Leserstimme zu
Junktown

„overfucked and underwhelmed“

Von: Kati
09.10.2017

Ich liebe Dystopien. Bisher hier wenig thematisiert, aber neben Sachbüchern lese ich unglaublich gerne Zukunftsvisionen aller Art – meist einer düsteren, oft einer realistischen, in vielen Fällen einer erschreckenden, manchmal auch einer fantastisch angehaucht. Egal ob als Buch, Film, Serie oder Hörspiel – dieses Genre hat mich gefesselt und ich würde fast behaupten, sie alle konsumiert zu haben, Dark-Romance-Schmonzetten einmal außen vor gelassen. Kein Wunder also, dass „Junktown“ sofort auf der Leseliste landete. Habe ich in letzter Zeit schon Dystopien gelesen, in denen die härteste Droge Chilipulver („Finnisches Feuer“) war oder das Essen stigmatisiert wurde („Epidemie“), schafft Matthias Oden hier ein ganz neues Szenario: „Abstinenz ist Hochverrat! Der Konsum von Rauschmitteln ist Pflicht!“ Erschreckend. Aber Oden zeichnet das Bild einer verrohten, abgestumpften, gelangweilten Gesellschaft – „overfucked and underwhelmed“. In Junktown ist der Konsum von Drogen oberste Bürgerpflicht und wird von der machthabenden Einheitspartei auch strengstens überwacht. Der Bürger, so scheint es, soll erst gar nicht auf die Idee kommen, klar denken zu wollen – denn das führt ohnehin zu nichts mehr. Protagonist Solomon Cain, der als Ermittler bei der Polizei arbeitet, mogelt sich mit einem Mindestmaß an Konsum gerade so durch, als er auf einen neuen Fall angesetzt wird: eine „Brutmutter“, wie die Gebärmaschinen in Junktown genannt werden, wurde brutal ermordet – und vorher vergewaltigt. Wie geht das bei einer Maschine, ist die Frage, die sich der Leser stellt, der sich durch eine Schilderung hangelt, die absurder nicht sein könnte. In Odems Szenario sind intelligente Maschinen den Bürgern gleichgestellt und haben dieselben Rechte. Altbekannt kommt dem Leser höchstens der Bürokratie-Dscungel vor, durch den Cain sich kämpfen muss, und in Ansätzen auch die allgegenwärtige Überwachung. Ein Buch, dessen Thematik abstößt. Aber fasziniert. Das Dystopie-Fans durch seinen pervertierten Ansatz mitreißt, auch wenn Verlauf und Sprache an manchen Stellen etwas schwächeln. Zumindest mir ging es so, dass ich mich aber der Mitte teilweise etwas aufraffen musste, weiterzulesen. Der Zugang zur Story wird im Verlauf des Buches insofern immer weiter erschwert, weil er immer absurder und kränker wird. Dennoch eine Gesichte, deren Thematik hängen bleibt und zu denken gibt. Künstliche Intelligenz ist schon jetzt weit fortgeschritten und wer weiß schon, wohin sich all das noch entwickeln wird?