Leserstimme zu
Der Kult

Marlon James: „Der Kult“ (Heyne Hardcore)

Von: Christian Funke
28.05.2018

Three little children With Doves on their shoulders They’re counting out the Devil With two fingers on their hands “Dachau Blues”, Captain Beefheart In dem Dorf Gibbeah, irgendwo in irgendeiner Zeit (aber vermutlich Ende der 1950er Jahre angesiedelt), existiert der neben Religion der Glaube an Magie. Die Dorfbewohner pendeln zwischen Aber- und fanatischem Glauben, unbeeinflusst von dem Lauf der Zeit jenseits ihrer Dorfgrenzen. Der predigende Trunkenbold Hector Bligh, von allen der „Rumprediger“ genannt, wird von den Strenggläubigen eher geduldet als akzeptiert. Dies jedoch ändert sich, als ein schwarz gekleideter Fremder, der selbsternannte "Apostel York", wie eine alles verschlingende Macht in die Kirche einfällt und den versoffenen Prediger von seiner Kanzel stößt. Charismatisch und mit verführerischer Zunge nimmt er dessen Platz ein und beginnt einen erbitterten Kampf um die verlorenen Seelen des kleinen Dorfes… Der im Jahr 1970 in Kingston, Jamaika geborene Schriftsteller Marlon James präsentiert mit seinem Erstling einen nach anfänglichen Schwierigkeiten letztendlich mehrfach preisgekrönten Roman, der mit einer komplexen Sprachgewalt aufwartet, die mich inhaltlich wie sprachlich an den Debütroman Und die Eselin sah den Engel von Nick Cave erinnert. Sehr detailliert und mit einem scharfen Blick beschreibt er Personen und Lebensumstände einer einfachen, ungebildeten Bevölkerungsschicht, die in ihrer wuchtig-atmosphärischen Sprache und den sehr bildhaften Beschreibungen ein außer- wie ungewöhnliches Lesevergnügen bereitet. Wir haben hier keinen Roman, den man zur Unterhaltung und Ablenkung „nebenbei“ liest, sondern benötigt die volle Konzentration, um sich der aufgebauten Stimmung vollständig hingeben zu können. Dann jedoch kommt man in den Genuss eines sprachgewaltigen, in seinen Formulierungen barocken und in seinen Metaphern mehrdeutigen Brocken von Literatur, der einen noch lange beschäftigen wird. Der Kult (Originaltitel: John Crow’s Devil, USA 2005) erscheint bei Heyne Hardcore als gebundene Neuauflage mit Schutzumschlag in einer Übersetzung aus dem jamaikanischen Englischen von Wolfgang Binder (288 Seiten, €22). Im Anhang befindet sich eine persönliche Danksagung des Autors. Marlon James, der mit seinem dritten Roman Eine kurze Geschichte von sieben Morden als erster jamaikanischer Schriftsteller den britischen Man Booker Prize gewonnen hat, legt mit seinem Debütroman eine harte, nicht immer leicht lesbare, aber sprachlich beeindruckende Geschichte vor, die man sich als Leser erarbeiten muss. Lässt man sich jedoch darauf ein, wird man mit einem atmosphärisch dichten, atemberaubenden Leseerlebnis belohnt! Christian Funke