Leserstimme zu
HERKUNFT

Saša Stanišić liest "Herkunft" – und wie!

Von: Barbara62
25.11.2019

Als ich "Herkunft" im September las, stand das Buch auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019. Für mich war es der erste Roman von Saša Stanišić und eine große Entdeckung. Dann hörte ich ihn nach der Preisverleihung auf der Frankfurter Buchmesse bei einer Lesung – er las das Kapitel über den schlesischen Zahnarzt Dr. Heimat – und begriff, dass es hier noch eine Steigerung zur Lektüre gibt: das von ihm selbst gelesene Hörbuch. Zwar beinhalten die fünf CDs mit einer Gesamtlaufzeit von gut fünfeinhalb Stunden nur ausgewählte Texte des Romans, aber ich habe sicher dreimal solange gebraucht, so oft habe ich einzelne Tracks wiederholt und immer wieder Neues entdeckt. „Jedes Zuhause ist ein zufälliges. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann.“ Herkunft war für Saša Stanišić kein Thema, bis seine bosnische Großmutter ihn mit in das Heimatdorf seiner Vorfahren und auf den dortigen Friedhof nahm. Und auch dann war ihm das Thema zunächst eher peinlich, denn die „Herkunftsfolklore“ und der „Zugehörigkeitskitsch“ waren Ursache dafür, dass es Jugoslawien, das Land, in dem er geboren wurde, heute nicht mehr gibt. Die Flucht vor dem Balkankrieg nach Heidelberg, das Ankommen in Deutschland, der Erwerb der deutschen Sprache, die Freunde von der Aral-Tankstelle, die Scham über die prekären Lebensumstände, die Angst vor der Abschiebung, die erste Liebe und schließlich das Glück, in Deutschland bleiben zu können, während die Eltern trotz aller Anstrengungen das Land wieder verlassen mussten, bildet den einen Teil des Romans. Den anderen Teil widmet Saša Stanišić der Erinnerung an die Kindheit in Bosnien, dem Ende des Vielvölkerstaats, als Herkunft plötzlich eine immer größere Rolle spielte und selbst die Identifikation mit dem Fußballclub Roter Stern Belgrad die verschiedenen Nationalitäten nicht mehr verband, und der in Višegrad zurückgebliebene Großmutter, der mit zunehmender Demenz die Erinnerungen abhandenkamen. Der ganz eigene Charme von Stanišićs Lesung Verfügt der Roman bereits über eine große emotionale Bandbreite von der Melancholie bis zur blanken Komik, so kamen alle diese Gefühle für mich beim Zuhören noch deutlich stärker zum Tragen. Saša Stanišić liest seine Texte so engagiert und pointiert, mit so viel Dynamik, Betonung, Gefühl und dem passenden Akzent, dass ich ständig zwischen Lachen und Traurigkeit schwankte. Ein ausgebildeter Schauspieler hätte sie zwar mit größerer Perfektion, aber niemals mit vergleichbarer Intensität vortragen können. Hatte mich beim Lesen das Ankommen in Deutschland noch mehr bewegt als die Geschichten aus Bosnien, so waren die beiden Aspekte beim Hören mindestens gleichwertig, die Trauer über die Erkrankung der Großmutter und die spürbare Betroffenheit und Hilflosigkeit des Enkels sogar berührender. Auch das Spiel mit der Sprache, das den Roman neben den inhaltlichen Aspekten für mich so ganz besonders macht, war beim Zuhören eine Quelle der Freude. Der genau richtige Gewinner des Deutschen Buchpreises 2019 Noch nie war ich mit der Jury des Deutschen Buchpreises so einer Meinung wie in diesem Jahr. "Herkunft" ist ein berührendes, kluges, hochaktuelles Buch, das ich eigentlich jedem ans Herz legen möchte, am besten zuerst als Lektüre und danach als Lesung.