»Es stimmt etwas nicht« – das Gefühl teilen viele. Aus der Nähe betrachtet zeigt sich: Nicht und nicht genügend wahrgenommene Problemfelder bergen für die freie Gesellschaft immer schwerer zu löschende Brandherde und eine Kollapsneigung der Systeme. Paare und Familien, Kinder und Alte, Flüchtlinge und Eliten stehen im Fokus dieses Debattenbuches: WIR. Die Krisensymptome werden klar benannt, die Tabus, die im »Weiter so« verharren lassen, gebrochen. Gegen die Resignation atmet jedes Kapitel die Energie und die kreative Dynamik eines neuen Miteinanders. Vor Ort beweist sich: Die Zivilgesellschaft kann lokal und übergreifend ihre Probleme lösen. Wenn WIR wollen, zusammenfinden und handeln.

VORWORT

von Udo Di Fabio

Im Jahr 1972 erregte eine Studie des Club of Rome weltweite Aufmerksamkeit, die über die Grenzen des Wachstums handelte. Unmittelbar vor Beginn der Ölkrise wurde der technikverliebte und wachstumsgläubige Westen mit dem Gedanken konfrontiert, es gebe ökologische Grenzen, die nicht mit technischen und marktwirtschaftlichen Mitteln überwunden werden könnten. Im Geist der Sechzigerjahre, als John F. Kennedy zu Beginn des Jahrzehnts dem staunenden Publikum angekündigt hatte, dass in weniger als zehn Jahren ein Amerikaner den Mond betreten würde und diese Voraussage exakt in Erfüllung ging, schien alles möglich: praktisch kostenlose Stromversorgung durch Kernenergie, Heilung aller Krankheiten, die Lösung von Verkehrsproblemen durch autogerechte Innenstädte, ja recht bald schon durch flugfähige Autos, Automatisierung des Alltags, Entlastung von Arbeit, ein Schlaraffenland vor uns. Und dann kamen die amerikanische Niederlage in Vietnam, die Ölkrise und dieser verstörende Hinweis kluger Köpfe, dass natürliche Lebensgrundlagen nicht endlos, nicht ohne Konsequenzen vom Menschen genutzt und belastet werden können, dass Rohstoffe irgendwann zur Neige gehen oder auch das Weltklima sich durch die Aktivität mobiler und dynamischer Gesellschaften verändere. Es hat über Jahrzehnte gedauert, bis solche Ansichten zumindest den Raum für große politische Diskussionen geöffnet, zu internationalen Abkommen geführt haben, zu einer Umsteuerung ganzer Volkswirtschaften.

»Nachhaltigkeit« wurde zu einem Schlüsselbegriff der ökologisch umlernenden Gesellschaft. Man kann in einem Wald nur so viel Bäume fällen wie nachwachsen, sonst zerstört man den Wald. Im Blick auf die Umwelt wird Derartiges heute in jeder deutschen Schule gelehrt. Aber gibt es auch Grenzen des Wachstums für die innere Ordnung einer Gesellschaft, für Kultur, Mentalitäten, den Lebensalltag, für die Seele der Menschen? Die menschliche Gesellschaft kann nach außen auf natürliche Lebensgrundlagen und ökologische Grenzen stoßen. In ihrem Innern dagegen gibt es andere Grenzen. Es sind sozio-kulturelle Grundlagen, es sind anthropologische oder psychische Dispositionen, die ebenfalls dem »Immer-Mehr« und »Immer-Weiter« den Weg verstellen können, die jedenfalls mehr Respekt verlangen. Der Glaube, politisch mit Geld und Gesetzen alles geschmeidig regeln und gestalten zu können, ist inzwischen erschüttert. Wolfgang Picken spricht von der »Lüge der Machbarkeit«, die inzwischen nicht mehr verfängt. Ordnungsverluste, unüberlegte Entgrenzungen, populistische Blockaden nehmen zu. Eine Gesellschaft, die ihre Perspektiven komplett individualisiert und den Staat dagegen für alle Gemeinschaftsbelange zuständig macht, kann nicht funktionieren. Viele Bürger spüren das und wollen handeln, wollen konstruktiv etwas anpacken, in die eigenen Hände nehmen. Im Lande wächst ein Netzwerk aus Alltagsinitiativen, um einen Spielplatz zu erhalten, eine Kindertagesstätte aufzubauen oder einen verwahrlosten Park wieder attraktiv und sicher zu machen. Menschen, die hier handeln, wissen, dass sie nicht den Staat ersetzen können. Sie sind nicht vermessen. Aber jene zupackenden Frauen und Männer, die etwas aufbauen, unterhalten und pflegen – sie wollen den Staat ergänzen, Verwaltungen und Ratsmitglieder anregen. Es geht nicht darum, den Staat anzuklagen, sondern sein zivilgesellschaftlicher Komplementär zu sein. Das ist ein neues, ein offenes Konzept, das nur dann überzeugt, wenn sein Gelingen aus der Praxis belegt werden kann. Die neue Zivilgesellschaft muss zeigen, dass sie funktioniert, es bedarf dafür des kompetenten Zeugnisses. Dieses Buch ist von jemandem verfasst, der wie kaum ein anderer berufen ist, die Stimme zu erheben.

