Leserstimmen zu
Walkaway

Cory Doctorow

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"Dis." Zu ihrem Entsetzen stellte sie fest, dass ihr die Kehle eng wurde. Tränen rollten ihr über die Wangen. "Dis, es ist..." "Ich weiß", antwortete die Simulation. "Jetzt ist alles anders." Mein erster Gedanke, als ich das Buch beendet hatte: Uff. Nicht etwa weil ich es schlecht gefunden hätte, im Gegenteil, sondern einfach weil ich mich nicht erinnern kann, in den letzten Jahren so lange für ein einziges Buch gebraucht zu haben. Über sechs Wochen habe ich mich mit Cory Doctorows Utopie herumgeschlagen, etliche Leseflauten niedergekämpft und mich von den vielen spannenden Gedanken darin immer wieder anspornen gelassen, es mit den scheinbar nie endenden 736 Seiten voller Gehirnverrenkungen neu aufzunehmen. Mein zweiter Gedanke: Hat sich der Aufwand und das Durchhalten gelohnt? Ich würde sagen definitiv! Warum - das kommt jetzt! Das Cover springt den Betrachter zuerst mit seiner furchtbar schrillen, orangenen Farbe an, die weder auf meinem Coverbild noch auf dem offiziellen Coverbild gut zur Geltung kommt. Diese Farbe täuscht ganz gut darüber hinweg, dass die sonstige Gestaltung eher minimalistisch ist. Mit dem gespiegelten, schwarz-weißen Hausmotiv wurde die Thematik definitiv wunderbar auf den Kopf getroffen. Das schwarze Haus mit den Gitterfenstern und dem Feuerausstoß soll wohl den Default repräsentieren während der weiße Pfeil, auf dem die Frau läuft, den Walkaway, also die Alternative, den Ausweg darstellt. Auch die aufdringliche Größe des Titels und des Autorennamens und die vielen Zitate überall passen gut ins Bild. Nur mit dem Klapptext bin ich nicht ganz zufrieden. Angesichts der sehr umfangreichen Handlung, der vielen Charaktere und der langen Erzählzeit, hätte ich mir doch ein wenig konkretere Einblicke in das erwartet, das auf den 736 Seiten auf mich wartet. Außerdem habe ich mich bis zum Ende gefragt, wer denn der vierte Held sein soll, der mit auf den Weg geht (wohl einfach ein Fehler in der Übersetzung) Erster Satz: "Hubert Vernon Rudolph Clayton Irving Wilson Alva Anton Jeff Harley Timothy Curtis Cleveland Cecil Ollie Edmund Eli Wiley Marvin Ellis Espinoza war zu alt, um auf einer kommunistischen Party zu sein." Ziemlich schonungslos wirft uns Cory Doctorow gleich zu Beginn des Buches in eine vollkommen abstruse Situation mit total verrückten Protagonisten mit echt schwierigen Namen. Da Hubert 20 Vornamen hat, wird er von seinem Freund Seth nur Etcetera genannt. Letzterer hat ihn auf eine heimliche, kommunistische Party geschleppt, auf der Bier aus sich reproduzierenden Kulturen getrunken wird, in alten Fabrikhallen Möbel unter Urheberrechtsverletzungen produziert werden und sich die rebellische Jugend versammelt. Als die Party gewaltsam aufgelöst wird hilft ihnen die junge Nathalie bei der Flucht. Auch wenn sie als Tochter eines Zottas (eines pervers reichen Menschen) eigentlich keine Sorgen haben müsste, würde sie nichts lieber tun, als aus dem Einflussbereich ihres Vaters zu fliehen. Auch Etcetera und Seth hält nichts mehr im korrupten System nahe am Zusammenbruch und so beschließen die drei ungleichen Gefährten zusammen in den Walkaway zu gehen. "Niemand beschließt, eine Rekordzahl von Armen einzusperren. Es passiert einfach infolge schärferer Gesetze, geringerer Mittel für juristische Hilfe und zusätzlicher Kosten für Berufungsverfahren … es gibt keine Person, keine Entscheidung und keinen politischen Prozess, denen man die Schuld geben könnte. Es ist systemisch bedingt." "Was ist die systemische Folge, wenn man ein Walkaway wird?" "Ich glaube, das weiß noch niemand. Es wird aber sicher spannend, es herauszufinden." An diesem Punkt wird die Dystopie zur Utopie. Denn wo moderne Technologien wie 3D-Drucker Kleidung, Unterschlupft und Nahrung ohne großen Aufwand gewährleisten ist es möglich geworden, einfach aus dem System, dem Default, auszubrechen und wegzugehen. In einem Gasthof, in dem die wichtigsten Anforderungen nicht Leistung und Funktion sondern Solidarität und Toleranz sind, finden die drei ein neues Zuhause und einen Weg in ein freies, selbstbestimmtes Leben. Doch neben neuen wissenschaftlichen Entdeckungen, Bedrohungen durch den Default und eine immer näher rückende Konfrontation zwischen den verschiedenen Parteien müssen die Protagonisten auch an sich selbst arbeiten um im neuen Gesellschaftsentwurf glücklich werden zu können. Es beginnt der größte Befreiungskampf der Menschheit: der Kampf gegen die soziale Ungerechtigkeit, die Zerstörung der Umwelt und den Klimawandel, aber auch der Kampf gegen den Materialismus, gegenabsurden Hierarchien, gegen die Lust am „Wichtig sein“, gegen Neid und Eifersucht und all die anderen Dinge, mit denen sich Menschen selbst oft im Weg stehen. "Dieses Glücksgefühl und die Intensität, die du spürst... hast du dich schon mal gefragt, ob das etwas ist, das wir mehr als nur flüchtig wahrnehmen können? Nimm mal einen Orgasmus. Wenn du einen Orgasmus hast, der nicht aufhört, wäre das brutal. In einer Hinsicht wäre das erstaunlich, aber das Erlebnis wäre schrecklich. Nimm das Glücksgefühl, dieses Gefühl, angekommen zu sein und einen Moment lang die Welt vollkommen gemacht zu haben. Kannst du dir vorstellen, wie es ist wenn es andauert? Warum solltest du dann jemals wieder deinen Arsch hochhieven? Ich glaube, wir sind so gemacht, dass wir das Glück immer nur für einen Moment wahrnehmen können, weil sich alle unsere Vorfahren, die es länger erleben konnten, an der Glückseligkeit verloren haben, bis sie verhungert sind oder bis sie ein Tiger gefressen hat." Schon auf den ersten Seiten, bevor man überhaupt eine richtige Chance hatte, die Ausgangssituation zu verstehen, beginnen die ersten Grundsatzdiskussionen über Kapitalismus und Kommunismus und all ihren Phänomenen. Es wird also sehr bald klar, wie Cory Doctorow hier seine Prioritäten im Zusammenspiel von Science Fiction und Philosophie gesteckt hat. Immer wieder über das ganze Buch verteilt tritt die Handlung zurück und macht Platz für Fragestellungen, die mir zum Teil sehr relevant erschienen während sich mir der Sinn anderer nicht ganz erschloss. Während sich Kapitel voll drohender Gefahr bewaffneter