Leserstimmen zu
Gott wohnt im Wedding

Regina Scheer

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Regina Scheers "Gott wohnt im Wedding" erzählt Geschichten aus dem Alltag eines Hauses und einiger seiner Bewohner*innen im Berliner Wedding. Über ein Jahrhundert deutscher Geschichte wird hier auf grandiose Weise erzählt. Ob die Kommentare zur Veränderungen der Zeiten durch das Haus, die Erinnerungen des jüdischen Großvaters, die Ansichten der jahrzehntelangen Bewohnerin oder die Überlegungen und Hoffnungen einer nach langer Reise dort Angekommen: Die Charaktere und ihre Hintergründe verweben sich und werden liebevoll dargestellt, ohne kitschig zu werden. "Gott wohnt im Wedding" lehrt Geschichte ganz nebenbei, ohne dabei den Zeigefinger zu erheben. Und das ist sehr wertvoll. Hier wird verschiedenen Meinungen Raum gegeben, die allesamt ihre Berechtigung haben. Selten habe ich in letzter Zeit ein Buch gelesen, das so vielseitig und so respektvoll Pluralität zum Ausdruck brachte. Gerade in unserer heutigen Zeit brauchen wir Geschichten, die uns verdeutlichen, wie wunderbar und wichtig unser Zusammenleben durch unsere Unterschiede wird - dass es kein Problem ist, anders zu sein, sondern wir alle durch ein bunteres Leben profitieren können. Und dieses Buch weist uns darauf hin, wie wir einander immer nur bis vor die Stirn sehen können. All die Kämpfe, die wir bereits ausgefochten haben und innerhalb derer wir uns immer noch befinden, prägen die Leben und Ansichten der Charaktere wie sie auch uns prägen. Ebenso zeigt es aber auch, wie wohltuend die Verbindung zu unseren Nachbarn und Nachbarinnen sein kann. Vor allem für Berliner*innen und jene, die sich in der Ferne nach dieser Stadt sehnen, eignet sich dieses Buch. Es entführt in die Stadtteile, wie sie sind und wie sie waren. "Gott wohnt im Wedding" ist Stadtspaziergang, Zeitreise und Blick in die Seele in einem. Eine wunderbare Erinnerung an das, was wirklich zählt im Leben und eine Ode an die Verschiedenheit der Menschen!

