Leserstimme zu
Sieh mich an

Phönix

Von: Michaela Grüdl-Keil
11.11.2019

Für einen Teenager ist es nicht leicht sich selbst zu finden. Für die 16 jährige Ava ist es noch viel schwerer, denn sie hat bei einem Brand fast alles verloren, ihr Zuhause, ihre Eltern , ihre Cousine und beste Freundin, rund 60% ihrer Haut, auch ihr Gesicht und damit auch sich selbst. Ein Jahr nach dem Brand und unzähligen Operationen möchten Avas Tante und Onkel, bei denen sie jetzt lebt, dass sie wieder zur Schule geht und in ein "normales Leben" zurückfindet. Ava vereinbart eine zweiwöchige "Probezeit", in der sie zur Schule geht und ist fest entschlossen, diese nicht zu verlängern. Der Start an der neuen Schule wird durch ihr entstelltes Äußeres mehr als schwierig, aber dann lernt Ava die freche Piper kennen, ebenfalls ein Brandopfer und Rollstuhlfahrerin, und Asad, einen ganz besonderen Jungen. Die beiden helfen ihr, sich aus der Isolation zurück ins Teenager-Leben zu kämpfen und Ava erkennt, dass sie viel mehr sein kann als "die Verbrannte". "Sieh mich an" kann als Entwicklungsroman gesehen werden, ein Mädchen, das nicht nur zu sich selbst finden, sondern sich selbst erst einmal wiederfinden muss. Er zeigt aber auch, dass Äußerlichkeiten nicht das Entscheidende sind , sondern die "innere Schönheit", der Charakter eines Menschen zählen. Weiterhin ist es ein Buch über Freundschaft und Zusammenhalt, in dem auch die üblichen Teenager-Probleme nicht fehlen. Ich war direkt auf den ersten Seiten gefangen von der Geschichte, die aus Avas Sicht erzählt wird. Ihre zynischen Kommentare zu ihrem Schicksal lassen kein Mitleid aufkommen. Ihre medizinisch-sachlich Schilderung der Verletzungen und Behandlungen erzeugt ein Schaudern, wenn dem Leser das ganze Ausmaß der Verbrennungen bewusst wird, es zeigt aber auch Avas Stärke, mit ihren inneren und äußeren Wunden zu leben. Die Tagebuch-Einträge vervollständigen Avas Gesamtbild. Aber auch die anderen Figuren sind sehr realistisch und differenziert dargestellt. Nicht nur Ava ist ein Opfer, auch ihre Familie und Freunde leiden unter den Ereignissen und müssen ein Weg finden, damit umzugehen. Das Buch ist leicht zu lesen. Die Autorin schreibt in einfachen, nicht zu langen Sätzen, sodass auch ungeübte Leser keine Probleme haben werden. Trotzdem ist das Buch nach atmosphärisch dicht und es ist mir schwergefallen, es wieder aus der Hand zu legen. Der Roman endet an einem entscheidenden Moment in Avas Leben und zu gerne hätte ich gewusst, wie es weitergeht. Ich habe schon lange kein Jugendbuch mehr gelesen, dass mich so gefesselt hat.