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SPECIAL zu Yoani Sánchez »Cuba Libre«

Willkommen in der Wirklichkeit

von Dr. Stefan Schulze

Geht es um Kuba, jenen sozialistischen Vorposten im amerikanischen Hinterhof aus den Tagen des Kalten Kriegs, der seine sowjetischen Mentoren seit nunmehr rund 20 Jahren überlebt hat, dann geht es bis heute nicht ohne ideologische Grabenkämpfe ab.

Das gilt auch, wenn die Rede auf Yoani Sanchez kommt, die seit kurzer Zeit zu den berühmtesten kubanischen Persönlichkeiten zählt. Man muss nicht lange im Internet suchen, schon findet man sich mitten in Verschwörungstheorien mit den üblichen Verdächtigen wieder.

“Wenn man alle diese Punkte beachtet, scheint es unmöglich, dass Yoani Sanchez nur eine einfache Bloggerin sein soll, die Schwierigkeiten des Systems anprangert. Mächtige Interessen verstecken sich hinter dem Nebel, der Generation Y umgibt, die Webseite, die eine hervorragende Waffe im Medienkrieg darstellt, den die Vereinigten Staaten gegen Cuba führen.“

Während diese Aussage auf der Webseite der „Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba“ noch mit Anschein und Verdacht kokettiert, heißt es auf einer Seite mit dem wunderbaren Titel „Mein Parteibuch“ nur lapidar: „Yoani Sanchez ist eine der CIA, Carlos Alberto Montaner und der US-Regierung nahestehende Webseitenbetreiberin.“

Die erfolgreichste Bloggerin der Welt
Was immer die kubanische Philologin mit dem amerikanischen Auslandsnachrichtendienst, Exilcubanern oder dem angeblichen Medienkrieg der US-Regierung gegen den sozialistischen Karibik-Staat zu tun haben mag, sei dahingestellt. Aber soviel ist sicher: Yoani Sanchez ist die erfolgreichste Bloggerin der Welt. Sie hat nur ein Jahr gebraucht, um als Autorin eines Internet-Tagebuchs in die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des Time Magazins aufzusteigen. 2008 erhielt sie den renommierten spanischen Medienpreis „Ortega y Gasset“, und die Deutsche Welle ehrte sie mit dem Weblog Award „Best of the Blogs“.

2009 wurde ihr noch größere Anerkennung zuteil. In diesem Jahr erschien eine Auswahl ihrer Blog-Einträge in Buchform, eine Art Erhebung aus dem digital-virtuellen Dasein der vielen sich selbst publizierenden in den Adelsstand der wenigen, deren Worte gedruckt werden. Die Sammlung liegt jetzt unter dem Titel „Cuba Libre. Von der Kunst, Fidel Castro zu überleben“ in deutscher Sprache vor. Auch der deutsche Untertitel stichelt ein wenig in Richtung der erwähnten ideologischen Grabenkämpfe. Übersetzt lautet das spanische Original sehr viel sachlicher: „Leben und schreiben in Havanna.“

Generation Y
Nüchtern und sachlich schreibt Yaoni Sanchez allerdings nicht. Aber um das Leben und Schreiben in Havanna geht es in den kurzen Geschichten der 1975 geborenen Internet-Autorin. Mit einer gehörigen Portion Ironie und Spott berichtet sie vom kubanischen Alltag rund um den 14-stöckigen, maroden Hochhausblock, in dem sie mit ihrem Mann und ihrem 13-jährigen Sohn lebt. Auch die Klammer, die diese Geschichten zusammenhält und die der Titel ihrer Internetseite ist, der Begriff der „Generation Y“, zeugt vom mitunter beißenden Humor der Bloggerin.

