Thomas Elbel: Der Todesbruder

Thomas Elbel im Interview zu seinem neuen Krimi »Der Todesbruder«

Ein neuer Fall für Viktor Puppe, den abgebrühten Ermittler vom Berliner LKA.

Thomas Elbel
© Harry Schnitger
Eine kurze Biographie:
Ich bin 1968 in Marburg zur Welt gekommen, wo sich meine Eltern beim Jurastudium kennengelernt haben. Mein Hauptberuf war mir also beidseitig in die Wiege gelegt. Tatsächlich waren Strafakten – meine Mutter war Richterin, mein Vater Staatsanwalt – häufig Tischgespräch, sodass ich mich schon als Teenager mit recht exotischen Fragestellungen konfrontiert sah, zum Beispiel wie viel Schaden eine Schrotflinte in einem Gesicht verursachen kann, wenn sie aus einem Meter Entfernung abgefeuert wird.
Ansonsten war meine Kindheit sehr beschaulich. Niedersächsische Kleinstadt, kirchliches Gymnasium, Theater AG, Schülerkneipe. Die eine Disco, wo du die ganze Stadt triffst. Im Sommer schwimmen im Baggersee, Schlittschuhlaufen im Winter. Aber irgendwo in unserer Umgebung passierten sie ... diese bösen Geschichten, die dann irgendwann auf den Schreibtischen meiner Eltern landeten.
Ich glaube David Lynch, der Regisseur von »Twin Peaks« hat einmal gesagt, der Cherry Pie, der in der Serie immer wieder auftaucht, sei eine Metapher für die Provinz, in der die Serie spielt: Einladend knusprig-glatte Oberfläche, aber darunter ein dunkler, schleimiger Sumpf. Auch wenn ich diesen verborgenen Orkus in meiner Kindheit nur im Spiegel der Akten meiner Eltern erkennen konnte, wusste ich, dass er irgendwo dort unter der sichtbaren Oberfläche kleinstädtischer Beschaulichkeit lauerte.
Noch heute ertappe ich mich dabei, wie ich manchmal stehenbleibe, vor einem einsamen Haus vielleicht, und mich frage, ob sich darin das Böse verbirgt.

Was ist Ihr gelernter Beruf?
Professor für öffentliches Recht an der Hochschule Osnabrück.

Würden Sie uns ein wenig von sich persönlich erzählen – von Ihren Hobbys, Ihrer aktuellen Lebenssituation, Ihrem Traum vom Glück …?
Ehemann, zweifacher Papa, Pendelprofessor, Sänger, Sportjunkie, Kreuzberger. Glück ist, danach streben zu dürfen. Ärgern tut mich, dass es in unserer Gegenwart so untrendy zu sein scheint, zu irgendetwas keine Meinung zu haben. Wenn ich mir eine Gabe wünschen würde, wäre es die Sicherheit, dass aus größerer Anstrengung auch immer ein besseres Ergebnis folgt.

Womit kann man Sie wütend machen und richtig auf die Palme bringen?
Dummheit. An der Tatsache, dass sich neulich einige Studenten irgendwie eine Lösungsskizze für eine meiner Klausuren besorgt haben, hat mich weniger geärgert, das gemogelt wurde, als vielmehr, dass die Mogler so eitel waren, vor den Studierenden, die die Lösungsskizze nicht hatten, damit zu prahlen, sodass dann alles hochkochte.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Atmen. Am besten langsam.

Wofür engagieren Sie sich?
Die NASA. Obwohl meine Chancen noch selbst mein Traumreiseziel, den Mars, zu betreten, langsam gen Null tendieren, fürchte ich.

