Leserstimme zu
Eine Liebe, in Gedanken

Eine Liebe zwischen Hamburg und Hongkong

Von: Buchfundbüro
10.04.2018

In "Eine Liebe, in Gedanken" rekonstruiert Kristine Bilkau vor dem historischen Hintergrund der 1960er Jahre die Geschichte einer großen Liebe. Im Mittelpunkt der Erzählung steht dabei das Schicksal einer jungen Frau, die bereit ist, für ihren Traum von Freiheit alles auf eine Karte zu setzen. Hamburg im Jahr 1964. Die 22-jährige Antonia, genannt Toni, hat gerade ihrem Heimatort an der Ostsee den Rücken gekehrt und beginnt, die neu gewonnenen Freiheiten des Großstadtlebens zu genießen. Als sie hier den zwei Jahre älteren Edgar kennen lernt, ist schnell klar: Das ist sie. Die ganz große Liebe. Mit Edgar scheint es plötzlich möglich, das glückliche, unbeschwerte Leben. Ein Leben, das so ganz anders ist als das von Verbitterung und Freudlosigkeit geprägte Dasein ihrer Mutter, die nie darüber hinweggekommen ist, dass der Vater die Familie für eine andere Frau verlassen hat. Die seither nicht müde wird zu betonen, „dass Männer es selten gut mit ihnen meinen, egal, was sie tun.“ Doch anders als der Rest der Familie, in der alle so „grundenttäuscht wegen allem Möglichen“ sind, gelingt es Toni, sich ihren optimistischen Blick auf die Welt und die Neugier auf die eigene Zukunft zu bewahren. Eben diese Unbeschwertheit und ungebremste Lebenslust ist es dann auch, die Edgar an Toni so fasziniert. Mit seiner zurückhaltenden Art und seinem Hang zu Grübeleien zählt er selbst allerdings eher zu den pragmatischen Charakteren. Während Toni so das private Glück und erste berufliche Erfolge in vollen Zügen genießt, hadert Edgar zusehends mit dem Gefühl, sich in einer „Wartehalle“ zu befinden, in der das eigentliche Leben für ihn noch nicht richtig begonnen hat. Dass er in seiner Firma noch immer die Rolle eines besseren Laufburschen einnimmt, erfüllt ihn immer öfter mit Wut und Scham. Als er von seinem Vorgesetzten überraschend das Angebot bekommt, eine eigene Filiale in Hongkong zu betreuen, ist er dennoch zunächst skeptisch. Angesteckt von Tonis überbordendem Enthusiasmus, die von der Vorstellung einer gemeinsamen Auswanderung sofort hellauf begeistert ist, stimmt er der Versetzung jedoch schließlich zu. Anders als die impulsive Toni will Edgar allerdings nichts überstürzen. An erster Stelle steht für ihn vor allem eines: das Abenteuer so berechenbar wie möglich zu machen. So vereinbart das Paar, das Edgar zunächst alleine nach Hongkong reist und Toni nachkommen wird, sobald die Geschäfte laufen. Bis sich erste berufliche Erfolge einstellen, dauert es jedoch länger als erwartet. Vor allem für Toni wird die lange Wartezeit dabei zur regelrechten Geduldsprobe. In einer Zeit, in der E-mails und Mobiltelefone erst noch erfunden werden müssen, vergehen dabei mindestens zwei Wochen, bis ein Brief den Weg von Hongkong nach Hamburg findet. So verwandelt sich die einst innige Beziehung zwischen den Liebenden zusehends in einen Wettlauf gegen die Zeit. „Alles was sie haben, bleibt auf dem Papier. Doch das Papier ist schon Vergangenheit, wenn es in ihren Briefkästen liegt.“ Immer häufiger wird Toni dabei beim Schreiben und Lesen der Briefe von einem Gefühl der Vergeblichkeit ergriffen, „weil sie ja doch nichts weiß darüber, wie er sich jetzt fühlt, wie sich die Dinge jetzt für ihn entwickelt haben.“ Dann endlich, nach quälenden Monaten der Trennung, erreicht Toni das lang ersehnte Telegramm, in dem Edgar sie auffordert, Wohnung und Job zu kündigen und alles für die Abreise vorzubereiten. Schon bald, so verspricht er, werde er ihr das Flugticket zuschicken. Toni tut, wie ihr geheißen – doch das Ticket kommt und kommt nicht. Immer wieder wird sie von Edgar unter Angabe von fadenscheinigen Gründen vertröstet, bis sie schließlich nach vielen weiteren frustrierenden Monaten des Wartens die Verlobung mit Edgar löst. Die entscheidende aber ungeklärte Frage nach dem Warum wird Toni, – die inzwischen wieder bei der Mutter lebt und sich mit Aushilfsjobs über Wasser hält – dabei bis an ihr Lebensende beschäftigen. Im Roman wird diese Geschichte einer enttäuschten Liebe dabei rekonstruiert und kommentiert von Tonis Tochter, die nach dem Tod der Mutter in deren Nachlass auf Briefe von Edgar stößt. Auf diese Weise verwebt Bilkau nicht nur zwei verschiedene Zeitebenen miteinander. Über ihre Auseinandersetzung mit der Liebesgeschichte von Edgar und Toni beginnt die Tochter vielmehr, auch ihre eigene Beziehung zur Mutter neu zu überdenken. Tonis unsteter Lebenswandel, für den die Tochter nie Verständnis aufbringen konnte, die Art und Weise, wie sich die Mutter ein Leben im Provisorischen eingerichtet hatte – all das erscheint nun im neuen Licht. Plötzlich erscheint die Mutter nicht mehr nur als verträumte Romantikerin, die sich vor alltäglichen Problemen in Träumereien flüchtet, die es weder schafft ihre Rechnungen zu bezahlen, noch das Auto reparieren zu lassen. Erstmals erkennt die Tochter ihre Mutter nun auch als jene willensstarke Frau, „die sich bis zum Schluss von niemandem ihre Liebe hatte abwerten lassen, ihre angeblich so unheilbare, zwecklose, vergebliche und verschwendete Liebe.“ Als eine Frau, die alles auf eine Karte gesetzt und schließlich bitter verloren hatte – und das „in einer Zeit, in der Frauen dieser Mut nicht verziehen wurde“. Dass Kristine Bilkau eine Meisterin der leisen Töne ist, hat sie bereits in ihrem Debütroman "Die Glücklichen" auf beeindruckende Weise unter Beweis gestellt. Auch in "Eine Liebe, in Gedanken" kommt die Autorin erneut ohne Kitsch und dramaturgische Knalleffekte aus. Mit präziser Sprache, aber dennoch stets zurückhaltend, nähert sich die Autorin den tiefen Sehnsüchten und leidvollen Enttäuschungen ihrer Figuren, ohne diese dabei in ihren emotionalen Nöten je bloß zu stellen.