Überfälle, listiger Tricks der Mächtigen, Entführung und Gehirnwäsche mit Verwirrungen und inneren Verwicklungen technologischer Probleme und in sich gekehrte Monologe oder Dialoge abwechseln wird es für den Leser sehr schwer, einen einheitlichen Spannungsbogen zu sehen und den roten Faden nicht aus den Augen zu verlieren. Da drängte sich sehr bald die Schlussfolgerung auf, dass diese Geschichte einfach viel zu lang ist. Interessante Passagen werden so immer wieder durch seitenweise Diskussionen über Computerprobleme abgelöst und der Überhang an Dialogen oder sogar Monologen machte es nicht unbedingt immer einfacher, den Unterhaltungen ernsthaft zu folgen. "Wenn du Dinge tust, weil du willst, dass dir jemand anders den Kopf tätschelt, dann wirst du nicht so gut wie jemand, der es für die innere Befriedigung tut. Wir wollen das beste Gebäude errichten, das überhaupt möglich ist. Wenn wir ein System einführen, bei dem die Leute um Anerkennung buhlen, laden wir sie ein, Spielchen zu spielen und die Statistiken zu manipulieren, oder sogar ungesund viel zu arbeiten, um alle anderen zu schlagen. Eine Crew mit unglücklichen Leuten leistet minderwertige Arbeit. Wenn du ein System einrichtest, in dem sich die Leute auf Kunstfertigkeit, Kooperation und gutes Handwerk konzentrieren, bekommst du einen schönen Gasthof voller glücklicher Menschen, die gut zusammenarbeiten". Und ernsthaft und aufmerksam zu lesen ist hier unbedingt notwendig. Mit seinem sehr einfallsreichen, intelligenten aber leider auch etwas schwergängigen Schreibstil stellt der Autor definitiv sicher, dass niemand diese Geschichte versteht, der sich nicht wirklich anstrengt. Zwar hilft ein Glossar beim Verstehen von teils abgefahrenen Neologismen oder existierenden Begrifflichkeiten aus der Computerwelt, trotzdem wird sich nicht lange mit Erklärungen aufgehalten (sonst hätte ich wohl noch mit 200 Seiten mehr zu kämpfen gehabt) sondern viele Dinge einfach als Vorwissen vorausgesetzt. Das alles hat zur Folge, dass man wirklich nur zu dem Buch greifen kann, wenn man gerade in der Verfassung und der Stimmung ist, sich auch wirklich hineindenken zu wollen und zu können - das erklär vielleicht auch, weshalb ich so lange gebraucht habe. Die teilweise sehr brutalen Schwankungen zwischen actionreichen Kapiteln und in sich gekehrten Abschnitten werden auch durch große Zeitsprünge begleitet. Gerade im letzten Drittel des Romans lebt die Geschichte davon, was in den Erzähllücken passiert. Dadurch hatte ich aber wiederum große Probleme, die Entwicklung der Protagonisten wirklich gut verfolgen zu können. Aus diesem Grund konnte ich die Protagonisten auch nicht besonders nahe an mich heranlassen. Auch wenn wir mit einem komplexen, diversen Satz an Protagonisten beginnen hatte ich das Gefühl, dass sie sich im Laufe der Zeit alle immer ähnlicher werden - vor allem auch weil sie sehr ähnliche Konflikte und Sichtweisen haben. Denn ganz besonders ist an der Geschichte nicht Doctorows Blick auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge sondern vielmehr seine sensible aber solide Darstellung der inneren Veränderungen, die für die Walkaway notwendig sind: der Kampf gegen den Drang eine "ganz besondere Schneeflocke" zu sein und das Auflehnen gegen die menschlichen Unzulänglichkeiten. "Die Menschen versuchen seit Jahrhunderten, alle anderen dazu zu bewegen, die Erde nicht zu sehr zu belasten, konnten aber nicht mehr sagen als: "Halt still und atme möglichst wenig". (…) Wenn du zu lange darüber nachdenkst, gelangst du irgendwann zu dem Schluss, dass nichts, was du tust, überhaupt noch eine Rolle spielt. Entweder du bringst dich auf der Stelle um, oder du bringst deine Nachkommen um, indem du einfach nur atmest. Jest erkennen wir für die Menschheit einen Weg, der besser ist, als alles, was es früher gab. Wir geben den Körper auf. Wir geben von allem weg. Wir werden unsterbliche Wesen aus reinen Gefühlen und Gedanken, wir können mit Lichtgeschwindigkeit durch das Universum reisen, nichts kann uns töten, wir entscheiden bewusst, wie wir das Leben gestalten wollen, und bleiben dabei, solange wir wollen, während wir die Parameter genau abstimmen, bis wir die Version von uns selbst sind, die genau das Richtige tut und sich selbst kennt und achtet." Die kleine Utopie inmitten einer zerstörten Welt kurz vor dem Super Gau des Kapitalismus regt mit ihren Ausflügen in die Philosophie definitiv zum Nachdenken an. Während viele Fragen nebenbei und ganz plakativ zu sozialökonomischen, ethischen, politischen, technologischen unökologischen Themen gestellt werden und die Protagonisten händeringend nach Antworten suchen prangert Doctorow im Vorbeigehen Probleme unserer Gesellschaft auf sehr originelle und einfallsreiche Art und Weise an. Er liefert dabei vielleicht keine unbedingt neue Erkenntnis oder ein Modell, das uns klar zeigt, wo es für uns in der Zukunft lang geht. Aber er sensibilisiert ohne mit dem Zeigefinger zu wedeln und gibt uns eine grobe Richtung vor, in die wir uns bewegen müssen: Weg von Materialismus und Ich-Bezogenheit hin zu einer pluralistischen, freien Gesellschaft die ohne Leistungsdruck und Hierarchien auskommt. Und das wichtigste: er zeigt uns, dass es in seiner Vision nicht über Kriege und Aufstände geht sondern über langsame, schrittweise Verändern des eigenen Ichs und das Streben nach Verbesserung - der Rest erledigt sich dann von selbst. "Ich misstraue jedem Plan, der Ungerechtigkeit beheben will und dessen erster Schritt lautet: Wir zerschlagen das ganze System un ersetzen es durch ein besseres. Besonders wenn du nichts anderes tun kannst, solange nicht der erste Schritt getan ist. Unter allen Möglichkeiten, sich selbst zu verarschen und rein gar nichts zu tun, ist dies die selbstsüchtigste." Fazit: "Walkaway" ist eine schonungslose Analyse der gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart und gleichzeitig ein hoffnungsloser Ausblick der Humanismus und Digitalisierung zu einer spannenden Utopie verbindet. Viele interessante Gedanken und Visionen können jedoch leider nicht über eine riesige Überlänge und etliche Leseflauten hinwegtäuschen. Deshalb leider nur etwas für Interessierte, die sich die Zeit und die Anstrengung gerne in Kauf nehmen!

