Leserstimme zu
Dann schlaf auch du

Provokativ. Klug. Kritisch.

Von: Buchberührung
04.09.2018

Der Text beeindruckt weder durch hohe literarische Raffinesse noch durch ein kunstvolles System poetischer Satzgefüge. Er beeindruckt weniger als literarische Sensation, die vor Fantasie und Ideenreichtum strotzt. Und doch stechen nur selten Romanjuwelen in diesem vollen Pool literarischer Experimente und misslungener Versuche hervor, wie es das Buch von LEÏLA SLIMANI tut. Ich bin ein bisschen spät dran mit der Lektüre, und ihr habt ihn sicher alle bereits gelesen, doch was Besseres kann einem Roman schon passieren, als dass er mit in den Urlaub kommt! Also habe ich gewartet und im Sonnenbaden scheint sich jeder Satz als das zu erweisen, was er vermeintlich zu sein vorgibt: eine Anregung zum Nachdenken. Und ich habe viel nachgedacht über das Geschriebene von Slimani, über ihren Versuch, in einer grausamen und doch zutiefst berührenden Erzählung, Gesellschaftskritik zu betreiben. Denn während die Autorin über Myriam und ihre Familie erzählt, entwickelt sich ein kritisches, projektionsartiges Gedankenfeld, das konstruktiv und gnadenlos Fragen stellt über moderne Kindererziehung, soziale Vereinsamung, individuelle Selbstverwirklichung und über komplexe Depressionsformen, die sich weit abseits von der Öffentlichkeit, im privatesten Inneren gebären und doch draußen vor aller Augen abspielen. Wichtig und gut, sehr gut sogar ist der Roman von Slimani, der von Myriam schildert, die sich nach der Geburt ihres zweiten Kindes aus pathologischer Langeweile nach ihrem Anwaltsberuf zurücksehnt. Ähnlich wie ihr Ehemann Paul, der zunehmende als erfolgreicher Musikproduzent tätig ist, sehnt sie sich nach allem, was ein eigenständiger Beruf mit sich bringt: Erfolg, Unabhängigkeit und eine große Portion vermeintlicher Unbekümmertheit. Wie jeder Beruf, verlangen auch Myriams und Pauls Karrieren nach Lösungen, die die familiären Verhältnisse nicht verkümmern lassen, und mehr Zeit schaffen für das gemeinsame Glück am großen, ‚hyggeligen’ Holztisch, von dem alle zu träumen scheinen. Eine Traum-Nanny wird engagiert – Louise ist flexibel, gepflegt, aufmerksam, berufserfahren und diskret. Die Kinder lieben sie. Wie und wann sich die Zustände ändern, ist nicht immer klar, und doch schwingt bereits mit dem Auftakt des Romans, der mit Ende der Geschichte, mit dem Tod der Kinder einsetzt, zwischen den Zeilen eine unheimliche Vorahnung mit. Prickelnd und düster, äußerst aktuell und spannend. Bitte lesen! Der Roman wurde mit dem Prix Goncourt 2016 ausgezeichnet!