Leserstimmen zu
Wie Demokratien sterben

Steven Levitsky, Daniel Ziblatt

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Hardcover
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"Demokratien können nicht nur von Militärs, sondern auch von ihren gewählten Führern zu Fall gebracht werden, von Präsidenten oder Ministerpräsidenten, die eben jenen Prozess aushöhlen, der sie an die Macht gebracht hat. […] Der demokratische Rückschritt beginnt heute an der Wahlurne. […] Wenn die Zusammenbrüche von Demokratien in der Geschichte uns eines lehren, dann, dass extreme Polarisierung für Demokratien tödlich ist.” Aus dem Vorwort des Buches “So geht also die Freiheit zugrunde – mit donnerndem Applaus.” Padmé Amidala, Star Wars Episode III Wenn man popkulturelle Referenzen nicht scheut, dann könnte man die letzten 20 Jahre als palpatinische Periode bezeichnen. Viktor Orbán, Recep Tayyip Erdoğan, Wladimir Putin, Hugo Chávez und nicht zuletzt Donald Trump – dies nur die populärsten Beispiele für Staatschefs, die demokratisch gewählt wurden und danach begangen, die demokratischen Strukturen so zu schwächen oder zu verbiegen, dass sie ihren Machterhalt sichern und keine offene, pluralistische Demokratie mehr gewährleisten. Auch in Ländern, in denen noch keine Autokraten regieren, gibt es verstärkt autokratische Bewegungen. Noch ist die Welt nicht so düster wie das Titelblatt, aber wer wirklich in einer offenen Gesellschaft leben will, der hat es dieser Tage in vielen Ländern der Welt immer schwerer. Von einer Krise der Demokratie zu reden ist also angebracht, aber letztlich steckte die Demokratie schon immer in der Krise – nur weil sie das fairste und vernünftigste, ja sogar beste politische System ist, heißt das nicht, dass sie auch das einfachste ist oder das am wenigsten anfällige. Ganz im Gegenteil. Demokratien sind komplex und stets bedroht. Schon kleinste Ungleichgewichte oder kurzfristige Veränderungen können sie aus der Bahn werfen. Und die Demokratie ist zwar oft gegen Angriffe von außen, aber meist sehr schlecht gegen Angriffe von innen gewappnet. Was einmal demokratisch legitimiert ist, kann die Demokratie an empfindlichen Stellen erreichen und ihr dort schaden. “Wer nicht aus der Geschichte lernt, der ist gezwungen, sie zu wiederholen” – dieser Aphorismus könnte in fetten Lettern als Credo auf der ersten Seite dieses Buches stehen. Denn die Autoren unternehmen nicht nur eine Analyse der Gegenwart, die sich vor allem auf Trump und seine Gefahr für die amerikanische Rechtsstaatlichkeit konzentriert, sondern greifen viele anschauliche Beispiele aus der Historie auf, um zu zeigen, wie Demokratien in den letzten 100 Jahren “gestorben” sind, wie es dazu kommen konnte. Dabei werden im Akkord Nägel auf dem Kopf getroffen. Zu sagen, dieses Buch sei schlicht gut, wäre eine Untertreibung und doch könnte man es eigentlich dabei belassen: es ist schlicht ein gutes Buch, im Schreibstil, in der Argumentation, in der Anschaulichkeit. Die Autoren argumentieren keinen Moment lang ideologisch, sondern stellen lediglich fest, führen an, belegen. Sie weisen undemokratisches Verhalten nicht nur in den faschistischen Regimen der 20er, 30er und 40er Jahre oder den heute von Autokraten regierten Staaten nach, sondern auch in den US-amerikanischen Südstaaten der 1880er und 1890er Jahre und an anderen, teilweise überraschenden Orten. Das ganze Buch erarbeitet ein klares Spektrum antidemokratischer Instrumentarien und ermittelt viele alarmierende Beispiele für ihre Anwendung in unserer Zeit. Dabei ergeben sich (zumindest für mich) wie von selbst Parallelen zu anderen Erscheinungen, auch in der eigenen Demokratie. So martialisch der Titel auch klingen mag – er ist gerechtfertigt. Demokratien können sterben und wer ihre drohende Anfälligkeit nicht bemerkt oder sich nicht dagegen wehrt, sie als krank oder als angeschlagen zu betrachten, der hilft durchaus dabei sie zu töten. Donald Trump kam an die Macht, obgleich er in vielerlei Hinsicht als problematische Figur bekannt war – viel zu selten wurde er als antidemokratisch wahrgenommen und von diesem Aspekt geht die eigentliche Gefahr bei ihm aus. Wieder mal so ein Buch, das eigentlich jeder lesen sollte. Es werden wohl wieder nur die lesen, die eh schon ahnen, was auf uns zurollt. Vielleicht ist dies hier nur ein weiteres Testament. Ich hoffe, dem ist nicht so.

