Leserstimme zu
Prophet der sechs Provinzen

Ich habe mich neu in die Reihe verliebt!

Von: Buch & Gewitter
27.02.2019

Falls es noch nicht klar geworden ist, dieses Buch spoilert viel. Nicht nur die Ereignisse aus Diener der alten Macht, sondern auch aus der Zauberschiff-Trilogie und weist ebenfalls auf die Rain Wild-Reihe hin. Der Anfang des Buches ist schwer. Fitz trauert um alles was er verloren hat und muss versuchen wieder zurück ins Leben zu finden. Die Ereignisse von vor wenigen Wochen haben ihm gezeigt, dass er dringend entscheiden muss, ob er dieses Leben im Halbschatten, mit großen Opfern, erneut führen möchte. So halb, wie er es aktuell tut, geht es nicht. Fitz versucht sich an einem gigantische Spagat zwischen all seinen Verpflichtungen, die seine zwei Leben nun mit sich bringen: Der Krone zu Diensten sein und gleichzeitig sein privates Leben als Tom Dachsenbless zu führen. Ich weiß ehrlich nicht, wie ich dieses wahnsinnig komplexe Buch in eine lesbare Rezension fassen soll, weil so viel passiert und angedeutet wird, das mir jetzt schon wieder fast der Kopf platzt.Zum Glück merkt man davon beim Lesen herzlich wenig, da Robin Hobb den Leser wunderbar an die aktuelle Seite fesseln kann und mühelos Informationen einbindet. Ich bin erneut erstaunt, was für eine geniale Autorin sie ist und will gar nicht wissen, wie ihr Plotting-Prozess aussieht. Deswegen befasse ich mich mal kurz (HAHA.) weniger mit der Handlung des Buches und mehr mit den Figuren. Denn ich denke, ich kann nun in Worte fassen, was ich an Robin Hobbs Schreibstil so liebe. Figuren sollen im Idealfall wie ein dicht gewebter Teppich sein: Motivationen, Erfahrungen, Werte, Vorstellungen und Charakterzüge sind Fäden, die zusammen eine Figur ergeben. Robin Hobb macht jedoch noch etwas, das ich ganz, ganz selten lese: Sie dröselt diesen Teppich mühelos wieder auf. All das Gewebe, dass die Figuren in diesem Buch ausmacht und einschließt, ist so wunderbar erklärt, dass ich genau sagen kann, warum diese Person gerade so gehandelt hat. Ich habe mich ein bisschen wie Stiles (Teen Wolf) mit seiner Ermittler-Wand gefühlt: Überall Fäden und Verknüpfungen. Aber ich konnte zu jeder Zeit den Finger auf einen Faden legen und genau sagen Warum die Figur gerade so reagiert/gehandelt hat. Die Neugier war wie ein Faden zwischen uns, so straff gespannt, dass er leise summte, wenn man daran zupfte. S. 16 Für die ersten zwei Drittel des Buches rücken die Gegenspieler des ersten Bandes in den Hintergrund, viel dringender als die Gescheckten sind die Fernholmer und das offensichtliche Mächteungleichgewicht, das unter der Gesandtschaft der Bride-to-be herrscht. Fitz und Chade verwenden eine Menge Zeit und Spinnenweben darauf die Motive der Fernholmer heraus zu finden, und mir tut jetzt noch aus Sympathie die Hintern weh, wenn ich an das Spionieren in kalten Geheimgängen auf noch kälteren Steinbänken denke. Außerdem sind die beiden Teenager Pflichtgetreu und Elliania auch nicht so ganz von der politischen Heirat begeistert und ein sehr vorsichtiger gesellschaftlich-politischer Seiltanz beginnt. Dieser wird verschärft als eine Gesandtschaft aus Bingstadt eintrifft, die Hilfe beim Krieg gegen Chalced haben möchte und mit ihrer Pro-Drachen-Philosphie gegen die No-Drachen-Philosphie der Fernholmer stehen. Die Weitseher-Magie. Das war die Gabe. Angeblich besaßen die Weitseher ein „Recht“ darauf, und mit dieser Annahme ging die Vorstellung einher, dass die Weitseher die Weisheit besaßen, eine solche Art von Magie anzuwenden. S. 478 Fitz hat zudem die Rolle des Gabenmeisters übernommen und soll Pflichtgetreu, sowie einen etwas wunderlichen, aber in der Gabe sehr starken Diener, ausbilden. Besonders interessant fand ich die damit einhergehende Darstellung von Einschränkungen, denn der Diener Dick scheint geistig eingeschränkt zu sein. Er denkt und handelt nicht, wie der Großteil der Menschen und das stellt Fitz nicht nur immer wieder vor kleine Probleme, sondern erweist sich auch als der Schlüssel zu einer externen Bedrohung, die erst gegen Ende des Buches in Erscheinung tritt. Ich fand es großartig, das Robin Hobb einen solchen Charakter eingebaut hat und auch die Schwierigkeiten und das festgefahrende Denken der Allgemeinheit anspricht. Die in den Hintergrund gerückte Bedrohung durch die extremistischen Benutzer der alten Macht kommt noch einmal zum Vorschein und die Reaktion darauf ist diesmal direkter als zuvor und tut weh. Auch wenn die Gescheckten eine fiktionale Gruppe sind, zeigt Robin Hobb mit ihrer Welt die realen Vorurteile und wie tiefgreifend diese gehen. Egal wie oft ich davon lese, es schockiert mich immer wieder. Witzigerweise waren die Ideen der Herzöge die Diskriminierung und Verfolgung der Benutzer der alten Macht zu beenden sehr ähnlich dem, was während des zweiten Weltkrieges den Juden angetan wurde. (Deportation, Ausweisung, Internierung.) Dieser Mann liebt Geheimnisse. Er hat die ganze Bocksburg mit Geheimnissen vollgestopft, wie ein Eichhörnchen, das Nüsse sammelt. S. 749 In diesem Buch werden viele Informationen enthüllt, die weniger aktives Handeln hervorgerufen haben. Deswegen ist dieses Buch so ruhig: Es wird spekuliert, spioniert, beratschlagt und nachgeforscht. Der Grundstein für das kommende Buch wurde mit schwelenden Konflikten, choreografierten Gesprächen und simplen Informationssammeln gelegt, was genauso spannend wie ein Schwertkampf sein kann, weil es sehr viel größere und längerfristige Folgen haben wird. Obwohl ich etwas anders von diesem Buch erwartet habe, habe ich mich nochmal neu in die Reihe verliebt, einfach, weil es so gut gemacht worden ist. Ich kann das Weiterlesen der Trilogie nur empfehlen und hoffe sehr, dass ich nicht wieder zu lange warte, um Beschützer der Drachen zu lesen, das bereits schon in meinem Regal wartet. Habt ihr denn die Trilogie gelesen? Konnte ich euch anfixen?