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Um damit zu beginnen, ich habe "Machandel" leider noch nicht gelesen, den preisgekrönten Debütroman Regina Scheers. Daher kann ich über "besser" oder "schlechter" nicht urteilen. Und eigentlich bin ich ganz froh darüber, ohne Erwartungen an diesen Roman gegangen zu sein. Es wäre nämlich immens schade gewesen, wenn er mich auch nur ein Deut weniger berührt hätte, weil ich falsche Vorstellungen im Kopf gehabt hätte. Das Buch erzählt die Geschichte eines Hauses im Wedding, einem an Geschichten reichen Berliner Stadtteil. 1890 erbaut, steht nun sein Abriss bevor. Zuletzt haben rumänische Wanderarbeiter dort gewohnt, meist Roma, und seit ihrer Geburt 1918 die alte Frau Romberg. Intensiv und mit offensichtlich viel Hintergrundwissen berichtet Frau Scheer über die Parallelen und Unterschiede im Umgang mit den Juden und den Roma im Dritten Reich. Sie erzählt von U-Booten (untergetauchte Juden, die versuchen den Häschern zu entkommen), von Arbeitslagern, von Schmerz, Verrat und Tod. Sie erzählt von den "Zigeunern", die vor, während und vor allem auch nach dem Krieg überall unerwünscht sind, von fehlender Anerkennung, mangelndem Schuldbewußtsein der Deutschen und Behördenterror. Ich habe mich immer für geschichtsbewußt gehalten und dennoch ist mir der Umgang mit den Sinti, den deutschen Roma, nur am Rande bewußt gewesen und schon gar nicht das Ausmaß der Verfolgung. Das Alles in einen Roman verpackt zu haben, der einerseits spannend geschrieben ist und andererseits die Zusammenhänge verdeutlicht, ist eine Kunst. In dem Berliner Mietshaus treffen Juden, Roma und Deutsche aufeinander, kreuzen sich Lebenswege. Da trifft der alte Leo Lehmann, gerade aus Israel mit seiner Enkelin eingetroffen, auf Gertrud Romberg, die ihn und einen Freund vermutlich an die Gestapo verraten hat. Aber hat sie wirklich? Dort wohnt Laila Fidler, die nicht ahnt, dass ihre Großeltern auch schon genau dieses Haus bewohnt haben. Laila, die in Deutschland aufgewachsen ist, versucht auch den vielen aus Rumänien eingereisten Roma bei den Behördengängen zu helfen. Ihr Stiefvater ist Mitglied einer Organisation, die Sinti und Roma eine Stimme geben möchte. Der Roman ist sicherlich nicht dafür geeignet, einfach zur Unterhaltung gelesen zu werden. Er ist nicht schwer zu lesen, nein, aber der Inhalt ist bisweilen schwer zu fassen. Und man muss schon bereit sein, mit dem großen Personal zu leben. Man kann eine derart breit gefächerte Geschichte nicht mit drei Personen erzählen. Schließlich wird ein Zeitraum von fast einhundert Jahren abgedeckt. Und dann, ja, das muss ich noch schreiben, brauchen wir solche Bücher derzeit. Jetzt, wo der Ruck nach Rechts deutlich spürbar wird und die braune Sauce wieder aus allen Abwasserkanälen quillt, sollten wir uns immer und immer wieder bewusst machen, dass wir unsere Geschichte noch lange nicht aufgearbeitet haben. Dass man eben nicht den Deckel auf den Topf setzen und die Geschichte verleugnen oder zu den Akten legen kann. Daher kann ich diesen Roman wirklich nur jedem ans Herz legen.