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Langsam aber sicher verwandeln sich einige Demokratien in autoritäre Staaten - und das auf ganz schleichende und daher unauffällige Art und Weise. Die Autoren Levitsky und Ziblatt versuchen in ihrem Werk, zu erklären, wie es dazu kommen kann und was dagegen unternommen werden könnte. Dabei wird auf zahlreiche Beispiele eingegangen, um ein möglichst ganzheitliches Bild zu zeichnen. Begonnen wird mit noch recht allgemeinen Beobachtungen, die das generelle Phänomen zu fassen versuchen. So setze sich Autoritarismus beispielsweise im Gegensatz zu früher nicht mehr über Putsche oder Ähnliches durch, sondern über Wahlen. Somit würden "Institutionen [...] zu politischen Waffen" (S.16). Im Anschluss daran wird immer konkreter auf einzelne Staaten oder historische Ereignisse eingegangen, was zugegebenermaßen manchmal etwas sehr ausführlich wird und das Lesen dann erschwert. Manchmal wirkte es auf mich, als hätten die Autoren - aus lauter Begeisterung für ein Unterthema - den roten Faden verloren. Sehr spannend ist der Abschnitt, in dem die vier Hauptindikatoren für autoritäres Verhalten aufgezeigt und auf politische Handlungsweisen bezogen werden (S.32,f.). Im weiteren Verlauf werden auch verschiedene Politiker auf diese Aspekte hin untersucht. Auch auf den Umgang mit Politikern, welche Demokratien gefährden, wird eingegangen. Am wichtigsten sei es, autoritäre Politiker auf demokratische Weise nicht zu viel Einfluss gewinnen zu lassen. Den Ausführungen zufolge fungieren Parteien als "Demokratiewächter", werden dieser Rolle allerdings immer seltener gerecht. Trump beispielsweise gehört zu den "Birthern", welche öffentlich anzweifelten, dass Obama in Amerika geboren sei und ihm so das Recht absprachen, Präsident zu sein. Eine Person, die bereits vor Jahren durch so geartete politische Äußerungen aufgefallen ist, hätte bereits von Anfang an von demokratischen Parteien von der Politik ferngehalten werden müssen, so die Autoren. Zudem werden die Rahmenbedingungen, um einen Präsidenten seines Amtes zu entheben, genannt. Beeindruckend ist, dass diese wesentlich geringere Hürden darstellen, als man glauben würde. Die Autoren halten jedoch fest, dass eine solche Amtsenthebung - auch beim aktuellen Präsidenten - mehr als unwahrscheinlich sei, da es zu den amerikanischen Normen gehöre, den Präsidenten im Amt zu behalten und hinter ihm zu stehen. Hier liegt auch ein weiterer, für die Autoren äußerst wichtiger, Punkt: Die stabilsten Demokratien stützen sich nicht nur auf schriftlich festgehaltene Gesetze, sondern ebenfalls auf ein Geflecht aus Normen. Sehr spannend war für mich die Blickweise der Autoren, dass Amerikas Ordnung noch im 20. Jahrhundert feststecke, in dem Normen noch sehr viel zählen. Dies sei der Grund, weswegen man hinter Trump stünde, was auch immer für politische Ziele er verfolgen würde, was allerdings im Gegensatz zu den vielen Brüchen mit amerikanischen Normen seinerseits stünde. So sei die Bevölkerung nicht in der Lage, mit dem modernen Provokanten korrekt umzugehen. In meinen Augen hält dieses Buch einige sehr interessante Denkanstöße bereit und gewährt Einblicke in die amerikanische Gesellschaft. Leider verliert sich das Buch bis kurz vorm Mittelteil in zu vielen zu detailreichen Ausführungen. Glücklicherweise wird das Buch in der zweiten Hälfte wieder spannender und der Lesefluss verbessert sich sehr. Gerne hätte ich noch ein paar Beispiele mehr zum aktuellen Europa gehabt und dafür auf ein paar zum amerikanischen Raum verzichtet. Alles in allem handelt es sich um ein sehr empfehlenswertes Buch, das jedoch passagenweise etwas ermüdend wird. Daher vergebe ich vier von fünf Sternen.

