Leserstimmen zu
Lob des Schattens

Jun'ichiro Tanizaki

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Versprochen hatte ich mir von diesem Buch einen Text über Kunst, Architektur und deren Verhältnis zu Licht und insbesondere: Schatten. Ich wusste schon, dass Schatten eine große Wirkung haben können, dachte aber, eine weite Sicht durch eine Person, die sich über einen langen Zeitraum Gedanken zu dem Thema gemacht hat, könnte mir noch mehr interessante Informationen bringen. Außerdem wollte ich nach meinem Murakami-Flop im letzten Jahr noch einmal einen asiatischen Autoren ausprobieren, um zu sehen, ob es wirklich generell am geografischen Unterschied lag, oder ob mich Murakami allein damals einfach nicht überzeugen konnte. Und es ging auch sehr gut los! Im ersten Drittel geht Tanizaki (das ist der Nachname) stark auf die japanische Architektur ein und dabei auch wie und warum sie so eng mit Schatten und besonderen Lichteinwirkungen verbunden ist. Er beschreibt zum Beispiel, wieso die shoji, die traditionellen, mit Papier bespannten Holzrahmen, ein so wichtiger Bestandteil von japanischen Häusern sind und wieso sie nur funktionieren, wenn ein bestimmtes – lichtdämmendes, am besten noch mit Goldfäden durchzogenes – Papier in sie eingelegt wird. Er stellt die These auf, dass Schatten einem Raum und sogar einem ganzen Ort, egal ob drinnen oder draußen, eine ganz neue Kraft verleihen können und oft auch erst bestimmte Stellen so besonders machen. Aber er bleibt nicht nur bei Thesen! Er stellt nicht nur fest, sondern versucht auch alles mit Beispielen zu erklären und erläutert immer seine Ideen, ohne dabei etwas vorzuschreiben, sondern betont extra jederzeit, dass es seine Meinung ist, über die er hier schreibt. Der Teil über Architektur nimmt etwas ein Drittel des Buches ein. Danach redet er größtenteils über japanisches Theater und wieso es so „magisch“ wirkt. Aber ganz ehrlich, so interessant war das für mich nicht. Ich bin kein Japan-Fan und plane auch keine Reise in diese Richtung in der nächsten Zeit, aber jemand, der sich für so etwas oder die japanische Kultur im generellen interessiert, könnte daran echt Spaß haben, da er auch hier nicht nur oberflächlich bleibt, sondern auch tiefgreifendere Aspekte erläutert. Der Schreibtil von Tanizaki hat mir sehr gut gefallen. Er weiß, wie man es ausdrücken muss, wenn man seinen Standpunkt erklären will und dabei den Leser auch noch unterhalten möchte. Ich könnte mir auch vorstellen, dass sein Schreibstil sehr klassisch asiatisch ist und deshalb wundere ich mich, dass mir dieses Buch auch so gut gefallen hat und ich es so schnell lesen konnte durchgelesen habe. Bei Murakami hatte ich immer das Gefühl, seine Bücher wären sehr „kalt“ und irgendwie sogar deprimierend, aber das hier war eher entspannt und hat bildhaft von japanischen Buchten und Bergregionen erzählt. Trotzdem muss man ihn als Autoren auch im historischen Kontext sehen: er veröffentlichte diesen langen Essay 1933 in einer Zeitung und schreckte – wie so viele zu dieser Zeit – auch nicht zurück, von „der asiatischen Rasse“ oder „Negern“ zu sprechen. Trotzdem muss ich darauf hinweisen, das diese Aspekte nur sehr kurz auftreten und ich nach dieser Lektüre Tanizaki nicht als Rassisten bezeichnen würde. Denn im Grunde geht es ihm nur um die Unterschiede zwischen westlichen Ländern und China und Japan. Er kritisiert zwar indirekt, dass „der Westen“ Asien überannt habe und die traditionellen Kulturen dort mit Dingen wie elektrischem Licht vertrieben habe (und somit auch seine geliebten Schatten), aber macht auch klar, dass es zu großen Teilen auch Asiens eigene Schuld war. Er geht der Ansicht nach, dass viele Erfindungen anders funktionieren und aussehen würden, wären sie von Asiaten erfunden. Da sie jedoch von Amerikanern, Deutschen, Engländern und vielen anderen Europäern für den Weltmarkt hergestellt wurden, gingen diese Geräte nicht auf die Kulturen in Asien ein und passen somit zum Beispiel nicht zu traditionell japanischer Architektur oder Theaterkunst. Er selbst wurde 1886 in Tokio geboren und hat somit eine starke Verbindung zu der Kultur des Landes. Dadurch, dass er