Leserstimme zu
Kroatisches Roulette

Tatort-Kommissar als Ermittler in eigener Sache

Von: Eva Krafczyk
09.01.2019

Die Idee klingt nicht unoriginell: Ein Schauspieler, der Fernsehzuschauern als Tatort Kommissar bekannt ist, schreibt ein Buch, in dem er selbst die Hauptfigur eines fiktiven Romans ist und gewissermaßen in eigener Sache ermitteln muß. Das könnte daneben gehen in Form von eitler Selbstbespiegelung oder -beweihräucherung. Im Fall von Miroslaw Nemec ist das dank einer erfrischenden Selbstironie und kleinen Seitenhieben auf die eigene Branche aber erfreulicherweise nicht der Fall. Der Ausgangspunkt von „Kroatisches Roulette“ passt in die #MeToo Debatte: Ich-Erzähler Nemec ist in Kroatien, um mit einem dortigen Produzenten über ein Projekt zu sprechen. Schon allein die Beschreibung der Protz- und Schmeichelspielchen in der Filmbranche lassen schmunzeln. Dem Roman-Nemec allerdings vergeht zu später Stunde im Hotel das Lachen: Der Zimmerservice meldet sich, doch die junge Frau, die ihm eine Flasche Champagner schickt, reißt sich das Kleid vom Leib. Als Nemec versucht, sie abzuwehren, blitzen Kameras auf. Nemec weiß: Bilder, die als sexueller Übergriff gedeutet werden, sind ein Karrierekiller. Hat er es mit einem schlechten Scherz zu tun oder mit einem Erpressungsversuch? Die Suche nach den Hintergründen und der Versuch, seinen Ruf zu retten, bringen Nemec in Kontakt zu einem alten Jugendfreund. Als Kinder waren sie Blutsbrüder auf den Spuren von Winnetou und Old Shatterhand, nun ist Drago Polizeichef. Doch kann der ihm helfen, als Nemec über eine Leiche stolpert? Der Weg ins Verderben scheint vorprogrammiert… Kroatisches Roulette ist mit leichter Hand geschrieben. Köstlich sind die selbstironischen Einsprengsel, wenn der weißhaarige Schauspieler entrüstet das Angebot seiner Agentin ablehnt, für Treppenlifte zu werben: Dafür sei er schließlich viel zu jung! Nostalgisch, ohne sentimental zu sein sind die Reminiszenzen an die Kindheit in Kroatien, damals, als es noch Jugoslawien gab und Tito. Nachdenklich die Bezüge zum Bürgerkrieg und seinen Folgen, die Drago und andere bis in die Gegenwart mit sich herumschleppen. Und auch deutsch-kroatische natironale Eigenheiten werden einander mit einem gewissen Augenzwinkern gegenübergestellt von dem Autor, der schließlich beide Identitäten kennt und in sich vereint. Nett, nicht nur für Tatort-Fans.