Der Autor dieses Bandes, Dr. Wolfgang Picken, ist ein katholischer Pfarrer aus dem Bonner Süden, aus Bad Godesberg. Er ist ein ganz und gar ungewöhnlicher Vertreter seines Berufsstandes. Als emphatischer und rühriger Seelsorger ist er seit Jahrzehnten bekannt, seine klugen theologisch tiefschürfenden Predigten füllen die Kirche. Aber er ist mehr. Mit dem überall spürbaren Spardruck seines Bistums mochte er sich nicht abfinden. Er wollte nicht einfach Kindergärten oder Jugendtreffs schließen oder auf die angemessene Begleitung Sterbender verzichten. Der Pfarrer gründete vor 13 Jahren eine Bürgerstiftung, damit eine Gemeinde über das Kirchliche hinaus zusammenfindet, Kräfte mobilisiert und in die Bresche springt. Dabei fragte keiner so genau, ob das ganze katholisch oder evangelisch oder säkular gemeint war, was zählt, ist der Erfolg. Die »Überschreitung der Milieugrenzen«, die in diesem Band gefordert wird, sie ist hier Wirklichkeit geworden. In katholischen Kindertagesstätten sind nicht nur evangelische Kinder oder Kinder von Eltern, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, sondern auch ein guter Teil islamischer Kinder, Kinder von Einwanderern, deren Eltern ein offenes, aber auch mit Werten geprägtes Umfeld suchen. Solche Einrichtungen wurden mit Hilfe der örtlichen Bürgerstiftung nicht nur erhalten, sondern verbessert, ausgebaut, fachlich qualifiziert – und all das, weil Bürger gespendet haben, weil Handwerksbetriebe kostenlos oder ermäßigt arbeiteten, weil ehrenamtliche Helfer Hand anlegten, weil Künstler kostenlos auftraten. Dem Pfarrer gelang es, ein ganzes kommunales Umfeld zu mobilisieren, für seine Kirchengemeinde, für eine karitative Infrastruktur. Und ganz nebenbei hat die Gemeinde seit über einem Jahrzehnt auch einen öffentlichen Ort der Begegnung, des Gesprächs, der Mitte gefunden.

