Leserstimmen zu
Die Mutter meiner Mutter

Sabine Rennefanz

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Die 1974 geborene Journalistin Sabine Rennefanz studierte Politologie. Seit 1993 arbeitet sie als Journalistin, seit 2001 als Redakteurin für die Berliner Zeitung, für die sie mehrere Jahre aus London schrieb. Für ihre journalistische Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Ihr 2013 erschienenes erstes Buch “Eisenkinder” stand mehrere Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Am 14. September 2015 erschien ihr neues Werk mit dem Titel “Die Mutter meiner Mutter” im Luchterhand Verlag. Dunkles Familiengeheimnis Als Anna vierzehn Jahre alt ist, endet der Zweite Weltkrieg, doch für das junge Mädchen beginnt damit ihr ganz persönlicher Krieg. Als Flüchtling schlägt sie sich ohne ihre Eltern mit ihren zwei jüngeren Brüdern bis nach Kosakenberg durch. Leider überlebt ihr kleiner Bruder die Flucht nicht. In dem kleinen Dorf in der sowjetischen Besatzungszone findet sie auf dem Hof der Familie Wendler eine Anstellung als Magd. 1949 kommt Friedrich Stein aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Kosakenberg zurück. Seine Familie lebt nicht mehr und das Anwesen der Familie wird jetzt von Flüchtlingen bewohnt. Als Anna den zwanzig Jahre älteren Friedrich kennenlernt, sind ihr seine traurigen Augen unheimlich. Eines Tages überfällt der traumatisierte Mann das junge Mädchen. Anna wird schwanger und bringt im Alter von 18 Jahren eine Tochter zur Welt. Obwohl sie über die Vergewaltigung schweigt, zwingt man sie, Friedrich Stein zu heiraten. Insgesamt drei Töchter bekommt das Paar und niemand darf über die Umstände der Hochzeit sprechen. So wird das Familiengeheimnis seit vielen Jahrzehnten bewahrt. Die Familie Stein wird zu einer fleißigen und erfolgreichen Familie. Und als Annas Enkelin schließlich in Berlin studiert, ist die Familie am Ziel ihrer Träume angekommen. Eines Tages erhält die Enkelin einen Anruf ihrer Mutter, die sie bittet, nach Hause zu kommen, denn sie hat etwas über den Großvater herausgefunden. Als zwanzig Jahre nach dem Tod des Großvaters sein schreckliches Geheimnis gelüftet wird, ändert sich damit auch die Sichtweise der Enkelin auf ihre eigene Familie. Ihr Großvater war ihr immer ein Vorbild und stellte das Glück seiner Familie stets in den Vordergrund. Die schockierenden Enthüllungen über ihren Großvater erklären im Nachhinein viele Verhaltensweisen ihrer Großmutter und auch an sich selbst entdeckt die Enkelin Charakterzüge, die eindeutig von ihrem Großvater vererbt wurden. Fazit Dieses autobiografisch gefärbte Buch macht nachdenklich und betroffen. Die schmerzhafte Spurensuche der Enkelin nach der Wahrheit über ihren Großvater enthüllt schließlich Unglaubliches. Und bei ihrer Suche nach der Wahrheit findet die Enkelin auch Erklärungen für das seltsame Verhalten ihrer Großmutter Anna, die für ihre Töchter und Enkelin unnahbar ist. Körperkontakt lehnt Anna kategorisch ab und oft sieht man sie teilnahmslos vor sich hinstarren. Töchter und Enkelin spüren, das irgendetwas zwischen Großmutter und Großvater nicht stimmt, forschen aber nicht weiter nach – bis zu dem Tag, als die Enkelin einen Anruf von ihrer Mutter bekommt. “Die Mutter meiner Mutter” ist ein Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte, um es richtig zu begreifen. Ein Buch, das zeigt, was der Krieg aus den Menschen machte und welche Auswirkungen er immer noch auf nachfolgende Generationen hat. Absolut lesenswert! Das puristische Cover passt pefekt zum Inhalt – nichts lenkt vom Titel ab. “Die Mutter meiner Mutter” von Sabine Rennefanz, erschienen am 15. September 2015 im Luchterhand Literaturverlag, gebunden, 256 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3630874548 Herzlichen Dank an den Luchterhand Literatur Verlag für das bereitgestellte Rezensionsexemplar. Bildnachweis: copyright Luchterhand Literaturverlag

