Leserstimmen zu
Hexensaat

Margaret Atwood

(14)
(8)
(0)
(0)
(0)

Felix ist ein gefeierter Regisseur in der Theaterszene, er leitet ein bekanntes Festival und dort soll auch seine neue Inszenierung von „der Sturm“ aufgeführt werden. Das Stück bedeutet ihm viel, er findet in Miranda seine vor kurzem gestorbene Tochter (selbigen Namens) wieder. Doch bevor das Stück auf die Bühne kommen kann, wird Felix von seinem Assistenten hintergangen und regelrecht abgesägt. Der Assistent klettert ein paar Karrierestufen höher, Felix endet als gefallener Star in einer einsamen Hütte. Doch 12 Jahre später bietet sich die Chance auf Rache. Felix leitet inzwischen eine Theatergruppe im Gefängnis, natürlich unter einem anderen Namen. Die Insassen sollen lernen mit Sprache besser umzugehen und sind mit Feuereifer bei der Sache. Ihre Stücke haben Erfolg und Felix alte Widersacher kündigen sich zu einem Besuch an. Felix kann endlich seinen Sturm aufführen, wenn auch nicht zum Vergnügen der Zuschauer…. Hexensaat ist ein weiterer Titel aus der Shakespeare-Kollektion. Bekannte Autoren interpretieren Shakespeares Werke neu. Mit Hexensaat stellt sich Margaret Atwood der Aufgabe „den Sturm“ in ein neues Gewand zu kleiden. Im Vergleich zu den anderen Büchern aus der Reihe, die ich bisher gelesen habe („der Neue“ von Tracy Chevalier, „die störrische Braut“ von Anne Tyler), geht die Autorin ganz anders an die Sache heran. Sie erzählt nicht die Geschichte neu, sondern setzt das alte Stück in einen anderen Rahmen. Ein Theater im Theater sozusagen. Denn die Gefängnisinsassen verändern den Sturm in ihrer Aufführung nur leicht, machen die Texte etwas moderner und denken sich abgefahrene Kostüme aus. Doch gleichzeitig nimmt auch Regisseur und Schauspieler Felix die Züge seiner Rolle an – er ist Prospero der Hexer, gefangen in seinen Racheplänen und immer besorgt um seine Tochter, die ihn nach ihrem Tod weiter als Hirngespinst begleitet. Das gesamte Stück wird von den Insassen analysiert und bearbeitet. Man erfährt einiges über die einzelnen Rollen, die Intensionen, die Shakespeare vielleicht gehabt haben könnte. Das klingt jetzt wie eine langweilige Theateranalyse in der Schule. Ist es aber ganz und gar nicht, denn der Handlungsrahmen und auch die Charaktere machen dieses Buch sehr lebendig, manches Mal humorvoll und eben auch ein bisschen düster, wie es sich für Shakespeare gehört. Diese neuen Ansätze und Aspekte waren wirklich sehr spannend zu lesen, manchmal vielleicht ein bisschen abgedreht, aber so erwartet man es ja auch aus der Sicht eines genialen Regisseurs. Ich hatte ein bisschen Sorge, ob mir das Buch gefallen würde, da mir der Schreibstil der Autorin in „der Report der Magd“ so gar nicht zugesagt hat. Diesmal jedoch konnte sie mich mit ihrer gekonnten und detailreichen Erzählweise wirklich von der ersten Seite an fesseln. Sie hat sich spürbar mit dem Stück auseinandergesetzt und ihre Freude daran kam bei mir an. Fazit: Eine sehr schöne und abwechslungsreiche Interpretation in einem gelungenen Rahmen. Ich habe das Original von Shakespeare nicht gelesen und kenne das Stück nur in seinen groben Zügen und aus Filmen. Deshalb findet der Kenner bestimmt noch einige Feinheiten und Anlehnungen mehr, die die Autorin in Hexensaat versteckt hat. Aber auch für mich als Leien war das Buch ein großes Lesevergnügen.