Dieses Buch erzählt über die ganze Breite der Erfolge wenig, jedenfalls nicht unmittelbar. Es geht Wolfgang Picken nicht um eine Leistungsschau eigener Erfolge. Was den Band so spannend macht, das ist die schlaglichtartige Erhellung der fehlenden sozio-kulturellen Nachhaltigkeit unserer Gesellschaft, aber auch die Hoffnung auf jene bürgerlichen Kräfte, die schlummern und manchmal auf die zündende Idee warten. Die Diagnosen beginnen bei der Erosion grundgebender Institutionen wie Ehe und Familie. Das Buch kritisiert jenen Glauben, wir könnten die Erziehung und Pflege unserer Kinder immer mehr und vielleicht komplett auslagern. Wer jetzt annimmt, hier stimme ein katholischer Pfarrer konservativ und rückwärtsgewandt das Lied einer historisch versunkenen bürgerlichen Familie an, die nicht mehr wiederkommt, der irrt. Denn hier spricht jemand, der eine der ersten, bundesweit vorbildlichen U3-Einrichtungen errichtet hat, hier können Mütter und Väter darauf vertrauen, dass sie im Zwang des Berufsalltags auch Kinder unter drei Jahren in gute Hände geben. Aber der private Raum der Familie: Er soll und muss von außen gestützt, aber er kann nicht ersetzt werden. Liebe lässt sich nicht in öffentlichen Einrichtungen sozialisieren. Kindertagesstätten und Schulen sind überfordert, wenn keine Eltern als Ansprechpartner bereitstehen, wenn die Familie desinteressiert oder zerrüttet ist. Wo sollen all die kompetenten und mitfühlenden Erzieher und Erzieherinnen herkommen, wenn die grundlegenden Werte nicht auch immer am Vorbild und in der Prägung der familiären Erlebniswelt von Generation zu Generation weitergegeben werden? Die freie Gesellschaft gelingt auch hier nur komplementär. Ich weiß nicht, ob ich so weit gehen würde wie der Autor, der den Staat als einen beliebigen, nur gleichrangigen Akteur im öffentlichen Raum ansieht und die Grenze zwischen Staat und Gesellschaft für entbehrlich oder doch hinderlich hält. Aber jedenfalls bedarf eines neuen konstruktiven Bündnisses zwischen privatem Raum und den öffentlichen Bühnen, zwischen Staat, Kirchen, Vereinen, Initiativen und privaten Akteuren.

Wolfgang Picken vertieft keine Gräben, er schüttet sie zu, aber nicht mit wohlfeiler Rhetorik und Seelenbalsam, sondern mit klarer, mit sachlicher Diagnose. Er, der promovierte Politikwissenschaftler, lässt sich politisch nicht in eine Schublade stecken, er ist weder »Wutbürger« noch »Gutbürger«. In der örtlichen Flüchtlingshilfe spielt der Pfarrer seit 2015 eine wichtige Rolle. Hier wird überwiegend muslimischen Migranten und Kriegsflüchtlingen wirksam geholfen, hier erweist sich die Komplementarität der neuen Zivilgesellschaft angesichts eines Staates, der vieles schaffen will, aber eben doch nicht alles schaffen kann. Aber berichtet wird auch davon, dass die örtlichen Moscheegemeinden nur anfänglich Besucher des Runden Tisches Flüchtlingshilfe waren, ihre Solidarität ist offenbar national und religiös eng begrenzt. Die Alarmzeichen einer sich in mehrfacher Hinsicht fragmentierenden Gesellschaft werden am Beispiel Godesbergs durchaus benannt, jene Verluste von kultureller Homogenität, die nicht überall zu neuer bunter Vielfalt führen. Polarisierung, Ghettoisierung, politische Lagerbildung, der Abriss von Diskussionen, neue soziale und wirtschaftliche Diskrepanzen, all das wird benannt und gerade deshalb für die »WIR-Strategie« geworben. Denn dort, wo Bürger praktisch handeln, wo sie Verantwortung übernehmen, wächst jene Gemeinschaft, die die Zwillingsschwester der personalen Freiheit ist. Es geht um die Gemeinschaften, die uns nicht aufgezwungen und verordnet werden, sondern die wir aus freien Stücken und in guter Einsicht begründen, weil die eigene Freiheit ohne die Achtung des Anderen ihre Voraussetzung zerstört. Mit diesem Buch ist ein bemerkenswertes Plädoyer für die neue Zivilgesellschaft entstanden.

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