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Da Walkaway auf dem Klappentext als “die große Utopie des 21. Jahrhunderts” angekündigt wird, hatte ich entsprechend hohe Erwartungen an diesen dicken Wälzer. Ich liebe es, über mögliche zukünftige Gesellschaftsformen nachzudenken und nachdem ich im November “Utopia” von Thomas Morus, die erste Utopie der Neuzeit, gelesen hatte, war ich nun sehr gespannt, wie Doctorow sich unsere Zukunft und eine “bessere Gesellschaft” ausgemalt hat. Selten sind meine Erwartungen von einem Buch und das tatsächliche Leseerlebnis so weit auseinandergegangen, wie bei diesem Buch. Aber fangen wir vorne an. Worum geht’s? Der Roman spielt in der nicht allzu fernen Zukunft irgendwann in der Mitte des 21. Jahrhunderts. Die Welt ist vom Klimawandel gezeichnet und die Staaten werden von den Ultrareichen, den sogenannten Zottas regiert. Die Städte haben sich somit für die normalen Bürger zu einer Art Gefängnis entwickelt. Um leben zu können und den Kindern eine möglichst gute Bildung und Zukunft zu ermöglichen, arbeiten die einfachen Menschen für wenig Geld in prekären Jobs nur um die Reichen noch reicher zu machen. Dabei lässt sich alles Lebensnotwendige eigentlich mittlerweile per 3D-Druck herstellen, weggeworfene Rohstoffe werden einfach recycelt. Warum also sollte man dieses System unterstützen, wenn man doch einfach diese Städte verlassen und sich selbst woanders ein viel besseres Leben aufbauen könnte? Genau das denken sich die sogenannten Walkaways und tun das, was ihre Bezeichnung erklärt: sie gehen einfach weg, um draußen eine bessere Welt aufzubauen. Und zu ihnen werden auch unsere unterschiedlichen Protagonisten in diesem Roman. Sie verlassen, die von den Zottas beherrschten Städte, den sogenannten Default, und gehen in den Walkaway, wo sie zum ersten Mal wahre Freiheit und Selbstbestimmung erfahren und lernen, wie eine friedliche und erfolgreiche Gesellschaft, die auf Gleichheit aufbaut, funktionieren kann. Meine Meinung Die Idee, die hinter diesem Buch steckt finde ich einfach großartig. Auch ohne, wie ich, zu viele Dystopien gelesen zu haben, werden wohl die meisten mittlerweile zumindest die Befürchtung haben, dass unsere Welt eher auf eine schlechtere zusteuert – obwohl dies wahrscheeinlich auch die Befürchtung jeder Generation ist, wobei sich auch vieles verbessert hat… Der Klimawandel und die soziale Ungleichheit sind nur zwei der Dinge, die diese Vermutung nähren. Dementsprechend ist auch die Welt in der Walkaway spielt, keine sonderlich schöne. Die Reichen werden immer Reicher, die Armen immer ärmer und die Reichen fühlen sich trotz der Möglichkeiten, die die neue Technik für alle bringen könnte, dazu auserwählt, über die weniger reichen zu herreschen. Der Default ist Wirtschaftsliberalismus und Kapitalismus auf höchstem Niveau. Unsere Protagonisten lernen sich – wie könnte es anders sein – auf einer Untergrund-Kommunistenparty kennen. Seth und Etcetera (er nennt sich so, weil er zu viele Namen hat) sind schon lange befreundet. Natalie ist selber eigentlich Zotta-Tochter kann ihrem unverdienten Reichtum aber keine Gerechtigkeit abgewinnen. Nachdem die Partygesellschaft auffliegt, kommt es zu einer hitzigen Diskussion zwischen ihr und ihrem Vater, woraufhin die drei Freunde beschließen, einfach wegzugehen. Im Walkaway gehören sie schnell dazu. Hier tut jeder, was er kann, um der Gemeinschaft zu dienen. Privateigentum gibt es nicht. Und wenn jemand kommt, der einem das, was man aufgebaut hat, streitig machen will, geht man einfach weg und baut es woanders neu auf. Die Tatsache, dass der 3D-Druck so weit fortgeschritten ist, dass er Lebensmittel, Kleidung und sogar alles, was man für den Hausbau so benötigt, drucken kann, macht dies natürlich etwas einfacher, als man sich das zunächst vorstellt. Der Roman zeigt schön, wie erfolgreiche kommunistische Gesellschaften in Zukunft leichter funktionieren und in mancher Hinsicht sogar notwendig werden könnten. Soviel zur Idee des Romans, die mir wirklich gut gefallen hat. Die Umsetzung hingegen hat es mir immer wieder schwer gemacht, weiterzulesen. Es fühlte sich die meiste Zeit nicht so an, als würde ich einen Roman lesen, sondern eher eine Aneinanderreihung verschiedener gesellschaftsphilosophischer Theorien. Und es blieb nicht dabei. Hinzu kamen noch ausschweifende technische Erläuterungen, denn es ist nicht nur der 3D-Druck, der eine wichtige Rolle für das Leben im Walkaway spielt, sondern auch das Thema Künstliche Intelligenz. Die Walkaways haben da nämlich etwas sehr bemerkenswertes geschafft. Was macht das mit der Menschheit? Da hätten wir die nächste philosophische Frage. Versteht mich nicht falsch. Ich fand die einzelnen Theorien sehr interessant und lese gerne darüber, auch, wenn ich bei den technischen Erläuterungen zur Optimierung der K.I.s zugegeben zwischendurch echt aussteigen musste. Was mich jedoch gestört hat, war, dass versucht wurde um diese zahlreichen Theorien eine Geschichte zu spinnen, die scheinbar einfach nur eine Plattform für diese Theorien liefern