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Paula Daly - Die Schuld einer Mutter

Paula Daly im Interview über ihren Thriller „Die Schuld einer Mutter“ (Manhattan Verlag)

„Das hätte auch mir passieren können“

Interview mit Paula Daly über „Die Schuld einer Mutter“

Paula Daly
© Bildschön/Russell Colman

Sie sind Physiotherapeutin von Beruf. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen, und wann finden Sie als Mutter von drei Kindern Zeit dafür?

Ich wollte schon immer ausprobieren, irgendetwas zu schreiben, aber ich fand keinen Anfang. Bis mir ein Freund das Buch „Das Leben und das Schreiben“ von Stephen King empfahl – ich verschlang das Buch in zwei Tagen, begann am Tag darauf mit einer Kurz-geschichte, fing Feuer und hörte nie wieder auf zu schreiben. Das war vor etwa vier Jahren.
Es ist schwierig und unvorstellbar zeitaufwändig, Romane zu schreiben, und ich möchte niemandem etwas vormachen – ich gehöre ganz bestimmt nicht zu der Sorte Frauen, die es spielend schaffen, einen Vollzeitjob, drei Kinder und einen Roman pro Jahr unter einen Hut zu bringen. Als ich einen Verleger fand, arbeitete ich nur ein paar Stunden am Tag und meine Kinder besuchten alle die Schule. Mein Mann unterstützte mich enorm und sprang in die Bresche, wo immer er konnte. Und inzwischen konnte ich meinen Job aufgeben, um mich ganz aufs Schreiben zu konzen-trieren, was einfach wunderbar ist.


Die Idee zu ihrem Buch erhielten Sie, nachdem Sie eine Ausgabe der Oprah-Winfrey-Show gesehen hatten. Können Sie uns erzählen, was Sie an dieser Sendung so sehr bewegt hat, dass Sie darüber schreiben wollten?

In der Show wurde die tragische Geschichte von Brenda Slaby geschildert, eine berufstätige Mutter von zwei Kindern. Brenda war mit ihren Verpflichtungen so überlastet, dass sie ihr Baby im Auto vergaß und zur Arbeit ging in der Annahme, sie hätte es bereits bei der Tagesmutter vorbeigebracht. Ein paar Stunden später starb das Baby unter der Augustsonne an einem Hitzeschlag. Ich verfolgte die Geschichte dieser armen Frau und dachte: Das hätte auch mir passieren können. Auch ich war früher so überlastet mit einem Vollzeitjob und kleinen Kindern, dass mir ein ähnlicher Fehler hätte unterlaufen können. Ich begann über all die Frauen nachzudenken, die sich in der gleichen Situation befinden wie ich und mit ihrem Alltag zu kämpfen haben, und fragte mich, wie es dazu kam, dass für uns alles derart außer Kontrolle geriet.


Sie trugen die Idee lange mit sich herum und überlegten, wie sie sie umsetzen könnten. Schließlich gab eine Begegnung auf dem Parkplatz eines Supermarkts den Anstoß zu Ihrem Thriller. Was war geschehen?

Die Geschichte von Brenda ließ mir keine Ruhe mehr und ich wollte unbedingt darüber schreiben. Aber ich fürchtete, ich könnte ihr nicht gerecht werden, weil ich Thrillerautorin bin. Bis mir eine Frau über den Weg lief, die ich schon eine Weile nicht mehr gesehen hatte und in deren Gegenwart ich mich immer minderwertig fühle.

Sie gehört zu diesen Frauen, die andere Frauen und ihre Kinder auf subtile Weise abwerten, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bietet. Als sie wieder wegging, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Was, wenn ich ausgerechnet ihr Kind verlieren würde? Was, wenn ich mit meiner Arbeit und den Kindern so überfordert wäre, dass ihr Kind unter meiner Obhut verloren ginge? Diese Vorstellung fand ich furchtbar.


Es ist ein schrecklicher Gedanke, dass das Kind einer Freundin verschwinden könnte, während man Verantwortung dafür trägt. Als Lisa Kallisto das in Ihrem Debütroman widerfährt, nimmt sie alle Schuld auf sich und engagiert sich bis zur Selbstaufgabe dafür, Lucinda, die Tochter ihrer Freundin Kate, wiederzufinden. Wie würden Sie Lisa charakterisieren?

Lisa ist eine ganz normale Frau aus der Arbeiterschicht, die jeden Tag ihr Bestes gibt, um über die Runden zu kommen. Sie ist liebevoll und treu, aber ihr großes Manko besteht darin, dass sie sich ihren Freunden unterlegen fühlt. Sie glaubt fest daran, dass ihre Freunde besser sind als sie selbst, nur weil sie so tun als ob.