Verraten Sie uns bitte fünf Dinge, die wir noch nicht über Sie wissen:
1. Ich hasse Telefonate. Mit Menschen sprechen zu müssen, ohne dabei ihre Gesichter sehen zu können, ist nicht Fortschritt, sondern Strafe.
2. Als Teenager war ich Mitglied der Punkband »Die bekifften Bakterien«.
3. Mindestens bis zu meiner Volljährigkeit sprach ich das Wort »Couch« als »Kuhsch « aus, weil ich dachte, es sei Französisch. Niemand hat mich je korrigiert.
4. Mir wurden schon einmal von einem SEK der Berliner Polizei Handschellen angelegt.
5. Zu guter Letzt: Ich habe eine magische Fähigkeit: Die komplette akustisch-visuelle Ausblendung meiner Umwelt. Sehr hilfreich beim Schreiben (»Tschuldigung, Schatz. Was hast du gerade gesagt?« »Du meinst vor einer Stunde? Da sagte ich, dein Ältester beschmiert gerade den Fernseher mit Erdbeereis und ob du ihm bitte Einhalt gebieten könntest, während ich den Jüngsten von seinem Schreianfall heile.« »Ah. Das hatte ich wohl nicht so richtig gehört.« »Macht nichts. Das Erdbeereis ist inzwischen auf die Stereoanlage weitergetropft. Kein Grund zur Panik. Schreib ruhig weiter.« »Alles klar. Danke.«

Wie kamen Sie zum Schreiben?
Irgendwie war mir immer klar, dass mir ein normaler Brotberuf nicht ausreichen würde. Umgekehrt war mir genauso klar, dass ich nicht dazu geeignet bin, ausschließlich künstlerisch tätig zu sein. Mein Ziel war also von vornherein ein Leben in zwei Welten. Angefangen habe ich erst mal mit den Paragraphen. Das Wachsenlassen des zweiten Standbeins war dann gar nicht so schwer. Juristen schreiben ja sowieso die ganze Zeit und nicht immer nur Dinge, die der Wirklichkeit entsprechen. Von Anspruchstellern, Beschuldigten und Antragsgegner zu Helden, Böse- und sonstigen Wichten ist der Weg gar nicht so weit, wie man denkt.

Was inspiriert Sie und wie finden Sie Ihre Themen?
Das Leben schreibt Geschichten. Man muss sie nur lesen können. Neulich spazierte ich mit meinen Söhnen auf meinem Lieblingsfriedhof herum und dabei an folgendem Grabstein vorbei:

»Zum ewigen Gedenken
Helga Kasuffke
geb. 1926
gest. ?«

Ja. Da stand wirklich ein Fragezeichen, und sofort springt meine Fantasie an. Wusste man nur nicht, wann sie gestorben ist oder vielleicht, ob sie überhaupt schon tot ist? Und falls letzteres: Warum? Ist sie vielleicht weggelaufen? Aber vor wem? Denen, die ihr den Grabstein gesetzt haben? Und was liegt dann eigentlich in dem Grab? Und schon fange ich an, mir Antworten auszudenken, die dann möglicherweise irgendwann in einem Buch landen.

Bitte fassen Sie in wenigen Sätzen Ihr aktuelles Buch zusammen:
Der Todesbruder ist der dritte Krimi aus der Viktor-Puppe-Reihe. Mein ungewollt adeliger Polizeikommissar Viktor von Puppe und sein schräger Kollege Ken Tokugawa werden mit dem Werk eines Serienkillers konfrontiert, der seine Morde nach Höllenstrafen aus Dantes »Göttlicher Komödie« inszeniert. Zugleich versucht ihre Ex-Partnerin und neue Chefin, die Deutschtürkin Begüm Duran, in ihre neue Führungsrolle hineinzuwachsen, als sie über die Leiche einer Journalistin stolpert, deren Vergewaltigung nur vorgetäuscht ist, um die wahre Todesursache zu verschleiern. Während Viktor und Ken bei der Jagd nach dem Serienmörder in ein dunkleres Kapitel des Katholizismus in Deutschland eintauchen, muss Begüm sich mit Ihrer Nemesis, der Rechtsmedizinerin Dr. Stella Samson zusammentun, um das dunkle Geheimnis des Mordes an der Journalistin zu lüften.