Lesen Sie weiter

Wie nicht anders von Atwood zu erwarten ist ihre Version von Der Sturm – Hexensaat alles andere als eine reine Neuinterpretation des Shakespeare Dramas. Ihre Geschichte betrachtet Shakespeares Drama, interpretiert es, inszeniert es neu und das mit einem Protagonisten, der nicht bemerkt, dass er auf seiner eigenen verwunschenen Insel festsitzt. Hexensaat begleitet den Drehbuch-Autor / Regisseur / Schauspieler Felix, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere zunächst seine Frau, seine Tochter und schließlich seine Karriere verliert. Mit seinen Ersparnissen zieht er sich in die Einöde in ein nah zu verlassenes Örtchen zurück, wo er mit dem Geist seiner Tochter Miranda gemeinsam die Zeit an sich vorbeistreichen lässt. Eines Tages liest er von einer freien Stelle als Leiter des Literaturprogramms in einer Haftanstalt und kann gleich den Job ergattern. Jahr für Jahr interpretiert und inszeniert er mit den Insassen ein Shakespeare-Stück nach dem anderen. Bis sein erbitterter Feind – sein ehemaliger Assistent und Grund für sein abruptes Karriereende – ankündigt die nächste Aufführung ansehen zu wollen. Für Felix die Chance endlich die Fassung von Der Sturm aufzuführen, die er schon immer auf die Bühne bringen wollte. Die Ebenen des Romans Hexensaat von Margaret Atwood liest sich beinahe wie eine Romanfassung von Inception. Auf der obersten Ebene befindet sich Felix, der mit den Insassen der Haftanstalt gemeinsam Der Sturm interpretiert. Er legt alle Motive und Themen offen, weist auf Gefängnisse innerhalb des Stücks hin und den Gegensatz von Macht und Machtlosigkeit. Er zeigt wie Shakespeare verschiedene Gesellschaft- und Herrschaftsformen innerhalb des Dramas aufbaut und diese Vergleicht. Gleichsam schaft Felix – und damit natürlich Atwood – eine Reinterpretation des Sturms durch die Aufführung von Felix Theatergruppe, bei der Ariel zum Superhelden-Alien a là Superman wird und Caliban zum Rapper, der sich selbst befreien kann. Es ist eine vollkommen plumpe Interpretation des Stücks, die viel zu offensichtlich geschieht, als das sie die wirkliche Nacherzählung des Sturms innerhalb von Hexensaat darstellen kann. Es ist natürlich Felix eigene Wirklichkeit, die unterste Ebene des Romans, die den wahren Sturm beinhaltet. Ein Theaterdirektor, der durch eine nahstehende Person ins Exil getrieben wird und dort mit seinen Geistern gemeinsam leben muss. Nur sein Zauber kann seine Geister dabei am Leben erhalten und wirft dabei die Frage auf wie viel von Prosperos eigener Wahrnehmung auf der Insel der Wirklichkeit entsprach und wie viel nur seinem eigenen Zauber. Gleichsam wie Prospero mit seiner Verbannung kämpft, muss auch Felix mit seinem selbstgewählten Exil leben. Nur seine Kreativität hält ihn am Leben und nur das Wissen, dass seine Tochter Miranda – ein zunächst zufällig gewählter Name, der Felix schnell zum Verhängnis wird – als Geist immer bei ihm sein wird, sorgt dafür, dass er bei Verstand bleibt. Atwood hält Shakespeare den Spiegel vor Mit ihrer offensichtlichen Interpretation, ihren Reinterpreation und schließlich der darunter liegenden wirklich Nacherzählung des Sturms – bei der von der Gefängnisleiterin, bis zum hackenden Insassen jede Figur einer Figur aus dem Sturm zugewiesen werden kann – erzählt Atwood eine mutige Romanfassung von Der Sturm. Ihre Figuren wirken allesamt originell und wie von ihr erschaffen, während sie gleichsam von Shakespeares Schatten begleitet werden. Sie erzählt nicht nur eine Geschichte nach, sie macht sie zu ihrer eigenen und erklärt gleichsam ihren Ursprung. Dieses Vorgehen, verbunden mit der von Atwood zu erwartetenden Intensität der Erzählung und elaborierten Wortwahl, ergibt einen wirklich grandioser Roman der seines gleichen sucht.

