SPECIAL zu David Pfeifer und seinen Romanen

Trailer zu »Schlag weiter, Herz«

David Pfeifer liest aus seinem Roman »Schlag weiter, Herz«

Kurz & knapp

Ein Roman, der voll ins Herz trifft

Für wen ist das?
Berührend wie die Kinoklassiker The Wrestler und Million Dollar Baby, realitätsnah wie die Romane von Clemens Meyer – Schlag weiter, Herz ist eine knallharte Liebesgeschichte für Frauen und Männer, die an die Nieren geht. Auf gewisse Weise weckt die Geschichte von Nadja und Mert ähnliche Emotionen wie David Nicholls’ Bestseller Zwei an einem Tag, allerdings in einer ganz eigenen Sprache und einem ungewöhnlichen, faszinierenden Setting.

Fakten
David Pfeifer ist einer der angesehensten Journalisten und Reporter Deutschlands und schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und Neon. Er hat für so unterschiedliche Magazine wie Tempo und den Stern gearbeitet und berät diverse Verlage. Das Magazin GQ stellte ihn als »Champion im Passiv-Boxen« vor – tatsächlich beschäftigt Pfeifer sich aber nicht nur als Autor damit, er hat jahrelang selbst aktiv in Hamburg geboxt und ist Trainer des weltweit ältesten Schachboxvereins Chess Boxing Club Berlin und einer der Köpfe der WCBO (World Chess Boxing Organisation). Zum Bucherscheinen ist eine Lesereise geplant.

Was sagen Andere?
»David Pfeifer hat erzählerischen Punch und Stil.« Stefan Wimmer

Warum der Lektor das Buch mag
Dieser Roman hat uns eiskalt erwischt. Einmal angefangen, wachsen einem die Hauptfiguren so ans Herz, dass man unbedingt wissen muss, was aus ihnen wird. Pfeifer schreibt unprätentiös und doch voller Pathos. Zart und gleichzeitig knallhart. So kraftvolle Erzähler gibt es in Deutschland leider viel zu selten. Umso wichtiger ist uns dieser Roman.

Wer ist der Autor?
David Pfeifer, Jahrgang 1970, ist in München aufgewachsen. 1993 zog er nach Hamburg, um für das legendäre Magazin Tempo zu arbeiten. Weitere Stationen waren der Stern und Vanity Fair. Seit 2002 arbeitet er frei als Autor und Verlagsberater. Zum Thema Boxen erschien 2005 bei Campus seine Biografie über Max Schmeling. Schlag weiter, Herz ist sein zweiter Roman. Er lebt heute in Berlin.


Sparring mit David Pfeifer

Dass Boxen mehr ist als sich gegenseitig die Fresse einzuschlagen, das weiß man irgendwie. Dass sich hinter den Boxern oft unglaubliche Lebensgeschichten und Schicksale verbergen, das kennt man aus Kinofilmen. Dass Boxen aber noch sehr viel mehr sein kann, das beweist der Journalist David Pfeifer mit seinem Roman Schlag weiter, Herz, einer knallharten Liebesgeschichte, die im Boxmilieu spielt. Hier gibt er schon einmal erste Einblicke in eine – für viele – fremde Welt.

Boxen ist eine Weltsprache ohne Worte. Jeder Boxer weiß, dass drei Minuten Sparring drei Stunden Gespräch ersetzen. Wenn man sich schlägt, erkennt man sich. Ob einer mutig, ängstlich, fair oder link ist, stolz, lustig, eitel oder verwegen, zeigt sich im Ring. Man verständigt und begreift sich, ohne einen Satz gesagt zu haben. Waldimir Klitschko, einer der wenigen Boxer, die ihren Beruf gut erklären können, drückt es so aus: »Boxen ist so alt wie die Philosophie und im Grunde hat es sich nicht verändert seit dem alten Griechenland – ein Boxer kann sich nirgendwo verstecken. Er ist nackt. Die zwei Boxer sind Partner, keine Gegner. Sie führen eine uralte Konversation, und wer am Ende die schlagenderen Argumente hat, hatte recht.«

Dabei ist es egal, ob man seine Argumente in Rafael Trejos Boxschule austauscht, die sich in Havannas Altstadt zwischen zwei verwitterte Häuser und Tribünen quetscht. Oder im »Wild Card Boxing Club«, den Mickey Rourke sich in einem Hinterhof in Los Angeles einrichtete, als er lieber Profi-Boxer statt Schauspieler sein wollte, und den er dann an Freddie Roach verschenkte, der dort nun den Box-Superstar Manny Pacquaio trainiert. Auch beim Post SV in Berlin-Mitte, dessen Box-Abteilung den Fall der Mauer überlebte, die Wiedervereinigung und die Gentrifizierung des Viertels – überall baumeln Säcke, sirren die Springseile, hauen sich Männer und manchmal auch Frauen, um sich näher kennenzulernen.