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Ist die Demokratie als Regierungsform in Gefahr? Dieser Frage gehen die beiden Politikwissenschaftler und Harvard Professoren Steven Levitsky und Daniel Ziblatt in ihrem Buch nach und entwerfen einen Lackmustest für Möchtegernautokraten. Dabei gehen die beiden von der These aus, dass Demokratien in heutiger Zeit nicht mehr mit einem großen Knall – etwa durch Revolutionen – sterben, sondern langsam dahinsiechen und viele Bürger erst aufwachen, wenn es zu spät ist. Denn Autokraten kommen, so ihre Beobachtung, zusehends in demokratisch legitimierter Art und Weise an die Macht. Zudem legen sie einen Lakmustest zur Erkennung von Autokraten bzw Autokratien in demokratischen Gewändern vor. Ihr Buch beginnen sie mit der Frage, ob die US-Amerikanische Demokratie in Gefahr ist und stellen fest, nach über anderthalb Jahrzehnten der Erforschung von Demokratien zu anderen Zeiten und an anderen Orten, sich dem eigenen Land zuwenden zu müssen. Ausgangspunkt für diese Studie ist dabei die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika 2016. Den schon erwähnten Lackmustest, der es ermöglichen soll, Autokraten zu erkennen, wenden sie dabei auf ihre These an. Dabei identifizieren sie 4 Kriterien, um Autokraten zu erkennen, bevor sie in ein Amt gewählt werden. Denn die Kandidaten seien oftmals Außenseiter ohne Große politische Erfahrung. Die vier Kriterien lauten: 1. Schwache Zustimmung zu bzw. Ablehnung von Demokratischen Spielregeln z.B. durch das Ablehnen der Rechtmäßigkeit von Wahlen oder von Verfassungen, 2. der leugnung der Legitimität politischer Gegner, drittens die Tolerierung von oder der Aufruf zu Gewalt sowie viertens die Bereitschaft der Einschränkung von bürgerlichen Freiheiten von Kritikern und Konkurrenten. Auf Trump trifft all dies zu. Denn Trump, so die beiden Politikwissenschaftler, sei nicht der Grund des rauer werdenden politischen Tons, sondern ein Symptom der seit Jahren stattfindenden Polarisierung zwischen den Parteien und in der Zivilgesellschaft, da seit Jahren geltende ungeschriebene demokratischen Normen und Regeln gebrochen und nicht mehr eingehalten werden. Dazu zählen einerseits gegenseitige Achtung sowie andererseits institutionelle Zurückhaltung, die als weiche Leitplanken der Demokratie bezeichnet werden. Gegenseitige Achtung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass man politischen Gegnern das gleiche Recht zu existieren zuspricht, solange sie nach den Regeln der Verfassung spielen, wie man selber. Institutionelle Zurückhaltung bedeutet hingegen, seine institutionellen Rechte im Sinne des politischen Fair Play nicht voll auszunutzen, obwohl dies nicht in der Verfassung stehe. Steven Levitsky und Daniel Ziblatt ist ein spannendes aktuelles und aufrüttelndes Buch gelungen, das zwar keine einfachen Lösungen gibt, jedoch dafür plädiert, die Demokratie zu schützen. Den beiden Autoren ist es auf 300 Seiten gelungen, ein faktenreiches, gut recherchiertes Buch und lässig formuliertes Buch zu schreiben, dass zeigt, wie die Demokratie in Amerika und in anderen Ländern zu retten ist.

