Leserstimme zu
Feinde

Status quo ante?

Von: Kerstin von KeJas-BlogBuch
25.12.2018

Can Arat, Kriminalhauptkommissar bei der Kölner Kripo, ist einer der untypischen Typen. Türkischstämmig, mit festen Wurzel in dieser Stadt, einem guten Freundes- und Bekanntenkreis und Kollegen und Kolleginnen, auf die er sich verlassen kann. Er wohnt zusammen mit dieser Isa und doch sind sie kein Liebespaar. Seine Liebe war Marie, wegen der er noch immer Alpträume hat. Kopfschmerzen sind sein täglich schlechtes Gewissen und nur dank Schmerzmittel kann er es unterdrücken. Was ihn aber so richtig ausmacht, ist sein Wirken inmitten der täglichen Dienste. Es ist in einem grausamem Doppelmord zu ermitteln und das bitte schnellstmöglich, sonst kommt der Fall zu den Akten. Die Opfer waren zu „uninteressant“, ohne Lobby und nach Meinung so manchem eh nur Abschaum und Ballast. Can ist das, ganz salopp gesagt, scheißegal. Er will diese Morde aufklären, doch dafür muss er und seine direkte Vorgesetzte Simone erst einmal viel recherchieren. Das Milieu, aus dem die Ermordeten stammen ist deutlich sichtbar und doch will keiner hinschauen. Roma und Sinti, billige Arbeitskräfte, angelockt um dann auf dem Arbeiterstrich zu landen und in heruntergekommenen Mietskasernen – eine effiziente Geldmaschinerie, nur eben nicht für diese Menschen. "Das macht keinen Unterschied für euch, richtig? Deutsche Sinti, bulgarische Roma – alles eine Zigeunersoße. Ein hoch auf die Sippenhaft!" (S. 83) Dieser Thriller ist eine ungeschönte und schonungslose Darstellung des Milieus um die Untersten der Gesellschaft. Ganze Familien am Abgrund des täglichen Überlebenskampfes. Durchs Cans und Simones Recherchen begegnet man all diesen Schicksalen, die zwischen Apathie, Resignation und dem alltäglichen Wahnsinn aus Gewalt und Gegengewalt in ihren eigenen Welten hausen. Es ist das betreten dieser heruntergekommenen Häusern, genau wie so mancher Villa. Die Türen die geöffnet werden, lassen doch niemanden herein – eine eingeschworene Gemeinschaft, die nur aus einem einzigen Grund zusammenhalten – Angst. Can ist der Typ Ermittler, der genau hinschaut. Seine Ermittlungsmethoden sind geprägt von dem Wunsch mehr zu Hintergründen zu erfahren und der eigenen Erfahrung, wie mit wem umzugehen ist. Vieles was er sieht und hört schockiert ihn mindestens genauso sehr wie die Leserschaft. Die Vergangenheit der Roma und Sinti. Ihre Schicksale vor und während des 2. Weltkrieges und das damit, nach Friedenschluss, dennoch kein Ende war. Vorurteile en masse! Es geht um üble Machenschaften, bei denen ein Menschenleben nichts zählt und Geld über allem steht. Can beginnt Dinge aufzudecken, die ihn in große Gefahr bringen und auch diese Sache mit seiner ehemaligen Freundin Marie beschäftigt ihn immer mehr. In Rückblicken erfährt man Stück für Stück was das für eine Freundschaft war, wie und warum sie endete und welch Schicksal Marie widerfuhr. Harter Toback und eine entsprechend derbe Sprache. Was im Buch geschieht und dargestellt wird ist kein Zuckerschlecken, sondern harte Fakten. Die Autorin Susanne Saygin hat trotz der grausamen Detail doch viel Liebe zwischen die Zeilen geschrieben. Can wirkt einsam und verlassen, bekommt aber durch Isa eine ungewöhnliche Frau an seine Seite. Beide leben aneinander vorbei und doch haben sie etwas, das sich im Buch offenbart, gemein. Eine tolle Freundschaft, die allerdings auf eine harte Probe gestellt wird. Man sollte durch diese Aussage allerdings nicht meinen, dass es eine kitschige Romanze im Buch gibt. "Das ist Mafia, Herr Kriminalhauptkommissar! Hausgemachte, deutsche Mafia! Glaubst du wirklich, du kommst da allein gegen an?" (S. 339) Die Sprache im Buch hat mich komplett abgeholt. Kein Schickimicki oder friedfertiges Umschreiben von Personen, Orten oder Begebenheiten. Die Autorin ist gnadenlos mit allem und lässt durch Can und andere Charaktere viel Authentizität einfließen. Das kommt in Sachen Umgangssprache genauso ehrlich rüber wie in Slang oder Dialekten. Es wirkte nie billig oder vulgär, derb und hart dagegen auf jeden Fall, aber es passt immer ins Bild. Das Thema Rassismus kommt in seinen Facetten genauso zur Sprache wie Korruption und Ausbeutung. Ein Thriller, in dem es nicht um einen irren Serienkiller geht oder übertrieben zelebrierte Gewalttaten geht – wobei Gewalt und deren Folgen im Buch deutlich zu finden ist. Die Ware Mensch ist Dreh- und Angelpunkt im Buch. Billige Arbeitskräfte, ausgebeutet um noch mehr Profit rauszuschlagen. Frauen, die als Prostituierte nur noch ihrem Zuhälter, oder der dahinter stehenden Organisation gehören. Selbst vor Kindern wird in beiden Fällen kein Halt gemacht. Es war schon klar, dass Can da einer großen Sache auf die Spur kommen wird, dieses Ausmaß habe ich aber nicht erwartet. Das Cover empfinde ist als sehr passend. „FEINDE“ als Aussage, die man sehr vielfältig interpretieren kann und dieses eine, sehr entschlossen wirkende und präsente Auge, haben mich magisch angezogen. Ein starker menschlicher Charakter, der doch mit seinen Schwächen dargestellt wird, was ihm etwas besonderes gab. Definitiv ein spannender Thriller. 22 Kapitel auf 351 Seiten verteilt, spornen einen geradezu an, immer tiefer und weiter in diese Geschichte abzutauchen. Rezension verfasst von © Kerstin