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Kapitel 5: Etwas Besseres als den Tod findest Du überall

Wie syrische Kinder jetzt mit meinem Märchenlöffel gefüttert werden und meine Bowle-Gläser im Schrank eine Party feiern

Insgesamt 18 Bleikristallgläser standen in der Glasvitrine in unserem Esszimmer, dazu zwei Glaskrüge, von denen meine Mutter sagte: für Bowle. Das süße Zeug, das wir in unserer Jugendzeit aus Henkel-Sekt, Kalterer-See-Wein und Dosen-Erdbeeren herstellten, es machte erst lustig und später einen dicken Kopf.
Ich beschloss, als erstes diese Bleikristallgläser loszuwerden. Ich konnte mich kaum an lustige Partys erinnern mit vielen Bowlegläsern, am ehesten fiel mir der dicke Kopf danach ein. Und schon gar nicht wollten in meiner Erinnerung 18 Gäste auftauchen. Unser Haus war nicht die berühmteste Partylocation von Ravensburg, wozu nur hatten wir 18 Gläser? Und zwei Krüge? Und nicht nur die Gläser gab es im Kristall-Look, daneben standen auch noch 18 Dessertschalen aus demselben zentimeterdicken Glas. Meine Mutter war einverstanden: Wir bringen als erstes die Kristallglas-Sachen weg, sie wurden lange nicht benutzt, sind schwer wie Mühlsteine – und wenn sie weg sind, schafft das richtig Platz im Schrank. Der Mensch braucht Erfolgserlebnisse, gerade wenn er anfängt mit der großen Ausräum-Aktion.
Aber wohin damit? Anfangs stand mir das Ausräumen bevor wie ein Berg, den man nie bezwingen kann. Ich habe nach dem Abitur meine Heimatstadt verlassen und kenne nicht mehr viele Freunde dort. Meinen letzten Flohmarkt-Stand hatte ich vor 30 Jahren, ich bin noch nicht mal auf Ebay. Ich dachte an meinen ältesten Kollegen in der Redaktion, ein weiser Journalist, der bei großen Aufgaben immer sagt: Wie verspeist man einen Elefanten? Stück für Stück.

Das erste Stück also - die Kristallgläser. Ich packte sie in eine Kiste und fuhr sie in das „Fairkaufhaus“ der Caritas. Eine großartige Erfindung. Dort werden Möbel, Geschirr, Blumenvasen und Kerzenständer entgegengenommen und für kleines Geld an Menschen verkauft, die nicht viel davon übrig haben. Geflüchtete, Aussiedler, Roma-Familien sind es in Ravensburg. Wenig Deutsche habe ich dort getroffen. Es wird dort sicherlich auch arme Deutsche geben, aber vielleicht schämen sie sich, in das Secondhand-Kaufhaus zu kommen.
Und siehe da: als wir unsere Umzugskiste mit den 18 Gläsern, zwei Krügen und 18 Dessertschalen auspacken, deutet die ehrenamtliche Hilfskraft stumm auf einen Schrank, in dem genau dieselben Gläser schon stehen. Mindestens 50 oder 60, aus derselben Serie wie unsere Gläser. Klar, merken wir, unsere Generation räumt aus, alle finden in ihren Elternhäusern dieselben Dinge. Jetzt verabschieden meine Mutter und ich uns noch leichter von unseren 18 Kandidaten. „Guck mal, Mama“, sage ich, „jetzt finden unsere Gläser richtig viele Kumpels. Da können die ja ‘ne richtige Party feiern.“

