Leserstimme zu
Gott wohnt im Wedding

Ein Wohnhaus im Wedding erzählt vom Leben der Bewohner über viele Jahrzehnte

Von: Ulistuttgart
23.05.2019

In dem Haus in der Utrechter Straße im Berliner Wedding lebt Gertrud seid ihrer Geburt im Jahr 1918. Sie gewährte den jüdischen Nachbarjungen Leo und Manfred während des zweiten Weltkrieges Unterschlupf. Leo, der inzwischen in Israel lebt, kommt nach 70 Jahren zurück nach Deutschland um eine Erbsache zu klären. Zwischenzeitlich leben außer Gertrud auch einige Sinti-Familien in dem Haus in der Utrechter Straße. Die Sinti erfuhren während des Krieges ein ähnliches Schicksal wie die jüdische Bevölkerung. Die Autorin hat mich mit ihrer Recherchearbeit überzeugt. Mir war nicht bewusst, wie es den Sinti (ehemals Zigeuner genannt) damals (und heute) erging. „Wir sind nun mal Roma, wir haben kein Land, es ist unser Schicksal, nirgends willkommen zu sein.“ „Aber Roma heißt Mensch, und Menschen sind wir alle.“ „Der Ausdruck … Sinti und Roma ist Unsinn … Sinti sind auch Roma. Man sagt doch auch nicht: Menschen und Frauen.“ Sie beschreibt auch, wie jüdische Bürger während des Krieges untergetaucht sind und sich versteckt haben (U-Boote genannt). Sehr interessant fand ich auch die Beschreibungen aus Sicht des Hauses selbst. Das Haus erzählt u.a. von seiner hundertjährigen Geschichte und deren Bewohner. Tolle Idee und sehr informativ. Auch die Ansicht von Leos jüdischer Enkelin Nira hat mir sehr imponiert. Sie will in Berlin bleiben und nicht mit ihrem Großvater zurück nach Israel. „… Israel … mit einer Regierung, die den Konflikt nicht mehr lösen will und sich Palästina Stück für Stück einverleibt. Ein Land, das sich ausdehnt in ein anderes, eine Demokratie, die ein anderes Volk beherrscht. … Wer zweitausend Jahre nicht dort war, darf ins Land, wenn er Jude ist, aber wer seit zweitausend Jahren dort lebt, bekommt nicht das volle Bürgerrecht, wenn er kein Jude ist.“ Ein Buch über Judenverfolgung, Vertreibung, Verrat, Fremdenfeindlichkeit, Immobilienhaie aber auch Hilfsbereitschaft. Brandaktuell also! Der Schreibstil war für mich etwas gewöhnungsbedürftig und holprig. Auch die vielen Personen und Namen haben mich zeitweise etwas überfordert. Allerdings war für mich das Personenregister am Ende des Buches sehr hilfreich. Gott wohnt im Wedding bekommt von mir 4 Sterne.