SPECIAL zu Ennio Flaiano »Alles hat seine Zeit«

Ein Meisterwerk der Stille, der Nachdenklichkeit, der Langsamkeit

von Elke Heidenreich

Den Namen „Paparazzo“ für einen aufdringlichen Fotografen hat er gefunden: Ennio Flaiano. Das war 1958, er schrieb an dem Drehbuch zu La dolce vita für Fellini, und da gab es eine Szene mit einem lästigen, gefühllosen Fotografen, der auf einer Beerdigung die Witwe bittet, für das Foto doch noch mal ein bisschen zu weinen. In seinem Tagebuch denkt Flaiano über Gustave Flaubert nach, der zwei Jahre brauchte, um den Vornamen für Madame Bovary zu finden: Emma! Wie konnte nun dieser Fotograf heißen? Er hieß dann schließlich Paparazzo, und den Namen fand Flaiano in einem Buch von George Gissing (1857-1903), By the Ionian Sea, da hieß ein kalabrischer Gastwirt so: Paparazzo. Der Name, sein Klang gefiel Flaiano, und er bezeichnete diesen und andere lästige Fotografen damit: Das sind ja alles Paparazzi. Wir staunen, denn das Wort kennen wir alle, aber wer kennt Ennio Flaiano?

Wer ist Ennio Flaiano?

Er wurde 1910 in Pescara geboren, starb 1972 in Rom an einem Herzinfarkt und war nach einem abgebrochenen Architekturstudium hauptsächlich Journalist, schrieb in Rom für viele Zeitungen Glossen, Satiren, Theater- und Filmkritiken. Berühmt wurde er in Cineastenkreisen vor allem als Drehbuchschreiber für mehr als sechzig Filme.
Sehen wir frühe Filme von Rossellini, Antonioni oder vor allem Federico Fellini, dann taucht im Abspann oft der Name Ennio Flaiano auf als Autor des Drehbuchs. Dov'è la libertà hat er für Rossellini geschrieben, La notte für Antonioni, und für Fellini Meisterwerke wie La dolce vita, Boccaccio 70, La strada, Julia und die Geister oder Die Nächte der Cabiria. Flaiano und Fellini lernten sich Ende der vierziger Jahre in Rom kennen, weil sich die Redaktionen von Il mondo, für die Flaiano schrieb, und von Marc'Aurelio, für die Fellini Karikaturen zeichnete, im selben Gebäude befanden. Die Zusammenarbeit und Freundschaft der beiden war lang, fruchtbar, von Krisen geschüttelt und am Ende beinahe zerrüttet.
Drehbücher also, Kritiken, Satiren - „Ich bin ein satirischer Schriftsteller, weil ich in einer Gesellschaft lebe, die nur diese Seite bietet“, sagte Flaiano in einem Interview kurz vor seinem Tod. Und seine beiden längeren Erzählungen, Melampus und O Bombay!, kann man auch als grotesk-satirische Kurzromane lesen. Aber einmal, 1946, hat dieser stille, kluge Mann mit der dicken Brille plötzlich diesen Roman geschrieben, in nur sehr kurzer Zeit, einen Roman, der zu den ganz großen der Weltliteratur gehört und der doch noch immer nur wenigen Eingeweihten bekannt ist: Tempo di uccidere, „Zeit zu töten“. Der Titel geht zurück auf einen Text aus der Bibel, Prediger Salomo 3, 1-3: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit.“ Zeit ist hier nicht die messbare Zeit, chronos, sondern der richtige Zeitpunkt, kairos.
Der Mailänder Verleger Leo Longanesi war es, der 1946 an Flaiano schrieb: „Lieber Flaiano, seit längerem habe ich nichts mehr von Ihnen gehört. Ich will unbedingt etwas von Ihnen veröffentlichen. (…) Schreiben Sie mir, Sie alter Faulpelz.“
Flaiano schrieb, und Longanesi veröffentlichte den Roman unter dem Titel Tempo di uccidere schon ein Jahr später, 1947. Flaiano bekam dafür sofort den ersten Premio Strega, den bis heute wichtigsten italienischen Literaturpreis, übrigens benannt nach einem italienischen Kräuterlikör. (…) Das Buch ist übrigens 1989 von Giuliano Montaldo, der auch das Drehbuch schrieb, unter dem Titel Time to Kill verfilmt worden, in der Hauptrolle: Nicolas Cage.