Lesen Sie weiter

REZENSION INHALT: Felix, eine etwas exzentrischer, älterer Theaterregisseur wird von seinen Kollegen gemobbt und verliert seinen Job am Stück *Der Sturm* . Seine Adaption an das gleichnamige Drama von William Shakespeare wird ihm rücksichtslos genommen. Er leidet darunter sehr, zieht sich in das Privatleben zurück, lebt sehr lange abgeschieden, einsam und ärmlich in einer Hütte. Er ändert sogar seinen Namen. Nach einigen Jahren des Dahinsiechen ohne Lebensperspektive nimmt er einen Job als Theatermacher in einem Gefängnis an. Ungeahnte Möglichkeiten während seiner Arbeit als Regisseur tun sich für ihn auf. Er möchte mit den Gefangenen *Der Sturm* proben und aufführen. Zufällig bekommt er die Gelegenheit zum Kontakt zu seinen damaligen Widersachern und nun arbeitet er zielstrebig nur auf eines hin. Rache auszuüben an den ehemaligen Kollegen,,,,,, MEINE MEINUNG: Diese ganz besondere Art der Erzählform, eine Umarbeitung (Adaption) eines literarischen Stückes in eine andere Umgebungs - und Zeitform hat mich absolut fasziniert. Margaret Atwood hat in ihrer Erzählform das Niveau von William Shakespeares Dramen gespiegelt und für unser heutiges Leseverständnis perfekt dargestellt. Das Buch liest sich flüssig,angenehm und erzeugt viele Bilder im Kopf. Mit leiser, humorvoller Erzählkunst bringt Margaret Atwood dem Leser die Gestalt des Felix ( bei Shakespeare Prospero) sehr nahe und stattet seinen Charakter mit sympathischer Gerissenheit und Schläue aus. Man leidet mit ihm und wünscht sich sogar, dass seine Rachepläne , mit denen er es seinen Kollegen heimzahlen möchte, in Erfüllung gehen. Stimmungsvoll beschreibt die Autorin die Gefängnisatmosphäre , die Charaktere und Möglichkeiten der Insassen zum Schauspielern, Fähigkeiten , die von Felix intelligent auf den jeweiligen Menschen-Typ zugeschnitten werden. *Hexensaat* ist eine superschöne Hommage von Margaret Atwood an den grossen William Shakespeare und steht an Dramatik und Bildhaftigkeit dem Stück des grossen Meisters in nichts nach. Wer möchte, kann am Ende des Buches vorher eine kurze Inhaltsangabe des Originalstückes *Der Sturm* von Shakespeare zum besseren Verständnis des Buches erlesen, aber das ist absolut nicht zwingend. Lasst Euch unvoreingenommen auf dieses tolle Meisterwerk und die Ausführungen von Margaret Atwood ein und ihr werdet einige wundersame, interessante, ganz andere Lesestunden, weitab vom Mainstream erleben,,, Meine Wertung: FÜNF ***** Sterne für dieses grossartige Buch! Herzlichen Dank an die Autorin und den Knaus-Verlag für dieses grossartige Leseexemplar!