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In einem Haus in der Utrechter Straße im Wedding führt Regina Scheer in ihrem neuen Roman zahlreiche Menschen, Nationen, Religionen und Erinnerungen zusammen. Dass „Rom“ einfach „Mensch“ heißt, „Roma“ und „Romnija“ den männlichen bzw. weiblichen Plural in der Sprache Romanes beschreiben – das wusste ich bisher nicht. Überhaupt, wird mir beim Lesen von Gott wohnt im Wedding bewusst: Über Roma und Sinti weiß ich wenig bis gar nichts, höchstens, dass die Frauen meistens lange dunkle Haare und ebenso lange Röcke tragen, in Berlin sieht man sie außerdem häufig in den U-Bahn-Stationen oder vor Supermärkten um Geld fragen. Ein Bild, welches stark von Stereotypen geprägt ist, so viel muss ich mir, auch wenn es unangenehm ist, eingestehen. Möchte Regina Scheer also mit ihrem neuen Roman zum kulturellen Verständnis beitragen? Ziemlich sicher – aber ihr Buch enthält noch so viele weitere Ebenen. Wir befinden uns in einem Haus in der Utrechter Straße im Stadtteil Wedding; der ehemalige Arbeiterbezirk, auch „roter Wedding“ genannt, ist seit vielen Jahren „im Kommen“, wie immer wieder geschmunzelt wird. Tatsächlich wird die Anzahl der hippen Cafés immer größer, die Mietpreise steigen – und auch das Gebäude, das den Mittelpunkt des Romans bildet, ist davor nicht geschützt. Die Eigentümer haben es verkauft und niemand kümmert sich mehr darum, wenn die Heizung ausfällt oder ein Fenster kaputt geht, müssen die Bewohner*innen selbst Hand anlegen. Trotzdem möchte Gertrud Romberg nicht aus ihrer Dachgeschosswohnung ausziehen: Sie ist schon über 90 Jahre alt, aber in diesem Haus aufgewachsen und dem alten Gemäuer mit zahlreichen Erinnerungen verbunden – vor allem an die Zeit vor dem und während dem zweiten Weltkrieg, als im Hauseingang ein Hitlerjunge erstochen wurde und es seitens der SA zu blutigen Vergeltungen kam. Damals verlor sie auch ihre große Liebe Manfred, der sich mit seinem Freund Leo – beides Juden – gelegentlich bei ihr versteckte. Leo lebt aber noch und tatsächlich kommt er, nach vielen Jahrzehnten in einem Kibbuz in Israel, mit seiner Enkelin nach Berlin, um Erbschaftsangelegenheiten zu regeln und seiner Geburtsstadt einen letzten Besuch abzustatten. All die Jahre war er davon überzeugt, Gertrud hätte Manfred verraten und so seinen Tod verursacht. Kann man solche alten Wunden heilen? Doch Regina Scheer gibt sich nicht mit zwei Personen zufrieden, das schrammelige Haus wird darüber hinaus von verschiedenen Familien bewohnt, die der Roma und Sinti zugehörig sind und unter übelsten Bedingungen auf Matratzenlagern in den Zimmern hausen. Und sie gibt diesen Menschen, die in unserer Alltagsaufmerksamkeit kaum vorkommen, ein Gesicht und eine Stimme: Da ist Laila, die aus einer deutschen Sinti-Familie stammt und ihre Zugehörigkeit lange verleugnete, im Haus zunehmend aber zur Dolmetscherin der anderen wird; da sind Norida, Lucia, Nikola und Suzana, stolze Romnija, die verzweifelt versuchen, in Deutschland einen Fuß auf den Boden zu bekommen und letztendlich auf verschiedene Arten daran scheitern. Und – ein recht ungewöhnliches Erzählformat – Scheer lässt auch das Haus selbst zu Wort kommen, dessen Balken nach über Hundert Jahren ächzen und das die Geschichten erzählen kann, für die aus einer anderen Erzählperspektive viele weitere Zeitsprünge nötig gewesen wären. Wieder ein Familienepos Auf jeder Seite des Romans merkt man: Die Autorin muss wahnsinnig viel Zeit aufgewendet haben, um über die Geschichte des Weddings seit der Jahrhundertwende und über die Lebensbedingungen, Traditionen und Verhaltensweisen von Sinti und Roma zu recherchieren. Auch die wirren Zeiten unter der Nazi-Herrschaft, das Leben von Manfred und Leo als „U-Boote“, die Anfänge der Kibbuze in Israel und die teilweise hahnebüchen komplizierten Rückführungen jüdischen Eigentums spielen eine wichtige Rolle im Buch. Manchmal driftet die Geschichte deswegen in Details ab, die für die Handlung an sich keinen Nutzen haben und man fühlt sich von den ganzen Namen überfordert. Meistens fügt es dem Gesamtbild bzw. der Charakterisierung der einzelnen Figuren aber eine Art plüschiges Polster hinzu, durch die man ihr Handeln besser versteht. Nach Machandel hat sich Regina Scheer erneut ein Familienepos als Grundlage ausgesucht, welches sich, mit vielen Zeitsprüngen und Erzählebenen, über mehrere Generationen zieht. Gott wohnt im Wedding kann ihrem ersten Roman nicht ganz das Wasser reichen – doch zeigt auch er: Geschichte(n) erzählen, das kann Frau Scheer!

