Leserstimme zu
Streetkid

Ein sehr offener Lebensbericht

Von: Buchbahnhof
31.05.2017

Ich war total gespannt auf dieses Buch von Jimmy Kelly. Ich muss gestehen, dass ich aufgrund des Titels „Streetkid“ etwas anderes erwartet habe, mehr Informationen über die Kindheit von Jimmy. Dieses Buch setzt aber da an, wo der große Erfolg der Kelly Family aufhört, dort, wo die Familie musikalisch auseinander geht und jeder seinen eigenen Weg sucht. Ab und an werden auch Anekdoten eingestreut, aber hauptsächlich geht es um die Zeit, in der Jimmy versucht, seinen eigenen Weg zu gehen und seine kleine Familie zu ernähren. Auch wenn Jimmy das Buch zusammen mit einer Autorin, Patricia Leßnerkraus, geschrieben hat, so haben sie es gemeinsam geschafft, den unverwechselbaren Ton von Jimmy einzufangen. Wer schon einmal auf einem seiner Konzerte war, und ihn erzählen gehört hat, der hört auch bei dem, was man in diesem Buch liest, Jimmys Stimme heraus. Das fand ich unheimlich schön, denn gerade bei Biografien, die von anderen (mit)geschrieben werden, hat man es auch oft, dass man die eigentliche Stimmfarbe nicht mehr heraushört, sondern das Gefühl hat, dass da ein Fremder erzählt. „Aus dir wird mal was“, sagte eine ältere Damen mit einem kleinen Hund im Arm zu mir. […] Während des Songs lachte ich innerlich und dachte: „Aus mir war mal was geworden.“ Zitat aus dem Vorwort In kurzen Episoden aus den verschiedenen Städten, in denen Jimmy auf der Straße aufgetreten ist, erzählt er davon, wie er aus den großen Konzerthallen wieder auf die Straße zurück ist. Jimmy berichtet sehr offen von der Angst davor, zu versagen, davor, dass ihn vielleicht niemand hören will. Er berichtet, wie er zu Beginn keine besonders großen Einnahmen auf der Straße generieren konnte und die Familie von der Hand in den Mund leben musst, teilweise nicht wusste, wie sie die Miete bezahlen sollten. Er berichtet aber auch davon, welche großartigen Freundschaften mit anderen Künstlern sich auf der Straße ergeben haben, dass er viel Unterstützung erfahren hat. Ich bin beeindruckt, wie offen Jimmy Kelly über seine Gefühle schreibt, sich nicht zu schade ist, zuzugeben, dass auch er Angst hat. Ich muss gestehen, dass mich diese Teile des Buches am meisten berührt haben. Man denkt doch automatisch, dass Menschen, die auf den großen Bühnen dieser Welt von tausenden, hunderttausenden von Menschen „angehimmelt“ werden, auch ein riesen Selbstbewusstsein haben. Dass dem nicht so ist, macht auch diese Menschen sehr menschlich. Richtig gut gefallen hat mir, dass Jimmy nicht mit irgendjemandem „abrechnet“ in diesem Buch. Man hört, gerade bei Jimmy, wenn man die Kelly Family über das Internet so ein bisschen verfolgt, doch ab und an den einen oder anderen sehr kritischen Ton heraus. Ich finde das auch richtig, denn es ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen, in keiner Familie, aber öffentliche Abrechnungen sind einfach unwürdig. Das Buch ist durchaus nicht weichgespült, aber die kritischeren Anmerkungen, die er macht, wirken dennoch sehr wertschätzend und durchdacht. Ich kann für mich sagen, dass ich nach der Lektüre dieses Buches sehr viel Respekt gegenüber dem Menschen Jimmy Kelly empfinde. Da scheint jemand, trotz Fehler, die wir alle machen, das Herz am rechten Fleck zu haben. Untermalt werden die Erlebnisse von wirklich schönen Fotos von Thomas Stachelhaus, der die Kelly Family durch viele Jahre begleitet hat und auch Jimmys Straßenkonzerte in eindrucksvollen Bildern eingefangen hat. Von mir gibt es 5 Sterne für einen offenen Lebensbericht, der zeigt, dass es nicht verwerflich ist, auch ab und an auch an sich zu zweifeln und Angst zu haben. Man muss nur zusehen, dass man weitermacht und wieder auf die Beine kommt.