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Dass sich die beiden Harvard-Professoren Steven Levitsky und Daniel Ziblatt, die ausgiebig zum Versagen von Demokratien im Europa der 1930er Jahre oder im Lateinamerika der 1970er Jahre geforscht haben, einmal mit ihrer US-amerikanischen Heimat beschäftigen würden, hätten sie „nie gedacht“. Hinterher ist man ja immer schlauer, aber verschiedene Statistiken sprechen bereits seit Jahren eine deutliche Sprache: Yascha Mounk zeigt in seinem Buch „Der Zerfall der Demokratie“ eine zunehmende Affinität zu autoritären Denkweisen in westlichen Gesellschaften. Madeleine Albright zitiert in ihrem Bestseller „Faschismus“ den Demokratie-Index der Zeitschrift The Economist, die 2017 eine Herabstufung der USA vorgenommen hat. Demnach sind die USA keine „vollständige“, sondern nur noch eine „unvollständige“ Demokratie; und zwar nicht (nur) wegen Trump, sondern aufgrund langfristiger Entwicklungen: „Die Zahl der Amerikaner, die von sich sagen, sie hätten ‚fast immer‘ oder ‚meistens‘ Vertrauen in ihre Regierung, ist von ungefähr 70 Prozent Anfang der Sechzigerjahre auf unter 20 Prozent im Jahr 2016 gefallen.“ Was Levitsky und Ziblatt in ihrem Buch betreiben, könnte als angewandte Politikwissenschaft beschrieben werden. Fernab vom Theoriedünkel geht es ihnen um praktische Lehren aus der Geschichte, um Handwerkszeug, mit denen Autokraten oder solche, die es werden wollen, identifiziert und wie sie wirksam bekämpft werden können. Beschrieben wird zunächst der Irrglaube der Eliten in Geschichte und Gegenwart, sich mit dem „Außenseiter“ – denn als solche treten künftige Autokraten zunächst stets auf – arrangieren zu können, um die eigene Machtstellung irgendwie zu erhalten. Berühmt ist das Diktum des ehemaligen Reichskanzlers von Papen: „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass es quietscht.“ Es handelt sich um eines der fatalsten Fehlurteile der Weltgeschichte. Doch was tun gegen Autokraten? Gibt es Beispiele erfolgreicher Abwehr? Die Autoren nennen Belgien und Finnland vor dem Zweiten Weltkrieg, wo die autoritäre Revolte durch ein konsequentes Zusammenstehen der etablierten Kräfte verhindert werden konnte. Der zeitgenössische deutsche Rezensent denkt jedoch sofort: Unterstricht ein Zusammengehen der „Etablierten“ nicht das Selbstverständnis der heutigen Rechtspopulisten, die einzig wahre Alternative zu sein? Doch solche Zweifel sind wohl symptomatisch für den unsicheren Umgang mit den heutigen Rechten, den Autoren sind sie jedenfalls keine Erwähnung wert. Die „Wächterfunktion der Institutionen“, die „Leitplanken der Demokratie“, die „ungeschriebenen Gesetze der amerikanischen Politik“, die „Parteien als Bollwerk gegen Extremisten“ – dies sind die Schwerpunkte dieser produktiven Analyse. Lange konnten extremistische Außenseiter, die es in der amerikanischen Geschichte immer wieder gegeben hat, von einer Präsidentschaftskandidatur ausgeschlossen werden, nämlich in der guten alten Zeit der rauchgeschwängerten Hinterzimmer. Das Parteiestablishment nahm eine Art Vorauswahl vor, durch die Gestalten wie der Unternehmer und Antisemit Henry Ford oder der Pilot, Schriftsteller und Nazi-Sympathisant Charles Lindbergh niemals gekommen wären. Paradoxerweise führten demokratische Reformen des amerikanischen Parteienwesens Ende der 1960er Jahre dazu, dass diese „Schutzfunktion“ zunehmend wegfiel. Zwar stellte sich bald heraus, dass Kandidaten noch immer auf Verbündete in Form von Spendern, Zeitungsherausgebern, Interessen- und Aktivistengruppen sowie Politikern auf bundestaatlicher Ebene angewiesen waren, es also immer noch so etwas wie eine „unsichtbare Vorauswahl“ gab, bei Trump, so die Autoren, haben die Institutionen, namentlich die Republikanische Partei, jedoch gleich dreimal versagt: Bei den „unsichtbaren Vorwahlen“, bei den eigentlichen Vorwahlen und bei der allgemeinen Wahl. Als „große republikanische Abdankung“ bezeichnen Levitsky und Ziblatt, dass sich schließlich so viele Mitglieder des Parteiestablishments hinter Trump stellten und sich niemand aus der ersten Reihe aus Gründen der Staatsräson für Hilary Clinton aussprach. Als positive