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SPECIAL zu Jagdish N. Bhagwati »Die Verteidigung der Globalisierung«

Kritik an der Globalisierungskritik

Rezension von Karl Hafner

Der Wirtschaftswissenschaftler Jagdish Bhagwati zeigt in seinem Buch „Die Verteidigung der Globalisierung“ den positiven Einfluss eines offenen Welthandels.

Streiten und hadern mag man darüber ewig, doch sicher ist: Das Thema Globalisierung wird die Welt in den nächsten Jahrzehnten in weiter zunehmendem Maße beschäftigen. Der Begriff der Globalisierung ist für viele Menschen mittlerweile zu einem Schimpfwort geworden. Die reichen Länder würden immer reicher, die Armen immer ärmer. Der Abbau von Handelsschranken würde die Kinderarbeit begünstigen, Frauen aus den armen Teilen der Welt würden von ihren Familien getrennt, um für einen Hungerlohn irgendwo anders Tag und Nacht zu schuften und überhaupt regierten sowieso nur die multinationalen Konzerne. Von Demokratie könne da überhaupt keine Rede mehr sein. Stattdessen herrsche zu allem Überfluss auch noch ein kultureller Imperialismus.

Wirtschaftswissenschaftlern sind solche Aussagen oft ein Dorn im Auge. Sie halten sie größtenteils sogar für falsch, versuchen den Gegenbeweis anzutreten und erreichen bei den Globalisierungskritikern meist - nichts. Schließlich sind denen auch viele Wirtschaftswissenschaftler suspekt, weil sie freie Märkte fordern. Man sehe ja in der dritten Welt, in den Krisenregionen, an den Hungerkatastrophen, wohin das führt.

Globalisierung mit menschlichem Antlitz
Der renommierte Wirtschaftswissenschafter Jagdish Bhagwati unternimmt in seinem Buch „Die Verteidigung der Globalisierung“ den komplizierten Versuch, all diese Kritiker von den Vorzügen der Globalisierung zu überzeugen. Bhagwati ist der Meinung, man müsse der Globalisierung gar kein „menschliches Antlitz“ mehr verleihen, denn die Globalisierung habe dieses Antlitz bei genauerem Studium der Fakten bereits. Sie sei eben nicht für all die zu Recht angeprangerten Missstände in der Welt verantwortlich. Im Gegenteil: Die Prozesse der Globalisierung würden in vielen Fällen sogar zu einer Verbesserung der Lage in armen Ländern führen. Davon gelte es, die Globalisierungskritiker zu überzeugen, um letzten Endes die Probleme der Armut, des Hungers oder der Ausbeutung effektiv bekämpfen zu können.

Bhagwati weiß natürlich, dass er damit nie „die hartgesottenen Protestierer“ erreichen kann, die den Kapitalismus als Wurzel allen Übels mit Gewalt bekämpfen. Er richtet sich vielmehr an die vielen Globalisierungskritiker, „deren Unzufriedenheit sich innerhalb der Parameter üblicher Meinungsverschiedenheiten und Diskurse bewegt“, an Organisationen, die wichtige Arbeit, etwa im Bereich Frauenrechte, Hungerhilfe, usw. leisten, aber oft Ursache und Wirkung verwechselten.

Offene Märkte, der Abbau von Handelsschranken, sind aus Sicht Bhagwati's der erste Schritt zu einer Verbesserung der sozialen und ökonomischen Lage. Bhagwati geht sorgfältig und geduldig auf die Argumente ein und versucht sie mit zahlreichen Studien und Anekdoten zu widerlegen. Er wolle das menschliche Antlitz der Globalisierung noch sympathischer machen, schreibt er, und tatsächlich gelingt es ihm wesentlich besser als den meisten Verfechtern des freien Handels auch die sozialen und kulturellen Anliegen der Globalisierung zu verorten und somit das wirtschaftsliberale Paradigma mit sozialen Anliegen zu versöhnen.

Armut als Grund allen Übels
Bhagwati gründet seinen Optimismus auf eine einfache Formel: Die Globalisierung führe zu ökonomischem Wachstum in den teilhabenden Ländern. Ökonomisches Wachstum wiederum reduziere Armut und somit das Schlimmste aller Übel. Soziale Standards, Demokratisierungsprozesse, Verbesserung der Rechte für Arbeiter, Frauen und Kinder würden folgen, wenn erst einmal die bittere Armut überwunden sei.

Als Beispiel führt Bhagwati hier seine Arbeit als junger Ökonom in seinem Geburtsland Indien vor 40 Jahren an. Damals haben er und andere Wissenschaftler herausgefunden, dass nicht die Umverteilung von Reichtum Armut verringert. Viel effektiver und nachhaltiger ist die Schaffung von neuem Reichtum. Um das dafür notwendige Wachstum zu erreichen, ist laut Bhagwati ein freier Außenhandel nötig, was Zahlen im Falle Indiens eindrücklich belegen.

Über drei Jahrzehnte schottete sich Indiens Wirtschaft weitgehend von anderen Nationen ab. Das Wirtschaftswachstum betrug in dieser Zeit vier Prozent pro Jahr und die Armutsrate pendelte sich auf 55 Prozent der Bevölkerung ein. In den letzten beiden Jahrzehnten nach der Öffnung der Märkte stieg das jährliche Wachstum jedoch auf 5 Prozent, die Anzahl der Armen sank in der gleichen Zeit von 55 auf 26 Prozent der Bevölkerung im Jahr 2000.

Ähnliches durfte auch China erfahren. Mit der Liberalisierung der Märkte begann ein spektakulärer Aufschwung der Wirtschaft und die Armutsrate sank von 28 auf 9 Prozent. Sicherlich sind Indien und China zwei besonders spektakuläre Beispiele, jedoch gilt das Grundprinzip laut Bhagwati immer. Die ärmsten Länder der Welt bräuchten deshalb nicht, wie von Kritikern gerne gefordert, weniger Globalisierung, sondern mehr.