sollte. Am am Ende kam dabei dann ein Roman von über 700 Seiten heraus, die für meinen Geschmack sowohl vom Plot, als auch von den Charakteren her eher wenig zu bieten hatte. Es gab so viele Charaktere, aus deren Sicht abwechselnd geschrieben wurde, dass ich mich in niemanden richtig hineinversetzen konnte, keiner war mir richtig sympathisch und mit keinem konnte ich wirklich mitfiebern. Auch der Handlungsverlauf kam mir sehr bruchstückhaft und holprig vor. Insgesamt müssen vom Beginn des Romans bis zur letzten Seite mehrere Jahrzehnte vergangen sein. Das wird zunächst nur dadurch deutlich, dass die Charaktere daraufhinweisen, dass das letzte Ereignis Monate oder Jahre zurückliegt. Später auch dadurch, dass sich über die Alterung beklagt wird. Vieles wird also nur kurz im Rückblick erzählt, während andere Szenen stark in die Länge gezogen werden. Besonders die Dialoge, die in ihrer Art an Platon (und “Utopia” von Morus?) erinnern und in denen die oben genannten Theorien ausgiebig diskutiert werden, ziehen sich teilweise über mehrere Seiten. Diese ernsthaften Dialoge, detailreiche Sexszenen und fast schon lustige Anteile, die mich hin und wieder an Marc-Uwe Klings Qualityland erinnert haben, wechselten sich so sehr ab, dass ich diesen Roman bis zum Ende nicht richtig einordnen konnte. Es war einfach zu viel. Viel zu viel. Und zugleich auch zu wenig… Zu viele Ideen, die in zu wenig Geschichte gequetscht wurden. Obwohl man bei über 700 Seiten auch nicht gerade von wenig sprechen kann. Es fühlte sich für mich einfach nicht ausgewogen an. Mein Fazit Obwohl mir die Idee des Romans wirklich gefällt und ich mich gerne mit gesellschaftspolitischen und -philosophischen Themen auseinandersetze, von denen hier äußerst interessante angesprochen werden, konnte mich die Umsetzung dieses Romans leider nicht überzeugen. Die Geschichte fühlte sich für mich letztendlich zu sehr zurechtgebogen oder erst für die Erläuterung der Theorien gestrickt an. Ich habe fast zwei Monate gebraucht, um dieses Buch zu beenden, da es zweitweise wirklich anstrengend war und mich weder die Charaktere noch der Plot wirklich mitreißen konnten. Ab der Mitte wurde es leichter, vielleicht, weil ich mich dann an den Stil gewöhnt hatte, die Theorien sich eher wiederholten und gefühlt mehr Handlung hinzukam. Wer sich gerne mit Gesellschaftsvisionen auseinandersetzt und ein Interesse an einem modernen “Utopia” hat, für den könnte Walkaway aber auf definitiv eine wertvolle Lektüre sein.

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Utopien werden oft auf ihre spätere Gültigkeit abgeklopft. Was ist von den formulierten Zukunftsideen und -bildern wirklich eingetreten, was wurde vom Menschen technisch realisiert oder ist ohne sein Zutun entstanden. Das macht sie so spannend. Meist warnen sie, meist erzählen sie uns, wie wir auf Katastrophen reagieren. Für das Schreiben und Lesen von Utopien braucht es viel Fantasie, aber vor allem auch ein Verständnis für aktuelle Entwicklungen. Der kanadische Schriftsteller, Blogger und Journalist Cory Doctorow beschreibt in seinem Roman „Walkaway“ eine düstere Vision, allerdings nicht ohne uns Hoffnung auf eine bessere Welt zu geben. Die kommt daher mit einer Gegenbewegung, die der Welt, wie sie ist, eine gründliche Absage erteilt. Die sogenannten Walkaways gehen ihren eigenen Weg – fernab einer Gesellschaft, die vom tiefen Spalt zwischen Arm und Reich, Macht und Ausbeutung, Digitalisierung und Überwachung, Klimawandel und Umweltzerstörung gezeichnet ist und von den Superreichen regiert wird. Auch Seth, Hubert Etcetera, der im Übrigen noch 18 weitere Namen trägt, und Natalie lernen sich auf einer Party in einer der vielen leerstehenden Fabriken kennen. Natalie ist die Tochter eines Superreichen. Als während der Party einer ihrer Freunde stirbt, muss das Trio Hals über Kopf fliehen. Gemeinsam hegen sie den Plan, ein anderes Leben zu führen. Aus einer fixen Idee, sich den Walkaways anzuschließen, entstanden aus Frust und Unzufriedenheit, wird purer Ernst. Sie kehren dem Default, ihrer bekannten Welt, den Rücken und treffen in dem abgelegenen Gasthof „Belt & Braces“ auf Limpopo, einer Frau, die für die Jugendlichen zu einer Mentorin in Sachen Walkaway wird. Denn sie müssen von Gewohnheiten Abschied nehmen und sich mit den Grundsätzen der Bewegung vertraut machen. Es gibt keinen Privatbesitz. Alles was man braucht, wird mittels 3D-Drucker hergestellt. Es gibt kein Belohnungssystem, mit dem man gesellschaftlich wie wirtschaftlich aufsteigt, befördert wird oder einen Rang erhält. Jeder ist gleich in dieser Gemeinschaft, in dieser großen Familie, jeder hat seine Aufgabe. Alle Informationen sind frei zugänglich. Je umfassender die Bewegung wird, sich auf dem Globus weiter ausbreitet und mehr und mehr Anhänger zählt, desto zerstörender sind die Angriffe des Defaults mit Hilfe von Drohnen und Söldnern, die nicht vor fürchtlicher Gewalt und Mord zurückschrecken und die neu geschaffenen Siedlungen in verlassenen Landstrichen und Städten nahezu dem Erdboden gleichmachen. Zugegeben: