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SPECIAL zu Helmut Böttiger »Die Gruppe 47«

Preis der Leipziger Buchmesse 2013 - Laudatio Sachbuch

Laudatio von Lothar Müller, gehalten am 14.03.2013

„Muss man“, schrieb der Schriftsteller Arno Schmidt im Frühjahr 1953 an seinen damaligen
Verleger, „Muss man bei der Gruppe 47 auch singen oder braucht man nur nackt
vorzulesen?“

Schmidt war zur Tagung der Schriftstellergruppe eingeladen, wollte aber nicht kommen,
obwohl Martin Walser ihn eindringlich beschworen hatte. Manch leichtfertiges Geschreibe könnte mit einer Lesung von ihnen zur Entlarvung gebracht werden. Nie hat Arno Schmidt bei der Gruppe 47, die ihm als Laufsteg verdächtig war, gelesen. „Ich eigne mich nicht als Mannequin.“

Es charakterisiert Helmut Böttigers Buch „Die Gruppe 47 - als die deutsche Literatur Geschichte schrieb“, dass Arno Schmidt dennoch so selbstverständlich darin auftauchen kann. Zein Horizont ist durch die meist selbstgestrickten Mythen in denen sich sein Gegenstand verfangen hat, nicht verengt. Böttiger lässt den Gründer Hans Werner Richter seine Jugendherbergsvaterrolle, zeigt aber vor allem wie die ästhetische Kontrolle rasch
entglitt. Und so bleibt es hier nicht bei der Koppelung von Reportage, Realismus und Kahlschlag durch heimgekehrte Lanzer, die gegen den Adenauerstaat und die Wiederbewaffnung opponierten und irgendwann in die Sozialdemokratie einheirateten.

Das Murren gegen das Immigrantendeutsch und die Engstirnigkeit mit Paul Celan verschweigt dieses erste, umfassende Gruppenportrait nicht. Sein Reichtum an Figuren und Spannungen aber gewinnt es indem es die Gruppe 47 als ein Netzwerk rekonstruiert in dem
Enge und Weite, deutscher Tradition und internationaler ästhetischer Moderne rivalisieren. Nicht minder repräsentativ für die Gruppe 47 als Günter Grass, mit dessen Blechtrommellesung 1958 eine neue Öffentlichkeitsstufe erreicht wurde, sind bei Böttiger der
medientheoretisch gewitzte (?) Hans Markus Enzensberger, Alfred Andersch als Figur der
Vernetzung von Rundfunk und Literatur oder Walter Höllerer als Impresarios der Zeitschriften, der großen Lesungen, des Brückenschlags in die Wissenschaft. Die Kritiker von Walter Jens über Reich-Ranicki, bis zu Joachim Kaiser, die das anfängliche Autorenwerk statthaft sprengen.

Vor allem aber ist die Gruppe 47 in diesem Buch nicht das Projekt einer Generation, sondern Schauplatz der sich überlagernder, miteinander in Konflikt geratenden politischen und ästhetischen Orientierungen und auch der Generationen. Böttiger zeigt, dass Peter Weiss,
Wolfgang Hildesheimer, oder Alexander Kluge, die literarische aus anderem Holz geschnitzt waren als der Gründer Hans Werner Richter, die Gruppe entscheidend prägten. Dass die Jungen nicht nur niedergemacht wurden, sondern von Hubert Fichte bis zu Peter Handke
ihrerseits durch Attacken Profil gewannen, dass ein Avantgardist wie Helmut Heißenbüttel,
zum heißen Kandidaten für den Preis der Gruppe werden konnte Und dass auch in der Gruppe 47, den SPD Wählerinitiativen, eine außerparlamentarische Opposition gegenüber stand.

Die Soziologie des Literaturbetriebs grundiert dieses Gruppenbild. Seine Höhepunkte aber hat es in den Textlektüren und Autorenportraits. Nie kapituliert Böttiger vor der Fülle der Anekdoten. Umso plastischer treten markante Situationen, wie die Kirke-Episode hervor, in
der Ingeborg Bachmann 1954, Lanzer und Avantgardisten bei Rom versammelt, von wo es
nicht weit ist zum Kriegsschauplatz Monte Cassino, auf dem nicht alle auf der gleichen Seite gekämpft hatten. In Szenen wie diesen verdichtet sich ein Grundzug dieses vielstimmigen, klug komponierten Buches. Sein Autor erzählt die Geschichte der Neuformierung der
Literatur und der Erfindung des Literaturbetriebs in Deutschland nach 1945 mit dem Sensorium des Lesers und Kritikers und mit den Mitteln der Literatur selbst.

Herzlichen Glückwunsch Helmut Böttiger.

Die Gruppe 47 Blick ins Buch

Helmut Böttiger

Die Gruppe 47

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