Leserstimme zu
Beim Morden bitte langsam vorgehen

Ein unterhaltsames Buch, das auch zum Nachdenken anregt

Von: annette.traks@email.de
25.06.2018

Irene und Horst sind 39 Jahre miteinander verheiratet. Ihr gemeinsames Leben hat sich von Anfang an immer nach Horst gerichtet, während Irene sich stets seinen Wünschen gebeugt, sich seinen Vorstellungen angepasst, seine spitzen Bemerkungen und Demütigungen still über sich ergehen lassen hat. Immer ist er, ein selbstherrlicher Vernunftmensch, davon überzeugt, dass er im Recht ist, seine Ansichten die einzig richtigen sind. Als Irene sich in einer Phase befindet, in der sie sich häufig fragt, ob das, was sie für richtig hält, was sie schätzt und gerne möchte, eigentlich überhaupt nichts wert ist, entdeckt sie in einer alten Holztruhe etliche Tüten mit Bleiband. Sie erinnert sich, dass man es früher in den unteren Rand von Vorhängen einnähte, damit sie besser fielen. Noch in Gedanken versunken, liest sie auf einem Beutel die Warnung, dass Blei gesundheitsschädlich sei. Sie macht sich schlau und erfährt, dass es bei Menschen, die häufig mit dem Schwermetall Kontakt haben, zu lebensgefährlichen Vergiftungen kommen kann. Da reift in ihr nach und nach ein mörderischer Plan. Sie dringt tiefer in die Materie ein und verwandelt ihre Küche schließlich in ein kleines Chemie-Labor, in dem sie Bleizucker herstellt, mit dem sie ihren Ehemann langsam aber sicher töten will. Resümee: Sechs Jahre nach Horsts Tod schreibt die mittlerweile 67-jährige Irene ihr "Testament", wie sie es nennt, in ein rotes, in Leder gebundenes Notizbuch, das ihr vor 40 Jahren ihre Mutter geschenkt hat. Sie hat es extra solange aufgehoben, bis sie etwas zu sagen hat. Und nun möchte sie erzählen, warum sie zur Mörderin geworden ist. Dabei werden auszugsweise Aspekte und Ereignisse des ehelichen Zusammenlebens geschildert, die davon handeln, wie Irene sich immer kleinmachen musste, ihr Mann keine Rücksicht auf ihre Wünsche nahm, sie sogar ins Lächerliche zog und seine Frau mit verletzenden Bemerkungen demütigte. Der Wendepunkt wird eingeleitet, als Irene sich nach fast 40 Ehejahren immer öfter fragt, wo sie eigentlich bleibt, ob sie als Mensch mit eigenen Wünschen denn gar nichts wert ist. Sie möchte auch endlich ihre Vorstellungen vom Leben verwirklichen. Da das mit Horst jedoch nicht möglich ist, bleibt nur die Trennung. Mit einer Scheidung will sie ihn aber nicht davonkommen lassen. Nicht nur, dass ihm dann der Großteil des Besitzes zufallen würde, nein, eine Scheidung wäre auch zu einfach, fantasielos, konventionell und außerdem ohne jede Dramatik. Im Übrigen hat er es nicht verdient, noch länger zu leben. Doch sein Sterben soll ein Leidensprozess sein, sie will zusehen, wie der Mann, den sie einst aus Liebe geheiratet hatte, allmählich immer hinfälliger wird. Daher geht sie beim Morden langsam vor (siehe Buchtitel). Mitleid mit Horst kommt beim Leser übrigens gar nicht erst auf oder wird sofort im Keim erstickt, denn er bleibt seinem Wesen bis zum Schluss treu. Je schwächer er wird, umso mehr erstarkt Irene, die ihren Mann immer mehr spüren lässt, wie es ist, für wertlos und schwach gehalten und zugunsten eigener Bedürfnisse ignoriert zu werden. Zum Schluss ist aus der duckmäuserischen, farblosen, immer unzufriedener werdenden Ehefrau ein selbstbewusster Mensch geworden, der sich ein eigenes Leben nach seinen Vorstellungen aufgebaut und es im wahrsten Sinne des Wortes farbig gestaltet hat. Zusammenfassend geht es in dem Buch um den großen Themenkomplex "Ehe und Zusammenleben", speziell um das Rollenverständnis von Mann und Frau, das Ausleben eigener Bedürfnisse und Realisieren individueller Wünsche zulasten des Partners sowie um gegenseitige Wertschätzung und Respekt. Die Autorin hat die an sich ernste Problematik mit einer guten Prise (schwarzen) Humors umgesetzt, wobei es für meinen Geschmack nie zu makaber oder bitterböse wird, sondern gemessen an Horsts Verhalten gegenüber seiner Frau immer angemessen bleibt. Fazit: ein Buch, das nicht nur ausgesprochen unterhaltsam ist, sondern auch zum Nachdenken anregt.