Gegenbeispiele werden Österreich und Frankreich genannt. In der Alpenrepublik hatten sich die etablierten Kräfte gemeinsam gegen den FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Hofer und für seinen Kontrahenten Van der Bellen ausgesprochen. In der französischen Stichwahl rief der unterlegene Kandidat der konservativen Republikaner Fillon zur Wahl von Macron auf, um Le Pen zu verhindern. Nichts dergleichen geschah, von einigen Hinterbänklern und Ehemaligen abgesehen, in den USA, womit wir wieder beim Ausgangspunkt der Überlegungen wären: Die unheilvollen Bündnisse der Eliten mit dem Außenseiter. Der von Levitsky und Ziblatt entwickelte Lackmustest für autoritäre Politiker ist, angewandt auf Trump, eine schockierende Lektüre. Selbst wenn sich nach zwei Jahren Dauererregung unweigerlich eine gewisse Abstumpfung eingestellt haben mag, so sind die von den Autoren zusammengetragenen Aussagen des amtierenden US-amerikanischen Präsidenten mehr als harter Tobak. Es handelt sich jeweils um Aussagen zur 1.) Ablehnung demokratischer Spielregeln, 2.) Leugnung der Legitimität politischer Gegner, 3.) Tolerierung von oder Ermutigung zu Gewalt, und 4.) die Bereitschaft, die bürgerlichen Freiheiten von Opponenten, einschließlich der Medien, zu beschneiden. Es muss nicht eigens betont werden, dass Trump zu allen vier Kriterien reichlich Material angehäuft hat. „When they go low, we go high”, wie es Michelle Obama 2016 gesagt hat, raten auch die Autoren. „Schmutzig kämpfen“, es den Republikanern gleichtun, wie mancher namhafte Demokrat jetzt fordert, würde noch mehr „Leitplanken“ zerstören und wäre letztlich kontraproduktiv: „Wo institutionelle Wege vorhanden sind, sollten Oppositionsgruppen sie nutzen.“ Breite Bündnisse aus Progressiven, Unternehmern oder Geschäftsleuten, die sich sonst als Gegner gegenüberstehen, aber an einem demokratischen Miteinander interessiert sind, könnten das gesellschaftliche Klima zum Guten werden. Eine Neugründung der Republikaner, mittlerweile von Lobbygruppen und rechten Großspendern derart ausgehöhlt, dass sie anfällig geworden sind für Extremisten, wäre wünschenswert und historisch nicht ohne Präzedenz. Die Demokratische Partei sollte dabei davon ablassen, die Agenda des Gegners zu übernehmen, und mehr „Politik für Weiße“ zu machen, wie es ebenfalls mancherorts gefordert wird. Eine programmatische Konzentration auf die Überwindung der sozialen Spaltung würde die tieferen und langfristigen Ursachen für den Sieg Trumps angehen. Falls all dies unterbleibt, rechnen die Autoren mit folgendem Szenario, das sie den Lesenden warnend mit auf den Weg geben: „Wenn aus rivalisierenden Parteien Feinde werden, verkommt der politische Wettstreit zu Kriegführung und verwandeln sich unsere politischen Institutionen in Waffen. Das Ergebnis ist ein politisches System, das ständig am Rand der Krise entlangtaumelt.“

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Da haben „Gründerväter“, sei es in Amerika, England, der Bundesrepublik Deutschland oder andernorts, aus der Geschichte lernend, jede Menge „Sicherungen“ und „gegenseitige Beaufsichtigungen“ in ihre Verfassungen für moderne Demokratien geschrieben. Da wurden Legislative, Exekutive und Jurisdiktion getrennt, um diese Staatsform „krisensicher“ zu gestalten. Und nun stellt man weltweit und allgemein fest, dass diese „Sicherheit“ zwar eine hohe, aber eben doch nur eine relative ist. Eine Feststellung, die mit diesem Werk nun nicht mehr nur „im Gefühl“ verankert bleibt, die nicht nur aufgrund einer Fassungslosigkeit gegenüber modernen „Autokraten“ heraus sich speist, sondern die, so stellen es Levitsky und Ziblatt fundiert dar, eine ganze Reihe faktischer Anhaltspunkte in sich tragen. Fakten, die man nicht ignorieren sollte, wenn man um die Bewahrung dieser, natürlich immer weiter verbesserungswürdigen, aber dennoch hoch freiheitlichen Staatsordnung besorgt ist. Man mag dem Werk zwar offenkundig zunächst unterstellen, sich zu sehr mit Donald Trump und den Ereignissen in Amerika zu beschäftigen (mit seiner doch auch besonderen Ausprägung der Demokratie, des Wahlsystems und der vorhandenen Lücken durch Besetzung der Exekutive