Kate scheint im Gegensatz zu Lisa ihr Leben perfekt im Griff zu haben. Sie hat den Familienalltag optimal organisiert, fördert ihre Kinder nach Kräften, engagiert sich für die Schule und wirkt immer ausgeglichen. Ihr Haus ist geschmackvoll eingerichtet, sie selbst attraktiv und gepflegt. Warum lassen sich viele Frauen durch jemanden wie Kate so extrem unter Druck setzen?

Weil es verdammt anstrengend ist, Kinder großzuziehen! Wir alle haben phasenweise Probleme damit – ich fand die ersten Jahre unglaublich mühsam, weil ich innerhalb eines Jahres zwei Kinder zur Welt brachte. Mit Teenagern kann ich viel besser umgehen als mit Kleinkindern. Wenn wir einer Frau wie Kate begegnen, die scheinbar so spielend mit allem klarkommt, fühlen wir uns unzulänglich. Wir fühlen uns, als würden wir nicht genug tun. Kinder zu haben, kann sogar die souveränste Frau verletzlich machen und in ungeahnte Selbstzweifel stürzen. Und oft sind es die „Kates“ dieser Welt, die diese Gefühle in uns auslösen, indem sie uns unterschwellig ganz nebenbei zu verstehen geben: Ich habe es besser im Griff…


Neben Lisa gibt es eine andere Frau, die versucht, das Verschwinden Lucindas aufzuklären: Detective Constable Joanne Aspinall. Sie wirkt wie ein Gegenpol zur Sphäre der Mütter, in der sich Lisa bewegt. Können Sie die Polizistin etwas näher beschreiben?

Joanne ist gründlich, besonnen und eine scharfe Beobachterin menschlicher Verhaltensweisen. Sie hat keine Kinder und vielleicht versetzt sie das in die Lage, die Suche nach dem vermissten Mädchen systematischer und unvoreingenommener anzugehen. Joanne gibt sich taff und ist mit vollem Einsatz bei der Sache, wenngleich sie nicht dem Klischee der Polizeiermittlerin entspricht, die ausschließlich für ihren Beruf lebt. Ich wollte ihren Alltag realistisch darstellen – und habe es sehr genossen, ihn zu beschreiben.


Ihr Thriller spielt in einem kleinen Ort, in einer der landschaftlich reizvollsten Gegenden Englands: dem Lake District. Warum haben Sie sich für diesen Schauplatz entschieden?

Hier im Lake District gibt es eine faszinierende Mischung an Leuten. Die sehr Wohlhabenden leben Tür an Tür mit den Armen, und das erzeugt Spannungen. Nimmt man die Atmosphäre der Abgeschiedenheit in einem kleinen Provinznest hinzu, hat man einen großartigen Schauplatz für einen Thriller, weil unter diesen Bedingungen die Gefühle der Romanfiguren unter Druck geraten wie in einem Dampfkessel.


Ihr Roman hat Aufsehen erregt, weil in ihm starke Gesellschaftskritik mitschwingt. Welche Reaktionen haben Sie auf Ihr Debüt erhalten?

Die Leser aus dem Lake District haben sich sehr lobend geäußert, vermutlich weil ich ihre Gegend treffend beschrieben habe – aber natürlich glauben alle, irgendjemanden im Buch wiederzuerkennen! Leser von weiter weg haben angemerkt, die Romanfiguren kämen ihnen bekannt vor. Wir alle kennen jemanden wie Kate und Alexa – wir alle kennen begüterte Frauen, die sich verhalten, als seien sie etwas Besseres, was aber lediglich zeigt, dass die Menschen überall gleich sind.


Sie schreiben bereits an Ihrem nächsten Roman, in dem wir uns auf eine Wiederbegegnung mit Detective Constable Joanne Aspinall freuen dürfen. Können Sie schon etwas darüber verraten, worum es gehen wird und was Sie am Thrillergenre fasziniert?

Das neue Buch heißt “Keep Your Friends Close” und wirft die Frage auf: Was, wenn deine beste Freundin dein Leben stiehlt? DC Joanne Aspinall ist wieder mit von der Partie, aber sie hat diesmal eine andere Rolle – statt mit der Hauptfigur an einem Strang zu ziehen, ermittelt sie gegen sie.

Ob ich erklären kann, warum ich ausgerechnet Thriller schreibe, weiß ich nicht. Warum mag ich die Musik, die ich höre, oder die Speisen, die ich esse? Es ist einfach so, dass ich Thriller spannend finde. Ich mag die Idee des „das könnte Dir passieren“, und ich denke gern darüber nach, wie ich mich der jeweiligen Lage verhalten würde – ein ganz normaler Mensch in einer außergewöhnlichen Situation.

Unvorstellbar, dass mir das jemals langweilig werden könnte.


Das Interview führte Elke Kreil © Manhattan Verlag