Die Bekämpfung von Kinderarbeit
Armut ist auch der Grund für die Existenz von Kinderarbeit. Auch arme Eltern wünschen sich natürlich - ebenso wie reiche Eltern - nur das Beste für ihre Kinder. Nur aufgrund von finanziellen Nöten würden arme Eltern ihre Kinder zum Arbeiten anstatt in die Schule schicken, da sie keine andere Wahl haben. Schließlich ist das allererste Grundbedürfnis das Überleben, genug Nahrung, dann erst kommt die Bildung. Sobald das Überleben gesichert ist, schicken arme Eltern ihre Kinder sofort wieder in die Schule.

Diese Tatsache tritt beispielsweise in einer Studie zu der Entwicklung von Reis-Preisen in Vietnam zutage. Sobald das Einkommen durch die Öffnung der Märkte und die damit entstandene Möglichkeit des Reisexports soweit gestiegen war, dass eine Grundsicherung der Familie gewährleistet werden konnte, schickten auch die armen Eltern ihre Kinder wieder in den Unterricht - als Erstes in den meisten Fällen ihre älteste Tochter.

Der Kampf gegen Kinderarbeit muss mit dem Kampf gegen Armut beginnen. Die Umkehr von Ursache und Wirkung könnte zu bitteren Nebeneffekten führen. Bhagwati nennt hier den Fall der Textilindustrie in Bangladesch im Jahr 1993. Der amerikanische Kongress beriet über ein Gesetz, das den Import von Kleidung untersagen sollte, die von Kindern gefertigt wurde. Bangladeschs Textilindustrie reagierte sofort und setzte 50000 Kinderarbeiter auf die Straße. Die wenigsten dieser Kinder gingen danach in die Schule. Viele landeten stattdessen in der Prostitution. Letzten Endes war nur dem Gewissen der westlichen Welt geholfen. Die „befreiten“ Kinder fanden sich in vielen Fällen in weit übleren Abhängigkeitsverhältnissen als zuvor.

Lobbyismus an den Finanzmärkten
Während Bhagwati den freien Handel mit Waren als positiv treibende Kraft der Globalisierung einstuft, ist er bei den Mechanismen des freien Kapitalflusses ein gutes Stück skeptischer. Hier ist er durchaus der Meinung, dass kurzfristige Kapitalströme aufstrebende Ökonomien destabilisieren können. So kritisiert Bhagwati etwa den Druck, den unter anderem der Internationale Währungsfond auf asiatische Wirtschaften ausgeübt hat, ihre Kapitalmärkte zu öffnen. Nachdem westliche Banken anfangs kräftig investiert hatten, zogen sie ihr Geld schleunigst zurück, als sich die wirtschaftlichen Aussichten verschlechterten - mit dem Ergebnis einer verheerenden Finanzkrise in diesen Ländern. Der Lobbyismus vieler Wall-Street-Firmen aus rein gewinnorientierten Interessen habe dazu geführt, dass Asiens Finanzmärkte zu früh geöffnet worden waren, so Bhagwati .

Bhagwati sieht nicht überall Gold, wo es glänzt. Er nimmt die negativen Auswirkungen der Globalisierung ernst, doch stellt er meist auch sofort klar, dass diese Auswirkungen nichts mit dem Prinzip eines freien Handels zu tun haben. Wenn etwa die Welthandelsorganisation großen Pharmakonzernen gewährleistet, dass ihre Patente auf Medikamente geschützt würden, obwohl das nachweislich schlimmste Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern hat, dann ist das Lobbyismus und hat nichts mit freiem Handel zu tun.

Die Globalisierung angemessen gestalten
Da Bhagwati die globalisierte Welt auf einem richtigen Weg sieht, geht es seiner Meinung nach vor allem darum, die positiven Auswirkungen der Globalisierung zu fördern. Man müsse eine angemessene Governance finden, die Prozesse der Globalisierung so planvoll zu gestalten, dass am Ende das bestmögliche Ergebnis erreicht wird.

An dieser Stelle sieht er auch eine wichtige Aufgabe der Zivilgesellschaft mit ihren zahlreichen, oft globalisierungskritischen, Non-Gouvernmental Organizations (NGO). Diese könnten beispielsweise als Augen und Ohren des Gesetzes vor Ort fungieren und mit ihren Spezialkenntnissen für die Einhaltung gesetzlicher Standards kämpfen, Regierungen über Missstände informieren, die sonst nicht nach oben durchdringen würden oder Anwälte für verarmte Kläger finanzieren.

Doch auch internationale Organisationen wie die Weltbank sieht Bhagwati in der Pflicht. Diese müsste beispielsweise Anpassungshilfen, etwa im sozialen Bereich oder im Bereich der Bildung, finanzieren, wenn Länder an der Schwelle zum freien Markt stehen, um wirtschaftliche und politische Risiken zu mindern.

Ob Bhagwati mit diesem Buch tatsächlich sein Ziel erreicht, zumindest einen Teil der Globalisierungskritiker vom Gegenteil zu überzeugen, sei dahingestellt. Auf jeden Fall ist „Die Verteidigung der Globalisierung“ ein Buch, das sowohl überzeugte Befürworter eines freien Welthandels als auch entschiedene Gegner mit großem Gewinn lesen können und sollten. Bhagwati sucht den Dialog, die Diskussion und ist dabei sehr genau und überzeugend. Ihn zu widerlegen, würde auf jeden Fall eine Menge Arbeit bedeuten. Ob es dann gelingt, ist trotzdem fraglich.

Karl Hafner
München, August 2008