Lesen Sie weiter

Das steht drin Felix bringt als Theatermachen die grandiosesten, gewagtesten Stücke auf die Bühne. Seine nächste Inszenierung soll Shakespeares "Der Sturm" werden. Sie soll ihm auch dabei helfen, über eine private Tragödie hinwegzukommen. Doch seine Mitarbeiter und engsten Vertrauten bringen ihn auf hinterhältige Weise um seinen Posten. Felix zieht sich zurück. Viele Jahre später sieht er seine Chance auf Rache endlich gekommen. Kritik "Hexensaat" von Margaret Atwood reiht sich als vierte Erscheinung in das Hogarth Shakespeare Projekt ein. Hogarth Press wurde 1917 von Virginia und Leonard Woolf gegründet. Das Label setzte es sich zum Ziel, die besten neuen und zeitgenössischen Autoren zu veröffentlichen. Mit dem Shakespeare-Projekt wagen sich insgesamt acht Autorinnen und Autoren an Neuerzählungen von Geschichten des Barden. Margaret Atwood hat sich mit "Hexensaat" an Shakespeares Sturm herangewagt. Wer mit ihren Werken bisher nicht vertraut ist, könnte sich nun sicher irgendwie zynisch dazu äußern, dass wir alle Jahre wieder mit Neuerzählungen und Nacherzählungen von Werken von Shakespeare und Austen geflutet werden. Doch Margaret Atwood ist als Autorin nicht zu unterschätzen. Sie verwandelt den Sturm in eine wilde Achterbahnfahrt, bei der man als Leser kaum die Augen von den Seiten lösen kann. Ihr Meisterstück in diesem Buch ist sicherlich die Hauptfigur Felix, der natürlich dem Prospero aus Shakespeares Sturm nachempfunden ist. Felix ist stellenweise haarsträubend dämlich und teilweise wirklich unerträglich. Atwood hat mit ihm eine bitterböse Karikatur der Theatereliten geschrieben, die ein Stück gar nicht abgedreht genug sein lassen können. So will er, dass Ariel (der Luftgeist aus dem Originalstück) von einem Transvestiten auf Stelzen gespielt wird, der sich irgendwann in ein Glühwürmchen verwandeln soll. Für alle Figuren hat er solche Ideen, und wer die Aussage dahinter nicht versteht, nun, der ist eben einfach ein Idiot. Und trotzdem fiebert man am Ende mit ihm mit, wünscht ihm den Erfolg und die Möglichkeit, seine Rache auszuüben. Denn hinter all dem Wahnsinn, den er mit seinem Sturm auf der Bühne entfesseln will, steckt am Ende doch nur der Wunsch, sein verlorenes Kind wenigstens auf der Bühne wieder ins Leben zu holen, und wenn es nur für einen Moment ist. Felix