in einer Kaufmannsfamilie aufgewachsen und viel gereist ist, kann er von vielen verschiedenen Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken berichten – Egal ob er von legendären Luxu-Hotels schreibt oder von kleinen Lehmhütten auf dem Land. Er wirkt sehr gelehrt und erfahren in dem was er tut und gibt seinem Buch eine gewissen „Entspanntheit“, die man manchmal bei solchen Büchern vermisst. Loben möchte ich auch an dieser Stelle wieder die besondere Aufmachung des Buches. Wie jedes Manesse-Buch sind die Seiten sehr qualitativ und man hat sich Gedanken über das komplette Gestaltungspaket gemacht. Ich mag das reduzierte Cover mit den gedeckten Farben. Besonder wichtig ist hierbei wohl das Material aus dem der Schutzumschlag gefertigt wurde. Er besteht aus einem dicken, etwas unsauberen Papier, dass eher eine leicht gelbliche Farbe hat. Tanizaki geht in diesem Buch auf den Unterschied zwischen komplett weißem und leicht getöntem, handgearbeitetem Papier ein und so würde diese Aufmachung wohl auch dem Autoren selbst gefallen. Wie man es von Manesse kennt, gibt es auch bei diesem Buch wieder Anmerkungen und biografische Notitzen am Ende des Buches, die einige – darunter besonders die japanischen – Begriffe für den Leser sehr verständlich und gut erläutern. Dazu kommt noch ein kleine Übersicht der Epochen der japanischen und chinesischen Geschichte, die für mich zwar nicht so wichtig waren, wie die Anmerkungen, aber auch beim Lesen hin und wieder helfen können. Gefallen hat mir auch die Übersetzung von Eduard Klopfenstein, die sehr durchdacht und hochwertig gewirkt hat. Alles in allem ein gutes Buch, dass viele Aspekte abdeckt, die die Kraft von Schatten beleuchten. Eine Empfehlung besonders für Japan-Fans! – 3/5 Sterne

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Für die Menschen in Japan werden Europäer wohl immer mit den Errungenschaften der Moderne in historischer Erinnerung bleiben, als die Überbringer des elektrischen Lichts, der glänzenden Oberflächen und der gnadenlosen Sauberkeit. Weiße im durchgängigsten Sinn des Wortes, die mit ihrer schattenlosen Haut und den hypermodernen Einrichtungen die Asiaten das Fürchten lehrten. Und sie dennoch zur schleunigsten Nachahmung animierten. Denn in dem sich nach Jahrhunderten der restlichen Welt öffnenden Japan war nichts angesagter, als den Anschluss an den Westen schnellstmöglich zu gewinnen. Von 1868 an durchlief das “Land der aufgehenden Sonne” einen Modernisierungsschub, der die Industrialisierung in wenigen Jahrzehnten abwickelte und auf den neusten Stand brachte. Preußen war übrigens das überragende Vorbild – sowohl in staatlicher als auch in wirtschaftlicher Hinsicht – für die japanische Regierung, Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten war damals noch nicht aus dem europäischen Schatten getreten. Wahrscheinlich war es in den ersten Jahren, Jahrzehnten gar keine Frage, den Anschluss an die “Zivilisation” zu suchen. Aber nach einem halben Jahrhundert Fortschritt im westlichen Sinn drängten sich Fragen auf. Denn das Neue fühlte sich trotz aller geschätzten Modernität fremd an. Das elektrische Licht war zu hell, die neuen Materialien wie Glas oder Marmor zu unflexibel und schwer, die Oberflächen zu glatt, um sich nahtlos in die japanische Kultur einzupassen. Gäbe es, so fragten sich japanische Intellektuelle, oder hätte es ohne die Invasion des Westens einen japanischen Weg zur Moderne gegeben? Und wie hätte er ausgesehen? Einer dieser Intellektuellen ist Tanizaki Jun’ichirō (1886-1965), ein Schriftsteller aus Tokio, der neben Erzählungen und Romanen auch Essays über den japanischen Alltag schreibt, und sich hier wie da dem Zusammenspiel von (östlicher) Tradition und (westlicher) Moderne widmet. Sein Blick ist scharf, und was er bemerkt, während er einmal nach hier und einmal nach dort schaut, ist ein Schatten. Von dem ausgehend er die unterschiedlichen Kulturen regelrecht unter die Lupe nimmt. “Wenn man einzelne Personen aus der Nähe betrachtet, scheint es Japaner zu geben, die weißer sind als Leute aus dem Westen, und umgekehrt westliche Menschen, die dunkler sind als Japaner; doch die Qualität