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Sebastian Herrmann: Der Krankheitswahn

Sebastian Herrmann,

Jahrgang 1974, hat Politik, Geschichte und Psychologie in München und Edinburgh studiert und ist 1996 in den Journalismus eingestiegen. Er ist Wissenschaftsredakteur bei der SZ und Autor mehrerer Bücher. Sein Credo: Wir sind gesünder, als wir uns fühlen und die Industrie uns glauben lässt!

Ein Wunder, dass wir überhaupt noch am Leben sind! Die alltäglichsten Dinge bedrohen uns. Weizen entwickelt sich zum Superschurken. Immer mehr Menschen glauben, dass sie glutenintolerant sind. Laktosefreie Milch ist längst kein Nischenprodukt mehr. Wir fürchten uns vor Giftstoffen, die in Regen- und Kinderkleidung auf uns lauern. Handystrahlung, Handymasten und WLAN – dieser ganze Elektrosmog bringt uns noch ins Grab!

In unserem Interview befragen wir Sebastian Herrmann zu seinem Buch. Er sagt: »Es sind nicht die Dinge selbst, die uns krank machen. Vielmehr ist es unsere Angst davor krank zu werden, an der wir leiden.« Sebastian Herrmann zeigt, dass wir in Wahrheit gesünder leben als je zuvor –und was wir tun können um ein entspanntes Verhältnis zur eigenen Gesundheit zu erlangen.



Lieber Herr Herrmann, in Ihrem neuen Buch „Der Krankheitswahn“ schreiben Sie unter anderem, dass die Menschen in unserer Gesellschaft „wahnhaft“ danach streben, „gesund zu leben“. Was (und wen genau) meinen Sie mit dieser Diagnose?

Zu einem gewissen Grad meine ich damit uns alle. Wir werden gebetsmühlenartig ermahnt, dass wir uns mehr um unsere Gesundheit kümmern müssen: Mehr Bewegung, gesündere Ernährung, besserer Schlaf, regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung und so weiter. Dabei drängt sich der Eindruck auf, als wäre unsere Gesundheit permanent akut bedroht, als wären wir heute in besonderem Maße krank. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Wir waren als Gesellschaft noch nie in unserer Geschichte so gesund und fit wie heute. Weil wir aber permanent mit Warnung und Sorgen konfrontiert werden, fühlt sich das nicht so an. Wir haben ständig Angst, dass wir krank werden könnten – das zerstört nicht nur unsere Gelassenheit und Lebensfreude, sondern lässt uns tatsächlich leiden. Die ständigen Aufrufe, ein besseres Leben zu führen und die ständigen Warnungen vor dem nächsten bösen Gift oder dem nächsten angeblich ungesunden Lebensmittel verängstigen uns. Und so versuchen wir alle irgendwie gesund zu leben und fühlen uns dabei aber absurderweise immer kränker.

Warum ist jetzt gerade die richtige Zeit, um unser Verhältnis zu den Themen Gesundheit und Krankheit zu hinterfragen?

Weil unser kompletter Alltag vom Dogma des gesunden Lebens durchdrungen ist. Neulich war ich in der Bäckerei, die in der Nähe unseres Hauses liegt, eine kleine, gute Bio-Bäckerei. Als ich da ein Vollkornbrot gekauft habe, hat mich die Verkäuferin sorgenschwer angesehen und dann gesagt: „Sie wissen aber schon, dass da Weizen drin ist?!“ Und prompt muss man sich fragen, ob Weizen jetzt irgendwie gefährlich ist. Obwohl man nur ein Vollkornbrot kaufen wollte. Tatsächlich ist das gerade Mode, sich vor Weizen zu fürchten. Das ist aus dem ganzen Hype um das vermeintlich böse Gluten entstanden, das plötzlich niemand mehr vertragen soll. Solche Situationen sind heute allgegenwärtig: Permanent wird man im Alltag damit konfrontiert, dass etwas gesundheitsschädlich sein könnte, sogar Grundnahrungsmittel wie Getreide. Das hat in den vergangenen Jahren extrem zugenommen.

Was sind die größten Gesundheitssorgen unserer Zeit?

Die stärksten Sorgen verknüpfen sich mit der Ernährung. Wir fürchten uns vor Produkten, die aus konventionellem Anbau stammen, weil wir glauben, dass diese voller Pestizide seien. Wir ängstigen uns vor Laktose, weil ja so viele Menschen behaupten, dass ihr Körper keine Milch vertrage. Salz gilt als gefährlicher Killer, Zucker als üble Droge und Fett als schlimmer Dickmacher, der einem einen Herzinfarkt quasi garantiert.

