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SPECIAL zu Chelsea Cain

Die Gretchenfrage

Rezension zu GRAZIE von Bianca Reineke

"Nun sag, wie hast du's mit der Religion?" fragt das arme Gretchen den Faust, der sie später ins Unglück stürzen wird. In Chelsea Cains Nerven zerfetzenden Romanen Furie und Grazie ist die Frau mit dem harmlos klingenden Namen Gretchen eine gefährliche Serienkillerin, und der Leser fragt sich, was sie dazu treibt.

Die erste weibliche Serienkillerin
Mit Gretchen Lowell hat die US-Amerikanerin (Jahrgang 1972) die erste weibliche Serienkillerin der Kriminalliteratur geschaffen und dabei mit gar nichts gespart: nicht mit Spannung, nicht mit bildgewaltiger Sprache, brillant gestalteten Protagonisten und auf keinen Fall mit grausamen Morden - beinahe zweihundert an der Zahl - die an Ekel erregender Brutalität ihresgleichen suchen. Selbst Hannibal Lecter würde sich vor der atemberaubend schönen Blondine verneigen und könnte noch eine Menge von ihr lernen. Wie man zehn Jahre lang die Polizei an der Nase herumführt zum Beispiel, oder wie man sich als vermeintliche Psychologin in das Ermittlerteam einschleicht und sämtliche Polizisten und Profiler auf immer neue und falsche Fährten lockt.

In Furie, dem ersten Teil der Romane um Gretchen Lowell entfaltet Chelsea Cain, die Tochter waschechter Hippie-Eltern, die als freie Autorin und preisgekrönte Verfasserin von Jugendbüchern arbeitete, bevor sie mit ihren Büchern um die attraktive Serienkillerin Furore machte, das erschreckende Psychogramm einer Besessenen.

Die Perfektion des Tötens
Gretchen Lowell liebt das Töten und hat es zu ihrer Profession gemacht. Sie legt dabei eine Perfektion und Hingabe an den Tag, die einen frösteln lässt. Nur beiläufig und quasi als Nebenstrang der Handlung, flicht Chelsea Cain ab und zu Details eines der vielen Mordfälle der tödlichen Schönen ein - aber die haben es jedes Mal in sich .

Gretchens Nemesis und Antipode ist Detective Archie Sheridan, ein ehrgeiziger Ermittler und liebevoller Ehemann und Familienvater, bis Gretchen auf den Plan tritt. Zwar sitzt die Serienkillerin schon zu Beginn des ersten Buches im Hochsicherheitstrakt des Staatsgefängnisses, doch in Rückblenden und Gesprächen offenbart sich dem Leser die grausige und unheimliche Symbiose der beiden.

Archie war Gretchens letztes Opfer. Unter ihrer bestialischen und diabolischen Folter erlitt er Höllenqualen, von denen ihn nur der Tod hätte erlösen können. Verstümmelt an Körper und Seele durch Gretchens psychologisch ausgefeilte Spielchen überlebt Archie zwar knapp, entkommt aber letztlich Gretchens perfider Macht nie ganz. Sie stellt sich seinen Kollegen, rettet ihn vor dem Tod und sitzt nun im Gefängnis. Doch während sie stolz und aufrecht in ihrer Zelle thront und von den Menschen mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu betrachtet wird, ist Archie für immer gefangen in der Erinnerung an die erlittenen Torturen. Denn die gemeinsam verbrachte Zeit und die hilflose Ohnmacht unter Gretchens Gewalt hat ihn auf ewig an seine Peinigerin gefesselt.