In den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war es in Kuba offenbar Mode, die im Alltag schmerzlich vermisste Freiheit bei der Namensgebung der eigenen Kinder auszuleben. Besonders inflationär wurde dabei vom Buchstaben Y Gebrauch gemacht. „Die Eltern spielten mit der Sprache und kreierten wahrhafte Zungenbrecher, wie der, den ein berühmter Baseballspieler aufweist, der „Vicyohandri“ heißt. Manchen verpassten sie sogar das seltsame Gebilde „Yesdasi“, eine Mischung des Wortes ‚ja' in Englisch, Russisch und Spanisch“.

Uns Deutschen ist dieses Phänomen vertraut, seit 20 Jahren auch denen, die nicht hinter der Mauer in den späteren neuen Bundesländern groß geworden sind. Die vielen Ronnys, Sandros, Doreens und Kathleens eint zwar nicht ein gemeinsamer Buchstabe des Alphabets, wohl aber die subversive Vorliebe ihrer freiheitsberaubten Eltern fürs Exotische.

Die Kunst des Überlebens
Auch Yoani Sanchez gehört, wie unschwer zu erkennen ist, zur Generation Y. Für „Cuba Libre“ hat der Verlag ihre Blog-Einträge thematisch geordnet, so dass ein Kaleidoskop des kubanischen Alltags in allen Lebensbereichen entsteht. Die kurzen Geschichten handeln von kulturellen Phänomenen, behandeln Fragen des Wirtschaftslebens („Schwarzmarkt“!), kreisen häufig um die Beschränkungen, die die Politik ihren Bürgern beim Zugang zu Informationen auferlegt und beschwören nicht nur in einem eigenen Kapitel sondern zwischen beinahe jeder Zeile „Die Kunst des Überlebens.“

Es ist bemerkenswert, dass in den eingangs geschilderten Verdächtigungen gegen die Autorin fast nie die Tristesse in Frage gestellt wird, die jedes Kapitel dieses Buchs atmet. Es hat den Anschein, als ob nach mehr als 50 Jahren real existierendem Sozialismus in der Karibik und dem endlosen gegeneinander Ausspielen von Freiheitsidealen und den Vorzüge eines vorbildlichen Gesundheitssystems die Diskussionen an Substanz verlieren. Man muss nur noch die Dämonen beschwören - CIA, Imperialismus und Informationskrieg - und alle Fragen scheinen beantwortet. Gerade vor diesem Hintergrund sind die Alltagsgeschichten, die „Cuba Libre“ versammelt, so wertvoll.

Klischees und Wirklichkeit
Geht es um Kuba, jene Karibikinsel, die spätestens seit dem Ende des Kalten Kriegs zur Projektionsfläche der Sehnsüchte von Pauschaltouristen geworden hat, geht es bis heute nicht ohne Plattitüden ab. Das gilt erst Recht für die Hauptstadt, vor allem, seitdem die UNESCO die alte koloniale Bausubstanz Havannas wieder auf Vordermann gebracht hat. Man muss nicht lange in den einschlägigen Magazinen suchen, um auf gängige Klischees zu stoßen: „Musik und Rum, Lachen und Sinneslust und die Dollars der Exilverwandten in Miami helfen den Kubanern, ihren realsozialistischen Alltag zu ertragen. ... La Habana, wie die Kubaner sagen, kribbelt den meisten dennoch auf der nackten Haut, verdreht fast jedem Besucher den Kopf und lässt bei manchem die Sinne Amok laufen.“

Über Kuba und den Tourismus hat Yoani Sanchez auch einiges Erhellendes zu sagen. Und wem Formulierungen wie die gerade zitierte immer schon ein wenig suspekt waren, erst Recht aber denjenigen, die geneigt sind, die darin beschworenen Impressionen für bare Münze zu nehmen, sei „Cuba Libre“ mit einem fröhlichen Gruß ans Herz gelegt: Willkommen in der Wirklichkeit!

Dr. Stefan Schulze
München, Januar 2010

Cuba Libre Blick ins Buch

Yoani Sánchez

Cuba Libre

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