Dinge wollen weiterleben. Klingt irgendwie esoterisch, aber es stimmt schon, was die Aufräum-Expertin Gunda Borgeest sagt: Es fällt uns viel leichter, uns von Dingen zu trennen, wenn sie nochmal ein neues Zuhause finden. Wegwerfen, in den Müll kippen - das ist auf lange Sicht nicht nur für den Planeten ein Desaster. Sondern auch für unsere Seele. Jedes Teil hat eine Geschichte, wurde angeschafft für ein Fest, einen Geburtstag, vielleicht auch nur aus Freude am Leben. Weil es so schön rot ist, oder weil es diese lustigen Blumenmuster hat. Wie schade, wenn es dann nur auf den Müll kommt. Wie schön, wenn Menschen nochmal damit essen, trinken und feiern können. So stelle ich mir das jedenfalls nicht ganz unkitschig vor: Dass eine große Familie ins Fairkaufhaus kommen wird, vielleicht steht sogar eine Hochzeit bevor oder ein runder Geburtstag. Und sie werden diese vielen Gläser nehmen und Wein daraus trinken oder Hugo oder Aperol Spritz, es werden Geigen fideln, Gläser aneinander stoßen. Und selbst wenn es ganz anders ist in Wirklichkeit, wenn böse Menschen meine Gläser bekommen. Und wenn sie gar keine Feste damit feiern? Egal. Das Kopfkino tut mir gut.
Meine Mutter hätte am liebsten alles verschenkt an Menschen, die sie kannte. An die Putzfrau, die Nachbarin, den alten Geschäftsfreund, an Nichten und Neffen. Im Nachhinein wissen wir: das ist jedes Mal eine totale Überforderung für den Beschenkten. Und sehr oft eine große Enttäuschung für den Schenker.
Die meisten Dinge finden nur schwer einen Abnehmer. Denn egal wie jung oder wie alt, wie reich oder wie arm, fast alle Menschen haben selber zu viel Besitz angehäuft. Mich wunderte es damals kaum, wusste ich doch selbst nicht, wie ich in meine Kölner Wohnung noch Gläser oder Teller quetschen sollte. Aber meine Mutter konnte es anfangs kaum fassen.
Immer wieder sortierte sie Sachen aus für Nichten, die angeblich bald kommen und etwas abholen. „Andrea richtet gerade ihre erste Studentenbude ein“, sagte sie dann und stellte eine Art Aussteuer zusammen. „Angelika freut sich auf das chinesische Teeservice“. Andrea kam erst überhaupt nicht, dann war angeblich kein großes Auto verfügbar, am Ende nahm sie nur zwei Tischdecken mit. Angelika vermeldete einen grippalen Infekt, schickte aber immerhin ihren Sohn, einen Autonarren. Der packte nicht wie erwartet sämtliche Miniatur-Oldtimer meines verstorbenen Vaters ein, sondern nur das schicke Flügeltüren-Coupé und drei Mercedes-Bildbände. Wohin mit den anderen fünf Modellautos, die, das fiel mir leider erst jetzt auf, im Lauf der Jahre in der schweren Eichenholzwand nicht nur Staub angesetzt, sondern leider beim Abstauben auch das eine Rad oder die andere Felge verloren hatten. Für Sammler heißt das: Nix wert.

Die schwere Schrankwand aus massivem Eichenholz, sie war am Ende das einzige, was wir wirklich nicht los wurden. Sie wurde erst am Tag nach der Hausübergabe von den Käufern entsorgt, in Stücke zertrümmert und in den Container geworfen. Schwere Schrankwände braucht heute kein Mensch mehr. Auch und erst recht kein geflüchteter Mensch, der nicht weiß, wie wenig Zeit ihm vergönnt ist in Deutschland. Solche Schrankwände sind für die Ewigkeit gemacht. Und ewig bleibt heute kaum mehr einer irgendwo. Auch kein armer Mensch, denn er oder sie hat wenig Platz. Eine öffentlich geförderte Wohnung für zwei Personen darf nur 60 Quadratmeter klein sein. Unsere schwere Schrankwand war drei mal fünf Meter massiv, nicht unterteilbar. Sowas braucht kein Mensch.
Aber fast alles andere kann ein Mensch brauchen. Man muss sich nur die Mühe machen, diesen Menschen zu finden. Die losen Dinge, die man in den Kofferraum packen kann, wie Kristallgläser und Teller, die kann man ins Fairkaufhaus bringen. Aber wohin mit den Möbeln? Anfangs setzten wir auf die Käufer des Hauses, sie versprachen uns, beim Ausräumen zu helfen. Sie kamen mit dem Vorarbeiter eines Sozialbetriebs, der sich auf Upcycling spezialisiert hat. Angeblich. Sein Kontrollgang durchs Haus war frustrierend. Alles ohne Wert, ließ er uns wissen. Nur wenn er die nagelneuen Balkonstühle und die 60er Jahre Musiktruhe mit nehmen dürfe, würde er gnädigerweise auch die Schrankwand abbauen. Die Balkonstühle wollte meine Mutter aber ins neue Zuhause mitnehmen. Und die Musiktruhe hatte sie einem netten Freund versprochen, der wiederum angeboten hatte, dafür noch die Nachttische aus den Kinderzimmern mitzunehmen. So wird die ganze Ausräumerei ein Kuhhandel. Und man kann schon froh sein, wenn man dabei halbwegs die Spielregeln bestimmen kann.
Ich spürte, dass uns die Besuche solcher Profi-Ausräumer nicht guttaten. Dieser taxierende, oftmals abwertende Blick, er ist verständlich, zumindest aus Sicht der Entrümpler. Es ist ein Business, der Profi muss den Wert der Dinge bewusst klein reden. Aber für meine Mutter, für die jedes einzelne Stück einen Wert hatte – für sie war es unerträglich. Sie wollte, dass wenigstens ein paar Dinge, die ihr am Herzen lagen, eine neue Bestimmung finden.

