Leserstimme zu
Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Eine unvergessliche Reise nach Amygdala

Von: Tintenfleck
03.05.2019

„Sieh es doch einfach philosophisch: Ich ängstige dich – also bin ich!“ (S. 82) Walter Moers‘ Roman „Prinzessin Insomnia und der albtraumfarbene Nachtmahr“ setzt genau diese Tatsache außer Kraft, denn Dylia kann nicht schlafen. Eine seltsame Krankheit hat sie befallen, die Schlaf oft für lange Zeiträume unmöglich macht. Zum Startzeitpunkt des Buches ist sie bereits seit achtzehn Nächten schlaflos und entwickelt dabei besondere Fähigkeiten: Sie kann das Gras wachsen hören, die Emotionen von Pfirsichen ertasten, Zwielichtzwerge sehen und Farben riechen! „Meine Gedanken sind meine Freunde“, dachte die Prinzessin. (S. 14) Obwohl sich diese Fähigkeiten alle ein wenig kurios anhören, ist es Dylias Art mit ihrer Krankheit umzugehen. Sie nutzt ihren Verstand als letzte Rettung vor den physischen Auswirkungen ihrer Schlaflosigkeit, weswegen sie auch sehr gebildet ist. In ihren Gedanken erdenkt sie sich Regenbogenerfindungen, studiert Zwielichtzwerge und lernt verschiedene Sprachen und Dialekte. Eine ihrer lustigsten Angewohnheiten sind die Pfauenwörter. Diese Sammlung von dreizehn komplexen (und unnötigen) Fachbegriffen stellen Dylias persönliche Herausforderung des Tages dar, währenddessen sie versucht, jedes in ihre Konversationen unterzubringen. Im Laufe der Geschichte gelingt es Dylia tatsächlich viele der Worte unterzubringen, was auf mich zuerst komplett unmöglich gewirkt hat – schon alleine, weil ich nur wenige davon aussprechen konnte. Ein Beispiel hierfür wäre „Hoyotojokomeshi“ – einen Baumstamm durch einen Strohhalm trinken. Alles in allem ist Dylia absolut mental fähig. Sie hat sehr bestimmte Vorstellungen darüber, wie es in ihrem Gehirn so zu- und hergeht, was sie meiner Meinung nach sehr sympathisch macht. Ihre praktische veranlagte und logische Art zu Denken wirkt sehr freundlich und bedacht, wobei sie nie ihren Palast verlässt und deswegen auch sehr eingeschränkt ist. Zum einen ist sie königlich stolz und zum anderen liegt da ihre verletzliche Seite, die sie aber nicht zulassen möchte, um ihrer Krankheit keine Macht über sich selbst zu geben. Verständlicherweise ist sie nicht überzeugt von dem Nachtmahr, als er urplötzlich bei ihr auftaucht. Stattdessen glaubt sie, er sei eine ihrer schlaflosen Erscheinungen, was Opal durchweg sehr nervt – ihre Dialoge aber auch sehr spannend und unterhaltsam macht. Natürlich ist Dylia nicht begeistert, dass er sie in den Wahnsinn treiben möchte, da sie sehr an ihrer geistigen Gesundheit hängt. Leider kann man einen Nachtmahr aber nur sehr schwer wieder loswerden, nämlich eigentlich gar nicht. Er sieht seine persönliche Berufung darin, Dylia in den Wahnsinn (und damit in den Tod) zu treiben – wobei er das keineswegs persönlich meint, sondern einfach nur als seinen Job sieht. Dafür bringt er Dylia in ihr eigenes Gehirn, um mit ihr nach Amygdala (auch ein Pfauenwort), dem Angstzentrum des Cortex zu kommen. Dort soll sie dann von ganz alleine verrückt werden. Was mir zuerst sehr abstrakt vorkam, entwickelt sich im Laufe der Geschichte zu einer wunderbaren, faszinierenden