Leserstimme zu
Vaterland

so erschreckend wie spannend

Von: der Michi
04.05.2018

Fangen wir hinten an: Das Nachwort zur aktuellen Auflage des 1992 erstmals erschienenen Romans verrät ein wenig darüber, was es einmal für ein Skandal war, Nazis in einem fiktiven Szenario den Krieg gewinnen zu lassen. Dabei befand sich Robert Harris' Romandebüt zum Zeitpunkt seines Erscheinens längst in guter Gesellschaft: Autoren wie Len Deighton oder SciFi-Urgestein Philip K. Dick hatten längst ausgelotet, was im Falle eines Sieges der Wehrmacht und der übrigen Achsenmächte alles hätte passieren können. Die Aufregung war dann wohl eher ein Reflex. Denn Harris geht mit der alternativen Vergangenheit nicht gerade leichtsinnig um. Das vereinigte Großdeutschland dieser Parallelwelt hat zwar hinsichtlich Flächenausdehnung und architektonischem Wahnsinn so manches erreicht, die Gerüchte darüber, worauf das Imperium tatsächlich aufgebaut wurde, lassen sich jedoch nicht endgültig zum Verstummen bringen. Eine Tatsache, die den heimlichen Systemzweifler March in Bedrängnis bringt und die den Leser spätestens bei der nüchtern-bürokratischen (authentischen) Aufzählung der "Verwertung" von Häftlingsüberresten mit aller Härte an das unfassbare Grauen der Konzentrationslager erinnert. Dieses Nazireich ist trotz Kriegsgewinn noch längst nicht so abgesichert, dass man den Massenmord einfach bagatellisieren oder gar offenlegen könnte, denn man benötigt dringend die politische Hilfe der Amerikaner (!), genauer gesagt Präsident Joseph Kennedy. Hier wird es auch für den englischsprachigen Leser brisant, denn Kennedy, in der Realität "nur" Senator und Vater von John F. Kennedy, machte zu Lebzeiten tatsächlich keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber Juden und Afroamerikanern. Ihn als dem Holocaust prinzipiell aufgeschlossen gegenüber stehenden Wendehals-Politiker zu porträtieren könnte Teilen des Publikums gleichzeitig ein Stirnrunzeln und inneres Nicken entlocken. Die Faszination des Hauptkonflikts liegt weniger in den Mordermittlungen, sondern vielmehr in der von Paranoia und allgegenwärtigem Misstrauen geprägten Atmosphäre, wo jeder Freund zugleich auch ein Verräter sein könnte. Zudem haben Gestapo und SS ihre Methoden seit dem Krieg nur wenig weiterentwickelt, man setzt noch immer auf Folter, Entführung, offenen Mord oder heimliches Verschwindenlassen aller Personen, die auch nur ansatzweise gefährlich werden könnten. Das sorgt dann auch für den nervenaufreibenden Showdown, in dem sich das System Nationalsozialismus auf eine Art und Weise offenbart, die man nicht missverstehen kann. Zugleich gelingt es Harris, der später erfolgreich Romane über echte Geschichte wie "Enigma" oder "Pompeji" veröffentlicht hat, der Verherrlichung eines Realität gewordenen Dritten Reichs zu entgehen. Denn neben der schon erwähnten Selbstoffenbarung finden sich auch in dieser Version der sechziger Jahre erste Anzeichen von Studentenprotesten und gewissen Beatgruppen mit langen Haaren ... Originaltitel: "Fatherland" Bonusmaterial: Anmerkungen, Nachwort, Leseprobe aus "München"