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Ein Haus voller Geschichten

Von: Kirsten Wilczek

23.04.2019

Mag sein, dass Gott inzwischen im Wedding wohnt. Er stammt jedenfalls nicht von dort, wie Hanns Dieter Hüsch schon vor Jahrzehnten ausgeplaudert hat: "Sach ma nix, dass auch ich Niederrheiner bin, sonst blutet ja den anderen das Herz." Nur, damit das Grundlegende vorab geklärt ist. Es hilft Niederrheiner zu sein, um den neuen Roman von Regina Scheer mit Genuss und Mehrwert zu lesen. Die hohe Kunst der Bildung niederrheinischer Assoziationsketten, das „Vom-Hölzchen-aufs-Stöckchen“-Prinzip, beherrscht die gebürtige Berlinerin, die 2014 mit ihrem Debütroman „Machandel“ auf sich aufmerksam machte, in so außergewöhnlicher, bemerkenswerter Weise, dass selbst mein Onkel Franz glatt vor Neid erblasst wäre. Dabei konnte der auch viele Geschichten über beinahe jeden erzählen. So, wie zum Beispiel über … Stopp! Das ist eine andere Geschichte. Mein innerfamiliäres Beispiel dient lediglich der Veranschaulichung des Erzählprinzips der Autorin, die ein über hundert Jahre altes Mietshaus als Füllhorn für Dutzende Geschichten ausgewählt hat. Berichtet wird über die Erbauung des Hauses, die Handwerker, die es errichtet haben, die Bewohner, die darin gute und schlechte Zeiten erlebt haben, insbesondere die Familien Romberg, Neumann und Fidler. Es ist eine wechselvolle Geschichte. Erst Nachbarn, dann im Tausendjährigen Reich auseinanderdividiert in Deutsche, Juden und Zigeuner, gehen sie ihrem Schicksal entgegen, manche fliehen, wenige entkommen. Wir erfahren vom Aufstieg und Fall der Familien, von Verfolgung, Leid, aber auch Zusammenhalt, Hoffnung und Neubeginn. Gleiches gilt für das Haus, das einst prachtvoll und komfortabel war, aber nun zum Spekulationsobjekt verkommt, entmietet werden soll und doch Auffangbecken für Chancensucher, Geflüchtete und Gefangene am unteren Rand der Gesellschaft ist. Es weiß, dass seine Tage gezählt sind. Es erzählt und unkt selbst. Ein Haus als Erzähler? Warum nicht, wenn gleich ich die Idee bei Madeleine Prahs in ihrem Roman „Die Letzten“ origineller umgesetzt fand. Anrührend gelingt Regina Scheer die Geschichte der alten Gertrud Romberg, die beinahe so alt wie das Haus ist, und die dort ihr ganzes Leben lang gewohnt hat. Nicht so stark, wenn auch eindrücklich, erzählt sie von Leo Lehmann, der als Jude in Berlin das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg überlebt hat, um dann in Israel eine neue Heimat zu finden. Er kehrt als über Neunzigjähriger zurück und geht auf Spurensuche. Irritiert ist er über die jungen Juden, die in Berlin leben wollen, und die, die es bereits tun. Er erkennt, dass es inzwischen ein anderes Berlin ist, aber die Erinnerung legt sich immer wieder wie ein Konversionsfilter über die neuen Farbbilder. Und da ist Laila, eine Sintiza, die sich in ihrem Leben ohne besondere Rücksichtnahme auf ihre Herkunft eingerichtet hatte, aber nun doch ihre Wurzeln spürt und mit ihnen wächst. Es gibt eine karge Rahmenhandlung, die konstruiert ist, aber vor lauter Miniaturen nicht als konstruiert wahrgenommen wird. Dass Laila ausgerechnet in das Haus zieht, in dem ihre Familie vor der Verfolgung gewohnt hat, dass Leo Lehmann und Getrud Romberg noch leben, nicht der Demenz verfallen sind, um vielleicht noch eine alte Schuld zu klären, nun, das ist schon arg ausgedacht, aber schafft einen Spannungsbogen, der einen über die rd. 400 Seiten bei Leselaune hält. Wenn man Regina Scheer etwas vorwerfen will, dann vielleicht, dass sie arg viel gewollt hat, nämlich Sensibilität für die viele Probleme schaffen: Immobilienspekulanten, Gentrifizierung, Armut, Migrationsprobleme, die Verbürokratisierung und Rationierung von Hilfsbereitschaft. Und wenn man ihr etwas zugutehalten will, dann ist es das Wissen, das sie großzügig an ihre Leser verschenkt. Am Ende weiß man mehr. Wer die gewählte „niederrheinische Erzählweise“ (siehe oben) mag, unterwegs etwas lernen will, und nicht den Pageturner mit Sogwirkung sucht, der könnte hier durchaus richtig sein.

