Leserstimme zu
Anleitung zum Widerspruch

Widerspruch? Ja, aber...

Von: Nico aus dem Buchwinkel
25.10.2019

Auf Instagram bin ich über das Buch „Anleitung zum Widerspruch“ gestolpert, dessen Titel und Klappentext hohe Erwartungen meinerseits geschürt haben. In einer Zeit, in der sich der Diskurs immer weiter nach rechts verschiebt – frei nach dem Motto: Das wird man jawohl noch sagen dürfen – kommt ein „Spickzettel gegen Intoleranz“ gerade recht. Denn wer kennt sie nicht, die Tante, die bei der großen Familienfeier plötzlich verkündet, Frauen in Burka gehöre in den Kopf geschossen. Oder die Freundin, die Homosexualität immer noch für etwas Unnatürliches hält. Wie tritt frau* dem entgegen? Der Klappentext zum Buch verspricht Abhilfe: „Doch was entgegnet man, wenn jemand den Klimawandel leugnet, an die BRD-GmbH glaubt oder gegen Geflüchtete hetzt? Fanzi von Kempis gibt uns fundierte Argumente und sorgfältig recherchierte Fakten an die Hand, damit wir uns sicherer fühlen, um populistischen, unwahren oder hetzerischen Parolen etwas entgegenzusetzen. Wem wird widersprochen? Von Kempis widerspricht in ihrem Buch so einigen – und sie tut das wohlüberlegt und gut informiert. Ganze 26 Seiten Quellenbelege in Schriftgröße 8 oder so am Ende des Buches zeugen davon. Dabei wird die ganze Bandbreite moderner Arschlöcher (frei nach dem Motto des Spiegels: „Sagen, was ist.“) abgegrast. Ob Klimawandelleugner*innen, Antisemit*innen, Verschwörungstheoretiker*innen, Sexist*innen oder Nazis: Häufige Argumente der Personen werden vorgetragen und dann wissenschaftlich fundiert widerlegt. Am Ende jeden Absatzes findet sich eine kurze Zusammenfassung der Argumente, sozusagen als „Spickzettel“. Wenn also das nächste Mal jemand behauptet, Impfungen verursachen Autismus, oder laut darüber nachdenkt, wie die Islamisierung unsere christlichen Traditionen zerstöre, hätte ich jetzt theoretisch das wissenschaftliche Fachwissen, nicht nur zu widersprechen, sondern die Argumente meines Gegenübers auch noch in Kleinteile zu zerlegen. Aber: Gewinne ich damit die Diskussion, beende die Debatte, bekehre vielleicht gar mein Gegenüber von ihrem* Irrglauben? Was ist das Ziel des Widerspruchs? Damit so eine Diskussion überhaupt eine Chance auf Fruchtbarkeit hat, muss mein Gegenüber doch grundsätzlich empfänglich für rationale Argumente sein – und wenn mein Gegenüber grundsätzlich empfänglich für rationale Argumente wäre, wie konnte sie* dann überhaupt zu solchen Überzeugungen geraten? Auch von Kempis gibt zu, dass Argumente nicht immer weiterhelfen. Widerspruch sei wichtig, vor allem für die „stumme Mehrheit“. Denn „Was geschieht, wenn irgendwann im Netz nur noch Verschwörungstheorien stünden, weil schlicht niemand mehr dagegen hält?“. Frau* solle sich aber vorher bewusst machen, wie viel Energie sie in eine solche Diskussion investieren wolle und welche Ziele sie dabei verfolge. Also auf jeden Fall widersprechen? Ja, aber… Mit oder gegen Rechte reden? Mely Kiyak schreibt in ihrem sehr guten Essay „Haltung – Ein Essay gegen das Lautsein„: „All denen, die meinen, mit Haltung in Form von permanentem, rhetorischen Widerstand gegen Demokratiefeinde auf der Gewinnerseite zu stehen, sei gesagt: Vergesst es! Indem wir uns ständig mit ihnen beschäftigen und versuchen, sie zu integrieren, sorgen wir nicht dafür, dass sie klüger und offener werden. Sie wollen uns zermürben.“ In einem Artikel der Zeit zum Thema „Lassen sich Rechtspopulisten entzaubern?“ (Online leider nur hinter einer Paywall) streiten sich Sascha Lobo und die Aktivistin Laura Zimmermann über genau dieses Thema. Lobo argumentiert für mich sehr nachvollziehbar: „[Dass die Meinungsfreiheit auch für die absurdesten Äußerungen gelten soll] ist spektakulär naiv und gefährlich. Wenn man ernsthaft sagt, dass in der Öffentlichkeit jede Meinung einen Platz hat, dann hat man weder liberale Demokratie noch den Diskurs verstanden. Und erst recht hat man nicht verstanden, um was es den hier gemeinten Rechten geht: nicht um eine Debatte, sondern um eine Zerstörung der Debatte. Wenn man solchen Menschen nun entgegentritt und so tut, als sei deren Meinung diskutabel, dann ist das gefährlich.“ Also ja, Widerspruch ist unendlich wichtig und dafür ist das Buch sehr hilfreich. Aber Diskussionen mit Nazis, Verschwörungstheoretiker*innen und sonstigen Arschlöchern machen in meinen Augen nur bis zu einem gewissen Punkt Sinn und frau* sollte sich vorher gut überlegen, wie viel Energie sie in eine solche Debatte stecken möchte. Unabhängig davon liest sich „Anleitung zum Widerspruch“ auch so als informative Faktensammlung zu aktuellen politischen Themen, bei denen uns allen ein bisschen mehr Wissen nicht schadet. Von mir vier von fünf Sternen.