Und so besannen wir uns gemeinsam auf die wenigen Netzwerke, die wir die Jahre über gepflegt hatten. Auf die Kirche. Meine Mutter ist seit eh und je eine treue Kirchgängerin. Und auf alte Schulfreundinnen, die ich sporadisch bei Klassentreffen gesehen hatte. Mir fiel Erdmuthe ein, die mit mir zusammen das beste Abitur der Schule gemacht hatte. Beide hatten wir 1982 eine 1,0 auf dem Abiturzeugnis, beide hatten wir den Französisch-Leistungskurs belegt, beide waren wir auf Abiturfahrt in Paris gewesen. Und beide haben wir heute beinahe erwachsene Söhne. Das war es dann aber auch mit Gemeinsamkeiten. Während ich mich nach dem Studium sofort ins Berufsleben gestürzt hatte, hatte sie ausführlich promoviert und sich dann der Erziehung ihrer Söhne gewidmet. Sie hatte einen Pfarrer geheiratet und übernahm mit der Mutterrolle auch die der Pfarrfrau: Kinderkirche halten, Krippenspiele und Kinderbibeltage organisieren, bei den Gemeindefesten helfen, neuerdings: mit Geflüchteten Deutsch lernen. 22 Jahre nach dem Abitur war sie mit ihrer Familie wieder nach Oberschwaben gezogen.
Bei jedem unserer Klassentreffen erzählten wir einander, wie unsere beiden Lebenslinien im Jahr 1982 auseinandergegangen waren. Und ich musste zweimal überlegen, ob ich sie wirklich jetzt, im Jahr 2017, um Hilfe bitten könnte. Ich schrieb ihr, dass ich nichts erwarte, nur vorsichtig anfragen wolle: „Kannst Du Dinge brauchen für die Kirchengemeinde? Für die Geflüchteten vielleicht?“ Ich hatte auch ein bisschen Angst davor, sie könnte sagen: Jetzt, nachdem du 35 Jahre lang Dein aufregendes Jetset-Leben in aller Welt geführt hast – jetzt besinnst Du Dich auf die wenigen Freundinnen in der Heimat?
Aber war es nicht eher so: Jetzt nachdem ich 35 Jahre durch die Welt gejettet bin, jetzt merke ich auch, was zu kurz kam in meinem voll mobilen Leben. Ich mache kein Ehrenamt. Ich betreue keine Flüchtlinge. Ich pflege nur wenige Freundschaften.
Erdmuthe kam einfach, sie fragte nicht. Trank einen Kaffee mit meiner Mutter, packte in ihren Kofferraum, was sie brauchen konnte. Redete nichts schlecht wie der Entrümpler, mäkelte nicht an kaputten Sachen herum wie der Neffe. Sondern nahm praktische Dinge mit für die Geflüchteten in ihrer Gemeinde: Tischdecken, Bettwäsche, Geschirr und Besteck. Ach, hätten wir bloß mehr Erdmuthes gekannt.
Kurz nach ihrem Besuch schickte sie mir eine Mail: Sie habe das Kinderbesteck jetzt sortiert und mit Silberputzmittel poliert – da sei mein Geburtsdatum eingraviert. 21.11.1963. „Ursula, möchtest Du das lieber behalten, falls Du mal Enkel bekommst?“ Ich überlegte kurz. Ich wünsche mir wirklich, dass ich mal Enkel bekomme. Aber in meiner Besteckschublade sind schon kleine Kinderlöffel mit blauen Zwergerln, ich hatte sie vor 20 Jahren bei einem romantischen Urlaub in Wien für meine Söhne gekauft. In meinem Keller liegen Kinderteller, die mir die Patentante meiner Söhne aus ihrem Elternhaus mitgebracht hat, aus Emaille mit einem Warmhalte-Teller aus Metall drunter. Daraus haben meine Kinder vor Jahren ihren ersten Brei gegessen. Brauche ich wirklich noch mehr davon? Mehr als zwei Enkel gelichzeitig werde ich kaum bekommen.
Ich schreibe Erdmuthe zurück. „Ist es das Kinderbesteck mit den Märchen? Das Messer mit den Bremer Stadtmusikanten, der Löffel mit dem Sterntaler, die Gabel mit dem Gestiefelten Kater?“ Genau die, schreibt sie, und sie habe eine sehr nette syrische Familie, die sicher irgendwann Nachwuchs bekommt. Falls ich das Besteck nicht zurückhaben möchte, kaufe sie dann eine Ausgabe von Grimms Märchenbuch und erzähle den jungen Eltern von den Bremer Stadtmusikanten.
So kommt es, dass in nicht allzu ferner Zukunft eine junge syrische Familie am Bodensee ihrem Kind nicht nur deutschen Hipp-Brei mit meinem alten Kinderlöffel füttert. Sondern womöglich auch herausfindet, dass vor 100 Jahren im deutschen Volksmärchen ein Hahn, eine Katze, ein Hund und ein Esel fortliefen, weil sie als Haustiere nicht mehr nützlich waren und getötet werden sollten. Und sich fortan als Musiktruppe ein besseres Leben organisierten. „Etwas Besseres als den Tod findest Du überall.“

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Ursula Ott
© Lena Uphoff

Ursula Ott

Ursula Ott, Jahrgang 1963, ist Chefredakteurin des Magazins »chrismon«. Sie ist Absolventin der Deutschen Journalistenschule in München und arbeitete u.a. als Gerichtsreporterin bei der »Frankfurter Rundschau«, als Autorin und Kolumnistin bei der »Woche«, »Brigitte« und »Sonntag aktuell« sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen. Sie ist außerdem Autorin zahlreicher Sachbücher über Familie, Kinder und Gesellschaft. Ursula Ott lebt in Frankfurt am Main.

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