Ob man das westliche Boxen in seiner heutigen Form nun auf die Griechen oder die Engländer zurückführt – auf jeden Fall wurde es in Deutschland erst 1918 erlaubt, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und des Kaisers, der Boxen als barbarisch angesehen hatte. Die ersten deutschen Meister lernten die Kampfkunst als Kriegsgefangene von den Engländern. Auch eine Form des Kulturaustausches. Bereits in den 1920er-Jahren gab es in Berlin ein Kunstmagazin namens Querschnitt, herausgegeben von Alfred Flechtheim, einem jüdischen Galleristen, den die Nazis später vertrieben. Der Querschnitt positionierte sich laut Untertitel als »Magazin für Kunst, Literatur und Boxsport«. Im Querschnitt stand zu lesen, das Magazin »hält es für seine Pflicht, den Boxsport auch in den deutschen Künstlerkreisen populär zu machen. In Paris sind Braque, Derain, Dufy, Matisse, Picasso, de Vlaminck begeisterte Anhänger und Rodin fehlt bei kaum einem Kampf.« Flechtheim hatte sich in seiner Galerie-Wohnung einen Boxring aufbauen lassen, Bertholt Brecht war häufig in der Redaktion zu Gast und brachte Paul Samson-Körner mit, den deutschen Schwergewichtsmeister. Was die beiden sich zu erzählen hatten? Um Politik und Gesellschaft wird es nicht gegangen sein – während Brecht später vor den Nazis floh, stellte Samson-Körner einen Aufnahmeantrag bei der SA.

Vielleicht gibt es eine tiefere Gemeinsamkeit zwischen Boxern und Künstlern, einen inneren Wahnsinn, der Verbündete sucht. Boxer und Künstler sind auf sich gestellt, arbeiten sich ab an einer Sache, deren Sinn nur sie allein erkennen, bis sie es zu einer Perfektion gebracht haben, für die andere Menschen zu zahlen bereit sind. Nur wenige schaffen es so weit. Dann stehen sie plötzlich unter Beobachtung, sehen sich einem Hagel ungebetener Ratschläge ausgesetzt und agieren weiter mit dem Selbstverständnis derer, die stets an sich geglaubt haben, gegen jede Logik. Denn bis sie dahin gekommen sind, mussten sie sich so quälend lange die immer selben Handlungen einimpfen, immer und immer wieder üben, sich prüfen, wiederholen, bis jeder Handgriff saß. Aus Gedanken sind dann Reflexe geworden. Die Handlungen sind ins Vegetative übergegangen, der Kopf wird nicht mehr gebraucht, um zu handeln, sondern kann frei gestalten. Im besten Fall Außergewöhnliches schaffen. Der leidvolle Weg, der zum Boxen wie zur Kunst gehört, macht beide Disziplinen so wertvoll. Es setzt eine sonderbare Mischung aus Demut und Größenwahn voraus, so lange immer weiter zu gehen und an sich zu glauben, bis man es zur Meisterschaft bringt.

Es gehört praktisch ins Portfolio von Oscar-Gewinnern, einen Boxer zu spielen (Robert De Niro, Christian Bale, Daniel Day-Lewis, Denzel Washington, Hilary Swank usw.), weil sich im Boxring eben die großen Dramen abbilden lassen – nicht nur im Film. Georg Grosz malte Max Schmeling, Muhammad Ali und Mike Tyson waren Betrachtungsgegenstand zahlloser Bilder, Filme, Dokumentationen und Fotos, erwähnt sei hier das »Sportfoto des Jahrtausends«, die Muhammed-Ali-Studie von Neil Leifer. Simon & Garfunkel huldigten 1969 dem einfachen »Boxer« und Reverend And The Makers sangen 2007:

I could‘ve been a contender
I could‘ve been a someone Caught up in the rat race
And feeling like a no-one Could‘ve been me in the papers With the money and the girls I could‘ve been the Heavyweight Champion of the World


So wie Zerrissenheit, das Leiden an sich selbst und Scheitern zur Künstler-Folklore gehören, prägen diese existentialistischen Pfeiler auch die Biografie des Boxers. Es geht eine besondere Strahlkraft von der Idee aus, sein Leben einer Sache zu verschreiben, die nur wenig Chancen auf Erfolg verspricht. Wer boxt, mag größenwahnsinnig sein, doch wer nicht boxt, sehnt sich nach der Außerordentlichkeit, die vielleicht möglich wäre, würde man sich nur trauen.
Die polnische Lyrikern und Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska erfasste diese Sehnsucht in einem Gedicht:

Muse, Kein Boxer zu sein, bedeutet gar nicht zu sein. Das brüllende Publikum hast du uns nicht gegönnt.

Wer schreibt, will gelesen werden, wer boxt, will gesehen werden. Boxkämpfe sind ein voyeuristischer Exzess. Noch heute, selbst in der tausendsten Wiederholung, läuft einem ein Schauer über den Rücken, wenn man sieht, wie Muhammad Ali und Joe Frazier sich 1975 in Manila bekämpften. Ein Ereignis wie eine Mondlandung, aber mit dem Grusel des Gewaltaktes. Vielleicht fand der zarte Bertolt Brecht in Samson-Körner eine körperliche Entsprechung seiner Ausdruckshärte. Das würde auch erklären, warum der ebenfalls schmächtige Wolf Wondratschek sich Jahrzehnte später in vielen Geschichten Im Dickicht der Fäuste mit Boxern befasste. In diesem Sinn befindet sich Ernest Hemingway durchaus in einer Linie mit Sylvester Stallone, der Rocky ja nicht nur gespielt, sondern eben auch geschrieben hat. Schreiber kennen die Frustration des einsamen Schaffens, des elenden Sich-Abarbeitens an den immer gleichen Übungen. Sie spüren die Verbindung zum Boxen und suchen naturgemäß nach Worten dafür. Und was haben die Boxer umgekehrt davon? Im besten Fall einen Ausdruck für das, was sie sonst nur fühlen. Worte, um das Glück zu beschreiben, das darin liegt, etwas so dämliches zu tun, wie sich freiwillig zu schlagen.