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„Die Mutter meiner Mutter“ ist ein sehr nachdenklich machendes Buch, was man nicht mal eben so „zwischendurch“ liest. Sensibel und ruhig zeichnet Sabine Rennefanz aus dem Blickwinkel der Enkelin den Mikrokosmos einer Familie, in der die Nachwehen des zweiten Weltkrieges noch immer schlummern und mit den geflüsterten Worten „Ich hab da was über deinen Großvater heraus gefunden“ der Mutter jäh zurück in`s Hier und Jetzt befördert werden. Mit diesem Satz beginnt das Buch. Der Leser lernt zunächst Friedrich Stein kennen, von dem seine Enkelin viel erzählen kann, an den sich sich gut erinnert, obwohl er starb, als sie gerade mal 12 Jahre alt war. Friedrich war der Opa, auf dessen Schoß sie saß , der auf 4 Fingern Lieder pfeifen konnte, dessen karierte Flanellhemden würzig nach Zimt und Holz rochen und der die Enkelin, kaum dass sie laufen konnte mit in den Stall zu den Pferden nahm…auf dem Rücken der Stute Grete brachte Opa sie in die Schule, während alle anderen Kinder laufen mußten. „Meinen Großvater bewunderte ich, über meine Großmutter wunderte ich mich nur.“ Anna Stein wird von ihrer Enkelin als Kind als seltsam unnahbar-verschrobenes Wesen wahr genommen. Traurig wirkt sie, die Anna und manchmal sitzt sie nur da und starrt den Küchenschrank an. Hat die Enkelin Hunger, kocht sie ihr ein Ei. Auch sie selbst lebt nur von Eiern, trockenem Brot und jeder Menge Knoblauch, sie schläft mit Kopftuch und Pullover auf dem Sofa, Körperkontakt zu Töchtern und Enkelin in Form von liebevollen Umarmungen o.ä. gibt es nicht. Intuitiv spürt die Enkelin, dass zwischen den Großeltern nicht alles so ist, wie es sein sollte. Lange nachdem die Enkelin die Enge des heimatlichen Dorfes verlassen hat und ihren eigenen Weg geht, wird sie durch den in`s Telefon geflüsterten Satz ihrer Mutter zurück geholt in die Welt von Anna und Friedrich Stein, in die Welt der durch dieses seltsame Elternpaar belasteten Töchter, die unabhängig voneinander als Erwachsene mit Ängsten zu kämpfen haben. Sie wollen nicht auf Spurensuche gehen wie die Enkelin, wollen das, was sich an Familiengeschichte offenbart, nicht wahr haben, nicht darüber reden und sie entfernen sich eher voneinander statt näher zusammen zu rücken. Puzzleteil für Puzzleteil trägt die Enkelin zusammen und erzählt in bewegender Weise die Geschichte von Anna Stein, die Hölle von Flucht und Nachkriegszeit bis hin zu dem Tag, über den ihre Mutter viele Jahre später sagen wird: „Ich hab da was über deinen Großvater heraus gefunden“. Der Tag, der Annas weiteres Leben in dieser Dorfgemeinschaft zum ewigen Spießrutenlauf machen wird und dem sie als völlig Entwurzelte doch nicht entfliehen kann, denn wo sollte sie hin? Und obwohl Annas Töchter schon Ursachenforschung bezüglich der eigenen Ängste betreiben, mögen sie sich den Vater nicht vom Sockel stoßen lassen, sind eher geneigt ihm, dem längst Verstorbenen, zu glauben als der noch lebenden, so unnahbaren Mutter und noch lebenden Zeitzeugen. Der Brückenschlag zu Anna bleibt ihrer Enkelin überlassen. Inwieweit das Buch autobiografisch ist, weiß ich nicht. Wenn nicht oder nur teilweise, ist es gut recherchiert. Vieles, was in Bezug zu Flüchtlingen des 2. Weltkrieges erzählt wird, kenne ich genauso aus den Erzählungen in meiner eigenen Familie. Auch meine Großmutter musste flüchten, meine Mutter wurde 1945 auf ebendieser Flucht geboren und war in ihrer Kindheit ein „Umsiedlerkind“. Die Baracken, in denen sie nach dem Krieg als Umsiedler lebten, standen noch in meiner Kindheit und wurden auch Mitte der 70er von den Einheimischen -wiewohl mittlerweile völlig anders genutzt- noch immer als „das Lager“ bezeichnet. Ich erinnere mich detailliert an die Kriegsgeschichten meines Großvaters (wie bei Annas Enkelin waren es immer die gleichen), die eine eigenartige Faszination auf mich ausübten. Von der Flucht meiner Großmutter weiß ich nur, dass ihr die für meine Mutter gedachten Babysachen unterwegs komplett gestohlen wurden und dass sie auf dieser Flucht „ihren Glauben an Gott verloren hat“. Wissen wir wirklich mehr von der männlichen Kriegsgeneration als von der weiblichen? Für mein Empfinden füllt Sabine Rennefanz hier eine Lücke. Ich empfehle dieses Buch uneingeschränkt, es sensibilisiert für die eigene Familiengeschichte und -ganz aktuell- auch die anderer. Auch die Auswirkungen und das Erleben heutiger Flüchtlingsströme werden unabhängig von richtiger oder falscher Politik, unabhängig von Hass oder „welcome refugees“ in den Folgegenerationen ALLER weiter leben.

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Das Schweigen der Vergangenheit

Von: Sigrun Klüger "Kulturette" aus Braunschweig

21.07.2015

Dieses Buch ist mehr als nur eine Familiengeschichte. Es ist die Geschichte von Frauen in der Kriegs- und Nachkriegszeit und zeigt, wie Gewalt über Generationen wirkt. Ein authentischer Bericht über mutige Frauen, die sich der Wahrheit stellen wollen. Sehr beeindruckend und spannend erzählt, lässt dieses Buch niemanden unberührt und veranlasst sicher auch sich selbst zu fragen, wovon die eigene Familienhistorie und man selbst geprägt ist. Unbedingt lesen!

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