehr als das Lesen von Büchern. Sie sind der beste Lehrstoff für Story-Entwicklung, Charakterzeichnung und Spannungsaufbau. Und sie helfen einem, ein Gefühl für die Sprache zu bekommen. Kein Schreibkurs dieser Welt kann das besser vermitteln.

Als literarisches Vorbild nennen Sie Stephen King – vor allen anderen Autoren. Was fasziniert Sie an ihm und welche seiner Romane sind Ihre Lieblingsbücher?
Neben seiner unglaublichen erzählerischen Bandbreite und seiner Fähigkeit, das abgrundtief Böse in alltägliche Geschichten zu verpacken, habe ich an Stephen King immer die Lebendigkeit seiner Figuren bewundert. Die absolut authentische Aura, die seine Charaktere selbst in den wahnwitzigsten Situationen umgibt. Diese emotionale Verbundenheit mit seinen Geschichten hat in mir die Faszination für das Schreiben geweckt. Stephen King brach immer wieder mit literarischen Konventionen, indem er ganze Heerscharen von Hauptfiguren entwickelte. Zugleich brachte er das Kunststück fertig, den Leser nie die Übersicht verlieren zu lassen. Ich denke hier an die immense Dichte und Komplexität von „Es“ oder die fast schon epischen Ausmaße von „Das letzte Gefecht“. Stephen King beherrscht aber auch das Gegenteil: den Leser mit nur wenigen Mitteln in seinen Bann zu ziehen. Hierzu zählt für mich die nahezu klaustrophobische Intensität von „Shining“ und „Misery“, aber auch „Die dunkle Hälfte“. Kein anderer Autor hat es vermocht, mich so in meinem eigenen Stil und meiner Sprache zu prägen.

Der Thriller „Stigma“ ist Ihr Debütroman. Im Zentrum steht der junge erfolgreiche Schriftsteller Tom Kessler, der mitten in einer Schaffenskrise gezwungen wird, sich den traumatischen Erlebnissen seiner frühen Jugend zu stellen. In welcher Situation steckt Tom Kessler, und was veranlasst ihn dazu, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen?
Tom hat bereits als Kind das schlimmste Trauma seines Lebens durchlitten: Er ist dem absolut Bösen begegnet, dem vollkommenen und menschenverachtenden Wahnsinn. Eine Erfahrung, die man als Kind kaum verarbeiten kann. Deshalb beschließt sein Verstand, diese grausamen Erfahrungen zu verdrängen. Selbst dreizehn Jahre später kann Tom sich noch immer nicht an die Vorfälle erinnern, die seine Seele zerstört haben. Er lebt mit seiner Familie zurückgezogen in seinem Haus und empfindet jegliche Veränderung in seinem Alltag als Bedrohung. Auch leidet er zunehmend unter Panikattacken und immer größer werdenden Gedächtnislücken, die er sich zunächst nicht erklären kann, bis sein damaliger Peiniger – von dem er sicher war, dass er längst tot ist – ihn erneut bedroht. Dadurch wird er gezwungen, sich mit den grausamen Vorfällen aus seiner Kindheit zu beschäftigen, die ihn verstärkt in Form plötzlich aufkommender Rückblenden heimsuchen. Dies zwingt ihn, aus seinem Käfig auszubrechen und gegen seine Ängste anzukämpfen. Dabei gerät er in immer dramatischere Situationen und wird schließlich auf die überraschende und unfassbare Wahrheit gestoßen, die sein Leben völlig auf den Kopf stellt.

In der Danksagung zu Ihrem Buch sprechen Sie von einem Geistesblitz, der Ihnen den Einfall für „Stigma“ beschert hat. Um welche zündende Idee handelte es sich, und wie reifte daraus die außerordentlich komplexe Geschichte?
Ich kann mich noch gut an den Abend erinnern, an dem mir die Idee zu „Stigma“ kam – gerade als ich am wenigsten damit gerechnet hatte. Ich lag zu Hause im Bett und las eine Geschichte, in der es um Kindesmissbrauch ging. Die drastische Darstellung schockierte und berührte mich. Immer wieder hielt ich inne und dachte nach. Und plötzlich war sie da, diese Idee. Sie elektrisierte mich auf der Stelle, als hätte mich ein Blitz getroffen. Ich saß kerzengerade im Bett und starrte wie versteinert auf die Wand gegenüber. Mir war klar, dass ich die Romanidee meines Lebens hatte. Ich sah das Ende der Geschichte so deutlich vor mir, als würde es sich tatsächlich vor meinen Augen abspielen. Die erste Idee zog magnetisch andere Ideen an, so dass sich die Geschichte wie von selbst erzählte. In dieser Nacht und in der folgenden darauf, bekam ich kein Auge zu, weil ich wie besessen von dieser Idee war. Ich erlebte damals einen jener magischen Momente, die das Schreiben für mich zur Leidenschaft machen.