Es braucht seine Zeit, bis der Leser mit den Protagonisten „warm“ geworden ist und sich in dieser sehr technisierten Welt zurecht gefunden hat. Doctorow, der mit seinem Roman „Little Brother“ bekannt wurde, verwendet eine Reihe Fachbegriffe, die in einem Register am Ende des Bandes erklärt werden. Hat man diesen Punkt erreicht, fasziniert die Story, in einer lebendigen und frischen Sprache erzählt, dank ihrer vielen klugen Ideen und ihrer Spannung ungemein. Gerade als Natalie, die wie so viele Walkaways ihren alten Namen abgelegt hat und sich nunmehr Iceweasel nennt, von ihrem Vater aus der Walkaway-Siedlung bei einem verheerenden Angriff gekidnappt wird und Doctorow damit die Handlung auf mehrere Orte verlagert, entfaltet der bekannte Pageturner-Effekt seine Wirkung, obwohl es innerhalb des Geschehens mehrere, allerdings recht holpriger Zeitsprünge gibt und mir oftmals die bildhaften Beschreibungen von Figuren und Schauplätzen gefehlt haben. Dabei zeichnet sich der Roman – eine ganz eigene Mischung aus Utopie und dystopischen Elementen – durch eine interessante Tiefgründigkeit aus. Wirft das Buch doch neben dem Gedanken zur Rolle des Einzelnen in der Gemeinschaft und die Nützlichkeit jedes Individuums die Frage auf, was nötig wäre, die Welt vom Unheil der Umweltzerstörung und damit auch von der Menschheit per se zu retten. Die Lösung, zu der Doctorow immer wieder zurückkehrt, ist ein Leben ohne Körper, eine Art Unsterblichkeit, um die sich die bahnbrechenden wissenschaftlichen Forschungen der Walkaways drehen. Wie das geschieht, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur vielleicht soviel: Es geht um die Trennung von Körper und Bewusstsein. Die Figuren werden schließlich plastischer und für den Leser zugänglicher, wenn ihre Beziehungen und Emotionen dargestellt werden: die enge Freundschaft zwischen Etcetera, Seth und Iceweasel über einen langen Zeitraum, die intensive Liebe zwischen Iceweasel und der älteren Wissenschaftlerin Gretyl. Auch das Tochter-Vater-Verhältnis zwischen Natalie/Iceweasel und Jacob wird mehrmals reflektiert. Dass sich Doctorow, Jahrgang 1971 und weder verwandt und verschwägert mit dem bekannten amerikanischen Autor E.L. Doctorow, eine Welt als Gegenentwurf zum Kapitalismus erschafft, wundert nicht, wenn man einen Blick in dessen Biografie wirft: Seine Eltern waren Anhänger der Lehre Leo Trotzkis. Zudem besuchte er die als anarchistisch geltende SEED School, eine „freie Schule“ in Toronto. Der Kanadier, der mittlerweile mit seiner Familie in Los Angeles lebt, setzt sich ein für eine Liberalisierung des Urheberrechts und Datenschutz. Die Hoffnung von „Walkaway“ gründet sich in der Idee, dass eine bessere Welt durchaus entstehen kann und dass es Menschen gibt, die sich für sie einsetzen. Allerdings benötigt es dafür eine große Gemeinschaft, die dieses gemeinsame Ziel verfolgt. Aber womöglich muss dafür die Zeit reif und aber die Entwicklung der Bewegung wiederum nicht zu spät sein, heißt es doch in einer Passage: „Nichts ist so schwer zu eliminieren wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

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Der neue Roman von Cory Doctorow bringt uns in eine nicht allzu ferne Zukunft. Der Planet ist vom Klimawandel gezeichnet, manche Teile sind unbewohnbar, viele Flächen stehen unbewohnt und unbenutzt da. In den Städten, im „Default“ ist das Leben nicht einfach, außer man ist Mitglied der superreichen Minderheit, die alle Macht in der Hand hält. Alle anderen können nur schuften und darauf hoffen, dass die Arbeit ihnen oder ihren Kindern irgendwann mal eine bessere Zukunft ermöglicht. Aber meistens führen sie ein Leben ohne große Aussichten. Eine Möglichkeit für ein anderes Leben bietet der Walkaway. Im Walkaway zu sein oder eine Walkaway zu sein heißt vereinfacht nur so viel, wie das Wort schon sagt: weggehen. Alles (Job, Wohnung, Freunde, Familie…) hinter sich lassen, und ein Leben außerhalb der Städte zu führen mit anderen Walkaways. Dank neuster 3D Drucktechnologie lässt sich nämlich alles nach einer Programmierung einfach herstellen, von den herkömmlichsten Alltagsgegenständen bis zu großen Häusern, die vielen Walkaways ein Heim bieten können. Denn es gibt in dieser Welt alles im Überfluss. Im Default sorgen die Reichen, die „Zottas“ dafür, dass das Leben zu einem harten Kampf wird. Aber es wäre eigentlich gar nicht nötig, wenn jeder einfach seinen Beitrag leisten würde und so viel nehmen würde, wie er braucht. Im Walkaway funktioniert das Geben und Nehmen auf eine ganz natürliche Art und Weise. Manche leisten mehr, andere weniger, aber Leistungen werden im Walkaway nicht gemessen. Es gibt keinen Druck, keine Zwänge. Es wäre die ideale Welt, würden die Zottas den Walkaway nicht als Bedrohung ihrer eigenen Existenz sehen. Und als im Walkaway dann auch noch eine bahnbrechende Entdeckung gemacht wird, sieht der Default die Zeit gekommen, die Walkaways endgültig aus dem Weg zu räumen. Wir begleiten in diesem Buch mehrere Walkaways über viele Jahre hinweg, und erleben