Verwirrendes, lockendes Afrika und ein grausamer Krieg

Ich las diesen Roman Anfang der achtziger Jahre und erfuhr darin zum ersten Mal von dem grausamen Krieg, der als Abessinienkrieg in die Geschichte einging und den die Italiener in Äthiopien, vor allem im Hochland von Abessinien, geführt haben. Er dauerte von Oktober 1935 bis Mai 1936 und endete mit der Annexion Äthiopiens und der Gründung der Kolonie Italienisch-Ostafrika durch das faschistische Italien unter Mussolini. Es war ein äußerst brutaler Krieg, in dem durch Massaker und Giftgas mehr als 700.000 Äthiopier ums Leben kamen, etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung und fast die gesamte Oberschicht. Ganze Landstriche wurden niedergebrannt, und die Italiener führten die unselige Rassentrennung ein. Später hat Italien Millionen als Wiedergutmachung an Äthiopien gezahlt. Als könnte man so viel Gewalt und Unrecht je wiedergutmachen.
An diesem Krieg hat der Journalist Ennio Flaiano als junger Mann teilgenommen, gerade mal Mitte zwanzig, und er hat während des Feldzuges wie auch später in Rom und sonst immer Tagebuch geführt, sich Notizen gemacht, und vieles davon ist wohl in diesen Roman eingegangen. Es ist ein Buch über Schuld, Mitschuld, Verzweiflung, das neben den Romanen von Cesare Pavese, Vitaliano Brancati oder Giuseppe (Beppe) Fenoglio als ein Hauptwerk der italienischen neorealistischen Nachkriegsliteratur bis heute Bestand hat. Der Roman war kein Erfolg beim Publikum, aber er bekam jenen Literaturpreis und ging eben deshalb wohl nie völlig unter.
Das Buch ist ein Meisterwerk der Stille, der Nachdenklichkeit, der Langsamkeit. So witzig pointiert Flaiano über die römische Gesellschaft schreiben konnte, so sehr wird dieses Buch von einem tief melancholischen Grundton durchzogen. Es ist ein dunkles Buch, trotz gewisser Grausamkeiten aber auch ein sanftes Buch, ein Buch über einen Menschen, der an seine Grenzen gelangt ist und erstaunt innehält und denkt: War das, bin das noch ich? Und solange er das nicht weiß, kann er keine innere Ruhe finden und auch nicht aus Afrika nach Italien, nach Hause zurückkehren. (…)
„Afrika“, heißt es einmal, „ist die Rumpelkammer für Schweinereien“, und an anderer Stelle: „Es ist zu traurig, dieses Land. Zu traurig. In einem Land, in dem die Hyäne geboren wird, muss irgendetwas faul sein.“ Aber es ist eben auch ein Land, in dem „ein uralter Friede wie am ersten Schöpfungstag“ zu herrschen scheint, ein lockendes, verwirrendes, heißes Land, das das Unterbewusste berührt, und als Mariam den Leutnant zum ersten Mal ansieht, denkt er: „Ich suchte die Weisheit in den Büchern, aber sie besaß sie in den Augen, die mich seit zweitausend Jahren ansahen wie das Licht der Sterne, das so lange Zeit braucht, um von uns wahrgenommen zu werden.“

Was der Krieg aus Menschen macht

Es ist ein magisches Buch über den Krieg, das Töten und was das aus Menschen macht. Tempo di uccidere ist jedoch kein klassischer Antikriegsroman, weil er nicht von Kriegshandlungen erzählt. Er konzentriert sich eher auf die innere Entwicklung eines Mannes, den der Krieg verändert. Der Leutnant gerät in diesem fremden Land in eine Art kriminellen Strudel, der ihn mitreißt und ihn zwingt, sich erstmals mit Werten wie Liebe, Schuld, Vergebung, Mitleid, Moral auseinanderzusetzen. Anfangs, als er noch denkt, dass er elend an Lepra wird sterben müssen, will er sich umbringen. Aber dann wird sein Wunsch, auf jeden Fall zu leben, übermächtig.
Später, als er schon fürchtet, wahnsinnig zu werden in seiner Einsamkeit, spricht er zu einem Maultier, das ihm zugelaufen ist, und erklärt ihm den Wert des Lebens. Und er begreift nach und nach, dass er in diesem Land ein Eindringling ist, dass er hier als Soldat im Grunde nichts zu suchen hat. „Ich war ein Eindringling inmitten dieser Leichen. Ich war, allenfalls, eine andersgeartete Leiche, denn ich sehnte mich noch nach dem Leben. Deshalb war das Dorf gegen mich, wie übrigens das ganze Tal. Auch jene Bibelverse, die ich las, waren gegen mich; sie klagten mich an mit der Eindringlichkeit und Grausamkeit der einfachen Worte, die unversehens ihre Bedeutung wiedergewinnen. Ich war ein Mörder, ein Dieb, ein Kranker, ein vom göttlichen Zorn geschlagener Mann.“
Der Mann, dem es am Ende gelingt, Vergebung und Ruhe zu erlangen, sogar Verständnis bei seinem Kameraden, der Mann, der schließlich nach Italien zurückkehrt, das ist nicht mehr derselbe Mann wie zuvor. Das Buch gewinnt damit eine geradezu biblische Dimension: Eine Paulus-Saulus-Paulus-Verwandlung hat stattgefunden, ein Prozess des Erkennens und der Reife.
In Italien wollte man an den ungerechten und furchtbaren Krieg in Abessinien lieber nicht mehr erinnert werden, deshalb wurde das Buch zwar gleich nach Erscheinen preisgekrönt, aber dann sozusagen vergessen. Dass es jetzt rechtzeitig zu Flaianos 100. Geburtstag im März 2010 in dieser schönen Ausgabe in der Übersetzung von Susanne Hurni neu vorliegt, ist für den deutschen Leser ein großes Glück, denn es lässt uns einen Autor wiederentdecken, bei dem Sarkasmus, Witz, Melancholie ganz dicht beieinanderliegen und dessen tiefe Menschlichkeit ohne jede literarische Eitelkeit auf jeder Seite des Buches spürbar ist.
Einmal, in seinem Tagebuch, hatte Flaiano notiert: „Und man muss hinzufügen, dass dies nicht die Zeiten sind, in denen man sich zum Vergnügen ans Schreiben macht.“

Elke Heidenreich
Auszug aus dem Nachwort zu „Alles hat seine Zeit“