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„Den Augenblick, in dem Interesse zur Obsession wird, kann man manchmal genau bestimmen.“

Die führende Seidendesignerin des 18. Jahrhunderts inspirierte Sonia Velton zu ihrem Romandebüt „Die Frau im Seidenkleid”

“Die Frau im Seidenkleid” ist Ihr vielbeachtetes literarisches Debüt. Wie kamen Sie als frühere Anwältin und Mutter dreier Kinder auf die Idee, einen Roman zu schreiben?
Not macht erfinderisch, heißt es, und ich glaube, das trifft für meinen Traum, einen Roman zu schreiben, haargenau zu. Ich habe als Anwältin in London gearbeitet, zunächst auf dem Gebiet des Körperschaftsrechts (was ich gehasst habe!), danach als Anwältin für Anti-Diskriminierung. Das verschaffte mir zwar etwas größere Zufriedenheit, aber nichtsdestotrotz fühlte ich mich von der Arbeit unerfüllt. Ich langweilte mich ein bisschen und war als Juristin desillusioniert, daher überlegte ich, was ich sonst noch tun könnte. Dann zog ich in die Nähe des Londoner Stadtteils Spitalfields, und je mehr ich über diese Gegend und ihre Geschichte herausfand, desto stärker wurde meine Überzeugung, dass jemand darüber ein Buch schreiben musste!

Und meine drei Kinder lieferten mir die Ausrede, warum ich dafür eine Weile brauchte…

Ihr Roman ist im 18. Jahrhundert in Spitalfields in einer Gemeinde hugenottischer Seidenweber angesiedelt. Was hat Sie an Epoche und Schauplatz derart fasziniert, dass Sie „Die Frau im Seidenkleid“ dorthin versetzt haben?

Ursprünglich entstand die Idee zum Roman, als ich zum ersten Mal die Straßen von Spitalfields entlanglief, die von der georgianischen Zeit geprägt sind. Beim Hinaufblicken bemerkte ich in den Dächern der hohen Stadthäuser große Fenster. Ich fand heraus, dass diese Fenster möglichst viel Licht für die Seidenweber hereinlassen sollten, die oben in den Mansarden an ihren Webstühlen arbeiteten. Mich fesselte die Vorstellung, dass im Dachgeschoss dieser prächtigen Häuser Handwerksgesellen damit beschäftigt gewesen waren, die aufwändigsten und auserlesensten Seidenstoffe herzustellen.

Je mehr ich über die Geschichte der hugenottischen Seidenweber herausfand, die im 18. Jahrhundert in Spitalfields gelebt hatten, desto mehr fühlte ich mich davon in vielerlei Hinsicht angesprochen. Ich arbeitete damals gerade als Anwältin für Arbeitsrecht und Gleichstellung, daher interessierte mich die Geschichte der hugenottischen Einwanderer im Londoner East End sehr. Dann erfuhr ich von der Auseinandersetzung zwischen den Webergesellen und ihren Meistern, die in Aufständen gipfelte, und dem Umstand, dass die Webergesellen die Pioniere der Gewerkschaftsbewegung gewesen waren. Da viele meiner damaligen Klienten Gewerkschaften waren, hat dies die Arbeitsrechtlerin in mir angesprochen…

Danach stieß ich auf eine blaue Gedenktafel an einem Haus in der Princelet Street mit der Aufschrift Anna Maria Garthwaite, designer of Spitalfields Silks lived and worked here. Mich begeisterte der Gedanke, dass eine Frau die führende Designerin der wunderschönen gemusterten Seidenstoffe aus dem 18. Jahrhundert gewesen war. Allmählich bildete sich in meiner Fantasie die Hausgemeinschaft der Thorels heraus. In deren Zentrum stand Esther Thorel, die Ehefrau eines begabten Webermeisters, die selbst den Ehrgeiz entwickelte, ein perfektes Seidenmuster zu entwerfen und in Stoff gewebt zu sehen.

Esther Thorel, eine der Hauptfiguren Ihres Romans, geht teilweise auf Anna Maria Garthwaite zurück, die führende Seidendesignerin ihrer Zeit. Können Sie uns etwas mehr über Ihre Faszination für Anna Maria Garthwaite, ihre Malerei und ihre kunstvollen Webmuster erzählen?

Sobald ich von Anna Maria Garthwaite erfuhr, wollte ich ihre Seidenentwürfe mit eigenen Augen sehen. Den Augenblick, in dem Interesse zur Obsession wird, kann man manchmal genau bestimmen, und bei mir war es der Tag, an dem ich im Victoria and Albert Museum Garthwaites filigrane Blumenaquarelle zusammen mit den Seidenstoffe zu Gesicht bekam, die nach ihren Entwürfen gefertigt worden waren.

Ich wollte alles über diese Frau wissen, die nicht nur so ungeheuer begabt, sondern obendrein fähig gewesen war, in der von Männern beherrschten Seidenweberei des 18. Jahrhunderts derart erfolgreich Vertriebswege für ihre Stoffe zu erschließen. Leider ist nur wenig über sie bekannt. Wir wissen, dass sie bereits Anfang vierzig war, als sie sich in Spitalfields niederließ, dass sie immer ledig blieb und mit ihrer Schwester sowie ihrem gemeinsamen Mündel zusammenlebte. Einzelheiten, etwa wie sie es bewerkstelligte, ihre Aquarellzeichnungen in Muster für Seidenwebstühle umzusetzen, sind offenbar nicht dokumentiert worden.