mit ihnen Freude, Glück, Leid und Tod. Denn obwohl der Walkaway mit seinen Hippie-Nerds eine Utopie verwirklicht, kehrt hier der Frieden selten für eine längere Zeit ein. Der Default kämpft gegen sie, und die Walkaways sehen sich immer wieder gezwungen, aufzustehen und wegzugehen. Eine sehr interessante Grundidee bietet die Basis des Romans, es hapert jedoch an der Ausführung. Die ersten ca. 200 Seiten waren eine Qual, es lässt sich nicht beschönigen. Die Figuren verwickeln sich immer wieder in lange philosophische Streitgespräche, die sich unrealistisch anfühlen. Hier fühlt sich irgendwie jeder dazu angehalten, in einer alltäglichen Situation einen Vortrag zu halten. Später wird es dann besser, teilweise ist die Geschichte ausgesprochen spannend, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass gerade die Teile, die wirklich interessant wären (wie ist das Leben längerfristig im Walkaway? kann diese Welt aufrechterhalten werden? woher kommt das viele Material für die 3D Drucker?) ausgespart werden oder nach einem Zeitsprung zusammenfassend erzählt werden. Die Zeitsprünge und die Perspektivenwechsel erschweren auch die Entstehung einer Beziehung zu den Figuren. Da hilft es auch nicht, ganz im Gegenteil, dass im Walkaway alle einen neuen Namen aufnehmen, der ihre neue Identität repräsentieren soll, aber für mich zumindest sehr willkürlich gewirkt hat. Mit seinen über 700 Seiten eine zum Teil anstrengende, zum Teil viel zu technische Lektüre. Die Idee hätte eine bessere Ausführung verdient, trotzdem bin ich froh, das Buch gelesen zu haben, weil es mir einige Denkanstöße gegeben hat. Ob der Walkaway tatsächlich funktionieren könnte? Er hat einige Parallelen zum Kommunismus, der nicht verwirklicht werden konnte. In einer Welt, in der tatsächlich alles im Überfluss ist (obwohl ich keine Ahnung habe, wie das möglich sein sollte), könnte der Walkaway eventuell funktionieren. Es stehen aber so viele Fragen dafür in der Luft, von denen Doctorow nur wenige beantworten konnte, dass ich keine reale Grundlage dafür sehe. Dass der Default entstehen kann, das steht auf der anderen Seite wohl gar nicht zur Debatte. Umso wichtiger ist es, sich Gedanken darüber zu machen, wie man ihm entkommen kann. Es ist eine bedingte Leseempfehlung, aber wer sich darüber Gedanken macht, in welche Richtung sich unsere Welt entwickelt und sich vor philosophischen Debatten nicht zurückschrecken lässt, der wird eventuell sogar seine Freude mit diesem Buch haben.

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Bevor ich mir dieses Buch kaufen wollte, habe ich mir einige Rezensionen durchgelesen und bin sehr froh darüber, dass ich mich davon nicht abschrecken lassen habe und doch die über 700 Seiten gelesen habe! Vielen Dank an das Bloggerportal für dieses Rezensionexemplar! ,,In a world wrecked by climate change, in a society owned by the ultra-rich, in a city hollowed out by industrial flight, Hubert, Etc, Seth and Natalie have nowhere else to be and nothing better to do.'' In diesem Roman hat es der Autor sehr gut geschafft, aktuelle Themen wie den 3D Drucker und die Angst vor dem sterben in eine Geschichte einzubinden, die hier nicht nur dunkel ist. Das finde ich zum Vergleich von vielen anderen Geschichten sehr abwechselnd. Der Inhalt der Geschichte ist sehr komplex und regte mich viel zum Nachdenken an. Wie wollen wir in Zukunft leben? Welche Möglichkeiten geben uns all die Dinge, die sich immer weiter in unseren Alltag drängen? Und wie gehen wir mit ihnen um? In dem Buch werden auch weitere Themen benannt, wie Korruption und Polizeibrutalität. Außerdem wird die Welt in dieser Geschichte von ,,Zottas'' regiert, weshalb die ,,Walkaways'' ihren Traum nur wo anders Leben können. Was ich persönlich sehr schade fand, war, dass ich mit dem Protagonisten nicht richtig warm geworden bin, da sie mir nicht detailliert genug ausgearbeitet waren. Die Protagonisten des Buches rauchen immer mal wieder Meth und ich bin ein wenig schockiert beim Lesen und hoffe auf irgendeine Erläutern oder Erklärung, nur leider kam die nie... Aber bei Büchern von Cory Doctorow konnte mich sein Schreibstil und sein Interesse für besondere Themen bei der Sache behalten. Er schreibt einfach und spaßig, sodass man sehr schnell durch die 700 Seiten kommt. Auch die Veränderungen bei den Figuren ist ziemlich hoch. In diesem Buch kann man sich viele Gedanken machen, aber auch gleichzeitig sich unterhalten lassen, hierbei tragen die Figuren einen großen Teil bei. :-) Selbst die außergewöhnliche Umgebung hat mich wiederum sehr begeistert. Die Geschichte spielt in den USA und Kanada und schenkt dem Leser viele bunte Eindrücke, wie z.B. von der Party bei der es lumineszierendes Bier gibt. Der Autor hat die Welt in der Geschichte clever beschrieben, weil viele Lücken von Fantasie gestaltet werden muss durch den Leser und dabei bestimmt das ein oder andere außergewöhnliche Bild vor Augen hat. Walkaway ist ein unglaublicher toller Roman in einer Zukunftsvision, die zwar leicht zu lesen ist, aber nicht leicht zu verdauen.