und der Jurisdiktion durch einzelne, „mächtige Menschen“), dennoch aber gelingt es den Autoren, nicht in einen allgemeinen Aufschrei emotionaler Empörung zu verfallen, sondern die Ereignisse in Amerika der letzten Monate und Jahre weitgehend als überaus griffiges Beispiel für einen grundlegenden, weltweiten Prozess und eine allgemeine Anfälligkeit der Demokratie als politischer Form aufzudecken. „All dies sollte uns gefeit machen gegen einen Zusammenbruch der Demokratie, wie wir ihn anderswo erlebt haben“ gilt eben nicht unverbrüchlich, so stark die freiheitlichen Kräfte auch einmal gewesen sein mögen. Sondern selbst in einer historisch breiten und robust aufgestellten Demokratie wie in Amerika kann die „demokratische Krise“ vernichtend wirken. Noch vielleicht nicht durchgehend, aber die eindeutigen Vorboten, gerade was die Abwendung von „Fakten“ als Grundlage demokratischer Entscheidungen angeht, sind längst massiv am Horizont zu sehen. Und treten täglich klarer in das ganz reale Leben ein. Konkurrenten werden zu Feinden stilisiert, die freie Presse eingeschränkt oder von der politischen Leitung her ausgehöhlt, als unglaubwürdig erklärt und somit als „Kraft der Kontrolle“ in ihren Grundfesten erschüttert, bis dahin, Ergebnisse von Wahlen nicht anzuerkennen. Wer hätte gedacht, dass einerseits die gewählten Volksvertreter selbst mit aller Macht jene Staatsform bedrohen (und das vorher sogar ankündigen, wie bei Trump geschehen), die sie an die Macht gebracht hat und wer hätte gedacht, dass die „Wähler“, das anscheinend mit Mehrheit, zumindest mit großer und lauter Minderheit, dies so zu wollen scheinen. Der „Tod der Demokratie“ eben nicht durch einen „Staatsstreich“ oder einen „Angriff von außen“, sondern durch innere Kräfte selbst. Was die Autoren in wenigen Absätzen am Beispiel Venezuelas aufzeigen und dies sodann auf die USA verständlich und fundiert übertragen. „Die offene Diktatur ist weltweit nahezu verschwunden“. Aber die „verdeckte Diktatur“ der Oligarchie und der Rücksichtslosigkeit im Blick auf die eigene Position ist als Entwicklung seit nicht geringer Zeit deutlich auf dem Vormarsch. Jemand wie Trump ist dabei also nicht „überraschend neu“ und „singulär“ ein „Phänomen“, sondern das folgerichtige Ergebnis einer seit langem vornaschreitenden Krise der politischen Kräfte. Als ein allmähliches „bewusstes Schwächen“ demokratischer Normen. Detailliert beschreiben die Autoren dabei jene „Normen“ und „Haltelinien“, die Stück für Stück überschritten und ausgehöhlt wurden, wenden den vierstufigen „Test“ für „antidemokratische Einstellungen“ mit eindeutigem Ergebnis auf Trump an, zeigen das Versagen der politischen Parteien auf, ziehen Parallelen zum Europa der 1900er und zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts und kommen zu einem tief besorgniserregenden Ergebnis. Zumindest für jene Leser, denen an der Demokratie und der Freiheit, die diese mit sich bringt, etwas liegt. Ob eine Rückbesinnung erfolgen kann und erfolgen wird, ob die Zeit der Demokratie sich zugunsten eines offen gelebten Systems der Plutokratie und zugleich der Abwendung von demokratischer Kontrolle durch einzelne Personen und den diese wählenden Teil des Volkes beendet oder zumindest stark eingeschränkt wird, diese Frage lässt das Buch, realerweise und ehrlich, offen. Auch wenn die Autoren erkennbar hoffen, dass ihre Erkenntnisse eine Vereinigung der demokratischen Kräfte befördern möge und der konzentrierte Einsatz der Parteien zu einer Stärkung der demokratischen Normen wieder führen könnte. Echte Aussicht auf anhaltende Besserung können die Autoren dem Leser nicht mir auf den Weg geben. Wohl aber eine detaillierte Schilderung der Lage, der Entwicklung, die zu dieser allgemeinen Schwächung der Demokratie führte und die Einsicht darin, was damit alles verloren geht und wofür es sich demgemäß zu kämpfen lohnt. Eine überaus empfehlenswerte Lektüre, vor allem, wenn man das Werk über die konkrete Untersuchung der USA hinaus versteht und die allgemeinen Tendenzen (fast) überall in den Staaten damit als reale Bedrohung der Demokratie einzuordnen versteht.

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