Leserstimme zu
Der Tod so kalt

Szenario fern jeder Norm

Von: Thomas Lawall
03.06.2017

Was haben denn ein Bühnenbauer, Dokumentarfilmer und Drehbuchautor in den einleitenden Kapiteln von "Der Tod so kalt" zu suchen? Und dann agiert dieses "uncoolste Nichtskönner-Gespann" auch noch in New York. Cover und Titel hatten etwas anderes versprochen, weshalb man zuerst etwas unbeholfen in der Story herumstochert. Neugierig macht das Unerwartete allerdings schon ... Wer hätte gedacht, dass die Nächte noch unerträglicher als die Tage werden sollten! Für Jeremiah Salinger begann sich die Welt in zwei Hälften zu teilen. Die reale Welt existiert einfach weiter, doch was in der anderen Hälfte passierte, gestaltet sich momentan wie ein sich immer wiederholender Albtraum, verbunden mit immer der gleichen Soundkulisse - jenes "verdammte Zischen". Während einer Podiumsdiskussion lernte Jeremiah Annelise kennen, die auf einem "seltsamen Fleckchen Erde" aufwuchs, welches sich "Alto Adige" nennt und auf italienisch Südtirol bedeutet. Schließlich landen die beiden in "Siebenhoch", jenem Dorf auf eintausendvierhundert Meter, das in seiner Schönheit jedes Postkartenmotiv mühelos übertrifft. Die gemeinsame Tochter Clara ist mit ihren fünf Jahren sehr aufgeweckt. Neben Dinosauriern mag sie auch Erdbeereis, Opa Werners Speck und rote Helme. Lesen kann sie auch schon und bis tausend zählen. Ihr größtes Interesse aber gilt einem zweihundertachtzig Millionen Jahren alten Riesenammoniten, "Yodi" genannt. Den will sie mit ihrem Papa gerne besuchen ... der keineswegs ahnt, welch eine abenteuerliche Recherche ihm noch bevorsteht und was er an massiven Widerständen, die sich ihm auf auf mehreren Ebenen entgegenstellen, zu überstehen hat. Luca D'Andrea formuliert leicht angeschrägt, scheut nicht davor zurück, Leserinnen und Leser direkt anzusprechen - "Eines müsst ihr wissen" - und konstruiert ein Szenario fern jeder Norm. In kurzen Sätzen und nicht selten in tagebuchartiger Dichte formuliert er ein Drama ohne intellektuelle Verschachtelungen, direkt und umso heftiger. Wunderbar, wie er aus zufälligen Begegnungen und Ereignissen einen roten Faden herausfiltert, eine Zukunft, die einfach und ohne jede Planung entsteht. Das, was man allgemein Schicksal nennt, und welches sich im ungünstigsten Fall wie eine "Schlinge um den Hals" legt. Ohne dass man im Geringsten etwas dafür könnte. Es passiert also allerhand. Doch das ist nur der Anfang, wie wir immer wieder erfahren, und keineswegs kommen die Dinge "allmählich wieder auf die Schiene"! Zuerst muss jedoch entwirrt werden, wie ein roter Hubschrauber, Schuld, Besessenheit, Ginkgoarten, der Bletterbach und die vor 15.000 Jahren in der Eiszeit entstandene Bletterbachschlucht (heute UNESCO Welterbe) miteinander in Zusammenhang stehen. Verdammt kalt scheint es auf jeden Fall zu werden, so viel scheint festzustehen ...