Leserstimme zu
Neujahr

Reden wir von Überforderung!

Von: Mario Keipert
11.03.2019

Juli Zeh ist dafür bekannt, mit ihren Romanen gesellschaftlich virulente Probleme aufzugreifen und in zugespitzt konstruierten Versuchsanordnungen als Gesprächsstoff aufzubereiten. Das zumindest gelingt ihr auch mit ihrem jüngsten Buch Neujahr hervorragend. Reden wir also von Überforderung. Passt ja irgendwie perfekt in die Zeit. Reden wir von dem permanenten Zwang zur guten Performance, von Leistungsdruck und der Erwartung, funktionieren zu müssen, reden wir auch von emotionaler Leere und dem Gefühl, an der Oberfläche auf Betriebstemperatur herunterzukühlen, während darunter die Lava brodelt. Reden wir davon, dass wir uns die Fassade selbst nicht mehr abnehmen, dass uns nach Heulen und Schreien zumute ist und wir dennoch achselzuckend und mit einem leisen Lachen den Schwanz einklemmen. Dass wir weitermachen, weil wir nicht anders können. Reden wir von den Träumen auszusteigen und uns selbst zu verwirklichen, reden wir auch von dem dummen Pflichtgefühl, der Verantwortung, den finanziellen Zwängen. All das steckt in dieser Geschichte von Henning und seiner Familie. Juli Zeh erzählt von einem überforderten Vater, der sich mit Theresa, seiner Frau zu gleichen Teilen Arbeit und Erziehung teilt. Damit trifft sie bei mir so einige wunde Punkte. Die Tretmühle des Alltags, die von früh bis spät kein Halten kennt, der permanente Wechsel zwischen Familienleben und Arbeitsrealität, manchmal nur zwei Wischbewegungen auf dem Smartphone voneinander entfernt, das Gefühl, in beidem nicht sonderlich zu brillieren, sondern sich mit Organisationstalent und viel Glück von Task zu Task zu improvidsieren, die ratternden Gedanken und das Gefühl der Unzulänglichkeit, das auch nachts nicht zur Ruhe kommt – hinlänglich bekannt. Auf den ersten Seiten nimmt mich Neujahr denn auch ziemlich mit. Vom "Funktionieren" und anderen Katastrophen Henning lebt, so heißt es, im ständigen Gefühl, es stünde eine Katastrophe bevor. ... Sein Leben gleicht einer Flucht, er kann nichts zu Ende bringen, hat für nichts richtig Zeit. Dabei funktionieren Theresa und er als Paar richtig gut, glaubt Henning. Nun haben sie über den Jahreswechsel ein Haus auf Lanzarote gemietet, wo sie zusammen mit ihren Kindern einen – je nach Perspektive – ziemlich katastrophalen Urlaub verbringen. Während Henning am Neujahrsmorgen in die Pedalen tritt, um sich, dem Wind entgegen, den Berg hinauf nach Femés zu arbeiten, endlich raus, endlich allein, aus einer Tretmühle in die andere, beschäftigen sich seine Gedanken mit dem Leben zuhaus und dem so ziemlich gescheiterten Urlaub auf der Insel. So langsam wird deutlich: Alles scheint irgendwie zu funktionieren, ja – eigentlich aber fehlt oft die Kraft, noch öfter die Liebe, und Henning wird von einem dunklen Leiden verfolgt, das für schlaflose Nächte sorgt. Der zeitweilige Ausstieg, natürlich selbst auch schon wieder eine extreme Form der Überforderung, führt, man ahnt es schon, hinein das dunkle Zentrum aller Probleme. Ich klettere schon wieder auf einen Berg, denkt Henning. Was ist bloß mit mir los. Ein Sisyphos ohne Stein. Grenzen der Versuchsanordnung Es sind nicht die Klischees in der Familienkonstellation, die mich stören. Klischees können auch Dinge verdeutlichen. Juli Zeh nimmt in ihrem Roman ja auch ein klischeehaftes, aber durchaus allgegenwärtiges gesellschaftliches Rollenbild aufs Korn (junges Paar, Kernfamilie, Vertreter der kreativ arbeitenden Klasse). Allerdings gelingt es ihr nicht so recht, das Rollenbild zu brechen oder den Figuren eine Tiefe zu geben. Mit Ausnahme vielleicht von Henning und seiner (im 2. Teil eine größere Rolle spielenden) Schwester bleiben die Figuren Abziehbilder. Fast scheint es, als hätte es Zeh darauf angelegt, den stereotypen Figuren ihre Individualität zu verweigern, um sie umso allgemeingültiger wirken zu lassen. Schon die gleichförmige, wenig individuelle Sprache der Kinder wie der Erwachsenen führt schnell zu Ermüdungserscheinungen. Während sich Henning den Berg hinaufkämpft, mehren sich noch dazu die Zeichen, dass hier irgendetwas ganz mächtig faul ist; so zieht sich der Anstieg nicht nur in die Länge, mit jeden Höhenmeter schlägt die Autorin auch immer wieder neue Wegweiser in die Landschaft, die überdeutlich und unübersehbar das Kommende ankündigen. Was folgt, ist irgendwann derart vorhersehbar, dass man als Leser nur darauf wartet, dass es endlich auch kommt. Einfache Antworten auf komplexe Probleme Auf dem höchsten Punkt angelegt, steigt Henning hinab in die Tiefen der Erinnerung. Der zweite Teil von Neujahr schildert eine (vergessene) Schlüsselepisode aus seiner Kindheit. Zeh belohnt ihren Protagonisten für seine aufopferungsvolle Bergtour damit, dass sie ihm das größte Geheimnis seines Lebens, die vermeintliche Ursache (all?) seiner Probleme, offenbart – inklusive Lösungsperspektive für die Situation zuhause. Dieser Kurzschluss ist – neben der mit Kontrasten, Metaphern und Analogien überdeutlichen Konstruktion des Romanes – das eigentlich Ägerliche an diesem Buch, das zwei in sich durchaus spannende Erzählungen bietet, aufgeladen mit Symbolik, merkwürdig surreal in ihrer Zuspitzung. Doch wie die eine Erzählung die andere erklären und begründen soll, das ist mir, tut mir leid, doch um einiges zu viel bzw. zu wenig. Angesichts des von der Autorin aufgeworfenen Problems, dem sicherlich nicht nur ich so einiges abgewinnen kann, ist umso irritierender, wie die Überforderung des Individuums, die Suche nach Glück (so der Titel eines Gedichtbandes von Michel Houellebecq, der thematisch gar nicht so weit entfernt ist) und die zu erwartende Enttäuschung auf eine Episode in der Kindheit zurückgeführt wird, die fortan als Trauma das Leben des Protagonisten prägt. Heruntergebrochen: wir sind heute alle so dauererschöpft, können aus dem zwanghaften Verhalten als Helicopter-Eltern, Vorzeige-Papas und erfolgreiche Selbstunternehmer deshalb nicht heraus, weil unsere Eltern uns in entscheidenden Situationen uns selbst überlassen haben. Die erfahrene Lieblosigkeit kompensieren wir mit Liebe bis zur Selbstaufgabe. Dreißig Jahre hat er auf einem unterirdischen Speicher gelebt, auf seiner Höhle, verzweifelt bemüht, das Loch nicht zu sehen, durch das man hineinfallen kann. Einfache Antworten auf komplexe Probleme: am Ende fand ich Neujahr ziemlich enttäuschend. Oder, in der Sprache der Figuren ausgedrückt: Das Buch funktioniert, und darin erschöpft es sich.