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Ich bin ein großer Fan von Cory Doctorows Büchern. Angefangen hat alles mit Little Brother und nachdem mich dieses Buch seinerzeit so begeistert hatte, folgten auch schnell die nächsten Werke des Autors. Als im Juni diesen Jahres Walkaway in Deutschland auf den Markt kam, war klar, dass auch dieses Buch unbedingt bei mir einziehen musste. Worum geht es? Hubert Vernon Rudolph Clayton Irving Wilson Alva Anton Jeff Harley Timothy Curtis Cleveland Cecil Ollie Edmund Eli Wiley Marvin Ellis Espinoza lebt in einer Zweiklassengesellschaft, in der der Wert eines Menschen über seinen Nutzen bestimmt wird, innerhalb einer Stunde Bier aus Gullywasser gemacht wird und in der Möbel in Windeseile von 3D Drucken hergestellt werden. Als er gemeinsam mit seinem Freund Seth eine kommunistische Party besucht, auf der er eindeutig zum älteren Semester gehört, lernt er Natalie kennen. Anders als er ist sie sehr wohlhabend und könnte sich die Welt leisten, doch das ist nicht ihr Ding. Ihr Ding ist es, sich gegen die Weltanschauung der Reichen zu stellen und mehr gesellschaftliche Gerechtigkeit zu schaffen. Dafür schreckt sie auch vor dem Schritt, alles hinter sich zu lassen und sich den gesetzlosen Walkawys anzuschließen, nicht zurück. Gemeinsam mit Hubert und Seth macht sie sich auf den Weg in ein neues, gerechteres Leben .. Thematisch wieder einmal eine Punktlandung In seinen Büchern nimmt Cory Doctorow sich Themen wie Terrorismus, Überwachungsstaat, Urheberrecht, Piraterie und Gaming an und trifft damit stets den Zahn der Zeit. Und auch Walkaway mangelt es nicht an Aktualität, hat sich der Autor hier unserer Klassengesellschaft und dem Wertesystem bedient und gemeinsam mit den Figuren in diesem Buch Überlegungen angestellt, wie man unsere Gesellschaftsprobleme lösen und eine bessere Welt schaffen könnte. Wie für Cory Doctorow üblich, gibt es dabei auch hier keine schnell gefundene Lösung oder gar Perfektion, sondern viele Abers und vor allem unterschiedliche Sichtweisen, wodurch seine Geschichten einfach wahnsinnig authentisch wirken. Leider nur dabei statt mittendrin Was seine Werke für mich immer so besonders gemacht hat, waren allerdings nicht die Themen, sondern die Art, wie Cory Doctorow über sie schreibt. Es spielte nie eine Rolle, ob ich in einem Thema Zuhause oder ein totaler Neuling war: ich fühlte mich in seinen Geschichten wohl und selbst als ahnungsloser Leser ernst genommen. Scheinbar nebenbei und mit einer Engelsgeduld hat er stets das Thema seines Buches erklärt, solange, bis ich am Ende selbst für das Thema brannte. Cory Doctorow hatte mich an die Hand genommen und mir andere Welten gezeigt. Dass all das dieses Mal ausgeblieben ist, enttäuscht mich sehr. Das Thema ist interessant und wichtig, gar keine Frage, aber ich hatte während des Lesens nie das Gefühl, als hätte Doctorow das Buch auch für Neulinge geschrieben. Ich habe mich stellenweise ziemlich verloren gefühlt, wodurch der knapp 720 dicke Wälzer zu einer ziemlichen Herausforderung wurde. Schade, denn gerade dieses Buch, das thematisch nun wirklich jeden einzelnen von uns betrifft, hätte verdient gehabt, für Jedermann geschrieben worden zu sein und nicht nur für jene, die bereits Begeisterung mitbringen. Kein Draht zu den Figuren Mein größtes Problem mit Walkaway waren aber die Figuren. Ich habe in letzter Zeit immer häufiger feststellen müssen, dass ich die Ich-Perspektive bei Büchern, die darauf abzielen, dass ich als Leser eine Verbindung zu den Figuren aufbaue, um auch die richtigen Emotionen für die Geschichte zu entwickeln, bevorzuge. Und auch Walkaway bestätigte das für mich nur nochmal, denn neben der Story, die mich stellenweise einiges an Nerven und Durchhaltevermögen gekostet hat, gab gleich mehrere Schlüsselfiguren in der Geschichte, die durch den allwissenden Erzähler allesamt leider sehr weit weg wirkten. Dass diese Charaktere darüberhinaus neben ihren richtigen Namen zumeist auch noch Alias hatten, machte es nur noch schlimmer. So gerne hätte ich wenigstens ein klitzekleines bisschen Nähe aufgebaut, doch obwohl ich Gedanken und Handlungen durchaus nachvollziehen konnte, bewegten sie mich nicht. Kurzum Als großer Cory Doctorow Fan freute ich mich wahnsinnig auf dieses Buch, doch leider wurde ich ziemlich enttäuscht. Mit der Wahl des Themas hat Doctorow zwar alles richtig gemacht und genau den Zahn der Zeit getroffen, doch leider ließen mich Umsetzung wie auch Figuren kalt. Dennoch ist Walkaway keinesfalls ein schlechtes Buch. Leser, die bereits ein gewisses Grundinteresse an Politik und Gesellschaftsklassen mitbringen, könnten mit diesem Buch auf ihre Kosten kommen.

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Walkaway

Von: Elizzy

27.08.2018

Rezension, kurz zusammengefasst Hubert Ecetara hat 19 Namen, er lebt in einer Zukunft, die unserer erschreckend ähnlich ist. Die Technik ist zwar fortgeschrittener, doch von unserer nicht weit entfernt. Die Schere zwischen Arm und Reich ist beinahe bodenlos. Die Gesellschaft wird nur noch unterteilt unter den Armen und den „Zotas“ den Superreichen. Der Klimawandel hat so sehr gewütet, dass es nun Zonen gibt, die nicht mehr bewohnbar sind, die sogenannten „Outlands“. Auf einer Kommunisten Party lernen Hubert und sein Freund Seth die Tochter eines solchen Superreichen kennen; Natalie. Doch anders als erwartet, stellt sich diese auf die Seite der Armen und möchte sich zusammen mit ihnen den Walkaways anschliessen. Eine Gruppe von Menschen, die sich bewusst aus dem System zurückgezogen haben. Doch dort ist es alles andere als friedlich und schon bald müssen sie sich Kriegen, Gewalt und sogar Gehirnwäschen entgegenstellen. Darüber Gedanken gemacht Meiner Meinung nach wurde Walkaway spannend aufgebaut, man wird zu Beginn in eine neue Welt hineingeworfen, erhält nicht viele Erklärungen, findet sich aber doch schnell zurecht. Aus Wasser kann man mittlerweile Bier herstellen und die Drogen, sind um einiges ausgetüftelter. Die Menschen sind nun ständig „Online“ und die Überwachung ist vollkommen präsent. Man kann nur noch anonym an einem Ort sein, wenn man „Dunkel“ reist, sein System also Offline stellt. Das ganze erinnert stark an die heutige „Online-Präsenz“ und