Leserstimme zu
Dann denkt mit dem Herzen

Wenn die Gesellschaft urteilt

Von: Mimi Fischer
31.07.2016

Am ersten Juliwochenende wandelte ich in diesem Jahr auf der Fusion in Lärz herum. Im Handgepäck, also quasi ganz oben in meinem 60-Liter-Rucksack, hatte ich ein kleines Büchlein dabei. Beim Einpacken hatte ich mir ehrlich gesagt wenig Gedanken bezüglich der Literaturwahl gemacht und mich eher auf Grund des geringeren Gewichtes für das neue Buch „Dann denk mit Herzen – Ein Aufschrei in der Debatte um Flüchtlinge“ von Konstantin Wecker entschieden. Mit knapp 145 Seiten waren meine Erwartungen relativ gering, was die Komplexität der Thematik betraf. Konstantin Wecker, der sich selbst als Poet, Künstler, Sänger und Komponist beschreibt, war im vergangenen Kalenderjahr durch seine teilweise provozierenden Texte in Bezug auf Geflüchtete in den sozialen Medien aufgefallen. Eben diese Texte, gespickt durch beispielsweise einen Text seines Sohnes Tamino, werden in dem Werk zusammengefasst und durch einleitende Worte seines Freundes Roland Rottenfußer abstrahiert, um die Aktualität der Texte zu gewährleisten. »Ich hab einen Traum: Wir öffnen die Grenzen und lassen alle herein.« Dieses Zitat von Herrn Wecker würde wahrscheinlich ausreichen, um das gesamte Buch zu skizzieren. Denn egal, ob die Situation im Mittelmeer verbildlicht wird, die Attentate von Paris und Brüssel die Nachrichten bestimmen oder die politische Stimmung in Deutschland kippt – Konstantin Wecker kann – ebenso wie ich – nur ungläubig den Kopf schütteln. Denn für ihn ist Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe keine Bitte, sondern eine Selbstverständlichkeit. Dass er dafür regelmäßig als naiver „Gutmensch“ abgestempelt wird, ist ihm egal und wird mit noch größerer Vehemenz kommentiert. Konstantin Wecker beschreibt geschickt, dass diese Angst vor Verlust oder Bedrängnis durch andere Menschen, auf eine Überforderung und Verunsicherung von Ereignissen im aktuellen politischen Geschehen zurück zu führen ist. Die Bevölkerung nimmt dabei viel zu oft populistische Thesen an, ohne den Inhalt auf verschiedenen Ebenen zu durchleuchten. Dabei versucht er keineswegs dieses Verhalten als unreflektiert dazustellen, im Gegenteil: er ruft alle Menschen auf, zusammen für mehr Menschlichkeit einzutreten und nicht nur an materiellen Gütern die eigene Zufriedenheit zu messen, sondern kultureller Vielfalt die Chance zu geben im eigenen Alltag Einzug zu erhalten. Dabei legt er großen Wert darauf, bewusst zu differenzieren und nicht nur mit Worthülsen wie „es sind doch alles nur Wirtschaftsflüchtlinge“ zu agieren, ohne einen Blick Richtung Rüstungsindustrie zu werfen und dabei auch die Rolle des Kapitalismus kritisch zu betrachten. Hätte ich noch einen Wunsch für das Buch freigehabt, dann würde er wie folgt lauten: „Herr Wecker, beim nächsten Mal bitte konsequent gendern oder es gar lassen, wenn es Ihnen durchgehend zu anstrengend erscheint. Aber dieses ständige Hin- und Her hat mich verwirrt, dabei wollte ich doch nur Ihre Worte reflektieren.“