Obwohl es wunderbar gewesen wäre, mehr handwerkliche Details über Garthwaite zu erfahren, reichte für den Roman die Hinterlassenschaft ihrer Aquarelle und Seidenstoffe aus. Als ich darüber schrieb, wie Esther Thorel ihre eigenen Seidenmuster entwarf, wusste ich, dass es gar nicht so abwegig war, dass eine kunstsinnige und begabte Frau im 18. Jahrhundert diesen Ehrgeiz und Erfolg haben könnte.

Ihr Roman spielt vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen den Webergesellen und ihren Meistern. Worum ging es in diesen Auseinandersetzungen?

Spitalfields avancierte zu einer der weltweit bedeutendsten Produktionsstätten für aufwändig gemusterte Seidenstoffe. Doch leider dauerte die Hochblüte der Seide aus Spitalfields nicht ewig. Der Wirtschaftszweig wurde von preisgünstigeren Importstoffen wie bedruckten Baumwollstoffen aus Indien bedroht. Die Gewinne der Meister brachen ein und infolgedessen bezahlten sie die Gesellen schlechter für ihre Arbeit. Daraufhin gründeten die Gesellen gesetzeswidrige „Verbindungen“, im Grunde so etwas wie Vorläufer von Gewerkschaften, um die Meister dazu zu verpflichten, ihnen einen Mindeststückpreis für die Seide zu zahlen, und sie erhoben zur Finanzierung ihrer Leistungen einen Beitrag. Das schuf den Nährboden für schwerwiegende Auseinandersetzungen, die (wie so oft im 18. Jahrhundert) in Racheaktionen und Krawalle mündeten.

Ihr Roman beruht auf fundierter historischer Recherche. Wo haben Sie Quellen und Dokumente gefunden, wie lange haben Sie für Ihre Recherche gebraucht und haben Sie dabei etwas Überraschendes entdeckt?

Da viele Texte über die Hugenotten und die Geschichte von Spitalfields verfügbar sind, bestand meine Recherche größtenteils darin, so viel wie möglich über diese Themen zu lesen. Und ich besuchte etliche Museen: das Victoria and Albert Museum, das Museum of London, das Sir John Soane´s Museum, das Dennis Severs´ House und das Foundling Hospital, um nur einige zu nennen!

Mit am schwierigsten erwies sich bei der Recherche die Kunst der Seidengestaltung und
-weberei. Sie ist handwerklich äußerst anspruchsvoll, und ich fand es kompliziert, in Worte zu fassen, wie ein Aquarellgemälde auf kariertem Papier in eine Anleitung für einen Webstuhl übertragen werden konnte und wie die Latzen, Zampel, Litzen und Fäden unter der Führung des Webers zusammenwirken, um eine gemusterte Seide nach einem so aufwändigen Entwurf und in solcher Farbvielfalt hervorzubringen. Sogar nach Abschluss meiner Recherchen war ich mir immer noch nicht sicher, ob ich tatsächlich gewusst hätte, was zu tun ist, wenn man mich vor einen Webstuhl gesetzt und mir ein Schiffchen in die Hand gedrückt hätte.

Überraschend war für mich, welche Bedeutung getrocknete, gemahlene Biberhoden bei der Empfängisverhütung im 18. Jahrhundert gespielt haben dürften, aber leider fand ich dafür im Roman keinen Platz.

Neben Ester Thorel gibt es eine zweite Hauptfigur: Sara Kent. Sie arbeitet als Hausmädchen bei den Thorels, nachdem Esther sie aus einem Bordell gerettet hat. Worin liegt für Sie der Reiz, Ihre Geschichte wechselweise aus Saras und Esthers Perspektive zu erzählen?

Indem ich in jedem Kapitel den Blick wechsle, konnte ich ausloten, wie die Frauen sich gegenseitig wahrnehmen und wie es kommt, dass sie dieselben Situationen oder Ereignisse ganz unterschiedlich erleben. Da Saras und Esthers soziale Stellung sich deutlich unterscheidet, erfahren wir von Sara, wie es in den Küchen, Wirtshäusern, Bordellen und beengten Dachkammern der Gesellenhäuschen zugeht.

Außerdem wurde das Schreiben dadurch abwechslungsreicher. Ich bemühte mich, jeden Tag ein Kapitel abzuschließen, und konnte auf diese Weise jeden Morgen eine neue Perspektive einnehmen.

Haben Sie schon Ideen für ein neues Buch?

Ja, ich arbeite gerade an einem neuen Roman, der wieder aus dem Blickwinkel zweier Frauen erzählt wird. Er beschäftigt sich mit Fragen der Identität und damit, wie wir uns selbst und andere wahrnehmen. Außerdem habe ich eine Geschichte im Sinn, die im 18. Jahrhundert in London angesiedelt ist und auf ein faszinierendes Objekt zurückgeht, das ich zufällig im Museum of Childhood in Bethnal Green entdeckt habe. Doch das könnte mein drittes Buch werden…

© Goldmann Verlag
Interview: Elke Kreil

Die Frau im Seidenkleid

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