Meike Dinklage: Vom Glück, im Rudel zu leben

Beim zweiten Hund wird alles anders

Leseprobe aus: »Beim zweiten Hund wird alles anders«

von Meike Dinklage

Dieses ist die Geschichte unserer Rudelwerdung und sie beginnt da, wo Menschen, die ihren Hund vergöttern, aber keine Ahnung von Hundeerziehung haben, ihre eigene Unfähigkeit am schmerzlichsten vor Augen geführt wird: auf dem Hundeplatz.

Kapitel 1: Der Hund macht nicht Platz

Der Tag, an dem wir aus der Hundeschule flogen, war ein nasser Mittwoch im November. Sam war sechs Monate alt, gerade der welpischen Unschuld entwachsen und nun auf dem besten Weg in die Pubertät. Seit ein paar Wochen gingen wir in eine Erziehungsgruppe, lauter sexuell erwachende Junghunde, die wie Sam dringend Nachhilfe im kleinen Alltagskommando-Einmaleins brauchten: »Sitz«, »Platz«, »Hier«, »Bleib« und vor allem – »Nein«.

Die Hunde saßen in einer Reihe, wir Besitzer standen daneben, und Geli, die Trainerin, wies uns an, sie mit einem entschlossenen »Platz!« und sanfter Körperhilfe zum Hinlegen zu bewegen. Nach und nach wechselten alle Hunde die Position. Einer blieb sitzen. Sam. Eigentlich saß er nicht, er thronte, mit gerader Brust und einem Blick, in dem eine tiefe Verachtung für all die Anpasser lag, die sich auf den regennassen Boden geworfen hatten, nur weil ihr Mensch das von ihnen verlangt hatte.

Ich sah meinen Hund an. Er saß da wie ein unbeugsamer Wilder, stolz und selbstgewiss. Ich sagte: »Platz!«. Sam lachte. Ich deutete mit der flachen Hand auf den Boden, ging in die Hocke. Nichts. Ich lockte, ich flehte. Sam wandte mir nicht mal den Kopf zu. Er sah in die Weite, auf die Felder und Wiesen, die, sobald er diese lästige Hundeschul-Störung erfolgreich ausgesessen hätte, ihm gehören würden, zur Jagd, zum Vergnügen.

Geli, die Trainerin sagte: »Schmeiß ihn um.« Nur wusste ich nicht wie. Ich wollte nicht körperlich werden, ich tat mich schwer mit Gewalt, schon aus ethischen Gründen. Außerdem saß Sam da wie festgetackert, ich hätte keine Chance gehabt. Geli, eine Mitvierzigerin mit lauter Stimme und großer Bestimmtheit, die Hunde schon durch ihre bloße Präsenz zum Gehorsam brachte, verdrehte die Augen. Sie ging auf Sam zu. Sam grinste. Sie stupste ihn an. Sam saß. Am Ende rang sie regelrecht mit ihm. Dann rutschte sie aus und fiel in den Matsch. Sam lüpfte ein Pfötchen, um den Dreckspritzern auszuweichen.

Vermutlich hatte Geli einfach einen schlechten Tag, wer steht schon gern bei Schneeregen und Kälte stundenlang auf einer Wiese und hämmert einer Horde Jungspunde Benehmen ein. Dazu die Besitzer, Leute wie ich, denen das Herz noch voll zärt licher Liebe übergeht angesichts der eben erst zu Ende gegangenen Welpenzeit und die noch lange nicht im Durchgreif-Modus sind, den ein heranwachsender Hund gelegentlich braucht. Ich war eine der schlimmsten. Sam war für mich der Hundegott. König Sam, Gebieter über Herrchen und Frauchen.

Jedenfalls: Etwas an diesem Collie, seinem lässigen Selbstbewusstsein und meiner hilflos-defensiven Art brachte Geli an diesem Tag aus der Fassung. Sie lag im Dreck und wollte nicht mehr. Sie sagte Dinge, die sich sicher schon eine ganze Weile in ihr angestaut hatten, aber nun sagte sie sie sehr, sehr deutlich: »Such dir einen anderen Trainer. Einzelstunden, irgendwas. Dein Hund macht, was er will, du bist ihm völlig egal. Ihr müsst noch mal völlig bei null anfangen. Aber in dieser Gruppe ist für euch Schluss.«
Ich stand da, leinte den Hundegott an und schlich mich nass und gedemütigt davon.

Ich wollte mein Leben lang einen Collie. Es ist wegen Lassie, ich beginne noch heute auf der Stelle bei der Titelmelodie von Lassie kehrt zurück zu weinen, und ich weine mich konsequent durch den gesamten Film, sogar durch das Remake. Collies waren für mich als Kind wunderschöne, fast überirdische Wesen. Ich wollte schon damals einen Kumpel, einen besten Freund, die Lassie-Timmy-Sache: bedingungslose Liebe, gemeinsames Abenteuer, Spaß, Vertrauen, Kinderarme in weißem Colliekragen. Stattdessen hatte ich Hühner, Katzen und Kaninchen, die ich zwar auch sehr liebte, aber es war nicht dasselbe. Wir wohnten auf dem Land, wir hatten einen Obsthof und jede Menge Platz, aber meine Mutter mochte keine Tiere im Haus, schon gar keine Hunde. Heute, wenn meine Hunde zeitgleich im Fellwechsel sind oder einfach nur nach jedem Spaziergang den Herbstschlamm im frisch gestrichenen Flur abschütteln, verstehe ich sie ein bisschen besser.

Aber damals gab es für mich nur eins: Ich wollte unbedingt einen Hund. Ich vergötterte die Hunde in der Nachbarschaft, Bobbie, den dicken Dackel der alten Dame gegenüber, Senta, den drahtigen Malinois-Mix vom Hof nebenan. Ich ging in den Pausen mit Ares, dem Collie eines älteren Herren, der neben meiner Schule wohnte, Gassi. Und ich schaute jeden Tag auf die Anzeigenseite des Stader Tageblatts, schnitt aus der Rubrik »Zu verkaufen« alle Annoncen aus, in denen Collies angeboten wurden, und klebte sie in ein kleines Ringbuch. Es war ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich sofort eine Reihe Züchter an der Hand hätte, sollten meine Eltern ihre Meinung ändern.

Sie änderten sie nicht. Ich brachte meinen Hühnern Kunststücke bei (Hühner sind kluge Wesen, meine drei Hennen hörten auf ihre Namen und warteten jeden Tag an der Straße, bis ich von der Schule kam) und verzärtelte meine Katzen. Natürlich ließ ich sie, wenn meine Eltern nicht da waren, ins Haus und auf meinem Bett schlafen. Dann zog ich aus, studierte, zog um, arbeitete, heiratete. Ich wurde 38, wir kauften ein Haus. Und plötzlich – mit Haus, Garten, meinem Mann, der viel von zu Hause aus arbeitet – passte alles. Nach einem halben Leben war endlich der richtige Zeitpunkt da. Wir konnten einen Hund haben.


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