Gibt es besonders gefährliche „Irrungen und Wirrungen“ beim Thema Gesundheit?

Besonders gefährlich wird es, wenn Menschen durch absurde Sorgen hohe Risiken eingehen oder gar andere gefährden. Das zeigt sich zum Beispiel in der aktuellen Impfdebatte. Da fürchten sich Eltern – die ja trotzdem nur das Beste für ihre Kinder wollen – vor Impfstoffen und nehmen dafür das um ein vielfaches größere Risiko in Kauf, dass ihre Kinder ernsthafte Komplikationen durch die Krankheit erleiden. Und sie gefährden andere Menschen, die sich teils aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können.
Gefährlich wird es auch, wenn Patienten unnötig Medikamente einnehmen sollen, weil etwa Grenzwerte für Blutzucker oder andere Parameter gesenkt wurden und sie plötzlich als krank gelten, obwohl sie keine Symptome spüren.

Wer trägt die Verantwortung dafür, dass Gesundheitssorgen so sehr in Mode sind?

Mit Gesundheitssorgen lässt sich prima Geld verdienen. Deswegen ist das Thema für die Industrie ja so interessant. Sorgen zu schüren und nebenbei die Lösung aller Probleme zu verkaufen, ist nicht nur das Geschäftsmodell der Lebensmittel- und Pharmakonzerne. Nach dem gleichen Muster arbeiten auch Heilpraktiker, der ganze Alternativmedizinkomplex, die unzähligen Ernährungsgurus und die Lifestyleindustrie, die uns mit dem ewig unerreichbaren Traum vom erfolgreichen Leben ködert, in dem nichts als Schönheit, Gesundheit, Reichtum und Glückseligkeit auf uns warten. Wir selbst als Konsumenten und Patienten müssen uns aber fragen, warum wir so anfällig für Gesundheitssorgen sind und den Warnungen und Versprechen der Industrie so leicht auf den Leim gehen. Dazu müssen wir uns unserer Psyche zuwenden, um das zu verstehen. Das erkläre ich in meinem Buch.

Was müssen wir tun, um unser Verhältnis zur Gesundheit zu ändern?

Wir sollten uns schlicht weniger mit unserer Gesundheit beschäftigen. Wer keine Symptome spürt, der braucht auch keine Medizin. Wir jung und fit ist, der sollte nicht danach streben, sich und seinen Körper zu perfektionieren. Denn wer sich zu viel mit seiner Gesundheit beschäftigt, der fokussiert sich ganz automatisch auf negative Empfindungen. Und auf einmal bemerkt man ein Ziehen im Brustkorb, ein Zwicken im Rücken oder sonstige Symptome und beginnt sich zu sorgen. Wir sollten uns viel weniger mit unserer Gesundheit beschäftigen und stattdessen unsere Zeit mit schönen Dingen verbringen - mit Freunden und Familie, mit Büchern, Filmen oder Musik. Und Essen lässt sich übrigens auch genießen. Dazu darf man sich nur nicht ständig fragen, ob das jetzt gesund oder ungesund ist.

Viele Menschen informieren sich via Internet über Krankheiten und Symptome. Können Sie diese Vorgehensweise empfehlen?

Um Gottes willen, lassen Sie das bloß sein! Ärzte sprechen ja gelegentlich von „Morbus Google“ – der Google-Krankheit. Wenn Sie im Internet beginnen, nach Krankheiten und Symptomen zu forschen, wird das ihre Ängste verstärken. Da versucht man eine Erklärung für den leichten Schwindel zu finden und ist danach überzeugt, dass man mindestens an Krebs leidet.

Wann kann sich ein Mensch aus Ihrer Sicht gesund nennen?

Gesundheit ist ein seltsamer Zustand, der sehr schwer zu definieren ist. Ich glaube, dass derjenige gesund ist, der keine akuten Beschwerden hat und nicht über seine Gesundheit nachdenkt. Es ist ein wenig wie beim Glück: Das stellt sich ja ein, wenn man es nicht bewusst jagt, sondern wenn man etwas um seiner selbst willen tut. Ich glaube, das ist bei der Gesundheit ähnlich.

Der Krankheitswahn Blick ins Buch

Sebastian Herrmann

Der Krankheitswahn

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