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Regina Scheer ist nicht nur Fachfrau für deutsch-jüdische Geschichte sondern hat sich auch intensiv mit der Historie Berlins beschäftigt. Und aus diesem Wissen speist sich ihr zweiter Roman „Gott wohnt im Wedding“. Der Wedding, schon immer ein Arbeiterbezirk, Heimat der kleinen Leute, multi-kulturell. Leben, Träume und Schicksale, die untrennbar miteinander über die Jahre verbunden sind. Davon kann auch das Mietshaus in der Utrechter Straße ein Lied singen, dem Scheer in ihrem Roman eine Stimme gibt. Es ist aber nicht nur dessen wechselhafte Geschichte. Diese bildet lediglich den Rahmen. Es sind dessen Bewohner, gegenwärtige und ehemalige, die zu Wort kommen und den Leser an ihre Leben und ihren Erinnerungen teilhaben lassen. Und deren Wege sich immer wieder kreuzen. Leo Lehmann, nach 70 Jahren mit seiner Enkelin aus Israel angereist. Gertrud Romberg, alt und krank, die schon immer dort gewohnt hat, Leo von früher kennt und auf die Hilfe von Laila Fiedler angewiesen ist, die nicht weiß, dass auch ihre Familie vor Jahrzehnten in diesem Haus gelebt hat. Individuelles Leben, dessen Gegenwart und Vergangenheit exemplarisch für Kapitel der deutschen Geschichte steht. Scheers Roman zeichnet die gründliche Recherche aus (speziell zur Geschichte der Sinti und Roma) und hält sich nicht mit überflüssigen Sentimentalitäten auf. Aber sie widmet sich nicht nur historischen Fakten sondern möchte den Leser auch für aktuelle Themen wie Migration, Gentrifizierung und Verdrängung sensibilisieren. Ein ambitioniertes Vorhaben, das weitgehend gelungen ist, aber durch die Themenvielfalt stellenweise etwas überfrachtet wirkt. Und auf die Zwischenkapitel aus der Sicht des Hauses hätte man auch verzichten können. Auch wenn durch diese Perspektive Distanz zu den individuellen Schicksalen geschaffen werden sollte, wirkten manche dieser „Kommentare“ doch sehr nichtssagend und schlussendlich damit überflüssig.

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Ein Haus erzählt

Von: Lesereise

20.04.2019

R.Scheer schafft es in einem Roman , die Geschichte eines Hauses über einen Zeitraum von ca. 65 Jahren zu erzählen. Es erschreckt, dass die Probleme des Nationalsozialismus und die Probleme von heute einige Parallelen haben. Die Hauptpersonen Leo und Gertrud haben eine Geschichte, deren Lösung erst zum Ende des Buches aufgelöst wird. Ich finde das Buch lesenswert, da es wieder aufzeigt, dass es wichtig ist, die Zeitzeugen ihre Geschichte erzählen zu lassen und diese möglichst auch nieder zu schreiben.

