Leserstimmen zu
Mittagsstunde

Dörte Hansen

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„Literaturwerkstatt- kreativ / Blog“ stellt vor: „Mittagsstunde“ (Hörbuch) von Dörte Hansen Nordfriesland – Brinkebüll Der 47 jährige Ingwer Feddersen ist promovierter Archäologe und seit langem an der Uni in Kiel als Hochschullehrer tätig. Er nimmt ein Sabbatjahr, um in sein Heimatdorf Brinkebüll, wo er geboren und aufgewachsen ist, zurückzukehren. Seine Großmutter Ella ist dement und auch bei seinem Großvater Sönke lassen die Kräfte nach; dennoch hält Dieser stur wie eh und je die Stellung in der alten Dorfkneipe. Diese hat allerdings schon bessere Zeiten gesehen, genauso wie Brinkebüll. „ ……keine Schule mehr, kein Bäcker und kein Kaufmann. Keine Störche auf dem Dach der Kirche, auf den Feldern keine Kühe, nur noch Mais und Wind. Als wäre eine ganze Welt versunken“ Ingwer kümmert sich nun um die Kneipe und um seine Großeltern, die ihn groß gezogen haben. Er nutzt die Zeit um über sein Leben nachzudenken und es Revue passieren zu lassen. Dabei stellt er fest, dass er sich eigentlich nach einer dauerhaften Partnerin sehnt. Denn, so richtig glücklich ist er in seiner Kieler WG, zusammen mit Ragnhild und Claudius, nicht mehr. Und so gehen Ingwer Feddersen Gedankengänge weit zurück, eng verbunden ist dieser Streifzug natürlich mit dem Dorf Brinkebüll und dessen Geschichte. Fazit: Dörte Hansen hatte mich bereits mit ihrem Debütroman „Altes Land“ in ihren Bann gezogen und mit „Mittagsstunde“ hat sie jetzt noch eins drauf gesetzt. Ich bin einfach hin und weg. Die Autorin schafft mit Brinkebüll ein fiktives Dorfes – welches natürlich stellvertretend für viele Dörfer steht – das sich Mitte der Sechzigerjahre, mit der großen Flurbereinigung, nach und nach veränderte. Aus den kleinen Feldern wurden große Ackerflächen, Hecken verschwanden und mit Ihnen die Tiere. Die Autorin hat hervorragend für ihren Roman recherchiert und ich fand es absolut spannend, von den dörflichen Veränderungen, aber auch den Menschen die dort lebten, mehr und mehr zu erfahren. In Brinkebüll kannte jeder jeden und Geheimnisse blieben nicht lange geheim und natürlich hatte jedes Dorf auch ihre Sonderlinge. In Brinkebüll war es Marret Feddersen, die Mutter von unserem Protagonisten Ingwer Feddersen. „Marret Feddersen, die in Klapperlatschen durchs Dorf zog und prophezeite: „De Welt geit ünner“.“ Auch die anderen Charaktere des Romans hat Hansen hervorragend herausgearbeitet, ja kreiert – zum Lachen, zum Weinen, zum Schreien, zum Schütteln – alles erdenkliche Potenzial ist dabei und wird von der Autorin hervorragend in Szene gesetzt. Einfach tolle Charaktere, die man so schnell nicht vergisst. Hervorzuheben ist auch ihre sehr genaue, auf den Punkt kommende, treffsichere und facettenreiche Sprache, mit der die Autorin Kopfkino par excellence entstehen lässt. Besonders gefallen hat mir auch die immer wiederkehrende plattdeutsche Sprache, die von Hannelore Hoger als Sprecherin hervorragend umgesetzt wird. Ihre knarzige und knorrige Stimme ist einfach wie geschaffen für diese geniale Erzählung. Ich glaube solch einen dichten und ergreifenden Roman kann man nur schreiben, wenn man Land und Leute gut kennt, mit ihnen groß geworden ist und eine gute Beobachtungsgabe hat. In den Sätzen und Formulierungen spürt man deutlich die tiefe Zuneigung von Dörte Hansen zu den Menschen und der nordfriesischen Gegend. Einfach grandios und absolut empfehlenswert !!!

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Das ist ein wunderbares (Hör)Buch, es hat mir fast noch besser gefallen als „Altes Land“, weil es literarisch noch dichter ist. Dörte Hansen gelingt es, ein kunstvolles Handlungsgeflecht zu entwerfen. Sie bewegt sich dabei mühelos zwischen Vergangenheit und Gegenwart und erweckt das Dorf, aber auch ihre Figuren mit viel Wertschätzung, Humor und feiner Ironie, die jedoch nie verletzend wird, zum Leben. Bei manchen Szenen musste ich laut lachen, wenn zum Beispiel Ingwer’s WG beschrieben wird, manchmal war ich aber auch zu Tränen gerührt. Dabei ist das beileibe kein Heimatroman! Brinkebüll könnte überall sein, das Verschwinden alter Dorfkulturen ist nicht nur ein nordfriesisches Phänomen. „Zeitalter fingen an und endeten“ erkennt auch Ingwer Feddersen am Ende, dem Land ist es egal, was Menschen tun, ob sie bleiben oder weiterwandern. Hannelore Hoger liest diesen Roman kongenial. Ihre rauhe Stimme und ihr norddeutscher Akzent passen perfekt zur Geschichte und die immer wieder eingestreuten kurzen Passagen in Platt verstand ich weitestgehend auch als Süddeutsche. Dabei muss man sich für dieses Hörbuch Zeit nehmen, es genießen und sich auch konzentrieren, damit einem die vielen kleinen Perlen und Andeutungen nicht entgehen. Fazit: Mein absolutes Highlight in diesem Bücherjahr, ein tolles Hör- und Lesevergnügen! Absolute Empfehlung!

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