Leserstimme zu
Spielen schafft Nähe - Nähe löst Konflikte

Spiele, die die Bindung stärken

Von: Mama von Frieda Friedlich
28.10.2015

Ich spiele gerne. Immer schon. Verlernt habe ich es nicht, denn ich habe nie wirklich aufgehört zu spielen. Klar, aus manch kindlichem Spiel ist zwar eine erwachsenentaugliche(re) Variante geworden, aber seitdem unser Mini-Menschen-Mädchen auf der Welt ist, sind sie alle wieder da. Aufgefrischt werden musste da nichts. Wir spielen viel und wir nehmen uns Zeit dafür. Qualitytime ist da der neumodische Begriff. Wir versuchen es jeden Tag mindestens 30 Minuten am Stück ohne abgelenkt zu sein. Klappt natürlich nicht immer. Qualitytime bedeutet, dass mal nicht nebenbei gekocht, nicht nebenbei bei Facebook gestöbert, keine eMail beantwortet und schon gar nicht telefoniert wird. Wir spielen die Baby-Version des Versteckens "Guck-Guck", Fangen und Bauen mit Bauklötzen oder lassen auch schon die Figuren und Tiere des Lego Duplo Bauernhofs verschiedene Dinge tun. Frieda legt im Moment alle Püppchen, egal ob Feuerwehrmann, Oma oder Bauer, am liebsten in die Heuraufe der Pferde. Wahrscheinlich sind sie müde. Keine Ahnung, denn sprechen kann sie ja noch nicht. Wie auch immer. Wir spielen mit ihr ihre Spiele, machen abgedrehte Geräusche, kreischen beim Fangen und Toben und lassen Puppen sprechen, die die Rutsche im Kinderzimmer hinunter rutschen. Gemeinsam lachen wir dann. Es ist wunderschön! Obwohl ich natürlich weiß, dass es sie gibt, mag ich mir eigentlich kaum vorstellen, dass manche Eltern nicht mit ihren Kindern spielen können oder wollen. Natürlich hat das dann ganz individuelle Gründe, die ich an dieser Stelle gar nicht bewerten will. Wichtig finde ich nur, dass man sich seine ganz persönliche Geschichte und etwaige Kindheitserinnerungen bewusst macht und dann reflektiert, bearbeitet und Änderungen anstrebt. spielenaehekonflikte2Im Köselverlag habe ich jetzt wieder ein sehr interessantes und spannendes Buch gefunden. Spielen schafft Nähe - Nähe löst Konflikte. Kurz auf den Punkt gebracht, geht es um Spiele, die die Bindung stärken. Dr. Aletha J. Solter, eine schweizerisch-amerikanische Entwicklungspsychologin, tritt für eine straffreie, bindungsorientierte Erziehung ein und beschreibt in ihrem Buch das Potenzial, das im gemeinsamen Spiel mit den Mini-Menschen steckt. Die spielerische Nähe vertiefe nicht nur die Bindung, sondern löse auch Konflikte. Das können Dauerbrenner wie Geschwisterrivalität, Sauberkeitserziehung, Wutanfälle (oft fälschlicherweise als Trotz oder oppositionelles Verhalten gegenüber den Eltern bezeichnet) und die Verwendung von Schimpfwörtern sein oder eben akute Konflikte wie das Nicht-Anziehen-lassen-wollen, Nicht-Anschnallen-Wollen und Nicht-Aufräumen-Wollen. Die Autorin gibt dem Leser unzählige Ideen und Anregungen um in akuten Konfliktsituationen und in sich immer wiederholenden Konflikten die Kooperationsbereitschaft des Kindes spielerisch zu fördern, ohne mit Strafen oder Belohnungen arbeiten zu müssen. Das Buch ist gleichermaßen für frischgebackene Eltern, als auch für Eltern von älteren Kindern bis ins Teenageralter geeignet, denn um mit Bindungsspielen zu beginnen, ist man nie zu alt. Spielen schafft Nähe - Nähe löst Konflikte ist unglaublich gut strukturiert und dient dem Leser somit auch als Nachschlagewerk. Im ersten Teil des vorliegenden Buches werden, nach einer grundsätzlichen Einführung in das Konzept des Bindungsspiels, die neun Formen des Bindungsspiels mit ihren charakteristischen Merkmalen sehr gut und verständlich erläutert. >>Der zweite Teil schildert Schritt für Schritt auf typische Verhaltensprobleme bezogene spielerische Erziehungsmethoden, die ohne jede Strafe auskommen. Die Kapitel enthalten jeweils mehrere Lösungsansätze für den spezifischen Konflikt.<< (Solter, Spielen schafft Nähe - Nähe löst Konflikte, S. 13, Kösel). Hat man die Grundlagen verstanden, können die einzelnen Kapitel mit den unterschiedlichen Themen und möglichen Problemen wie zum Beispiel "Geburt eines Geschwisterkinds" oder "Schulstress" getrennt voneinander gelesen werden. Im Anhang A findet der neu- und wissbegierige Leser eine tabellarische Übersicht mit der Beschreibung der einzelnen Spielformen als Erinnerungshilfe, Anhang B beinhaltet weiterführende Forschungsergebnisse, auf die sich einige Aussagen des Buchs beziehen. spielenaehekonflikte3Insgesamt bin ich sehr begeistert. Ich kann mir die Umsetzung aller vorgestellten Bindungsspiel-Variationen sehr gut für unsere Familie vorstellen, falls einmal entsprechende Schwierigkeiten auftreten sollten. Das Buch ist sicherlich vor allem als Ratgeber für Eltern gemeint, die in einer Zwickmühle stecken, in ihrer Erziehung nicht mehr weiter wissen und so manches Mal im Umgang mit dem Nachwuchs die Geduld verlieren. Obwohl Guido und ich als Eltern unserer Tochter unser Elternsein sehr bewusst annehmen, uns auf die Bedürfnisse des Mini-Menschen-Mädchens sehr einfühlsam einlassen, unverzüglich auf ihr Weinen reagieren, sie ganz viel tragen und ihr stets respektvoll und emphatisch begegnen, ist dieses Buch für uns lehrreich und gehaltvoll. Auch wenn man nämlich intuitiv schon alles ganz gut macht und die unterschiedlichen Bindungsspiele tagtäglich mit dem eigenen Kind spielt (ohne eigentlich zu wissen, dass es Bindungsspiele sind), dann finde ich dennoch die intensive Auseinandersetzung mit der Ursache von Verhaltensschwierigkeiten und die Wirkung von Bindungsspielen unglaublich spannend. Ich werde mich jedenfalls ab jetzt genauer mit dem "Bewussten Elternsein" (Aware Parenting) von Aletha Solter beschäftigen. Als Lehrerin finde ich abschließend noch den Gedanken, ausgewählte Bindungsspiele gezielt in den Schulalltag zu integrieren, sehr Gewinn bringend.