dieser Weiße und dieses Dunkels ist verschieden. (…) Es (gibt) japanische Ladys, die in ihren Abendkleidern den Ausländerinnen in nichts (nachstehen) und auch weißere Haut hatten als sie; aber wenn sich auch nur eine von diesen Damen unter die Ausländer mischte, war sie aus der Entfernung sofort zu erkennen. Und zwar darum, weil sich bei Japanern, mögen sie noch so hellhäutig sein, im Weiß eine leichte Schattierung bemerkbar macht. (…) Besonders in den Fingergabelungen, um die Nasenflügel, im Genick und dem Rückgrat entlang ergibt sich eine schwärzliche Tönung wie von einer Staubschicht. Die Haut von westlichen Menschen ist hingegen am Grunde immer hell und durchsichtig (…) vom Scheitel bis zu den Fingerspitzen sind sie von einem klaren, unvermischten Weiß.” (61/62) Die Beobachtung ist fast schon indiskret, aber für Tanizaki Jun’ichirō keineswegs eine anstößige Bemerkung. Für ihn ist der Unterschied eine Art Basis für die Unterschieden zwischen Ost und West und ein Plädoyer für den Schatten. Was mich laut zum Lachen gebracht hat, ist der Vorschlag des Autors, die Toilette als Schlüssel für eine gelungene Architektur zu betrachten. Deshalb, weil ich seit Jahren predige, über neue Häuser (und damit sind meist Museen gemeint) kein Urteil zu fällen, bevor man nicht die Toilette besucht hat. Für einen Menschen aus dem Westen ist es aufregend zu lesen, wie sehr man in Japan bemüht war (und bis heute noch ist), ausgerechnet das WC in einen Ort des guten Geschmacks zu verwandeln. Keine Frage, dass sich Tanizaki Jun’ichirō – wenn auch höflich – über den Westen lustig macht, wo man diesen Ort als unrein behandelt und sich sogar scheut, in der Öffentlichkeit davon zu sprechen. “Die Schönheit des Abgegriffenen”, so könnte man sein Lob des Schattens resümieren, weil das wahrhaft Schöne für ihn aus der täglichen Praxis entsteht. Nicht das Neue ist schön, sondern das, was immer schon da ist. Und die Dinge sind um so vollkommener, je schlichter sie sind und je natürlicher. Interessant bei Tanizaki Jun’ichirōs Schilderungen ist für mich, dass er Schönheit auch immer mit Vertrautheit und Wärme in Verbindung bringt. So schreibt er, sein Grauen vor Zahnärzten beruhe vor allem auf deren moderne Einbauten und den vielen glitzernden Gegenständen (dem Krach des elektrischen Bohrers ganz zu schweigen). Alte Dinge mit abgegriffenen, matten Oberflächen hingegen strahlen für ihn eine Wärme aus, die das menschliche Herz beruhigt. Selbst Papier ist für ihn nicht Papier, sondern ein Unterschied wie Tag und Nacht, wenn er das westliche Papier betrachtet, das das Licht zu reflektieren scheint, während japanische und chinesische Papiere “wie eine Fläche weichen, frisch gefallenen Schnees die Lichtstrahlen satt in sich aufsaugen.” (23) Äußerst verblüffend fällt für mich sein Vergleich zwischen westlichen und östlichen Frauen aus. An manchen Stellen möchte ich laut lospoltern, oder mich über den männlichen Blick mokieren, und ich mag ihm in mancher Argumentation so gar nicht folgen, doch ist, was er schreibt, durchaus interessant. Zumal es stets den asiatischen Blick auf das Eigene und das Fremde zeigt, dem wir eben nur aus umgekehrter Richtung folgen können. Was soll ich sagen? Ein spannendes Buch für diejenigen, die bereits einige Erfahrung mit der japanischen Kultur gemacht haben oder sich gerade neu in diese Welt stürzen. Historische Hintergründe helfen sicher zum Verständnis der Lektüre, aber im Nachhinein weiß man nie, was man zuerst gesehen hat, das Huhn oder das Ei. An manchen Stellen kommt der Text arg altherrenhaft daher und ich weiß nicht, ob dies dem Autor oder seinem Übersetzer, dem 1938 geborenen Eduard Klopfenstein anzurechnen ist. Eine aktuelle Übersetzung würde mich auf jeden Fall zum nochmaligen Lesen verführen. Was wir – übrigens auch im Westen – dem Schatten verdanken, weiß ich seit der Lektüre noch einmal mehr zu schätzen. Tanizaki Jun’ichirō: Lob des Schattens. Entwurf einer japanischen Ästhetik. Aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein. Zürich 2002. Für das Rezensionsexemplar geht mein herzlicher Dank an Random-House.

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