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Verwirrend aber gut

Von: marienkäfer14

19.04.2019

Das Buch handelt von mehreren Personen und einem Haus. Um es kurz und knapp auf den Punkt zu bringen. Es geht um Leo Lehmann der nach Jahrzehnten wieder nach Berlin kommt, seine Enkelin die ihn begleiten soll. Auch geht es um Gertrud die schon seit ihrer Geburt in dem Haus im Wedding wohnt. Und Laila, die einen Blumenladen in Berlin hat und eine von Gertruds vielen Nachbarn ist. Alles ist miteinander verworren und verbunden, und viele der Charaktere wissen dies anfangs nicht. Zeitsprünge lassen den Leser in die verschiedenen Jahrzehnte blicken. Und auch das Haus erzählt, davon wie es gebaut wurde, von den Bewohnern und der jetzigen Lage. *** Man braucht etwas um reinzukommen, die vielen verschiedenen Erzähler machen es etwas schwer dem roten Faden zu folgen, aber wenn man den nicht verliert ist das Buch packend. Regina Scheer schreibt sehr ausschmückend, was toll zum lesen ist denn man kann sich alles haargenau vorstellen. Durch die verschiedenen Erzähler, einschließlich des Hauses, wird alles von vielen Seiten beleuchtet und man hat so eine Rundumsicht der Dinge. Ich selbst habe mir sehr schwer getan mich mit dieser Thematik, Judenverfolung/Hitlerzeit/Krieg, auseinanderzusetzen aber nach diesem Werk werde ich wohl öfter zu solchen Büchern greifen.

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Mosaik der Erinnerung

Von: Frank Heckert

18.04.2019

Was in Büchern doch alles möglich ist! In diesem hier erzählt gleich zu Beginn (und in der Folge noch mehrfach) ein Haus aus seinem „Leben“, es stecken ja auch ohne Zweifel viele Erinnerungen zwischen vier (oder mehr) Wänden. Besagtes Haus steht im Berliner Wedding und ist sozusagen die Bühne für den neuen Roman von Regina Scheer, die schon vor fünf Jahren mit ihrem Debüt „Machandel“ Vergangenes (von den dreißiger Jahren über den Zweiten Weltkrieg bis zum Fall der Mauer und in die Jetztzeit) wieder lebendig werden ließ. „Gott wohnt im Wedding“ folgt demselben Muster: Verschiedene Lebensläufe kreuzen sich hier und ergeben schließlich ein funkelndes Mosaik, in dem sich Gestern und Heute spiegeln. Regina Scheer weiß sehr genau, wie man ein gutes Buch „baut“. Sie erzählt detail- und kenntnisreich … schon nach wenigen Seiten hat man einiges dazugelernt. Oder wussten Sie, dass Kinos früher als Flohkisten bezeichnet wurden? Die Autorin kann da viele Überraschungen aus ihrer Schatztruhe ziehen und profiliert sich so gekonnt als Hüterin der Erinnerung und Anwältin der Heimatlosen. Die Reibung zwischen dem, was war, und dem, was ist, hält diesen Roman unter Strom und macht ihn zum sympathischen Pageturner, der gar nicht den Anspruch hat, mit ambitionierten Formulierungen zu glänzen. Stattdessen werfen sich hier die Protagonisten Leo Lehmann, Laila Fidler und Gertrud Romberg (um die wichtigsten zu nennen) verlässlich die Bälle zu und tragen so ihren Teil dazu bei, in die Geschichte Berlins einzutauchen, ohne die Gegenwart zu vergessen. „Gott wohnt im Wedding“ ist ein Roman mit hohem Unterhaltungswert, den ich gerne gelesen habe und der übrigens sehr gut lektoriert ist. Einzig über die Bezeichnung „ein paar alte, verarbeitete Männer“ auf Seite 61 unten bin ich gestolpert … „verarbeitete“? Ansonsten aber kann ich das Buch nur jedem empfehlen, der gerne nicht nur nach vorn, sondern auch zurückblickt – und der spüren will, was es bedeutet, wenn man im Leben nach Halt sucht und zum Spielball von Veränderungen wird. Die Lektüre wird übrigens (wie schon bei „Machandel“) durch ein Register der wichtigsten Personen am Ende erleichtert. Es versteht sich von selbst, dass zu diesen „Personen“ auch das eingangs erwähnte Haus zählt.

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