als Charakter ist extrem instabil und schwankt permanent zwischen verschiedenen Extremen, und ihm immer weiter in diesen wirren Kaninchenbau zu folgen, ist absolut unterhaltsam. Margaret Atwood schafft es ebenfalls, das durchaus von magischen und fantastischen Elementen durchzogene Stück in unsere Zeit zu verlegen. Mit Shakespeare hat man dort ja häufiger ein Problem. Seine Dramen mögen da zugänglicher sein, doch wie erklärt man heutzutage Luftgeister und die anderen Kreaturen, die im "Sturm" auftauchen? Atwood integriert ein Stück in das Stück, über welches sie schreibt, was ganz in der Tradition von Shakespeare selbst steht. Problematisch für den Leser wird dies höchstens am Ende, und dann auch nur, falls er oder sie bisher den "Sturm" nicht gelesen hat. Denn wenn wir davon ausgehen, dass Felix als Prospero sein Reich mit Magie im Zaum hält, dies aber nicht auf die Zuschauer des Stückes übergreift, dann bleiben die Motivationen einiger Figuren im Buch undurchsichtig. In diesem Fall sind wir die Zuschauer, und einige der Figuren handeln irrational. Dem Lesevergnügen tut dies aber keinen Abbruch, insofern man sich darauf einlassen will. Margaret Atwood liefert eine ideenreiche Neuerzählung mit einem detailliert ausformulierten Protagonisten, bei dem man nie so richtig weiß ob man ihn nun lieben oder verabscheuen soll. Zahlreiche Seitenhiebe auf kulturelles Geschehen und zeitgenössische Themen als solche sind ebenfalls untergebracht und werden mit der für Atwood typischen, scharfen Zunge vorgetragen. Wie auch schon beim Originalstück bleibt am Ende aber die Frage, was mit den Figuren passiert, sobald der Zauber der Insel sich gelöst hat. Hier bieten beide Geschichten ein offenes Ende, und ich frage mich, ob eine Weitererzählung, anstelle einer Nacherzählung, nicht vielleicht sogar noch spannender gewesen wäre. Denn eins ist nach "Hexensaat" klar: Atwood und Shakespeare sind eine überaus spannende Kombination. Fazit "Hexensaat" von Margaret Atwood bietet kurzweiliges Lesevergnügen sowohl für Kenner von Shakespeares Werk, als auch für Neueinsteiger. Geschickt transportiert sie die Geschichte in die heutige Zeit und geizt nicht mit zahlreichen Rundumschlägen. Ein Buch, welches ich kaum aus der Hand legen konnte und ehrlich gesagt auch gar nicht wollte, so fesselnd ist es geschrieben.