In den Roman fließt profundes medizinisches Fachwissen ein, beispielsweise über posttraumatische Belastungsstörungen sowie verschieden Formen psychischer Erkrankung und ihre Behandlung. Wie haben Sie die medizinischen Hintergründe recherchiert?
Viele Menschen betrachten das Internet und seine Inhalte mit Skepsis und das sicherlich oftmals zu Recht. Für mich ist es jedoch eine nahezu unerschöpfliche Quelle des Wissens, auf die ich jederzeit ohne großen Aufwand zugreifen kann. Natürlich sind Recherchen unerlässlich, wenn man eine Thematik glaubhaft darstellen möchte, von der man wenig versteht. Aber ich gebe zu, dass es mir oft lästig ist zu recherchieren, weil es mich vom Schreiben abhält. Dass eine Geschichte in sich stimmig ist, halte ich für wichtiger als hundertprozentigen Realismus. In „Stigma“ entsprechen jedoch alle medizinischen Fakten und erwähnten Fälle den Tatsachen. Sollten sich dennoch Fehler eingeschlichen haben, ist das allein meiner ausufernden Fantasie zuzuschreiben.

Hat es Sie als Vater von drei Töchtern belastet, sich beim Schreiben intensiv mit Kindesmisshandlung und -mord auseinanderzusetzen, um die Qualen der Opfer und die Motive des Täters nachvollziehbar zu machen?
Der Missbrauch von Kindern war immer ein Thema, das mich sehr schockiert und berührt hat. Für mich gibt es kaum ein verachtenswerteres Verbrechen, als einer Kinderseele die Unschuld zu rauben und dadurch ein junges Leben im Keim zu zerstören. Auch für mich als Autor, der darum bemüht ist, sich in die Beweggründe anderer Menschen hineinzuversetzen, ist es unbegreiflich, wie jemand einem Kind etwas antun kann. Daher war Geisteskrankheit, und somit Unzurechnungsfähigkeit, für mich das einzige halbwegs annehmbare Motiv für eine derartige Tat. Beim Schreiben blende ich solche Gefühle jedoch vollkommen aus. Die Realität um mich herum existiert nicht mehr. Ich versetze mich voll und ganz in meine Figuren, betrachte das Geschehen von einer rein sachlichen und logischen Ebene aus. Nur auf diese Weise ist es mir gelungen, die brutale Gewalt und den Wahnsinn, dem Tom ausgeliefert war, so intensiv zu schildern. Hätte ich dabei ständig die Gesichter meiner Kinder vor Augen gehabt, hätte ich dieses Buch vermutlich niemals schreiben können.

Am Ende des Romans landen Sie einen Coup: mit einer völlig verblüffenden, aber plausiblen Wendung. Haben Sie je von einem ähnlichen Fall in der Medizin gehört?
Ja, so unfassbar das klingen mag, aber das habe ich tatsächlich. Allerdings wurde der Fall erst bekannt, nachdem ich die Arbeit an „Stigma“ beendet hatte. Mein Agent machte mich darauf aufmerksam und schickte mir einen Link zu einem Zeitungsartikel, den ich völlig perplex studierte. Zwar lag in dem dort geschilderten Fall kein Missbrauch, sondern eine Krankheit zugrunde, aber gewisse Parallelen ließen sich nicht verleugnen. Es erschreckt mich immer wieder, wie nahe sich meine Fantasie gelegentlich an der Realität bewegt.

Die Fantasie als schöpferische Kraft übernimmt eine Schlüsselrolle in Ihrem Thriller. Welche Bedeutung trägt die Fantasie in Ihrem Leben?
Eine ziemlich große! Sie hat einen entscheidenden Anteil daran, dass ich zum Autor geworden bin und nun diesen Traum leben darf. Meine Fantasie war es, die mich immer wieder zum Schreiben gedrängt hat und die mich durchhalten ließ. Dadurch hat sie mir ein völlig neues Leben ermöglicht, fernab von Ellenbogenmentalität und jeglicher Art von Zwang. Und es vergeht kein Tag, an dem ich ihr nicht auf Knien dankbar dafür bin.

Können Sie uns schon etwas darüber verraten, worum es in Ihrem nächsten Roman gehen wird?
In meinem nächsten Roman geht es um Themen wie Macht- und Profitgier, um Mord, Reue und Glauben. Und es geht um Wissenschaft und ihre Grenzen. Auch dabei wird die Vergangenheit eine wichtige Rolle spielen. Allerdings in Form einer Fehlentscheidung, die Jahre später noch Folgen haben wird, da den Betreffenden schwere Selbstvorwürfe plagen, die sich zu einer Psychose ausweiten. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Kommissar, der gezwungen ist, mit einem verhassten Journalisten zusammenzuarbeiten, der Jahre zuvor ein dienstliches Untersuchungsverfahren gegen ihn angeregt und ihn dadurch beinahe um den Job gebracht hatte. Die beiden decken nach und nach skrupellose Machenschaften auf, die eine ganze Region erschüttern und eine milliardenschwere Branche in Verruf bringen. Doch bis dahin werden die beiden natürlich einige hochspannende und dramatische Wendungen durchleben.