Was bzw. welche Szene darin war am schwierigsten zu schreiben?
Immer die Gewaltszenen. Sowas schreibe ich nicht gerne. Distanziert man sich beim Schreiben, so ist das beim Lesen spürbar. Taucht man ein und lässt das Schreckliche an sich heran, dann fühlt sich das nicht wirklich gut an.

Haben Sie eine Lieblingsszene?
Die Szene nach dem Prolog, wo sich ein Verbrechen anbahnt, das mit der Handlung eigentlich gar nichts zu tun hat, und im Ergebnis jemand über die erste Leiche des Serienmörders stolpert. Ich hatte die Szene in allen Einzelheiten vor Augen, obwohl sie an einem Ort spielt, den ich nur von Fotos kenne.

Haben Sie eine Lieblingsfigur?
Viele. Meine Krimis sind voll von Originalen und skurrilen Gestalten. Nicht nur mein Kommissarstrio ist eine wirklich außergewöhnliche, schräg-charmante Gang, auch wiederkehrende Nebenfiguren, wie die Gerichtsmedizinerin Stella Samson, eine klassische Femme fatale, die meinen Protagonisten Viktor von Puppe um den kleinen Finger und so einige andere Körperteile gewickelt hat, oder Doktor Erich Richter, der beinharte Direktor des Berliner LKA mit Elite-Soldaten-Vergangenheit, der mit einem Opern-Bass verheiratet ist.

Gibt es bestimmte geografische Orte, zu denen Sie und Ihr Buch einen besonderen Bezug haben?
Berlin in all seinen Facetten. So wie ich in meinem Alltag immer wieder neue Seiten, Winkel und Ecken an der Stadt entdecke, lasse ich diese dann auch in die Handlung einfließen. Berlin kann alles sein, vibrierende Großstadt, schläfriges Dorf, Siebziger-Jahre-Beton-Ghetto, prachtvolles Altbau-Paradies und seelenlose Luxus-Wohnblock-Trabantenstadt, kaiserlich, republikanisch, nationalsozialistisch, provinzieller Inselstaat, mondäne Weltstadt, arm, reich, grau, bunt, winterlich eisig, sommerlich glühend, einfach alles.

Hat Ihr aktuelles Buch autobiografische Züge bzw. lassen Sie persönliche Erfahrungen in die Geschichte einfließen? Beruht Ihr Buch auf wahren Begebenheiten?
In meinen Büchern ist überall Autobiografisches versteckt. Einer der Kommissare ist zum Beispiel einem alten Freund nachempfunden. In meinem aktuellen Buch habe ich ein durchgeknallt-dekoriertes indisches Restaurant, das ich bei einem Aufenthalt in Manhattan im East Village besucht habe, kurzerhand nach Berlin versetzt.

Wie haben Sie für ihr aktuelles Buch recherchiert?
In meinem Buch spielen die Illustrationen von William Blake zu Dantes »Göttlicher Komödie« eine Rolle. Hier ist eine davon, die die Bestrafung der Lauen in der Vorhölle durch Schwärme von Wespen und Schmeißfliegen zeigt. Die Abbildung ist einem Bildband des Taschen-Verlages entnommen.
Möchten Sie Ihren Lesern mit Ihrem aktuellen Buch eine bestimmte Botschaft mitgeben?
Krimis können spannend sein.

Ein kurzer Gruß an Ihre Leser/innen:

Liebe Leserinnen und Leser,

mein Kopf ist ein Luftschloss mit tausend Sälen, Kammern und Verliesen und meine Bücher sind der Versuch, sie zu einer Besichtigung einzuladen. Warten Sie bitte kurz, bis ich die Fackel entzündet habe. Gehen Sie dicht hinter mir. Füttern Sie nicht die Monster, werfen Sie nichts in irgendwelche Brunnen, und halten Sie sich die Ohren zu, falls Sie jemand singen hören.

Ihr Thomas Elbel

Der Todesbruder

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