Lesen Sie weiter

Mein nächstes Buch aus dem Shakespeare Projekt. Bis jetzt mochte ich „Die störrische Braut“ sehr und „Shylock“ gar nicht. Auf „Hexensaat“ hatte ich mich ehrlich gesagt am meisten gefreut, weil Margaret Atwood mich vor ein paar Monaten mit „Der Report der Magd“ schon so begeistern konnte. Im Netz waren die Kritiken durchwachsen und ich frage mich, ob das etwas damit zu tun hat, ob man „Der Sturm“, auf dem es aufbaut, vorher schon gelesen hat. (Habe ich nicht.) Margaret Atwood geht diese Neuinterpretation jedenfalls anders an: Wir lesen hier von einem Theaterregisseur, der das Stück in einem Gefängnis aufführt. Wir lernen dadurch den Plot und die Charaktere kennen und interpretieren es gemeinsam mit den Insassen neu. Dazu kommen allerhand Intrigen und Verstrickungen. „Hexensaat“ ist vielleicht nicht mein Lieblingsbuch, aber in dieser Reihe habe ich es sehr gerne gelesen.

Lesen Sie weiter

The Tempest (Der Sturm) gehört nicht zu den Theaterstücken William Shakespeares, deren Handlung jeder kennt, aber in Hag-Seed (Deutsch: Hexen-Saat), Margaret Atwoods Romanversion des Stücks für das Hogarth Shakespeare Project, wird uns diese Handlung gleich in zweifacher Weise näher gebracht: sie dient als Vorlage für den Roman und sie begegnet uns als das Theaterstück, an dessen Inszenierung die handelnden Personen freiwillig und weniger freiwillig mitwirken. Die kanadische Autorin erzählt die Geschichte von Theatermann Felix Phillips. Schwer angeschlagen vom Verlust seiner Frau und seiner dreijährigen Tochter war er mitten in den Vorbereitungen zu einem seiner Geniestreiche, einer modernen Inszenierung von Der Sturm, als ihm sein zuvor immer eifrig kooperativer Assistent Tony Price eröffnete, dass er als künstlerischer Leiter des von ihm gegründeten Theaterfestivals gefeuert und Tony selbst sein Nachfolger sei. 12 Jahre später ist Anthony Price Kulturminister und Felix Phillips unter falschem Namen Leiter einer Theatergruppe eines Gefängnisses in der Nähe von Toronto. Zur nächsten Aufführung hat sich nun der Minister als Gast angekündigt. Der Augenblick der Rache ist gekommen. Margaret Atwood erzählt die Geschichte in der dritten Person, aber weitgehend aus Felix‘ Perspektive. Felix liebt das Theater, dem er alles andere unterordnet, er liebt seine Tochter Miranda, die er in den letzten 12 Jahren an seiner Seite hat aufwachsen sehen, obwohl sie als Dreijährige an einer zu spät behandelten Gehirnhautentzündung gestorben ist, und er liebt sich selbst als den großen Theatermann. Sein Agieren und seine Gedankengänge bei der Vorbereitung und Durchführung seines Plans lassen erkennen, dass er sich immer noch für einen genialen Regisseur hält, einen, der genau weiß, was er will, der in der Lage ist, Menschen zu motivieren und zu lenken und sie so zu perfekten Mitwirkenden in seiner nun endlich umgesetzten Inszenierung zu machen. „Das Theater ist keine Republik“, sagt Felix, „es ist eine Monarchie. Und ich bin der König.“ Natürlich lässt sich die Frage stellen, wie glaubhaft es ist, dass eine Gruppe Gefängnisinsassen Felix‘ Racheplan widerspruchslos und weitgehend fehlerfrei umsetzt, aber von dieser Einschränkung abgesehen sind die Charaktere und auch die Geschehnisse ebenso wie die Rahmenbedingungen, die Felix im Gefängnis vorfindet, durchaus realistisch gezeichnet, in einer nüchternen, präzisen und knappen Sprache, so, als wäre es ein Bericht von einer militärischen Operation. Dadurch bleibt der nicht ganz unkomplizierte Plan verständlich, ohne dadurch vorhersehbar zu werden. Als Zuschauerin aus den Kulissen war ich von der Aufführung streckenweise genauso überrascht wie der Minister und seine Begleiter, streckenweise habe ich, zumindest vorausahnend, was da jetzt kommt, schon im Vorhinein vor Vergnügen und Schadenfreude gegrinst, und nach Ende der Vorstellung konnte ich dem Regisseur und seiner Truppe vorbehaltlos applaudieren. Die Illusion ist gelungen, die Magie des Stücks hat auch 400 Jahre nach Shakespeare noch gewirkt.