und träumerischen Reise durch Dylias Gehirn. Dort lernt sie ihre persönliche Erinnerungsspinne, ihr Oberüberwort, die Bedeutung der Zwielichtzwerge und ihren Friedhof des Humors kennen. Dabei begegnet sie den Zergessern und ihren Egozetten, die im Thalamus arbeiten. Immer an ihrer Seite ist dabei Opal, den sie zuerst kaum ausstehen kann, da seine Absicht der Reise natürlich auch alles andere als ehrenhaft ist. Mit der Zeit merkt man als Leser aber, dass Prinzessin Dylia ihn immer sympathischer und netter findet und auch Opal wird immer offener, obwohl er Dylia immer noch viel verschweigt und sie belügt. Mir gefiel Dylias Art zu Denken und Dinge anzugehen und wie sie schlussendlich eine Lösung für ihr Problem mit Opal findet soll natürlich ein Geheimnis bleiben. Ich war am Ende sehr traurig und gleichzeitig sehr berührt vom Ende und hätte gerne noch mehr über Dylia gelesen. Ihre Begeisterung für die kleinsten Dinge und ihr Ideenreichtum waren sehr ansteckend, sodass ich sie mir gut als eine Freundin hätte vorstellen können. „Dies ist die Welt des Geistes! Das bedeutet aber nicht, dass es deshalb keine brutale und ungerechte Welt ist.“ (S. 117) Fazit: Abschließend kann ich nur sagen, dass mir „Prinzessin Insomnia und der albtraumfarbene Nachtmahr“ wirklich sehr gefallen hat, ich wollte Dylia und Opal am Ende gar nicht mehr verlassen müssen. „Wenn die Minuten durch die Jahre rufen Erhebt sich der ewige Träumer Über seine irdische Last Und reist mitten hinein Ins dunkle Herz der Nacht“ (Anonymer Autor) Dylia ist der kreativste, mutigste und geduldigste Buchcharakter den ich kenne – sie hat wirklich Stehvermögen, um es mit ihren eigenen Worten auszudrücken. Sie hat Pfauenworte, Lieblingsworte, Erinnerungsspinnen und sogar einen eigenen Krankheitsplaneten, auf dem sie gegen ihre Schlaflosigkeit kämpft. Sie gibt nie auf und sucht sich tapfer einen Weg durch ihr eigenes Gehirn, ohne den Verstand zu verlieren. Auch Opal ist einfach nur toll gewesen: Zu anfangs ist er wahnsinnig unhöflich zu Dylia und ein gemeiner Schwindler, aber sogar ein albtraumfarbener Nachtmahr hat scheinbar ein Herz und kann jemanden darin einschließen. Ergänzend zu dieser tollen Geschichten muss auch Walter Moers hervorragende Übersetzungsfähigkeit von dieser zamonischen Geschichte erwähnt werden. Sie hat mich wie immer in ihren Bann gezogen, sodass ich gar nicht mehr aufhören wollte, über Dylias Reise zu lesen. Ergänzend dazu waren die wunderschönen Illustrationen von Lydia Rode (die ganz ähnlich wie Dylia heißt und auch an Schlaflosigkeit leidet), deren farbiges Wesen perfekt zu Dylias eigenen Gedanken passt. Alles in allem kann ich diesen Roman jedem empfehlen, der einer abenteuerlichen Reise ins eigene Gehirn und viele philosophische Gedanken mag. Vielen, vielen Dank nochmal an das Bloggerportal von Randomhouse und an den Penguin Verlag für das freundliche Bereitstellen dieses Rezensionsexemplars. Diese Tatsache hat meine Meinung und Wertung in keiner Weise beeinflusst. [Werbung, Rezensionsexemplar, alle Cover- und Zitatrechte liegen beim Penguin Verlag] Bibliographische Angaben: Autor: Walter Moers Seitenanzahl: 352 Seiten Verlag: Penguin Verlag Genre: Phantastik