war erschreckend und faszinierend zugleich. Interessant war auch, wie Cory Doctorow technische Geräte mit in die Geschichte einbaute, die auch heute bereits genutzt werden, wenn auch (noch) nicht in diesem Masse. So kann man in Walkaway mit den 3d-Druckern bereits ganze Häuser erschaffen, von Möbeln und anderen Gegenständen ganz zu schweigen. Gefiel mir sehr Die Utopie, die in diesem Buch geschaffen wird ist überaus interessant und lässt einen sehr nachdenklich zurück. Man fragt sich bewusst; ist diese Zukunft auf die wir zusteuern wirklich die Richtige für uns? Gefiel mir nicht Meiner Meinung nach hätten diesem Buch 100-200 Seiten weniger nicht geschadet. Denn besonders im mittleren Teil wurde es doch etwas langatmig. Schreibstil & Cover Dieses Buch ist nichts für Zwischendurch, den der Schreibstil ist teilweise sehr komplex und die Debatten ziehen sich über mehrere Seiten. Nichtsdestotrotz sind die Themen dafür aber umso interessanter. Das Cover gefällt mir richtig gut und wurde meiner Meinung nach gut auf das Buch angepasst. Fazit In Walkaway erwartet euch eine spannende Geschichte, mit interessanter Thematik und vielen Punkten, die einen nachdenklich zurück lassen. Von mir eine bedingte Leseempfehlung, da ihr viel Zeit für diese Geschichte einplanen solltet. Bewertung Buchlänge ♥♥♥ (3/5) Schreibstil ♥♥♥ (3/5) Botschaft ♥♥♥♥♥ (5/5) Lesevergnügen ♥♥♥ (3/5)

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Zwischen Verwirrung und Struktur Schon allein die ersten Seiten zeigen auf, dass es kein Buch ist, das sich nebenbei wegliest. Der erste Eindruck war für mich ein wenig skurril und überdreht, schon allein die Bekanntschaft von Etcetera. Ja, Etcetera. Das ist nämlich die Kurzform von „Meine Eltern konnten sich zwischen den 20 beliebtesten Namen der zur Volkszählung 1890 nicht entscheiden“. Etcetera scheint selbst neu in der Welt, bzw. hat noch einiges zu entdecken. Was im ersten Moment wie eine Kommunistenparty wirkt, verbirgt um einiges mehr und ist der Einstieg in einen Wandel, der gerade erst eingeläutet wird. Die Gestaltung der Charaktere hat leider nicht ganz so meinen Geschmack getroffen, da sie mir teils doch zu distanziert waren. Ich hatte nie das Gefühl, die Situationen nachempfinden zu können. Das Ganze spielt sich im 21. Jahrhundert ab, der Planet ist vom Klimawandel gezeichnet und die Machtverhältnisse scheinen immer mehr zu verdeutlichen, dass du nur etwas zu sagen hast, wenn du das entsprechende Geld zur Verfügung hast. Ressourcen werden mittels 3D Drucker erzeugt, doch was im ersten Moment wie ein Fortschritt wirkt ist ein Rückschritt für die Menschheit selbst und die hart erkämpfte Freiheit. Da kommen die Walkaways ins Spiel – mit dem Ziel sich dem jetzigen System entgegenzusetzen wird ein Weg eingeschlagen, der wesentlich mehr offenbart und alles zu verändern scheint. Teilweise war ich wirklich hin und her gerissen, zwischen Faszination und Langatmigkeit. Es ist gar nicht so, dass sich hier viele unnötige Szenen wiederfinden, doch durch den Spielraum, den Cory Doctorow seinen Lesern lässt, um sich selbst ein Bild zu machen, war ich immer wieder dazu verleitet ein wenig meine Gedanken schweifen zu lassen und teils den Faden zu verlieren. Kurz darauf hat mich dann wieder eine Dringlichkeit erfasst, die mir die Wichtigkeit dieser Geschichte verdeutlicht hat. „Cory Doctorows Walkaway erinnert uns daran, dass die Zukunft, für die wir uns entscheiden, auch die ist, in der wir leben werden“ Edward Snowden Science Fiction oder doch nahe Zukunft? Ist es nicht immer so, dass man denkt, dass die ganzen Schreckensszenarien viel zu weit von einem entfernt sind? Selbst große Veränderungen liegen im Sprachgebrauch und vor allem in Gedanken immer in weiter Ferne. So erscheint es einem auch in dieser Geschichte, allerdings mehr am Anfang. Denn auch, wenn es teils ein wenig abgedreht wirkt, so sickert doch immer mehr die Erkenntnis durch, welche Parallelen sich zu der eigenen kleinen Welt erschließen. In welcher Welt möchten wir leben und was wären wir bereit dafür zu tun? Die Armen werden ärmer und die reichen werden reicher. Es scheint das stetige Gefühl zu existieren, das die Welt, bzw. die Gesellschaft immer und überall die gleichen Fehler macht – fressen oder gefressen werden. Doch was ist das für eine Philosophie, mit der wir leben? Und genau das haben sich die Walkaways auf die Fahne geschrieben, ihr Schicksal endlich selbst in die Hand zu nehmen und der Welt ihren nötigen Anstoß zu versetzen, um es endlich besser zu machen. Aber natürlich ist auch hier nicht alles Gold was glänzt – ein ziemlich lustiges Worstpiel, wenn man den Hintergedanken dieser Bewegung bedenkt. Schwarze Schafe gibt es überall und auch Denkweisen, die nicht so simpel umzusetzen sind, wie man es sich erhofft. Oder vielleicht auch einfach falsch angegangen werden, denn zu einer „besseren“ Gesellschaft gehört wesentlich mehr als nur festzustellen, dass die derzeitige verbesserungswürdig ist. Man muss es tatsächlich selbst besser machen. Walkaway war für mich persönlich eine neue Leseerfahrung. Bisher habe ich mich weniger mit den Aspekten von Utopien befasst und dem Konzept, das dahinter steht. Ich kann schlecht beurteilen, ob sich diese Geschichte für Einsteiger empfiehlt, denn neben interessanten und wirklich gut durchdachten Anregungen stößt man hier auch auf verwirrende Verstrickungen und muss ein wenig Durchhaltevermögen mitbringen. Trotz der Kritikpunkte bin ich aber dennoch beeindruckt und werde die Geschichte im Gedächtnis behalten. FAZIT Cory Doctorow hat mich mit Walkaway definitiv überrascht! Ein utopischer Sci-Fi Roman, der unglaublich ausgereift ist und zeitgleich viel Platz für eigene Interpretationen und Gedanken lässt. Ich habe selten etwas gelesen, was gleichzeitig anspruchsvoll und doch so pragmatisch geschrieben war – ein Buch, das in meinen Augen nichts für zwischendurch ist, weil man sich doch auch Zeit lassen muss, damit die Geschichte sich ganz entfalten kann. Und auch, wenn ich ein paar Kritikpunkte hatte, hat mich die Geschichte auch ebenso beeindruckt – denn ein Gedanke geht einem nach dem Lesen nicht mehr aus dem Kopf: Wie weit würde man für eine bessere Welt gehen?

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