Lesen Sie weiter

Felix Phillips steckt mitten in den fieberhaften Vorbereitungen zur Aufführung von William Shakespeares Stück "Der Sturm", als ihn eine infame Intrige seines engsten Mitarbeiters Tony vom Posten des künstlerischen Leiters des Theaterfestivals in Makeshiweg fegt. Der "heimtückische, hinterhältige Scheißkerl Tony" hatte langsam aber stetig Felix' Stellung an der Spitze des Theaterfestivals untergraben und ihn dann schließlich vom sprichwörtlichen Sockel gestoßen. Selbstredend, um ihn postwendend selbst zu besteigen. Für Felix bricht eine Welt zusammen. Die Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" war, nach dem tragischen Verlust seiner geliebten Frau und der gemeinsamen Tochter Miranda, zu seinem einzigen Lebensinhalt geworden. All seine Kraft, all seine verbliebene Energie richtete er auf diese Inszenierung. "So viel ist gewiss, dass jemand, der Rache brütet, seine eigenen Wunden frisch erhält, die sonst heilen und verharschen würden.", lauten die dem Roman vorangestellten Worte von Sir Frances Bacon. Und Felix Phillips sinnt auf Rache an seinen Usurpatoren. Atwoods Spiel beginnt: Felix, der in seiner Inszenierung von "Der Sturm" den Prospero spielte wollte, zieht sich nach seinem Sturz vollkommen vom Leben zurück. Er mietet eine Art Höhle als Wohnstatt, verliert sich zunehmend in Phantasmen um seine verstorbene Tochter Miranda und hegt und pflegt seinen tiefsitzenden Groll. Doch dann, eines Tages, bietet sich ihm die perfekte Gelegenheit Rache zu nehmen. Margaret Atwood adaptiert Shakespeares "Der Sturm" meisterlich. Während in Hexensaat die Inszenierung und Aufführung des Theaterstücks eine zentrale Rolle spielt, spiegelt Atwood die Handlung des Stücks auf einer zweiten, sehr gegenwärtigen Ebene. Felix Phillips wird zu einem Pendant von Shakespeares Prospero, die Theaterwelt wird zu dem Herzogtum Mailand, aus dem Prospero mit seiner Tochter Miranda vertrieben wird, seine Höhle und seine neue Wirkstätte werden zu Prosperos Insel. Nahezu alle Rollen aus "Der Sturm" finden Eingang in "Hexensaat". Atwood ist eine Meisterin ihres Handwerks: Nicht nur Prospero, Miranda und Anton(y)io sind in der gegenwärtigen Handlung glaubwürdig gezeichnet - oder, um im Theaterjargon zu bleiben: besetzt - sondern auch die Randfiguren, wie etwa Caliban oder Ariel, fügen sich nahtlos in die Handlung ein. Inhaltlich, wie sprachlich ist Atwood mit "Hexensaat" ein Glanzstück gelungen. Das Buch steckt voller Witz, voller Satire. Die Beschreibungen von Felix' Leiden, seinem Groll und seiner Einsamkeit sind rührend, aber nicht pathetisch. Die Passion, welche die kanadische Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin für den ursprünglichen Stoff hegt, ist in jede Romanzeile eingewoben: "Der Sturm ist eigentlich ein frühes Multimedia-Stück. Ich bin sicher: Würde der Barde heute leben, so würde er alle Special Effects nutzen, welche die Technologie inzwischen zu bieten hat. Außerdem war dieses Stück für mich besonders verlockend, weil Shakespeare hier so viele Fragen einfach offen lässt. Was für ein - anstrengendes! - Vergnügen es doch war, sich damit auseinanderzusetzen." Wenn Felix Phillips über Prospero referiert, ihn interpretiert, sein Denken und seine Handlungen darlegt, und auf diese Weise indirekt über sich selbst spricht, ist das grandios. "Hexensaat" weist zudem mehrere Zeitebenen auf und der Prolog, so viel sei verraten, hat es in sich: "Absolute Finsternis. Lärmendes Durcheinander außerhalb des Raums. Geschrei. Schüsse fallen. STIMME AUS DEM PUBLIKUM: Was ist los? STIMME VON DRAUSSEN: Abriegelung! Abriegelung! STIMME AUS DEM PUBLIKUM: Wer hat hier das Sagen? Drei weitere Schüsse." Neben aller sprachlichen Raffinesse und Atwoods großer Erzählkunst macht auch die Frage welche Form der Rache Felix' für seine Widersacher auserkoren hat das Buch zu einem grandiosen Pageturner. Kaum hatte ich "Hexensaat" ausgelesen, begab ich mich auf die Suche nach weiterer Lektüre aus der Feder von Margaret Atwood. Viele Stimmen empfahlen "Der Report der Magd" (1985), den Roman, der Atwood bekannt bekannt gemacht. Er fiel mir im Antiquariat für einen Spottpreis in die Hände. Thematisch finde ich jedoch den Roman "Der blinde Mörder" (2000), für den Atwood den Brooker Price gewann, weitaus spannender. Beide Romane reihen sich nun in die Schlange der unbedingt zu lesenden Bücher ein. Aber "Hexensaat", herrje, ein so tolles Buch. Ob das zu toppen ist? Unbedingte Leseempfehlung!

