Leserstimme zu
Nacht über Tanger

Hätten Sie es wirklich so gemacht, Herr Hitchcock?

Von: Ben Vart
30.12.2018

Häufig verglichen Kritiker das Erstlingswerk von Christine Mangan mit einem Film von Alfred Hitchcock. Und hier liegt schon der erste Fehler. Denn Hitchcock ist ein Filmemacher und schrieb nie Romane. Er setzte sie nur immer optisch um. Insofern hinkt der Vergleich Mangan - Hitchcock nicht nur, er hat auch nur ein Bein. Auch das, was mit diesem Vergleich angedeutet werden soll, nämlich dass Mangan in "Nacht über Tanger" Suspense erzeugt, Spannung aufbaut, Dramatik herstellt, vermag ich nicht zu teilen. Zu offensichtlich ist der Plotverlauf, zu schnell sind die Winkelzüge der Gegenspielerin vorhersehbar, zu einfach ist die Welt, die sich Christine Mangan zurecht gestrickt hat. Okay, ich habe das Hörbuch gehört und grundsätzliche Schwierigkeiten mit den beiden Leserinnen. Wie im Buch, das mal aus der Perspektive der Alice, mal aus der von Lucy geschrieben ist - dramaturgisch zwar nicht neu, aber geschickt, denn so erlaubt der Wechsel der Perspektive dem Leser das zu erfahren, was der jeweilige Ich-Erzähler sieht, empfindet, erlebt - wird auch das Hörbuch von zwei Frauen gelesen: Frederike Kemper als Alice und Bibiana Beglau als Lucy. Beide eigentlich gestandenen Schauspielerinnen, aber hier meines Erachtens eine totale Fehlbesetzung. Während Frederike Kemper mit einer sehr hellen, fast piepsigen Stimme noch die zierliche, nahezu ätherische Lucy verkörpert und Bibiana Beglau mit ihrem Mezzo-Sopran die aktive, körperlich präsente, energische, aber auch skrupellose Alice auch bildlich im Kopf des Hörers präsentiert, gelingt es dagegen beiden nicht, den Figuren wirklichen Charakter einzuhauchen. So wird der Text einfach runter gelesen, es fehlen Betonungen, es fehlt die Dramatik, der die Stimme Bedeutung und Gewicht verleiht. Bibiana Beglau hat zudem das Problem, dass sie zu oft die Stimme senkt, wo ein Komma steht und so den Eindruck vermittelt, sie habe den Text nie zuvor zu Gesicht bekommen und wisse auch nicht, dass die Stimme eines Vorlesers sich erst am Ende des Satzes, bei einem Punkt oder einem Semikolon, senkt. Dazu liest sie schleppend, dehnt die Endlaute eines Wortes (wo sich die braunschweiger Herkunft der Beglau nicht verleugnen lässt) und lässt Stellen des Buches, wo akustische Spannung, Dramatik, Mysterium angezeigt wären, in seichtem sprachlichem Geplätscher versinken. Irgendwo las ich, Christine Mangan sei die Idee zu dem Buch nach einem Ferienaufenthalt in Tanger gekommen. So hört sich auch die Beschreibung der Stadt und des Landes an. Ohne Tiefe, dargestellt mit der oberflächlichen Einstellung, mit der viele Amerikaner der alten Welt begegnen. Das Buch spielt 1956 auf dem Höhepunkt des marokkanischen Kampfes um Unabhängigkeit von der französischen Kolonialmacht. Die wenigen Ausflüge, die Christine Mangan in dieses Kapitel der Geschichte Marokkos macht, lesen sich wie schlecht abgeschrieben aus einem schlechten Geschichtsbuch. Sie lässt Youssip als einzigen Einheimischen beispielhaft eine größere Nebenrolle spielen. Und Youssip ist natürlich ein Gauner, ein Betrüger, ein Blender, ein Hochstapler, ein Touristenverführer. Sein Charakter ist damit negatives Vorbild für ein gesamtes Volk. Damit hat Mangan ihr vielleicht positives Vorhaben, mal über den Tellerrand der USA hinauszusehen, schon wieder zunichte gemacht. Allerdings hat sie mit ihrem französisch klingenden Namen den Vorteil, dass ihr der unerfahrene Leser abnimmt, ihr rudimentäres Halbwissen zu Land, Leuten und Geschichte habe scheinbar Hand und Fuß. Insgesamt geht es um zerstörerische Liebe, Stalking, Intrige, Mord, Hinterhältigkeit vor der exotischen Kulisse Marokkos. Aber diese Kulisse ist beliebig. Es hätte ebenso Austin/Texas sein können. Das Mississippi-Delta und New Orleans. Oder irgendwo in Mexico. Oder die Niagara-Fälle. Selbst eine Ölbohrplattform gab schon einen glaubwürdigeren Hintergrund für Romane ab, als ausgerechnet das Tanger von Christine Mangan. Getoppt wird alles von einer Übersetzung, die als grauenhaft zu bezeichnen wirklich noch geschmeichelt wäre. Davon abgesehen, dass Übersetzerin Irene Eisenhut offenbar jedes so genannte Redeverb mit übersetzt hat. Redeverben sind Verben, die als Ergänzung nach einer direkten Rede folgen: sagte sie, erwiderte er, schrieen wir undsoweiter. Jeder Schreibratgeber rät davon ab, zu viele dieser Redeverben zu verwenden, dafür sollte der Autor lieber so schreiben, dass die wörtliche Rede erstens problemlos einem Protagonisten zuzuordnen ist und zweitens die Stimmung und Gemütslage deutlich wird. So erübrigt sich eine Ergänzung, die verdeutlich, dass der Sprechende "schrie", "weinte", "tobte". Nicht so bei Christine Mangan. Sie treibt es auf die Spitze. Ebenso wie die Übersetzerin den sprachlich fragwürdigen Konjunktiv mit "würde" bis zum Exzess einsetzt. Offenbar hat die Übersetzerin grundsätzliche grammatikalische Schwächen, weshalb sie sich dort, wo der Konjunktiv I (hauptsächlich verwendet für die indirekte Rede) notwendig wäre, in den "würde-Konjunktiv" rettet. Ein sprachlicher wie akustischer Gau, wenn dem Hörer immer wieder die "würde-Formen" in die Ohren gehaucht werden und es sich derart grottenfalsch anhört, dass er es jedesmal in Gedanken korrigiert. Mit dem Cover zu Buch und Hörbuch nahmen die Kreativköpfe Anleihen an "Casablanca". Der Kultfilm mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann muss Pate gestanden haben, als das Titelbild ausgewählt wurde. Es zeigt das Top-Modell der 50er Suzy Parker aufgenommen von Georges Dambier in Marokko (das Originalfoto finden Sie unter diesem Link: https://www.pinterest.at/pin/399764904404788427/). Und Suzy Parker sieht auf dem Bild tatsächlich aus wie seinerzeit Ingrid Bergmann. Was also liegt näher, sich mit einem mittelmäßigen Roman an einen cineastischen Welterfolg anhängen zu wollen?