Gefährliche Faszination
Und so kann Archie ihrer Umklammerung, die sein Leben bestimmt, auch in Grazie nicht entkommen. Trotz seiner Entfremdung von Familie und Kollegen hat Archie zwar zurück ins Ehebett und in seinen Job gefunden, aber er ist trotzdem noch nicht in die Normalität zurückgekehrt. Um die ewigen Schmerzen seiner grauenhaften körperlichen Verletzungen ertragen zu können, ist er ebenso abhängig von verschreibungspflichtigen Medikamenten wie von den wöchentlichen Besuchen bei Gretchen. Denn nur ihm offenbart sie regelmäßig die Namen und Fundorte ihrer zahllosen Opfer, und so gibt es jeden Sonntag eine weitere Familie, die einen vermissten Angehörigen betrauern und schließlich auch begraben kann. Doch langsam, ganz langsam beginnt Archie Sheridan sich von Gretchens Einfluss zu befreien und kehrt unendlich vorsichtig in sein altes Leben zurück.

Als die Polizei drei Leichen in einem Park findet und die Angst vor einem neuen Serienmörder die Runde macht, konzentriert sich Archie wieder auf seinen Beruf, bemüht sich schließlich, seine Peinigerin zu vergessen und stürzt sich in die Ermittlungen. Doch die hochintelligente Mörderin spürt, wie ihr das treue und kostbarste Opfer zu entgleiten droht - und schlägt erneut zu. Sie inszeniert einen Übergriff und erzwingt so ihre Verlegung in ein anderes Gefängnis. Dabei gelingt ihr die Flucht, und ihr neues Spiel beginnt. Archie begreift Gretchens geschickten Plan schnell und kann sich ihrem Sog doch nicht entziehen. Freiwillig begibt er sich wieder in ihre Hand und scheint für immer verloren. Doch als die beiden in einer Berghütte von Waldbränden eingeschlossen sind und jeder Ausweg aussichtslos erscheint, spielt Archie seinen letzten Trumpf aus.

Unermessliches Grauen
Chelsea Cain hat mit Grazie einen außergewöhnlichen Thriller verfasst, der nahtlos an seinen Vorgänger Furie anknüpft und sehnsüchtig auf Teil 3 der Trilogie warten lässt. Wer einmal in den Sog der Geschichte geraten ist, taucht tief in den Plot und die Charaktere ein und findet nur schwer wieder zurück in die Realität. Die Autorin versteht es meisterhaft, das unermessliche Grauen, den Horror und die gnadenlose Brutalität zu schildern, die unerbittlich in den normalen Alltag durchschnittlicher Menschen dringt. Gretchen Lowells Taten sind derart schauerlich, kaltblütig und barbarisch, dass ihr engelsgleiches Aussehen und ihre gewählte Ausdrucksweise wie ein Schlag ins Gesicht sind. Wer sie sieht, erliegt ihrer Faszination und ekelt sich anschließend vor sich selbst, denn wer kann es schon vor sich selbst rechtfertigen, von einer kaltblütigen Massenmörderin verzaubert zu sein?

Archie Sheridans unauflösliche Bindung an seine bestialische Despotin nährt sich aus derselben Mischung von Abscheu und Faszination. Er ist ihr dankbar, dass sie das Töten aufgab und für ihn ins Gefängnis ging und wird gepeinigt von brennenden Schuldgefühlen, weil er Gretchens wahres Ich nicht erkannt hat - bis es zu spät war.

Bis zum Gefrierpunkt
Neben der hoch spannenden und mitreißenden Geschichte um Archie und Gretchen spinnt Chelsea Cain in Grazie einen parallelen Krimiplot ein, in dem es um Politik, Macht und Sex geht und dessen tödliche Spirale einige Beteiligte in den Abgrund zu ziehen droht.

Die Ermittler um Archie Sheridan und die junge Journalistin Susan Ward, die schon in Furie auftauchte und zum Dreh- und Angelpunkt wurde, untersuchen die Morde an den drei unbekannten Leichen im Park, bis sich alles Geschehene nur noch auf einen einzigen Punkt zu konzentrieren scheint und die fieberhafte Suche nur noch ein Ziel hat: Archie und Gretchen.

Ein Buch wie ein Kopfsprung in einen See voller Eiswasser: der Atem stockt, die Haut droht zu gefrieren und nur das schnelle Auftauchen an die Oberfläche verheißt Rettung.

Bianca Reineke
Cuxhaven, März 2008

Grazie Blick ins Buch

Chelsea Cain

Grazie

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