Lesen Sie weiter

Er ist ein großer Theatermacher. Und er hat ein noch größeres Leid zu tragen. Eine gute Idee somit, das Leid zu bearbeiten und zu verarbeiten, indem er das tut, was er am besten kann. Ein Stück zur Aufführung bringen. „Die Ärzte taten, was sie konnte. Jede Plattitüde wurde aufgefahren“. Doch das wird eine ungeahnte Pause von 12 Jahren bedürfen und dann auch an einem Ort und mit „Schauspielern“ langsam, aber sich Gestalt annehmen, die sich Felix Philips so nicht vorher gedacht hätte. „Dieser heimtückische, hinterhältige Scheißkerl“. Und das ist er. Der vormalige Vertraute und aktuelle Verräter und Karriererist. Wobei es ganz gut ist, dass 12 Jahre vergangen sind. Vielleicht kann er so eine Weile noch unerkannt bleiben auf seinem Weg der „Rache“ einerseits und der „inneren Wiederbelebung“ andererseits. Vielleicht wird „Der Sturm“ von Shakespeare ihm Gelingen, ganz vielleicht sogar echten Frieden bringen. Und während man dem Unglück des „Felix“ (lateinisch: „Der Glückliche“ folgt, miterlebt, wie er mitten im Schaffen „ausgebootet“ wird und umgehend ein „Refugium“, eine „Insel“ findet, erinnert man sich, dass in Shakespeares „Der Sturm“ der Held Prosperos auch 12 Jahre auf einer Insel verbrachte. Und ebenfalls zuvor von einem engen Vertrauten, im Sütck vom eigenen Blut, und, wie im Buch nun auch, von je dessen „Gönner“ zunächst gründlich aus dem Spiel genommen wird. Atwood gestaltet das Buch wie die Handlung wie das zur Aufführung kommende Stück im Buch im Gesamten nach „Der Sturm“. Verlegt die Handlung in die „moderne Welt“ und ist wunderbar in der Lage, sowohl die formalen Aspekte (Orte, Personen und Ereignisse“ völlig neu zu füllen und je zu übertragen, wie sie sorgsam auch der inneren Dramatik des Stückes nachgehet, hier das Leiden ihres Felix ein wenig steigert, dort die „Insel“ ein wenig glättet und so alle Protagonisten in bester Weise Schritt für Schritt „antreten“ lässt zur großem Aufführung und zum ebenfalls wunderbar passend gestaltetem Finale. Mit all de Bildern eines realen Gefängnisses, eines inneren Gefängnisses (Trauer), eines inneren Exils, mit den Mitteln der Täuschung, der Illusion, der Doppelbödigkeit agieren alle Beteiligten. Atwood in ganz klarer und mitreißender Sprache, Shakespeare im Aufbau seines Stückes und an dessen Ende mit der Bitte um Applaus und damit Erlösung aus der Unsicherheit und Felix mit seinem Weg zur neuen Reputation, vor allem aber zum inneren Frieden in seiner Trauer. Die ihn in Kontakt zur „Geisterwelt“ bringt und erst am Rande des Wahns ihn in die Welt zurückführt. Geändert, aber nicht geläutert, zunächst. „Lavinia, Julia, Cordelia, Perdita, Marina. All die verlorenen Töchter. Einige von ihnen wurden wiedergefunden, warum nicht auch Miranda“? Was dennoch schwer erden wird, denn Töchter können ja auf verschiedene Weise verschwinden. Und je nachdem den Vater vor fast unlösbare Aufgaben stellen. Was wiederum den Leser interessiert, animiert, sich der Frage mit anzuschließen,, ob und wie das Felix im Buch wohl unter diesen konkreten Umständen gelingen kann. Und so spielt es am Ende keine Rolle, ob Insel oder Gefängnis, ob Unwetter oder Schneesturm, ob lebendig oder tot, ob Bruder oder Günstling, eng folgt Atwood dem Faden des Stückes und jede Seite kündet von ihrer gelungenen Mission, den Geist Shakespeares in die moderne Welt zu übertragen. Ein hervorragender Roman mit vielen Ebenen, ebenso vielen menschlichen Erkenntnissen, sprachlich hervorragend umgesetzt und mit einigen eigenen Schwerpunkten versehen.

Lesen Sie weiter